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Subtitle: Über die Grenzen der Interpretation in Auseinandersetzung mit Derridas différance und Ecos Modell-Leser
Termpaper, 1999, 26 Pages
Author: Magistra Artium (M.A.) Kerstin Brummack
Subject: Russian / Slavic Languages
Details
Institution/College: Free University of Berlin (Osteuropainstitut)
Tags: Sergej, Anufriews, Pawel, Peppersteins, Binokel, Monokel, Diskurs, Russland
Year: 1999
Pages: 26
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 12 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-81755-4
File size: 186 KB
Diese Arbeit war ein Experiment. Denn es ist ungewöhnlich, eine Figur zu kreieren, die gleich einem Detektiv durch den zu analysierenden Roman geschickt wird, um Textstrategien offenzulegen. Aber der Gegenstand des Seminars zum einen und vor allem der Roman selbst zum anderen haben mich zu diesem Vorgehen inspiriert. Sowohl die Idee als auch die Form der Ausführung wären in manch anderem Seminar sicherlich nicht zu verwirklichen gewesen. Ich hoffe, die Wahl dieses eher spielerischen Ansatzes zeigt, das der Einbezug erzählerischer Mittel zu wissenschaftlicher Erkenntnis beitragen kann.
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Abstract
Wenn die Sprache Gegenstand der Untersuchung ist, wird man immer „mit einem unabweisbaren Rätsel konfrontiert, denn es genügt nie, nur über die Sprache zu sprechen; vielmehr muß über das gesprochen werden, wovon die Sprache spricht.“ Das kann Eco zufolge entweder dazu führen, daß man angesichts der Begrenzung des Sagbaren in ein Schweigen verfällt oder daß man, um das Unsagbare doch zu sagen, den Begriffen Gewalt antut. Umberto Eco hat, anstatt den Diskurs ganz abzubrechen oder ihn von innen her zu überschreiten, die Ästhetik gewählt, um die Sprache wieder freizulassen. „Während das rationale Schreiben bestenfalls eine partielle begriffliche Ordnung hervorbringt, andernfalls in Abgründe stürzt, bedeutet die Narration die Erfindung virtueller Realitäten ohne Grenzen.“ Darum folge ich in dieser Arbeit der Maxime: „Wovon man theoretisch nicht sprechen kann, darüber muß man erzählen.“ In dieser Hausarbeit tritt eine Leserin als Figur auf, die sich durch den Roman Binokel und Monokel bewegt. Ich möchte zeigen, was während des Lesens einerseits mit der Leserin und andererseits mit dem Text passiert. Vor dem Hintergrund des Bedeutungsbegriffs der Dekonstruktion und von Ecos Entwurf eines Modell-Lesers werde ich erläutern, was Interpretation zu leisten vermag, wo ihr Grenzen gesetzt sind. Vielleicht können die Erlebnisse der Leserin andeuten, auf welchen Wegen es möglich ist, die Grenzen zu überschreiten, ohne dabei verloren zu gehen. Ich verstehe allerdings Derridas Konzept der differance nicht als anwendbare Theorie, sondern als sprachliche gefasste Bedingung von Sprache, d.h. es zeigt auf, wie Sprache funktioniert. Darum kann auch nicht die Rede davon sein, eine Theorie der Dekonstruktion auf einen literarischen Text anwenden zu wollen. Ich denke aber, daß am Roman "Binokel und Monokel" in besonderem Maße ersichtlich ist, wie Sprache funktioniert, wie sich Bedeutung konstituiert und welche Rolle uns als den Lesenden dabei zukommt. Er weist darauf hin, daß der Leser, wenn er versucht, sich die Bedeutung eines Textes zu vergegenwärtigen, den Sinn nicht einfach herausholt, sondern Mitproduzent ist. Sprache ist etwas, woraus wir bestehen und der Roman zeigt auf, daß der Leser, „ der immer dem Text auf den Leib gerückt oder ihm auf den Fersen war, nunmehr im Text selbst untergebracht [ist].“ (U. Eco)
Excerpt (computer-generated)
Freie Universität Berlin, Osteuropainstitut
HS: Der postmoderne Diskurs in Russland
WiSe 1998/ 99
Sergej Anufriews und Pawel Peppersteins "Binokel und Monokel"
Über die Grenzen der Interpretation in Auseinandersetzung
mit Derridas différance und Ecos Modell-Leser
von
Kerstin Brummack
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
Jenseits von Gut und Böse: Die Dekonstruktion 5
Bedeutung 5
différance 5
Subjekt 6
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft 6
Zeit 6
Text 7
Wer ist der Schuldige? 8
Vorstellung einer Strategie: Die Modell-Leserin 8
Der Modell-Autor als Interpretationshypothese 9
Prolog: „Schon am Ende?“ 10
Den Leser erschaffen: Codes und Enzyklopädie 11
Das Erscheinen der Leserin: Ein Modell wird sichtbar 12
Interpretation und Gebrauch 13
Binokel und Monokel I 14
Nach dem Weg tasten 18
Inszenierung, Injektion, Initiation 19
Kommentar 21
Der leere Spiegel 22
Satori - Selbsterwachen 24
Binokel und Monokel II 24
Literatur 26
Primärtext 26
[ die Sprache ]
„Ich bete sie an, weil sie imstande ist,
über sich selbst hinauszugehen,
indem sie auf ihre eigene Begrenzung verweist.
