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Doctoral Thesis / Dissertation, 2005, 245 Pages
Author: Dr. phil. Markus Schulz
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Vernichtung, Menschheit, Zivilisationskritik, Spätwerk, Günter, Grass
Year: 2005
Pages: 245
Grade: Magna cum Laude
Bibliography: ~ 285 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-79863-1
ISBN (Book): 978-3-638-80366-3
File size: 2499 KB
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Abstract
Günter Grass verarbeitet in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts die diversen Möglichkeiten eines plötzlichen Untergangs der Menschheit bzw. deren langsame Vernichtung durch Überbevölkerung, ökologische Zerstörung und atomare Hochrüstung. Anhand von fünf Leitaspekten soll die Bedeutung der verschiedenen zivilisationskritischen Themenfelder bei Grass für dessen literarisch-künstlerische Produktion, politische-essayistische Arbeiten und Selbstaussagen der letzten 25 Jahre herausgearbeitet werden.
Excerpt (computer-generated)
„DIE VERNICHTUNG DER
MENSCHHEIT HAT BEGONNEN“
ZIVILISATIONSKRITIK IM SPÄTWERK
VON GÜNTER GRASS
Dissertation
zur
Erlangung des Grades eines Doktors
der Philosophie im Fachbereich
Sprach- und Literaturwissenschaften
der Universität Duisburg-Essen
vorgelegt von
Markus Schulz
Duisburg, im September 2004
Inhaltsverzeichnis
INHALTSVERZEICHNIS ... 4
I. EINLEITUNG ... 7
1. Ziel und Inhalt ... 7
2. Forschungsstand ... 12
II. ZUR GESCHICHTE UND THEORIE DER ZIVILISATIONSKRITIK SEIT DEM 18. JAHRHUNDERT – EIN ÜBERBLICK ... 16
1. Die Anfänge der Zivilisationskritik im 18. Jahrhundert: Rousseaus politische Philosophie ... 16
2. Das 19. Jahrhundert: Zivilisationskritische Tendenzen bei Nietzsche ... 21
3. Zivilisationskritische Positionen in Deutschland im 20. Jahrhundert ... 25
3.1 Konservative Zeitkritik zwischen Kaiserreich und Diktatur ... 25
3.1.1 Thomas Manns frühe essayistische Arbeiten ... 27
3.1.2 Oswald Spengler und Ernst Jünger ... 30
3.1.3 Der George-Kreis ... 37
3.1.4 Walther Rathenau ... 40
3.2 Die Nachkriegsphase von 1945 bis 1968 ... 42
3.2.1 Ernst Jünger und Georg Lukács ... 43
3.3 „Der Westen als Mensch und Natur fressendes Monstrum“ – Zivilisationskritische Strömungen von 1970 bis zur Gegenwart ... 46
3.3.1 Günther Anders ... 48
3.3.2 Carl Friedrich von Weizsäcker ... 50
III. GÜNTER GRASS‘ ZIVILISATIONSKRITIK: ERFAHRUNGEN UND AUSEINANDERSETZUNGEN ... 54
1. Grass und sein Selbstverständnis als Schriftsteller und Bürger ... 54
1.1. Die literarischen und politischen Vorbilder ... 55
1.2 Die Kernbegriffe ‚Zeitgenossenschaft‘ und ‚Widerstand‘ ... 66
1.3. Die Selbstdefinition: Bin ich nun Schreiber oder Zeichner? ... 71
2. Biographische Bezüge und persönliche Erfahrungen ... 74
2.1 Grass und Indien oder Vasco kehrt wieder ... 74
2.2 Ein Dichter in Kalkutta: „Zunge zeigen“ ... 80
2.2.1 Der Prosatext ... 81
2.2.2 Die Zeichnungen ... 86
3. Grass‘ theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Zivilisationskritik‘ in seinem Spätwerk ... 92
3.1 Wo steht Grass? – Versuch einer Einordnung ... 100
IV. DIE KÜNSTLERISCH-LITERARISCHE VERARBEITUNG IM PROSAWERK ... 115
1. Indien, Tschernobyl und der atomare Holocaust – Die 80er Jahre ... 115
1.1. „Kopfgeburten“ oder Die Deutschen sterben aus ... 116
1.1.1 Globale Problemfelder und Zukunftsprognosen ... 120
1.1.2 Die innerdeutsche Komponente ... 129
1.2 Die Rättin ... 133
1.2.1 Grass‘ zeitgeschichtliche Intention und die Rezeption des Werkes ... 133
1.2.2 Die zivilisationskritischen Handlungsstränge ... 138
1.2.2.1 Historischer Abriß des selbstverschuldeten Untergangs der Menschheit erzählt aus der Perspektive der Ratten ... 138
