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Aufklärung und Revolutionsbegeisterung

Subtitle: Die katholischen Universitäten in Mainz, Heidelberg und Würzburg im Zeitalter der Französischen Revolution (1789-1792/93-1803)

Doctoral Thesis / Dissertation, 2000, 573 Pages
Author: Jörg Schweigard
Subject: History - Miscellaneous

Details

Category: Doctoral Thesis / Dissertation
Year: 2000
Pages: 573
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 655  Entries
Language: German
Archive No.: V77177
ISBN (E-book): 978-3-638-86399-5
ISBN (Book): 978-3-638-86451-0
File size: 1832 KB

Abstract

Die Studie behandelt die Anfänge der Demokratie in Deutschland und liefert einen wichtigen Beitrag zur vieldiskutierten Frage, welchen Einfluß die Französische Revolution auf Deutschland hatte. Im Vordergrund steht die Politisierung von Studenten und Professoren an den katholischen Universitäten Mainz, Heidelberg und Würzburg. Der Verfasser hat Quellen aus über 40 Archiven ausgewertet und damit neue, teilweise überraschende Erkenntnisse erzielt. So gelang auch der Nachweis, daß sich in der Revolutionsbegeisterung der Studenten ein Zeitgefühl ausdrückte, das neben den Eindrücken der politischen Veränderungen in Frankreich auch auf literarische und aufklärungsphilosophische Einflüsse zurückzuführen ist. Die studentische Mentalität hatte sich hin zu freiheitlichen Werten gewandelt, die Ideen der Revolution fielen bei dieser Generation auf fruchtbaren Boden.


Excerpt (computer-generated)

Aufklärung und Revolutionsbegeisterung

Die katholischen Universitäten in Mainz, Heidelberg und Würzburg
im Zeitalter der Französischen Revolution (1789-1792/93-1803)

Von der Fakultät VIII für Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften
der Universität Stuttgart zur Erlangung der Würde eines
Doktors der Philosophie (Dr. phil.) genehmigte Abhandlung

Vorgelegt von Jörg Schweigard aus Stuttgart

Tag der mündlichen Prüfung: 12. Mai 2000

Historisches Institut der Universität Stuttgart

 

 

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis ... 8

I. Kapitel Einführung

1. Einleitung ... 11

1.1 Fragestellung ... 11

1.2 Quellenlage ... 17

2. Voraussetzungen ... 22

2.1 Katholische Hochschulen am Ende des 18. Jahrhundert ... 22

2.2 Professoren ... 26

2.3 Aufgeklärte Sozietäten: Freimaurer - Illuminaten - Lesegesellschaften ... 28

2.4 Studenten ... 32
2.4.1 Studenten- und Mentalitätsgeschichte ... 33
2.4.2 Literarische Einflüsse und Vorbilder ... 35
2.4.3 Exkurs: Einfluß des utopischen Staatsromans „Dya-Na-Sore” ... 37
2.4.4 Verbindungen: Orden und Landsmannschaften ... 40

2.5 Politische Emigration nach Straßburg ... 45

2.6 Exkurs: Eulogius (Johann Georg) Schneider ... 48

II. Kapitel Universität Mainz 1789-92/93

1. Das Kurfürstentum unter Friedrich Karl von Erthal ... 54

2. Reform der Universität ... 57

2.1 Vorbereitung und Verwirklichung der Reform ... 57

2.2 Grenzen der Reform ... 61

3. Resonanz der Französischen Revolution in Mainz ... 66

3.1 Emigrantenfreundliche Politik des Kurfürsten ... 66

3.2 Mainzer Schmähschriften und französische Propaganda ... 67

3.3 Zensur und Dissimulationspolitik der Regierung ... 70

4. Organisationsformen und Zirkel der Mainzer Aufklärer ... 74

4.1 Freimaurer ... 74

4.2 Illuminaten und sogenannter „Propagandaklub” ... 75

4.3 Der oppositionelle Mainzer Zirkel ... 81

4.4 Der Plan einer „Akademie” ... 84

4.5 Lesegesellschaften ... 85
4.5.1 Die „Gelehrte Lesegesellschaft” ... 85
4.5.2 Der „Korrespondierende literarische Zirkel” ... 91