Mit der Sprache kann ich sagen:
„Bis hierhin und nicht weiter geht meine Welt“ -
und wenn dieser Satz gesagt ist,
befinde ich mich in einer Landschaft,
von deren Existenz ich nicht einmal eine Ahnung hatte.“
Peter Hoeg Von der Liebe
Einleitung
Wenn die Sprache Gegenstand der Untersuchung ist, wird man immer „mit einem unabweisbaren Rätsel konfrontiert, denn es genügt nie, nur über die Sprache zu sprechen; vielmehr muss über das gesprochen werden, wovon die Sprache spricht.“1 Das kann Eco zufolge entweder dazu führen, dass man angesichts der Begrenzung des Sagbaren in ein Schweigen verfällt oder dass man, um das Unsagbare doch zu sagen, den Begriffen Gewalt antut.
Umberto Eco hat, anstatt den Diskurs ganz abzubrechen oder ihn von innen her zu überschreiten, die Ästhetik gewählt, um die Sprache wieder freizulassen. „Während das rationale Schreiben bestenfalls eine partielle begriffliche Ordnung hervorbringt, andernfalls in Abgründe stürzt, bedeutet die Narration die Erfindung virtueller Realitäten ohne Grenzen.“2 Darum folge ich in dieser Arbeit der Maxime: „Wovon man theoretisch nicht sprechen kann, darüber muss man erzählen.“3
In dieser Hausarbeit tritt eine Leserin als Figur auf, die sich durch den Roman Binokel und Monokel bewegt. Ich möchte zeigen, was während des Lesens einerseits mit der Leserin und andererseits mit dem Text passiert. Vor dem Hintergrund des Bedeutungsbegriffs der Dekonstruktion und von Ecos Entwurf eines Modell-Lesers werde ich erläutern, was Interpretation zu leisten vermag, wo ihr Grenzen gesetzt sind. Vielleicht können die Erlebnisse der Leserin andeuten, auf welchen Wegen es möglich ist, die Grenzen zu überschreiten, ohne dabei verloren zu gehen.
Jenseits von Gut und Böse: Die Dekonstruktion
Jacques Derrida plädiert „für das Lesen von Texten, das diesen möglichst wenig Gewalt antut. [...] Gewalt im Sinne einer Zurichtung und Reduktion auf die eigenen Begriffe, die man für die Lektüre mitbringt und an den Text heranträgt.“4 Er wendet sich gegen die gängige Lektürepraxis, „in jedem Text einen letzten, zugrunde liegenden Sinn zu vermuten und diesen formulieren zu wollen“5, denn Bedeutung ist weder einheitlich noch unmittelbar präsent.
Bedeutung
Jedes Zeichen hat seine Bedeutung, „weil es keines von all den anderen Zeichen ist.“6 Es verweist unterscheidend auf andere Zeichen und trägt somit die Spur dieser anderen Zeichen in sich. Im Prozess des Bezeichnens wird demnach etwas zurückgehalten, etwas das nicht zur Sprache gelangt. Daraus folgt: Bedeutung ist nicht einheitlich und rein, sondern konstituiert sich in einem Prozess von Differenzierungen.
Bedeutung ist niemals unmittelbar präsent, weil der Prozess des Unterscheidens und Verschiebens unendlich ist und es kein endgültiges Element gibt, wo das Spiel der Signifikate sein Ende finden könnte. Sie kann nicht eingefangen werden, weil es sich hier um einen Vorgang handelt, der in der Zeit stattfindet: „ein Signifikat verweist mich auf den nächsten, und dieser wieder auf einen anderen, frühere Bedeutungen werden durch spätere modifiziert, und obgleich der Satz irgendwann zu Ende sein mag, ist der Prozess der Sprache dies nicht.“7 Bedeutung lässt sich nicht ein für allemal festschreiben, sondern ändert sich in Abhängigkeit vom Kontext.
différance
Das Spiel der Differenzen, das unendliche Aufschieben von Sinn wird durch die aktive, differenzierende Bewegung der différance bewirkt. Die différance ist ursprungsloser Ursprung des (sprachlichen) Sinns und des Seienden, d.h. sie bedingt das der Sprache zugrunde liegende Prinzip der Differenzialität, lässt sich aber nicht als effektverursachende Präsenz denken. Zeichen sind demnach „ohne eigentliche Urheberschaft. Sie verwirklichen sich einzig durch ihre wechselseitige Durchmischung und Überlagerung, nicht durch den Bezug auf irgendeine Quelle oder Authentizität.“8
[...]
1 D. Mersch, Umberto Eco zur Einführung, Hamburg 1993, S. 9.
2 ebd. S. 11.
3 U. Eco, zitiert nach D. Mersch, a.a.O., S. 8.
4 P. Engelmann (Hrsg.), Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart, Stuttgart 1997, (Einführung des Herausgebers) S. 30.
5 ebd. S. 31.
6 T. Eagleton, Einführung in die Literaturtheorie, Stuttgart/ Weimar 1997, S. 110.
7 ebd. S. 111.
8 D. Mersch, Umberto Eco zur Einführung, Hamburg 1993, S. 29.
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