1.2.2.2 Die Gegenfigur zur apokalyptischen Ratte oder Oskar Matzeraths Rückkehr als Medienmogul ... 147
1.2.2.3 Die Emanzipation der Frauen und das Scheitern der matriarchalischen Utopie ‚Vineta‘ ... 151
1.2.2.4 Die Zerstörung der Natur und die Vernichtung der geistig- moralischen Identität des Menschen veranschaulicht am Märchenkomplex ... 158
1.2.3 Die Apokalypse: Grass‘ Prophezeiungen für die menschliche Zivilisation ... 164
2. Waldsterben, Wiedervereinigung und Globalisierung – Die 90er Jahre ... 170
2.1 Totes Holz ... 171
2.2 Unkenrufe ... 179
2.2.1 Die Reflexion der historischen Vertriebenenproblematik verdeutlicht am deutschpolnischen Verhältnis in der Gegenwart ... 181
2.2.2 Die Folgen der deutschen Einheit: Die unblutige kapitalistische Landnahme in Polen ... 186
2.2.3 Das florierende Rikschaunternehmen oder die Dritte Welt als ungeahnter Ideenpool für neue globale Lösungen ... 190
2.3 Mein Jahrhundert ... 194
V. SCHLUßBETRACHTUNGEN ... 203
1. Zusammenfassung ... 203
2. Ausblick ... 206
VI. ANHÄNGE ...
VII. BIBLIOGRAPHIE ... 215
1. Primärliteratur ... 215
1.2 Buchveröffentlichungen außerhalb der Werkausgabe ... 215
1.3 Essays und Reden ... 216
1.4. Gespräche ... 222
1.5 Sonstige ... 226
2. Sekundärliteratur ... 226
2.1 Sammelbände ... 226
2.2 Einzeluntersuchungen ... 227
2.3 Literatur/Werke zur Zivilisationskritik ... 237
2.4 Sonstige Hilfsmittel ... 244
„Es gibt nichts Journalistischeres als den Titel Die letzten Tage der Menschheit.“1
aus: Martin Walser Tod eines Kritikers
I. Einleitung
1. Ziel und Inhalt
Günter Grass verarbeitet in den 80er Jahren die diversen Möglichkeiten eines plötzlichen Untergangs der Menschheit bzw. deren langsame Vernichtung durch Überbevölkerung, ökologische Zerstörung und atomare Hochrüstung. Folgerichtig wendet sich der Autor verstärkt globalen Themen zu, die über die deutsch-deutsche Komponente seiner frühen Werke weit hinausgehen. Der Autor reagiert auf diese ‚Krise der Zivilisation‘ mit einer politischen Radikalisierung und einer verstärkten thematischen Verarbeitung zeitkritischer Anliegen in seinen literarischen Werken. Als Reaktion auf den NATO-Doppelbeschluß im Dezember 1979 formuliert Grass in seiner Rede Die Vernichtung der Menschheit hat begonnen, anläßlich der Verleihung des Feltrinelli-Preises in Rom 1982, eine direkte Todesprophezeiung für die menschliche Zivilisation. Die bestehenden politischen Systeme können nach Grass‘ Auffassung die katastrophalen Zustände als Folge von Hunger, Umweltverschmutzung und Hochrüstung nicht mehr bewältigen. Weder Kapitalismus noch Kommunismus bieten adäquate Lösungsansätze für die prognostizierte globale Katastrophe. Dementsprechend verwirft Grass auch in den Kopfgeburten sein Bild von der Schnecke als Sinnbild des Fortschritts der 70er Jahre und ersetzt es durch Camus‘ Sisyphos-Mythos. In den Kopfgeburten (1980) wendet er sich wie schon im Butt-Kapitel Vasco kehrt wieder (1977) und später in Zunge zeigen (1988) dem Nord- Süd-Gefälle und den unmenschlichen Lebensbedingungen der Dritten-Welt- Bevölkerung zu. Dieser Themenkomplex spiegelt sich auch in den Handlungssträngen der Rättin (1986) wider. Darin entwirft Grass ein bedrohliches Szenario des Weltuntergangs, wobei er immer wieder auf die biblische Darstellung der Apokalypse verweist und in der mythischen Geschichte ein entsprechendes Erzählmuster sucht. Seit seinem 6-monatigen Aufenthalt in Kalkutta setzt sich Grass verstärkt zeichnerisch mit den Auswirkungen der globalen Umweltzerstörung auseinander. In Totes Holz (1990) illustriert er später in Zeichnungen und Texten das Waldsterben in Mitteleuropa. Der Nachruf, ein Prosabericht am Ende des Buches, erläutert die Entstehungsorte der befremdenden Zeichnungen über das Waldsterben.