4.6 Zusammenfassung ... 94

5. Politisierung und politische Partizipation Mainzer Professoren ... 96

5.1 Felix Anton Blau ... 98

5.2 Anton Joseph Dorsch ... 102

5.3 Andreas Joseph Hofmann ... 108

5.4 Georg Forster ... 112

5.5 Georg Christian Gottlieb Wedekind ... 119

5.6 Jakob Fidelis Ackermann ... 124

5.7 Mathias Metternich ... 126

5.8 Johann Georg Nimi ... 128

5.9 Karl Joseph Westhofen ... 129

5.10 Zusammenfassung ... 131

6. Studenten am Vorabend der Mainzer Republik ... 134

6.1 Orden und Landsmannschaften ... 135

6.2 Traditionelle Studentenunruhen ... 136

6.3 Politisierung der Studenten ... 141
6.3.1 Anti-Aristokratismus und prorevolutionärer „Esprit de Corps” ... 142
6.3.2 Studentische Aktivitäten gegen französische Emigranten ... 146

6.4 Politisierung eines einzelnen: Aus den Tagebuchaufzeichnungen Josef Schlemmer ... 149

6.5 Politisierung nach innen: Studentische Zirkel ... 151
6.5 1 Der Zirkel um Weitzel ... 151
6.5.2 Studentenkreise um Lehne und Emerich ... 155
6.5.3 Der Zumbachsche Lesezirkel ... 159

6.6 Politisierung am Beispiel der Stammbucheinträge Mainzer Studenten ... 160
6.6.1 Einträge vor der Französischen Revolution ... 161
6.6.2 Einträge zur Zeit der Französischen Revolution ... 163
6.6.3 Einträge während der Mainzer Republik ... 171
6.6.4 Zusammenfassung ... 173

7. Die Studenten unmittelbar vor Ankunft der Franzosen ... 175

7.1 Die akademische Legion ... 175

7.2 Spionagetätigkeiten der Revolutionsanhänger ... 176

7.3 Sympathiekundgebungen ... 177

8. Die Studenten während der Mainzer Republik ... 180

8.1 Studenten in der „Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit” ... 181

8.2 Literatur und Publizistik als politisches Mittel ... 185

8.3 Politisierung der theologischen Fakultät und des Priesterseminars ... 187

9. Ehemalige Professoren und Studenten nach der Rückeroberung von Mainz ... 189

10. Ergebnisse: Politisierung an der Universität Mainz ... 193

III. Kapitel Universität Heidelberg 1789-1803

1. Die Pfalz zur Zeit der Französischen Revolution ... 197

1.1 Politische, soziale und gesellschaftliche Verhältnisse ... 197

1.2 Resonanz der Revolution ... 198

1.3 Aufgeklärte und politische Sozietäten in Heidelberg und Mannheim ... 202
1.3.1 Zensur, Lesegesellschaften und Leihbibliotheken ... 202
1.3.2 Illuminaten und ihre Verfolgung ... 207
1.3.3 Politische Gruppenbildungen und politisches Engagement ... 209

2. Die Universität am Ende des 18. Jahrhundert ... 212

2.1 Bedeutung und Ruf der Universität ... 213

2.2 Studienverhältnisse für Studenten und Professoren ... 216

3. Politisierung Heidelberger Professoren ... 220

3.1 Karl Ignaz Wedekinds politische Publikationen ... 220
3.1.1 Die Schrift „Einladung zu meiner Vorlesung über das Natur- und  allgemeine Recht” ... 221
3.1.2 Die Schrift „Von dem besonderen Interesse des Natur- und allgemeinen Staatsrechts durch die Vorfälle der neueren Zeiten” ... 226
3.1.3 Das „Kirschbaumsche Votum” ... 228
3.1.4 Die Schrift „Kurze systematische Darstellung des allgemeinen  Staatsrechts“ ... 232
3.1.5 Die Schrift „Auch eine falsche Quelle der Revolutionen” ... 235
3.1.6 Zusammenfassung ... 239

