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Die Rolle Karl August Varnhagen von Enses als Literaturvermittler zwischen Deutschland und Russland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Termpaper, 2001, 24 Pages
Author: Magistra Artium (M.A.) Kerstin Brummack
Subject: Cultural Studies

Details

Event: HS Deutsch-Russische Begegnungen in Kultur und Wissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert
Institution/College: Free University of Berlin (Osteuropainstitut)
Tags: Rolle, Karl, August, Varnhagen, Enses, Literaturvermittler, Deutschland, Russland, Hälfte, Jahrhunderts, Deutsch-Russische, Begegnungen, Kultur, Wissenschaft, Jahrhundert
Category: Termpaper
Year: 2001
Pages: 24
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 16  Entries
Language: German
Archive No.: V76409
ISBN (E-book): 978-3-638-81738-7

File size: 241 KB

Abstract

Karl August Varnhagen von Ense ist heutzutage in Russland so gut wie vergessen. Nichts desto trotz sind ihm seinerzeit von seinen russischen Bekannten und Freunden sogar Gedichte gewidmet worden, z.B. von Pjotr A. Vjazemskij, Fjodor I. Tjučev, Ivan S. Turgenev, Nikolaj M. Jazykov und Stepan P. Ševyrev. Varnhagens zeitweilig führende Rolle als Vermittler von russischer zeitgenössischer Literatur in Deutschland sowie seine zahlreichen Kontakte zu Russen sind als Untersuchungsgegenstand in der Varnhagen-Forschung eher von geringfügiger Bedeutung gewesen. Sicherlich wurde die Forschung lange Zeit erschwert wegen des verloren geglaubten Nachlasses Varnhagen von Enses, der 1981 in der Jagellionischen Bibliothek in Krakau ausfindig gemacht werden konnte. Dieser Fund erlaubte eine umfassende Neubewertung seiner politischen Auffassungen. Lange Zeit war Varnhagen in nationalliberalen und konservativen Kreisen Deutschlands als „klatschsüchtiger, kleinlicher und unaufrichtiger Nörgler an den Zuständen in Preußen in Verruf.“ Nach Wiegand ging die Abneigung vor allem auf die aus dem Nachlaß von seiner Nichte stark gekürzt herausgegebenen Tagebücher zurück, die von der preußischen Zensur energisch bekämpft wurden. Varnhagens aktive Rolle als Literaturvermittler fand nach Vorläufern in den 20er Jahren erst bei Literaturhistorikern der DDR wieder Beachtung, die darum bemüht waren, die Geschichte der Rezeption russischer Literatur in Deutschland herauszuarbeiten. Das vielfältige Geflecht der deutsch-russischen Beziehungen Varnhagens wird durch die Briefpublikationen Gerhard Ziegengeists sichtbar. Diese Hausarbeit hat zum Ziel, hinsichtlich Varnhagens Vermittlerrolle einen allgemeinen Überblick über die bisherige Forschung zu bieten. Neben einer kurzen biographischen Einführung sollen der zeitgeschichtliche und kulturelle Hintergrund Deutschlands und Russlands mit besonderem Blick auf die Orte und Formen interkultureller Kommunikation beleuchtet werden. Das Augenmerk richtet sich somit hauptsächlich auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Anhand Varnhagen von Enses Beschäftigung mit russischer Literatur, an der Art und Weise, wie Kontakte in jener Zeit geknüpft und gepflegt wurden, d.h. an den verschiedenen kulturellen und personellen Wechselwirkungen läßt sich besonders gut nachzeichnen, dass das „Bezogen-Sein auf andere Kulturen [...] ein grundlegendes Charakteristikum jeder Kultur [ist] und folglich nach dem Modell der Übersetzung beschrieben werden kann.“


Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin, Osteuropainstitut
HS „Deutsch-Russische Begegnungen in Kultur und Wissenschaft im 18. und 19. Jahrhundert“
Wintersemester 2000 / 2001

Die Rolle Karl August Varnhagen von Enses als Literaturvermittler
zwischen Deutschland und Russland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

von

Kerstin Brummack

 


