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„Fürsten auf erhabnen Thronen sind nicht glücklicher als wir“ - Über die politische Haltung deutscher Studentenorden während der Französischen Revolution

Scholarly Essay, 2006, 24 Pages
Author: Jörg Schweigard
Subject: History - Modern Times, Absolutism, Industrialization

Details

Category: Scholarly Essay
Year: 2006
Pages: 24
Language: German
Archive No.: V77179
ISBN (E-book): 978-3-638-82648-8
ISBN (Book): 978-3-638-82726-3
File size: 196 KB
Notes :
Vollständige Zitierung über Fußnoten, daher kein Literaturverzeichnis erforderlich.


Abstract

Diese Studie geht der Frage nach, inwieweit die größten Studentenverbindungen der 1790er Jahre, die nach freimaurerischen Prinzipien organisierten Orden, an dieser Studentenbewegung ihren Anteil hatten. Anhand ausgewählter deutscher Universitäten soll untersucht werden, inwieweit die Studentenorden die dominierende Verbindung und Träger dieses politischen Gedankenguts waren und ob die Vehemenz, mit der die Landesregierungen sie insbesondere seit dem Regensburger Reichstagsbeschluß von 1793 verfolgen ließen, auch tatsächlich ihrem politischen Gewicht innerhalb der ersten deutschen Studentenbewegung entsprach.


Excerpt (computer-generated)

„Fürsten auf erhabnen Thronen sind nicht glücklicher als wir“ -
Über die politische Haltung deutscher Studentenorden während der Französischen Revolution

von

Jörg Schweigard

 


1. Einleitung  2

2. Die Orden im universitären Verbindungswesen  3

2.1. Die „nationes“ und die Landsmannschaften  3
2.2. Die Orden  3

3. Politisierung der Orden  5

4. Ordensmitglieder, Reformer und ein politischer Klub: Jena 1792/93  6

5. Prorevolutionäre Constantisten an der Universität Erlangen (1794)  12

6. Fichtes Plan zur Auflösung der Orden: Jena 1794/95 14

7. „Laßt uns aufstehen...“ - Die Constantisten in Marburg, Würzburg und Heidelberg 1798- 1800 18

8. Die politische Haltung der Orden während der Französischen Revolution 22




 

1. Einleitung

Lange Zeit ging die Historiographie davon aus, dass eine nennenswerte Politisierung der deutschen Studenten erst mit den antinapoleonischen Befreiungskriegen einsetzte. Doch die jüngere Forschung hat inzwischen eine lange Zeit unbekannte Politisierung und Revolutionsbegeisterung deutscher Studenten bereits während der Französischen Revolution nachgewiesen.1 Die Revolutionierung stand ganz im Zeichen deutsch-französischer Fraternité und war anders als bei den späteren Burschenschaften noch frei von national-deutschem Gedankengut. Diese Studie geht der Frage nach, inwieweit die größten Studentenverbindungen der 1790er Jahre, die nach freimaurerischen Prinzipien organisierten Orden, an dieser Studentenbewegung ihren Anteil hatten. Anhand ausgewählter deutscher Universitäten soll untersucht werden, inwieweit die Studentenorden die dominierende Verbindung und Träger dieses politischen Gedankenguts waren und ob die Vehemenz, mit der die Landesregierungen sie insbesondere seit dem Regensburger Reichstagsbeschluß von 1793 verfolgen ließen, auch tatsächlich ihrem politischen Gewicht innerhalb der ersten deutschen Studentenbewegung entsprach.

2. Die Orden im universitären Verbindungswesen

2.1. Die „nationes“ und die Landsmannschaften

Das Phänomen studentischer Verbindungsformen reicht bis zu den ersten mittelalterlichen Universitäten wie Bologna oder Paris zurück. Schon damals schlossen sich die Studenten und Professoren nach landsmannschaftlicher Gliederung in den sogenannten „nationes“ zusammen. Sie waren Bestandteil der Universitätsverfassung und damit verpflichtende Mitgliedschaften. Die späteren Landsmannschaften hingegen waren private Zusammenschlüsse von Studierenden, deren Existenz nicht mehr in der Universitätsverfassung geregelt war. Im 18. Jahrhundert tummelten sich an den Hochschulen Landsmannschaften wie die Mosellaner, Elsäßer, Holsteiner, Mecklenburger und viele andere mehr, wobei man geographisch recht großzügig war, so daß sich etwa badische Studenten auch den Elsäßern anschließen konnten.
Die Funktion der Landsmannschaften bestand in erster Linie darin, ihren Mitgliedern Schutz gegen Bedrohungen von außen und Unterstützung in Notfällen wie Krankheit oder Armut zu gewähren. Auch Motive wie das Einleben oder die Geselligkeit in der fremden Stadt und an der Universität spielten eine Rolle. An den protestantischen Universitäten im Deutschen Reich existierten Landsmannschaften vom frühen 16. Jahrhundert an. An den katholischen Universitäten hingegen kamen sie - wenn überhaupt - erst im späten 18. Jahrhundert auf.