3.2 Georg Friedrich Zentner ... 241

3.3 Jakob Koller ... 246
3.3.1 Auseinandersetzung mit der Orthodoxie in Heidelberg ... 246
3.3.2 Koller im Elsaß ... 253

3.4 Johann Jakob Kaemmerer ... 255

3.5 Franz Anton Zimmermann ... 261

3.6 Thaddaeus (Johann Anton) Dereser ... 264
3.6.1 Über Bonn nach Straßburg ... 264
3.6.2 Dereser in Heidelberg ... 268

3.7 Das politisierte Umfeld der reformiert-theologischen Fakultät ... 274

3.8 Zusammenfassung ... 278

4. Heidelberger Studenten im Zeitalter der Französischen Revolution ... 281

4.1 Territoriale und soziale Herkunft der Studenten ... 281

4.2 Religionsindifferentismus der Studenten ... 282

4.3 Politisierung des einzelnen: Johann Friedrich Butenschoen ... 285

5. Politisierung am Beispiel der Stammbucheinträge Heidelberger Studenten ... 293

6. Politisierung nach innen: Die Studentenverbindungen ... 298

6.1 Fridricianerorden und Constantistenorden ... 299

6.2 Rhenanen und Sueven ... 308

6.3 Zusammenfassung ...312

7. Politisierung nach außen: Öffentliche Parteinahme und politische Symbolik ...314

8. Ergebnisse: Politisierung an der Universität Heidelberg ... 319

IV.Kapitel Universität Würzburg 1789-1803

1. Das Hochstift Würzburg zur Zeit der Französischen Revolution ... 324

1.1 Sozietätsbestrebungen in Würzburg ... 326

1.2 Zensur vor und nach Ausbruch der Revolution ... 332

1.3 Fastenhirtenbriefe als religiöse Propaganda gegen die Revolution ... 335

1.4 Resonanz auf die Revolution ... 337

2. Aufklärer an der philosophischen und theologischen Fakultät ... 344

2.1 Matern Reuß: Aufklärer und Kantianer ... 346

2.2 Franz Berg: Verteidiger der Aufklärung und Gegner der Revolution ... 350
2.2.1 Bergs „Predigten über die Pflichten der höheren und  aufgeklärten Stände“ ... 352
2.2.2 Bergs Trauerpredigt ... 355
2.2.3 Bergs „Aufruf an das fränkische Volk“ ... 361
2.2.4 Bergs Kampf gegen die Säkularisation ... 362

2.3 Zusammenfassung ... 364

3. Studenten in Würzburg am Ende des 18. Jahrhundert ... 367

3.1 Allgemeine Voraussetzungen ... 367

3.2 Religionsindifferentismu ... 370

3.3 Restauration und Zensur nach Ausbruch der Revolution ... 373

4. Politisierung Würzburger Studenten ... 379

4.1. Johann Benjamin Erhard: Vom Kantianer zum Republikaner ... 379

4.2. Georg Klarmann: Vom Theologiestudenten zum Konstitutionspriester ... 385
4.2.1 Das „Katechismusbüchlein“ ... 385
4.2.2 Klarmann als Konstitutionspriester ... 391

4.3 Karl Moritz Fabricius: Konspirative Tätigkeit im Schutz der Universität ... 394

4.4 Würzburger Verhältnisse aus der Sicht des Revolutionssympathisanten Johannes Joseph O‘Keeffe ... 397

4.5 Zusammenfassung ... 400

5. Politisierung am Beispiel der Stammbucheinträge Würzburger Studenten ... 402

6. Gruppenbildung und Politisierung ... 409

6.1 Politisierung nach innen: Die Studentenverbindungen ... 409
6.1.1 Constantisten- und Amicistenorden ... 409
6.1.2 Die Germania ... 417

6.2. Politisierung nach außen: Demonstration und Agitation politischer Gruppen ... 421
6.2.1 Revolutionskleidung als Form politischer Demonstration ... 421
6.2.2 Agitation der „Freunde der Freiheit und Gleichheit” ... 430

6.3 Zusammenfassung ... 437

7. Der „Menschheitsbund”: Politisierung und Versuch politischer Partizipation ... 440

7.1 Vorgeschichte des „Menschheitsbundes” ... 441

7.2 Politische Verfolgung des Studenten Joseph Brentano ... 442

7.3 Entstehung des „Menschheitsbundes“ ... 446

7.4 Verbindung nach Jena ... 448

7.5 Verbindungen nach Gießen und Marburg ... 454

7.6 Verbindung nach Tübingen ... 457

7.7. Politisierung des „Menschheitsbundes” ... 459
7.7.1 Politische Orientierung des „Menschheitsbundes” ... 459
7.7.2 Einfluß der Wetzlarer „Freunde der Wahrheit” ... 467

7.8 Das Ende der Verschwörung ... 481
7.8.1 Verhaftung und Verhör Traupels in Aschaffenburg ... 483
7.8.2 Verhaftung und Verhör Popps in Würzburg ... 488
7.8.3 Nachspiel für Popp in Bayern ... 494

7.9 Auswirkung für die Würzburger Verbindungen ... 495

7.10 Zusammenfassung ... 497

8. Ergebnisse: Politisierung an der Universität Würzburg ... 500

Ergebnisse

Politisierung an den Universitäten Mainz, Heidelberg und Würzburg ... 503

1. Politisierung der Professoren ... 503
2. Politisierung der Studenten ... 506
3. Politisches Klima an den Universitäten ... 509
4. Schluß ... 511

