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„Pop und nochmal Pop". Der werbestrategische Text „Subito“ von Rainald Goetz als Beispiel der literarischen Popkultur mit möglichem Unterrichtseinbezug

Termpaper, 2007, 29 Pages
Author: Inga Hemmerling
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 29
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 19  Entries
Language: German
Archive No.: V76697
ISBN (E-book): 978-3-638-81757-8
ISBN (Book): 978-3-638-81794-3
File size: 200 KB

Abstract

Durch seinen skandalösen Auftritt bei dem Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt, bei der er sich 1983 die Stirn aufschnitt, wurde Rainald Maria Goetz berühmt. Die Fernsehkameras im Raum dokumentierten seine „Blut-Performance“, wodurch Goetz’ geplante Vermarktungsstrategie aufging und die Medien nach der Veranstaltung über den bis dato unbekannten Rainald Goetz geradezu ungebremst berichteten. Das Grundprinzip der Grenzüberschreitung stellt die Brücke von Rainald Goetz’ Text „Subito“ und seinem multimedialen Skandal zu der Bewegung der Pop-Kultur her. Neben einer Unterrichtsreihe zur Pop-Kultur kann „Subito“ im Sinne einer produktiven Lektüre im Deutschunterricht eingesetzt werden.


Excerpt (computer-generated)

Ruhr-Universität Bochum
Seminar: Deutschunterricht als Kulturgeschichte
Germanistisches Institut
Wintersemester 06/07

„Pop und nochmal Pop“
Der werbestrategische Text „Subito“ von Rainald Goetz als Example der literarischen Popkultur
(mit möglichem Unterrichtseinbezug)


von

Inga Hemmerling




1. Einleitung 2

2. Der „Sensationsbluter“ von Klagenfurt 3

2.1 Der Ingeborg-Bachmann-Preis 3
2.2 Sommer 1983: Goetz betritt die Klagenfurter-Bühne 4
2.3 „Subito“: Ein kalkulierter Skandal 6

3. Die Bewegung der Popkultur 8
3.1 Pop: Transformation, Gesellschaftsbezug, Geheimcode 8
3.2 Zur historischen Entwicklung der Popkultur 9
3.3 Pop im Literaturbetrieb 11

4. „Subito“ als Pop-Ästhetik 12
4.1 Inhaltliche Aspekte 13
4.2 Sprachliche Aspekte 15
4.3 Komposition von Text und Aktion 16

5. „Subito“ im Unterricht: Das Sprachspiel beim kreativen Schreiben 18

6. Schlussbemerkung 26

7. Literaturverzeichnis 28

 


1. Einleitung

1983 in Klagenfurt: Der Ingeborg-Bachmann-Preis geht in die sechste Runde. Heute, 24 Jahre später, fragt man sich, wer an diesem Tage den Preis für seine literarische Kunst erhalten hat. Diese Frage kann zum Beispiel durch das Archiv des Ingeborg-Bachmann-Preises beantwortet werden, doch die Erinnerung des Publikums oder auch derjenigen, die es erzählt bekamen oder in den Medien vernehmen konnten, gehört allein Rainald Maria Goetz. Durch seinen skandalösen Auftritt bei der Klagenfurter Veranstaltung, bei der er sich die Stirn aufschnitt, wurde er berühmt. Die Fernsehkameras im Raum dokumentierten seine „Blut-Performance“, wodurch Goetz’ geplante Vermarktungsstrategie aufging und die Medien nach der Veranstaltung über den bis dato unbekannten Rainald Goetz geradezu ungebremst berichteten. Goetz zog nicht nur die Aufmerksamkeit seiner Gönner auf sich, sondern schaffte es auch, seine Kontrahenten an die Kombination von Bühnenaktion und seinem Text „Subito“ zu fesseln. Ähnlich wie Goetz verwenden auch heutzutage Autoren Mittel, um ihren Erfolg zu beschleunigen und sich einen Namen verschaffen zu können. Benjamin von Stuckrad-Barre benutzt zum Beispiel bei seinen Lesungen multimediale Technik auf der Bühne. Bei seiner Lesung dürfen Laptop, Beamer und riesige Lautsprecherboxen nicht fehlen, damit er seine Texte zum Teil mit Musik unterlegen oder durch Bilder an der Wand repräsentieren kann. Das Prinzip der Grenzüberschreitung zeigt sich in solchen Performances als Erfolgsrezept.1