Inhalt

Einleitung  4

1. Kultur als Übersetzung 5

2. Biographische Einführung (etwa 1812-1819)  7

3. Zeitgeschichtlicher und geistesgeschichtlicher Kontext  9

3.1 Westeuropa 9
3.2 Rußland  10

4. Berlin als geistiges und kulturelles Zentrum 11

4.1 Entwicklung urbaner Kommunikationsstrukturen und sozialer Vernetzung  11
4.2 Die Salons  12
4.3 Varnhagen – „eine seltsame Gabe der Rede, eine Lebendigkeit des Vortrags“  13

5. Russische Studenten und Reisende im Berlin der 1830er und 1840er Jahre  14

6. Varnhagen als Literaturvermittler – Die Pu(?)kin-Rezension  17

7. Ausblick  20

Literatur  22
 

 


 

Г[осподи]ну Фарнгагену фон Энзе

Давно уж север наш угрюмой,
Стряхнув незнанья тяжкий сон,
Питается германской думой,
Её волщебством покорён.
Во славу нас, на русском свете,
На льдах полунощной страны,
Трофеи Шиллера и Гёте,
Уже давно водружены.
Отсель сочувствием священным
Приемля мысли чудеса,
Мы за тевтоном дерзновенным
Летаем гордо в небеса.

Но на прекрасные порывы
Народа юного душой
Германцы были молчаливы,
И чужд им Север молодой.
Напрасно там, в лесах дубовых,
Где льются Днепр, Нева и Дон,
Неслися звуки песен новых:
Им не хотел внимать тефтон.

Ты первый здесь, в германском свете,
В священных мысли областях,
Всемирным чувством, чувством Гёте,
Завещанным в его словах,
Трудом ума, душой свободной,
В поэта русского проник –
И пред тобой певец народный
Раскрыл и душу и язык.

Хвала тебе! – Спасибо наше
Прими в доступных уж словах.
Нам муза наша будет краше
У музой гётевой в гостях.
Ее пера живой наследник,
Ее души всемирной полн,
Будь русской музы проповедник
От Немана до рейнских волн.

С. Шевырев.
Берлин. 1-го августа/20-го июля 1838

Einleitung

Karl August Varnhagen von Ense (1785-1858) ist heutzutage in Russland so gut wie vergessen. Nichts desto trotz sind ihm seinerzeit von seinen russischen Bekannten und Freunden sogar Gedichte gewidmet worden, z.B. von Pjotr A. Vjazemskij (1792-1878), Fjodor I. Tjucev, Ivan S. Turgenev, Nikolaj M. Jazykov und Stepan P. (?)evyrev.1 Varnhagens zeitweilig führende Rolle als Vermittler von russischer zeitgenössischer Literatur in Deutschland sowie seine zahlreichen Kontakte zu Russen sind als Untersuchungsgegenstand in der Varnhagen-Forschung eher von geringfügiger Bedeutung gewesen. Sicherlich wurde die Forschung lange Zeit erschwert wegen des verloren geglaubten Nachlasses Varnhagen von Enses, der 1981 in der Jagellionischen Bibliothek in Krakau ausfindig gemacht werden konnte.2 Dieser Fund erlaubte eine umfassende Neubewertung seiner politischen Auffassungen. Lange Zeit war Varnhagen in nationalliberalen und konservativen Kreisen Deutschlands als „klatschsüchtiger, kleinlicher und unaufrichtiger Nörgler an den Zuständen in Preußen in Verruf.“3 Nach Wiegand ging die Abneigung vor allem auf die aus dem Nachlaß von seiner Nichte stark gekürzt herausgegebenen Tagebücher zurück, die von der preußischen Zensur energisch bekämpft wurden. Varnhagens aktive Rolle als Literaturvermittler fand nach Vorläufern in den 20er Jahren4 erst bei Literaturhistorikern der DDR wieder Beachtung, die darum bemüht waren, die Geschichte der Rezeption russischer Literatur in Deutschland herauszuarbeiten. Das vielfältige Geflecht der deutsch- russischen Beziehungen Varnhagens wird durch die Briefpublikationen Gerhard Ziegengeists sichtbar.5