Anfang der 90er Jahre, nach der deutschen Wiedervereinigung, wendet sich Grass wieder innerdeutschen Themen zu, verliert allerdings den globalen Kontext nicht aus dem Blick. So findet man in der Erzählung Unkenrufe (1992) als Parallelfigur des Protagonisten Reschke den bengalischen Asylanten und Unternehmer Subhas Chandra Chatterjee, der in Gdansk einen erfolgreichen und innovativen Rikschaservice aufbaut und sein Unternehmen rasch zur Expansion führt. In dieser Nebenfigur bringt Grass seine These zum Ausdruck, daß die Zukunft der Menschheit nur in der übervölkerten Dritten Welt entschieden werden könne. Chatterjee wird als Vorbote einer zukünftigen Weltgesellschaft beschrieben, da die Dritte Welt ein ungeahntes Ideenpotential für neue gesellschaftliche Lösungen bereitstellt. In seiner Geschichtschronik Mein Jahrhundert (1999), mit der er sein literarisches Werk im 20. Jahrhundert abschließt, greift der Autor erneut die Kritikpunkte der 80er Jahre auf und wendet sich ebenso neuen Themen wie Asyldebatten und gentechnologischen Manipulationen zu.
In der vorliegenden Arbeit wird zunächst eine Werkauswahl vorgenommen, um den Zeitabschnitt ‚Spätwerk‘ genauer fixieren zu können. Die Untersuchung erstreckt sich daher größtenteils auf Primärtexte aus den Jahren 1980 bis heute. Die Sekundärtexte stammen ebenfalls mit wenigen Ausnahmen aus den 80er bzw. 90er Jahren, um eine aktuelle Betrachtungsweise gewährleisten zu können. Anhand von fünf Leitaspekten soll Grass‘ Zivilisationskritik deutlich gemacht werden. Als erstes Leitmotiv wird die Dritte Welt-Problematik beleuchtet. Dabei soll das Ost-West- Wohlstandsgefälle als ökonomische Folge der deutschen Wiedervereinigung ebenso betrachtet werden wie Grass‘ Verhältnis zu Indien und die Stellung des Menschen zur Ökonomie. Als weitere Leitaspekte werden die globale Umweltzerstörung, Werte und Moral, der atomare Holocaust sowie das weltweite Kriegstreiben zur weiteren Analyse des Spätwerks herangezogen.
Ein einleitender Überblick zur Geschichte und Theorie der Zivilisationskritik seit dem 18. Jahrhundert wird im II. Kapitel geliefert. Zunächst wird Rousseaus politische Philosophie näher betrachtet, wobei frühe zivilisationskritische Diskurse in seinen Schriften herausgearbeitet werden. Explizit wird an dieser Stelle auf die Werke Émile und Der Gesellschaftsvertrag eingegangen. Friedrich Nietzsches Schriften und Abhandlungen werden anschließend stellvertretend für das 19. Jahrhundert untersucht. Primär werden hier Nietzsches Arbeiten zu gesellschaftlichen, politischen und moralischen Fragen berücksichtigt. Dabei erweisen sich zahlreiche Begriffe und Gedanken Nietzsches als grundlegend für die zeit- und zivilisationskritischen Arbeiten von Schriftstellern und Philosophen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Protagonisten der ‚Konservativen Revolution‘ gelegt. Zu ihnen zählten u. a. Persönlichkeiten wie Thomas Mann, Oswald Spengler, Ernst Jünger, Stefan George und die Mitglieder seines Kreises sowie der Großindustrielle und Schriftsteller Walther Rathenau. In Einzelanalysen werden diese Vertreter und ihre Werke, die sie während des Kaiserreichs bzw. in der Weimarer Republik publizierten, auf zivilisationskritische Haltungen und Tendenzen hin untersucht und kurz vorgestellt. Dazu zählen insbesondere die Themenkomplexe Technikfeindlichkeit, Vermassung der Großstädte, Naturkatastrophen und Kriegsgefahren.