Das Grundprinzip der Grenzüberschreitung stellt die Brücke von Rainald Goetz’ Text „Subito“ und seinem multimedialen Skandal zu der Bewegung der Pop-Kultur her. Klassengrenzen, gesellschaftliche und kulturelle Grenzen werden überschritten, um die Pop-Phänomene Innovation, Simultaneität und Spontaneität als Programme der Pop-Kultur2 offensichtlich werden zu lassen. „Subito“ weist viele pop-ästhetische Aspekte auf, die neben der genaueren und hintergründigen Darstellung Goetz’ Klagenfurter Auftritts, sowie der Beschreibung der pop-kulturellen Bewegung in der vorliegenden Arbeit aufgezeigt werden sollen.

Neben einer Unterrichtsreihe zur Pop-Kultur kann „Subito“ im Sinne einer produktiven Lektüre im Deutschunterricht eingesetzt werden. Indem die Schüler durch Goetz’ Text angeregt werden, eigene Texte zu verfassen, die mit der Pop-Literatur, mit Grenzüberschreitungen und neuen Sprachformen und -spielen einhergehen, kann das didaktische Prinzip des kreativen Schreibens, was in dieser Arbeit ebenfalls vorgestellt wird, in den Unterricht eingebaut werden.


2. Der „Sensationsbluter“ von Klagenfurt

Rainald Goetz machte sich auf der Klagenfurter-Veranstaltung im Sommer 1983 seinem darauf folgenen Namen des „Sensationsbluters“ alle Ehre. Ihm genügte es nicht, seinen Text einfach nur vorzutragen. Er wollte sich mit einer anderen Bühnenperformance in Szene setzen und den Fokus der Nachrichtenmeldungen der darauf folgenden Tage auf seine Person richten. Rainald Goetz wusste zielsicher, wie er mit seinem Text, der verspottende Anspielungen gegenüber dem Klagenfurter-Wettbewerb beinhaltet, und mit seiner skandalösen Bühnenaktion provozieren und sich vor allem publik machen konnte. Denn sein Ziel war nicht, den begehrten Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt zu erhalten und somit eine Auszeichnung für seine dort erbrachte literarische Leistung zu erlangen. Er wollte einen multimedialen Skandal erzeugen, der ihm als „Sprungbrett“ für seine Karriere dienen sollte.


2.1 Der Ingeborg-Bachmann-Preis

Der Ingeborg-Bachmann-Preis findet jährlich in der Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt statt. Die erste Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Preises fand 1977 im Rahmen der so genannten „Woche der Bewegung“ statt. Die von den Mit-Initiatoren Marcel Reich-Ranicki, Ernst Willner und Hubert Fink eingeladenen Teilnehmer und Teilnehmerinnen bekamen die Möglichkeit, dreißig Minuten lang ihre ausgewählten Texte vor der Jury und dem Publikum vorzutragen, um sich anschließend der Kritik zu stellen. Auch die Fachjury wurde von Reich-Ranicki, Willner und Fink zusammengestellt, wozu auch sie selbst viele Jahre gehörten. Die zusammengestellte Jury konnte geeignete Autoren und Autorinnen vorschlagen oder auch aus der Bewerberliste streichen. Nach der Lesung der Teilnehmer und Teilnehmerinnen wurden ihre Texte direkt öffentlich diskutiert. Die Jury musste sich nach den dreißig Minuten ad hoc zum Text äußern, um somit eine nachvollziehbare Kritik zu ermöglichen. Die ersten Preisträger der Preisvergabe 1977 waren Gert Jonke („Erster Entwurf zum Beginn einer sehr langen Erzählung“) und Hans F. Fröhlich („Einschüchterungsversuche“).