2.2. Die Orden

Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts entstand mit den Studentenorden neben den Landsmannschaften ein neuer Verbindungstyp. Die Orden waren stark von der Aufklärung und freimaurerischen Idealen beeinflußt. Mit den Freimaurern hatten sie auch geheime Rituale, Aufnahmezeremonien und Erkennungsmerkmale (Geheimzeichen, symbolische Zahlen) gemein. Die größten Orden, die zeitweise an fast allen Universitäten existierten, waren die Constantisten, Amicisten, Harmonisten und Unitisten. Der Organsisationsgrad unterschied sich stark von Hochschule zu Hochschule. Der Anteil der in Orden organisierten Studenten schwankte zum Beispiel bei den Universitäten Jena, Göttingen, Erlangen, Helmstädt und Frankfurt/Oder für die 1790er Jahre zwischen 10 und 35 Prozent.2 Die Orden konkurrierten untereinander und mit den Landsmannschaften um Mitglieder. Mit ihren Bruderlogen an anderen Universitäten waren sie oft eng verbunden. In diesem überregionalen Ansatz glichen die Orden ebenfalls den Freimaurerlogen. Anders als Landsmannschaften waren die Orden jedoch geheime Bünde, nahmen jeden willigen Studenten als Mitglied auf und versprachen Freundschaft auf Lebenszeit, also über die Dauer des Studiums hinaus. Ihre Mitglieder rekrutierten die Orden teilweise aus den Landsmannschaften, oder sie bestanden sogar als Geheimbünde innerhalb der Landsmannschaften, was Auseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Verbindungsformen zur Folge hatte. Allerdings lassen sich die Verhältnisse nicht verallgemeinern. Besonders über die Verbindungen an den kleineren Universitäten weiß man noch wenig. Ihren Höhepunkt erlebten die Studentenorden zwischen 1780 und 1790. In der Ordenshochburg Jena waren zu dieser Zeit rund zehn Prozent der Studenten in Orden organisiert. Die Ordensstudenten blieben innerhalb der Studentenschaft immer eine Minderheit, gaben aber mit ihren Aktivitäten den Ton an.
Die Orden waren in der Regel als organisierte geheime Verbindung an den Hochschulen verboten. Die aufgedeckte Mitgliedschaft eines Studenten zog eine Strafe nach sich. Sofern die Behörden überhaupt zwischen den Verbindungsformen unterschieden, stuften sie die Landsmannschaften gegenüber den Orden als harmloser ein und verboten sie nicht.3 Die Motive für die Bekämpfung von Studentenverbindungen waren unterschiedlich. Die Behörden schrieben ihnen einen Anteil am Sittenverfall, Müßiggang, Zeit- und Geldverlust und Konfliktpotential unter den Studenten zu. Nach Ausbruch der Französischen Revolution kamen politische Aspekte hinzu.
Ein Student, der in den 1790er Jahren eine große deutsche Universität wie Jena oder Halle bezog, konnte sich folglich zwischen diesen beiden Organisationsformen – Orden und Landsmannschaften – entscheiden. Es gab jedoch noch weitere Formen von Zusammenschlüssen, wie Lese- oder Freundschaftszirkel oder auch politische Klubs. Nach 1790 hatten die Orden mit dem „politischen Klub” als einer weiteren studentischen Organisation zu rechnen. Solche Klubs entstanden unter dem Einfluß der Französischen Revolution. Sie übernahmen das Prinzip der freien, geheimen Mitgliedschaft von den Orden; ihre Mitglieder bekannten sich aber nun ausdrücklich zu allgemeinpolitischen (revolutionären) Zielen. Auch diese Studentenklubs wurden von der Obrigkeit verfolgt, weshalb sie sich des Öfteren als akademische Lesegesellschaften tarnten.4

3. Politisierung der Orden

[...]


1 Hier eine Auswahl der jüngsten Forschungsarbeiten: Kuhn, Axel / Schweigard, Jörg: Freiheit oder Tod! Die deutsche Studentenbewegung zur Zeit der Französischen Revolution. (Stuttgarter Historische Forschungen 2) Köln u.a. 2005; Schweigard, Jörg: Die Liebe zur Freiheit ruft uns an den Rhein. Aufklärung, Reform und Revolution in Mainz. Gernsbach 2005. Schweigard, Jörg: „Sansculotten auf deutschem Grund und Boden“. Politische Symbolik deutscher Studenten zur Zeit der Französischen Revolution (1789-1800). In: Zeitschrift für Internationale Freimaurer-Forschung, 5. Jg., Heft 9, 2003, S.11-40; Schweigard, Jörg: Aufklärung und Revolutionsbegeisterung. Die katholischen Universitäten in Mainz, Heidelberg und Würzburg im Zeitalter der Französischen Revolution (1789-1792/93-1803). („Schriftenreihe der Internationalen Forschungsstelle ´Demokratische Bewegungen in Mitteleuropa 1770-1850´“, Bd. 29) Frankfurt am Main u.a. 2000; Kuhn, Axel: Von der deutsch-französischen Verbrüderung zur Franzosenfeindschaft. Die Jenaer Studentenbewegung zwischen 1789 und 1817. In: Florack, Ruth (Hg.): Fremdwahrnehmung und Identität in deutscher und französischer Literatur. (Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, 76) Tübingen 2000.

2 Vgl. Hardtwig, Wolfgang: Studentenschaft und Aufklärung: Landsmannschaften und Studentenorden in Deutschland im 18. Jahrhundert. In: Etienne Francois (Hg.): Sociabilité et Societé. Bourgeoise en France, en Allemagne, en Suisse. Paris 1986, S.239-259 ; hier S.244.

3 Die Landsmannschaften wurden erst verboten, wenn sie feste Strukturen aufwiesen und als Verbindung faßbar waren. Vgl. z. B. für die Göttinger Verhältnisse Brüdermann, Stefan: Göttinger Studenten und akademische Grundlage der Übereinkunft wurde der Vorschlag des preußischen Gesandten, Mitglieder Gerichtsbarkeit im 18. Jahrhundert. (Göttinger Universitätsschriften: Serie A, Schriften; Bd.15) Göttingen 1990, S.217f.

4 Zum Beispiel 1792 der „Zumbachsche Lesezirkel“ in Mainz. Vgl. Schweigard, 2000, (wie Anm.1.) S.164f.


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