Diese Hausarbeit hat zum Ziel, hinsichtlich Varnhagens Vermittlerrolle einen allgemeinen Überblick über die bisherige Forschung zu bieten. Neben einer kurzen biographischen Einführung sollen der zeitgeschichtliche und kulturelle Hintergrund Deutschlands und Russlands mit besonderem Blick auf die Orte und Formen interkultureller Kommunikation beleuchtet werden. Das Augenmerk richtet sich somit hauptsächlich auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Anhand Varnhagen von Enses Beschäftigung mit russischer Literatur, an der Art und Weise, wie Kontakte in jener Zeit geknüpft und gepflegt wurden, d.h. an den verschiedenen kulturellen und personellen Wechselwirkungen läßt sich besonders gut nachzeichnen, dass das „Bezogen-Sein auf andere Kulturen [...] ein grundlegendes Charakteristikum jeder Kultur [ist] und folglich nach dem Modell der Übersetzung beschrieben werden kann.“6

1. Kultur als Übersetzung7

[...]


1 (?)evyrev: „&[ ] 4 $ 5 “, in: Ziegengeist, G., „Varnhagen von Ense als Vermittler russischer Literatur im Vormärz, Folge VII: Neue Zeugnisse zu Entstehungsgeschichte von Varnhagens Pu(?)kin- Aufsatz (Juni-Oktober 1838)“, in: ZfSl 34 (1989), S. 655/656. 2 Deborah Hertz: „The Varnhagen Collection is in Krakow”, in: The American Archivist, Vol. 44, No. 3 (Summer 1981), S. 223-228. 3 G. Wiegand bezieht sich vor allem auf die Rezension der beiden ersten Bände von Varnhagens „Tagebüchern“ im „Literarischen Centralblatt“ vom 22. Februar 1862 durch Heinrich von Treitschke sowie auf einen Beitrag von Rudolf Haym in „Preußische Jahrbücher“

2 (1863), in: (ders.), „Mittler der Dichtung, des Geistes Zukunft. Karl August Varnhagen von Ense“, in: Mechthild Keller (Hrsg.), Russen und Russland aus deutscher Sicht, 19. Jahrhundert: Von der Jahrhundertwende bis zur Reichsgründung (1800-1871), München 1991, S. 494.

3 G. Wiegand bezieht sich vor allem auf die Rezension der beiden ersten Bände von Varnhagens „Tagebüchern“ im „Literarischen Centralblatt“ vom 22. Februar 1862 durch Heinrich von Treitschke sowie auf einen Beitrag von Rudolf Haym in „Preußische Jahrbücher“ 2 (1863), in: (ders.), „Mittler der Dichtung, des Geistes Zukunft. Karl August Varnhagen von Ense“, in: Mechthild Keller (Hrsg.), Russen und Russland aus deutscher Sicht, 19. Jahrhundert: Von der Jahrhundertwende bis zur Reichsgründung (1800-1871), München 1991, S. 494.

4 Friedrich Dukmeyer, Die Einführung Lermontovs in Deutschland und des Dichters Persönlichkeit. (Die Russenfreunde Varnhagen von Ense und Bodenstedt), Berlin 1925. Carl Misch, Varnhagen von Ense in Beruf und Politik, Gotha und Stuttgart 1925.

5 Gerhard Ziegengeist, „Varnhagen von Ense als Vermittler russischer Literatur im Vormärz“, in: ZfSl, Folge I in: 29 (1984), Folge II in: 30 (1985), Folge III - V in: 32 (1987), Folge VI in: 33 (1987), Folge XII in: 34 (1989), Folge XIII in: 35 (1990), Folge IX in: 36 (1991).

6 W. S. Kissel / D. Uffelmann, „Vorwort: Kultur als Übersetzung . Historische Skizze der russischen Interkulturalität (mit Blick auf Slavia orthodoxa und Slavia latina)“, in: W. S. Kissel / F. Thun / D. Uffelmann (Hrsg.), Kultur als Übersetzung. Festschrift für Klaus Städtke zum 65. Geburtstag, Würzburg 1999, S. 13.

7 Die Begriffsverbindung „Kultur als Übersetzung“ übernehmen Kissel und Uffelmann von Doris Bachmann- Medick, „Einleitung“, in: Dies. (Hrsg.), Übersetzung als Repräsentation fremder Kulturen, Berlin 1997, S. 1-18, wenden sie aber als (graduelles) Spezifikum auf die russische Kultur.


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