Die Herleitungsinstanz des Ingeborg-Bachmann-Preises beruht auf einer Idee des österreichischen Buchautor und Journalist Hubert Fink und des ehemaligen ORF-Intendant Ernst Willner. Sie hatten Mitte der siebziger Jahre die Idee, in Klagenfurt einen Literaturwettbewerb stattfinden zu lassen, der in Gedenken an die bedeutende österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926-1973) ihren Namen tragen sollte. Der Literaturwettbewerb sollte nach dem Vorbild der so genannten „Gruppe 47“ verlaufen, was eine Lesung literarischer Texte mit anschließender öffentlicher Diskussion  implizierte. Die „Gruppe 47“ war eine wechselnde Gruppierung deutscher Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die von 1947 bis 1967 jährliche Tagungen veranstalteten, bei denen Lesungen stattfanden, Texte diskutiert wurden und Literaturpreise vergeben werden konnten. Die „Gruppe 47“ wollte junge Literatur sammeln und fördern, wodurch sie versuchten für ein neues demokratisches Deutschland zu wirken. Ihr verfolgtes Ziel war die Erziehung und Aufklärung zur Demokratie nach dem Hitlerregime. Nachkriegsdeutschland, das totalitäre Regime, und politische und gesellschaftliche Themen waren Lesungs- und Diskussionsmittelpunkt. Der Sprachzerstörung versuchte man entgegenzuwirken und ein Forum für literarische und gesellschaftliche Reflexion, Kommunikation und Diskussion sollte geschaffen werden. Zu der „Gruppe 47“ gehörten unter anderem Autoren wie Ingeborg Bachmann, Günther Grass und Heinrich Böll. Die Streit-, Diskussions- und Debattenkultur der „Gruppe 47“ hat sich im Ingeborg-Bachmann-Preis fortgesetzt und ist bis heute bei den jährlichen Lesungstagen in Kärnten wieder zu finden.3 Das Ziel der Veranstaltung definiert der ORF-Intendant Ernst Willner als eine jährlich wiederholte öffentliche Betrachtung aktueller Literatur, um weitreichende Trends und Tendenzen feststellen zu können:

"Für den deutschsprachigen Raum, auf neutralem Boden, der Literatur, einmal im Jahr, für ein paar Tagen, eine Möglichkeit zu geben, zu sich selbst zu kommen, sich zu bestimmen, Tendenzen festzustellen, Trends zu eruieren, ihren ideellen und ihren Waren-Charakter aufzuweisen: dazu sollten die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, sollte das Vergeben des Ingeborg-Bachmann-Preises dienen, und wohl auch dazu, Probleme der gesamten deutschsprachigen Literatur zu erörtern".4


2.2 Sommer 1983: Goetz betritt die Klagenfurter-Bühne

Sechs Jahre nach der ersten Tagung des Ingeborg-Bachmann-Preises wird Rainald Goetz zu der Veranstaltung eingeladen. Er liest seinen Text „Subito“, der mit der Anfangspassage des ersten Kapitels des zweiten Teils seines Romans „Irre“ beginnt. Goetz will mit seiner Lesung einen polemischen Angriff gegenüber der gesamten Veranstaltung erheben. Die Polemik bezieht sich gegen die in Klagenfurt anwesenden Repräsentanten des Literaturbetriebes und soll die gesamte Aggression der Raspe-Figur und des Autors gegen die Klagenfurter Veranstaltung „ernst gemeint“ wirken lassen. Um dieses Ziel der Aggressionsvermittlung zu erreichen, schöpft Goetz aus dem „Auffallen-wollen-um-jeden-Preis“ die notwendige Motivation, eine skandalöse Performance vorzunehmen.5

[...]


1 http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,2192790,00.html
2 Doktor, Thomas; Spies, Carla: Gottfried Benn - Rainald Goetz: Medium Literatur zwischen Pathologie und Poetologie. Opladen, 1997. S. 117.
3 http://bachmannpreis.orf.at/index25.htm
4 Ebd.
5 Doktor, Thomas; Spies, Carla: S. 97-101.


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