Anhang

Zettelanschlag der „Freunde der Freiheit und Gleichheit” (Würzburg 1793) ... 512

Quellen- und Literaturverzeichnis ... 514

1. Ungedruckte Quellen ... 514
1.1 Verzeichnis ungedruckter Quellen ... 514
1.2 Alphabetisches Stammbuchverzeichnis ... 520

2. Gedruckte Quellen ... 522
2.1 Zeitgenössische Periodika ... 522
2.2 Zeitgenössische Literatur ... 523
2.3 Spätere Quellensammlungen ... 528

3. Literatur ... 532

Personenregister ... 556

 

 

1. Einleitung

1.1 Fragestellung

Gegenstand der Untersuchung ist die Politisierung von Professoren und Studenten an den drei katholischen Hochschulen Mainz, Heidelberg und Würzburg zur Zeit der Französischen Revolution. Dabei ist von besonderem Interesse, inwieweit die politischen Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution Anklang fanden und das geistige Klima an den Universitäten beeinflußten. Die Untersuchung politischer Positionen und Aktivitäten von Einzelpersonen und Gruppierungen soll generalisierende Aussagen über die Situation an katholischen Universitäten ermöglichen. Wissenschaftliche Studien zu den politischen Verhältnissen an katholischen Universitäten während der Französischen Revolution gab es bislang nur vereinzelt, so daß man von einem Forschungsdefizit sprechen kann.1

In der Arbeit wird die These verfolgt, daß sich nicht nur die Französische Revolution, sondern auch die spezifische Situation an den katholischen Universitäten und in den dazugehörenden Kleinstaaten auf die Politisierung von Professoren und Studenten auswirkte. Daher werden in der Untersuchung die jeweiligen hochschulpolitischen Verhältnisse, das städtische Umfeld, die Außen- und Innenpolitik des Landesherrn und die Entfernung zu Frankreich und dem Kriegsgeschehen berücksichtigt. Außerdem soll die Frage beantwortet werden, inwieweit die politischen Veränderungen in Frankreich während der Revolution und der frühen napoleonischen Ära Einfluß auf die politische Haltung der Studenten und Professoren hatten. Sofern die politische Entwicklung der Professoren und Studenten (kollektiv oder als Individuum) feststellbar ist, soll sie gegebenenfalls auch über einen längeren Zeitraum nachvollzogen werden.

Die Konzentration der Fragestellung auf die genannten drei katholischen Universitäten erschien aus mehreren Gründen notwendig. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, mußte eine pragmatische und dennoch „repräsentative“ Auswahl innerhalb der katholischen Universitäten des Heiligen Römischen Reichs getroffen werden. Allein auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik existierten am Vorabend der Französischen Revolution 14 katholische Universitäten.2 Außer acht gelassen wurden vorab die kleinen Universitäten, die mit zu geringer Studentenzahl und unvollständigem Fakultätsangebot schon von den Zeitgenossen kaum als vollwertige Universitäten betrachtet wurden.3 Da das gesamte Revolutionsjahrzehnt untersucht werden sollte, war es nicht sinnvoll, sich etwa nur auf linksrheinische Universitäten zu beschränken, die durch Kriegswirren und ihre Auflösung nach dem Übergang des linksrheinischen Deutschlands an Frankreich das Ende des Jahrhunderts nicht erlebten und schon davor Schwierigkeiten hatten, den Betrieb aufrechtzuerhalten.4

Die für eine Untersuchung in Betracht kommenden größeren katholischen Universitäten lassen sich in verschiedene „Typen“ einteilen, die für eine repräsentative Auswahl zu berücksichtigen sind. Zu den Kriterien der Typisierung zählt die an der Universität vorherrschende geistige Haltung (orthodox / aufgeklärt), das städtische Umfeld (Residenzstadt / Kleinstadt), die Entfernung zu Frankreich (und der politischen Propaganda) sowie zu den Kriegsereignissen seit 1792, die sich in den ersten Jahren vor allem auf das linksrheinische Deutschland beschränkten.

Bei der Auswahl der drei Universitäten Mainz, Heidelberg und Würzburg wurden diese Kriterien berücksichtigt: Die drei Universitäten sind im links- und rechtsrheinischen Deutschland angesiedelt. Die Universitäten Mainz und Würzburg galten als aufgeklärt; Heidelberg hingegen hatte den Ruf einer orthodoxen Universität. Die Mainzer Hochschule war zudem ein herausragendes Muster für die an katholischen Universitäten am Ende des 18. Jahrhunderts durchgeführten Reformen. Mainz und Würzburg waren Residenzstädte geistlicher Herrscher, das bedeutet, die Universitäten befanden sich in unmittelbarer Nähe des Landesherrn. Anders die Universität Heidelberg, welche die einzige größere Institution einer kleineren Stadt war, und nicht unter der unmittelbaren Aufsicht des im fernen München residierenden weltlichen Kurfürsten stand. Diese Universität unterschied sich auch deshalb von fast allen anderen katholischen Universitäten, da sie als einzige neben der kurmainzischen Universität Erfurt5 Lehrstühle der protestantischen Theologie hatte und auch von einer größeren Zahl protestantischer Studenten besucht wurde.6

Der Zeitraum der Untersuchung erstreckt sich im wesentlichen über die Jahre 1789-1792/93-1803. Durch die politischen Ereignisse weist die Geschichte der drei Universitäten in diesem Zeitraum Zäsuren auf, die ihre Existenz und ihren Charakter als katholische Universität nachhaltig beeinflußten und sich neben dem Beginn der Französischen Revolution im Jahr 1789 als weitere Grenzdaten der Untersuchung anboten.

Für Mainz bildet die Zäsur bereits der Einzug französischer Revolutionstruppen im Oktober 1792 und die darauffolgende Mainzer Republik. Sie stellte für die Universität einen deutlichen Einschnitt dar, von dem sie sich nach der Rückeroberung der Stadt Mainz durch deutsche Truppen (Juli 1793) bis zu ihrer endgültigen Auflösung und Umwandlung in eine französische Zentralschule im Jahr 1798 nicht mehr erholte.7 Für die Arbeit interessierte daher im wesentlichen die Politisierung der Professoren und Studenten in Mainz vor der Ankunft der Franzosen und ihre politische Partizipation während der Mainzer Republik (1789-1792/93).

Die Untersuchung an den beiden von der Größe vergleichbaren benachbarten katholischen Universitäten Heidelberg und Würzburg erstreckt sich hingegen über einen größeren Zeitraum (1789-1803). Anders als in Mainz wurde die Existenz der Universitäten Heidelberg und Würzburg als katholische Hochschulen erst nach der Jahrhundertwende nachhaltig beeinflußt: Die Universität Heidelberg reformierte man erst nach ihrem Übergang von Pfalzbayern an das Land Baden 1802/03 und wandelte sie in eine bezüglich der Konfessionen paritätische Universität um. Das gilt auch für die Universität in Würzburg, nachdem das Hochstift 1802/03 an Bayern gefallen war.8

Die beiden zu untersuchenden Gruppen der Professoren und Studenten sind jeweils homogen und voneinander abgrenzbar. Ihnen gemeinsam ist das soziale Umfeld an der Universität, der rechtliche Status9 und die Zugehörigkeit zur Schicht der Intellektuellen, wobei die Studenten anders als die etablierten Professoren aufgrund ihres Alters und als Nichtetablierte innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung isoliert waren.

Über die etablierten Intellektuellen wie die bekannteren Schriftsteller und Publizisten und deren Haltung gibt es eine Vielzahl von Übersichtsarbeiten und Einzelstudien, in denen auch Professoren behandelt worden sind.10 Dagegen setzen sich nur wenige Arbeiten mit den Verhältnissen an einer oder mehreren Universitäten während der Französischen Revolution auseinander, obwohl Professoren und Studenten am damaligen Prozeß der Meinungsbildung stark beteiligt waren. Lange Zeit konstatierte man in der Literatur nennenswertes politisches Engagement der Professoren und Studenten erst mit den Befreiungskriegen, der Gründung der Burschenschaften beziehungsweise der Restaurations- und Vormärz-epoche.11 Meist wurde davon ausgegangen, daß sich Professoren und Studenten wie viele der bekannten „Dichter und Denker“ und die gelehrte öffentliche Meinung verhalten hätten, nämlich erst mit den anfänglichen konstitutionellen Idealen der Französischen Revolution zu sympathisieren und sich dann während der Radikalisierung, spätestens aber nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. im Januar 1793, von ihr abzuwenden. Besonders die Aufarbeitung der unter französischer Besatzung entstandenen Mainzer Republik 1792/93 und der Beteiligung von Professoren und Studenten an der Revolutionierung Rheinhessens und der Pfalz verdeutlicht aber deren starke Politisierung noch während der radikalen Phase.12

Die Professoren und Studenten, die in dieser Studie berücksichtigt werden, lassen sich nicht immer eindeutig einer politischen Denkweise zuordnen. Das liegt an der Widersprüchlichkeit von Personen und ihren individuellen Haltungen, die nur annähernd idealtypischen politischen Kategorien entsprechen können. Eine prinzipielle Klassifikation der politischen Strömungen nach den heute üblichen Termini „Konservatismus“, „Liberalismus“ und „Demokratismus“ wurde daher nicht vorgenommen.13 Schon die Zeitgenossen unterschieden bei der Bezeichnung von Parteigängern vor allem die Haltung für und wider die Revolution und bezeichneten diese als „Aristokraten“ und „Demokraten“. Forschungsleitend war die Identifizierung der sich radikalisierenden Aufklärer und Revolutionsanhänger an den einzelnen Universitäten. In dieser Arbeit soll geprüft werden, inwiefern deren Positionen an den Universitäten auf die Signal- und Vorbildwirkung der Französischen Revolution und der durch die Aufklärung in Deutschland eingeführten kritischen Positionen zurückführbar sind.14

Für das Verständnis der Arbeit ist es nötig, auf die zentralen Begriffe „Aufklärung“ und „Politisierung“ einzugehen.

Der Begriff „Aufklärung“ ist heute wie am Ende des 18. Jahrhunderts nicht durch eine Definition erschöpfend zu erklären.15 Trotz aller Verständnisvielfalt war „Aufklärung“ frühzeitig Synonym für neue, „progressive“ geistige Strömungen. Ein „Aufklärer“ war dem Fortschritt verpflichtet und grenzte sich gegen Vertreter des Alten im theologischen wie im philosophischweltanschaulichen Bereich ab. Seit Mitte der 1780er Jahre wurde es üblich, von „Freunden und Feinden der Aufklärung“ zu sprechen, es begann eine „Polarisierung und Politisierung des Sprachgebrauchs“.16 Mit Ausbruch der Französischen Revolution wurde der Begriff „Aufklärung“ endgültig in die politische Sphäre übernommen, indem man ihr einen Anteil an der Französischen Revolution zuschrieb. Begriffsgeschichtlich wurde „Aufklärung“ trotzdem nicht zum eindeutigen Kampfbegriff, sondern blieb weiterhin mehrdeutig. Der Übergang von einem „Aufklärer“, der sich aufgrund seiner fortschrittlichen wissenschaftlichen Haltung so nannte, und einem, dem der Begriff zur Charakterisierung seiner politisch-weltanschaulichen Haltung diente, war fließend. Nach Ausbruch der Französischen Revolution nutzte die orthodoxe Seite dies, um alle „Aufklärer“ bei Regierungen und Fürsten politisch zu stigmatisieren. Obwohl die Revolutionsgegner unter den Aufklärern sich deutlich von dieser Politik distanzierten, um die Aufklärung als geistig „progressive“ und moderne Haltung an der Universität bewahren zu können, war schon unter den Zeitgenossen unumstritten, daß zwischen der aufgekommenen Politisierung und der Aufklärung ein Zusammenhang bestand.17 In Deutschland verstärkten die Revolution und restaurative Maßnahmen mancher deutscher Fürsten einen Meinungsdifferenzierungsprozeß bei denjenigen Aufklärern, die bislang den Reformweg beschritten hatten. Einige entwickelten sich zu oppositionellen radikalen Demokraten, andere zogen sich von ursprünglichen Reformvorhaben zurück und paßten sich den Gegebenheiten an, und eine weitere Gruppe rechnete mit einem noch längeren Reform- und Lernprozeß auf dem Weg des Fortschritts und der Verbesserung gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse.18 So sind für die Zeit nach 1789 die aufgeklärten Professoren zu unterscheiden in die „politisierten“ und aktiv parteiergreifenden Professoren, die eine oppositionelle Haltung zum Ancien régime einnahmen, den Reformern, die weiterhin gesellschaftliche Verbesserungen innerhalb des absolutistischen Systems statt revolutionärer Veränderungen anstrebten, und den „unpolitischen“ Aufklärern, die „Aufklärung“ lediglich als wissenschaftlichen Fortschritt betrachteten. Unter dem Begriff der „Politisierung“ werden in dieser Arbeit jegliche belegbaren politischen Positionen von Professoren und Studenten bezeichnet. Dabei soll nicht übergangen werden, daß es unterschiedliche Qualitäten im Grad der Politisierung gab. Prinzipiell war es unter den Verhältnissen des Absolutismus mit persönlichen Risiken verbunden, seine Sympathie mit der Revolution oder demokratischem Gedankengut etwa durch das Tragen einer Revolutionskokarde öffentlich zu bekennen. Weniger gefährlich war es hingegen, wenn ein Individuum seine politischen Bekenntnisse und Gedanken einem Tagebuch oder Brief anvertraute. Dennoch zeigte sich auch hierin eine Form der Politisierung. Unterschieden werden muß auch, ob eine ganze Gruppe oder nur einzelne ihrer Mitglieder politisiert waren, und ob diese Politisierung innerhalb der Gruppe blieb, oder durch politische Aktionen an die Öffentlichkeit getragen wurde und zum Konflikt mit der Staatsgewalt führte.

Um begriffliche Verwirrungen zu vermeiden, werden in dieser Arbeit lediglich diejenigen politisierten Personen als „Jakobiner“ bezeichnet, die tatsächlich Mitglied eines deutschen oder eines französischen Jakobinerklubs waren. Damit sollen die im Klub organisierten Jakobiner, von denjenigen Individuen unterschieden werden, die sich auf andere Weise demokratischen oder profranzösischen Strömungen zuordnen lassen.19

In den Bereich des Überbegriffs „Politisierung“ gehört auch die „politische Partizipation“, die eine politische Teilnahme umschreibt. Sie bezeichnet Handlungsweisen, wie etwa die Versuche deutscher Revolutionsanhänger, sich - aufgrund mangelnder Möglichkeiten politischer Einflußnahme in Deutschland - in Frankreich oder im französisch besetzten Deutschland aktiv politisch zu beteiligen. Dazu zählt etwa die politische Betätigung während der Mainzer Republik, die Mitgliedschaft in einem deutschen oder französischen Jakobinerklub oder die Agententätigkeit für die französische Republik in Deutschland. Solche politische Partizipation setzt eine zuvor erfolgte Politisierung und ein bereits vorhandenes politisches Bewußtsein voraus.

[...]


1 Das Forschungsdefizit erstreckt sich vor allem auf Untersuchungen zur Gesamtsituation an den einzelnen katholischen Universitäten während der Revolutionszeit. Lediglich zwei ältere Arbeiten, ein Aufsatz von Braubach (1929) und (in Teilen) die Studie von Haaß (1952), geben einen Überblick über die politische Situation an den katholischen Universitäten im Reich. Es war wiederum Braubach, der in seiner Arbeit (1966, neben weiteren Einzelstudien) über die kurzlebige kurkölnische Universität Bonn (1786-1798) die politisch-aufklärerischen Strömungen an einer katholischen Universität ausführlicher thematisierte. Zur Situation an der Universität Mainz lieferte Mathy (s. im Literaturverzeichnis) mehrere Einzelstudien.

2 Dazu zählten die Universitäten in Bamberg, Bonn, Dillingen, Erfurt, Freiburg, Fulda, Heidelberg, Ingolstadt, Köln, Mainz, Münster, Paderborn, Trier, Würzburg.

3 Z. B. wurde in Paderborn lediglich Theologie und Philosophie, nicht aber Jura und Medizinangeboten.

4 Die Universitäten Köln, Trier, Bonn und Mainz wurden 1798 aufgelöst.

5 Zu Erfurt vgl. Haaß, 1952, S.54-58.

6 Auf die jeweilige Situation des außeruniversitären Umfelds in Mainz, Heidelberg und Würzburg wird eingangs der jeweiligen Kapitel dieser Arbeit (II, III, IV) ausführlicher eingegangen.

7 Nach der Rückeroberung der Stadt Mainz fristete die Universität ein Schattendasein. Viele Professoren und Studenten waren aufgrund ihres politischen Engagements geflohen oder in Gefangenschaft. Der Kurfürst hatte jedes Interesse an der Universität verloren und ließ es zu, daß seine Regierung ihr stetig materielle Beschränkung auferlegte. Vgl. Menzel, 1974, S.42f.

8 Der Reichsdeputationshauptschluß von 1803 regelte die neuen Besitzverhältnisse der Reichsfürsten und die Umwandlung der geistlichen Fürstentümer in weltliche. Verwirklicht wurden die territorialen Bestimmungen teilweise schon früher.

9 Alle Universitätsangehörigen (die Studenten während der Dauer ihrer Immatrikulation) besaßen das akademische Bürgerrecht und denselben rechtlichen Status. Vergehen der Studenten wurden von einem eigenen, akademischen Gericht behandelt.

10 Einen Überblick über die politischen Lebensläufe bekannter früher Demokraten und Liberaler in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt der von Helmut Reinalter, Axel Kuhn und Alain Ruiz 1992 herausgegebene erste Band (für die Jahre 1770-1800) des „Biographischen Lexikons der demokratischen und liberalen Bewegungen in Mitteleuropa“.

11 So läßt etwa Real seine Reihe des „politischen Professorentums“ erst mit dem „späten“ Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher und deren Beiträgen zur Reform des akademischen Studiums beginnen. (Beide waren Mitstreiter Wilhelm von Humboldts. In der 1810 gegründeten Berliner Universität wurden die Bildungsreformen dann umgesetzt.) Vgl. Real, 1974, S.38-50. Auf Fichtes Jenaer Wirksamkeit (1794-99) und seine Haltung zur Französischen Revolution geht Real nur am Rande ein. Vgl. ebd., S.39f.

12 Die Geschichte der Mainzer Republik und des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents wurde besonders in den letzten 25 Jahren eindrucksvoll dokumentiert. Da in dieser Arbeit noch auf die Mainzer Republik eingegangen wird, nenne ich hier nur die Quellenpublikationen von Heinrich Scheel (Bd.1-2) und die grundlegende Darstellung von Franz Dumont (1982). Zu erwähnen sind im Zusammenhang mit der Fragestellung dieser Arbeit vor allem mehrere kleinere Beiträge von Franz Dumont und Helmut Mathy, in denen die politischen Biographien Mainzer Jakobiner - darunter auch einige Professoren - aufgearbeitet wurden. Die zahlreichen Publikationen zur Mainzer Republik, welche allein in den Jahren 1981-92 erschienen sind, hat Dumont in der zweiten Auflage seiner Arbeit zur Mainzer Republik (1993, S.527-539) bibliographiert.

13 Da vor allem bei den Professoren teilweise längere Zeiträume betrachtet wurden, wäre eine eindeutige Klassifikation ohnehin nicht haltbar gewesen, da sich die politische Haltung beispielsweise aufgrund der politischen Ereignisse wandelte oder mehrdeutig war. Ein Beispiel für das Problem der Klassifikationen sind etwa Kants politische Schriften, die sich verschiedenen „politischen Lagern“ zuordnen lassen. Vgl. Stammen/Eberle, 1988, S.16.

14 Vgl. die immer noch wichtige Studie von Valjavec (1978, erstmals 1951), der feststellte, daß die Spätaufklärung ideologischer Ursprungsort des erst im 19. Jahrhundert sich organisierenden Liberalismus, Demokratismus, Frühsozialismus und Konservatismus war. Nach Valjavec setzt die Entwicklung nicht 1789, sondern 1770 ein, da bereits zu diesem Zeitpunkt Einzelströmungen innerhalb der Aufklärung erkennbar seien. Zu diesem Ergebnis kommt auch Steinhilber in seiner Studie über studentische Mentalitäten, die auf der Auswertung studentischer Stammbucheinträge basiert. Vgl. Steinhilber, 1995, S.363-371.

15 Zum unterschiedlichen Verständnis der Aufklärung und den typischen Begriffsbildungen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts vgl. LDL (Artikel v. Helmut Reinalter), S.24-27 u. Stuke, 1972, S.250-278.

16 Vgl. ebd. S.278-283.

17 Revolutionsanhänger unter den Professoren und Gelehrten empfanden in ihrem Sprachgebrauch „Aufklärung“ meist konventionell als „Wissen“, „Bildungsstand“ oder „Wissensverbreitung“, teilweise wurde sie aber auch politisch instrumentalisiert und etwa als „Volksaufklärung“ oder „Darstellung der bestehenden Verfassung“ ausgelegt. (Vgl. ebd., S.281 u. S.284.) Die Französische Revolution wurde von ihren Gegnern und Anhängern als Folge der Aufklärung gesehen. Gleich zu Beginn der Revolution stuften deutsche Zeitzeugen wie der Schriftsteller Joachim Heinrich Campe die Pariser Revolutionsereignisse als Politisierung der Kultur und Aufklärung ein. Vgl. ebd., S.264.

18 Vgl. Bödeker/Herrmann, 1987, S.8.

19 Die zurückhaltende Verwendung des Begriffs „Jakobinismus“ erscheint vor allem deshalb sinnvoll, da die Berücksichtigung aller demokratischen Strömungen gewährleistet werden soll, unabhängig davon, ob es sich explizit um jakobinische Positionen handelte. Zur „Akzeptanzbarriere“ des Themas „deutscher Jakobinismus“ durch die Politisierung seitens der Jakobinerforschung vgl. neuerdings den Kommentar von Neugebauer-Wölk, 1997, S.255. Zur Jakobinismusforschung in Deutschland vgl. die beiden Bände von Wilharm (1984, Bd.1- 2) und neuerdings auch Riethmüller, 1998, bes. S.77-117.


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