In der Nachkriegsphase von 1945 bis 1968 vollzog sich ein Wandel im Bereich der Zivilisationskritik. Die Orientierung an der Siegermacht USA und das radikal propagierte antikommunistische Feindbild zog nun Kritik und Ablehnung nach sich. Als kritische Stimmen während dieser Periode werden der späte Ernst Jünger und Georg Lukács in die Betrachtungen dieser Zeitspanne einbezogen. In diesem Zusammenhang werden anschließend zivilisationskritische Strömungen von 1970 bis zur Gegenwart dargestellt, wobei ebenfalls gezielt auf den Begriff des ‚Antiamerikanismus‘ eingegangen wird, der den zivilisationskritischen Diskurs der letzten 30 Jahre in der Bundesrepublik deutlich geprägt hat. Exemplarisch für die Protagonisten der Zivilisationskritik der letzten Jahre werden der Antiatomaktivist Günther Anders und der Philosoph und Naturwissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker bei der Betrachtung herausgestellt. Anders antizipiert in seinen Arbeiten den atomaren Holocaust, wohingegen v. Weizsäcker in seinen Werken die allgemeine Krise der Menschheit (Kriege, Naturzerstörung, Werteverlust) beklagt.
Im anschließenden III. Kapitel wird die Ideologie und das Selbstverständnis des Schriftstellers Günter Grass erläutert. Dabei werden Begriffe wie Bürger, Zeitgenossenschaft und Widerstand anhand von Primärquellen (Reden, Essays und Gespräche) konkretisiert. Diese tragen zu einem besseren Verständnis der nachfolgenden Analysen des Spätwerkes bei. Grass verweist dabei häufig auf Alfred Döblin und Arno Schmidt als literarische Vorbilder, die schon in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts zivilisationskritische Romane und Erzählungen verfassten. Als politische Vorbilder führt Grass vor allem die SPD-Politiker Eduard Bernstein und Willy Brandt an. In diesem Kapitel wird u. a. der Frage nachgegangen, weshalb die beiden Sozialdemokraten eine solch große Bedeutung in Grass‘ Leben und Werk gespielt haben. Auch Grass‘ Camus-Lektüre in den frühen 50er Jahren und seine Übernahme des Sisyphos-Motivs in den Werken Tagebuch einer Schnecke und Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus wird hier untersucht. Grass selbst verweist häufig auf seine Steinmetzlehre, die ihm die Basis seines literarischen Arbeitens vorgegeben habe. Wie er in seiner literarischen Arbeit mitunter auf verschiedenen Erzählebenen komplexe Zusammenhänge anlegt, arbeitet er sich auch durch diverse soziale und politische Zusammenhänge. Schriftstellerische und politische Tätigkeit vereinigen sich gleichsam in Grass‘ Auffassung vom ‚kritischen Bürger‘. Als Zeitgenosse bedient er sich bestimmter Inhalte, die der Auseinandersetzung und der Stellungnahme bedürfen. Die bereits erwähnten Begriffe ‚Zeitgenossenschaft‘ und ‚Widerstand‘ finden sich in zahlreichen Aufsätzen und Reden wieder. Unter ‚Widerstand‘ versteht Grass den provozierenden Zeitbezug seiner Themen. Als ‚Zeitgenosse‘ interessiert ihn, was die Zeitgeschichte an ihn heranträgt, weil er sich selbst als ‚Produkt‘ seiner Zeit versteht. Seit den Anfängen seines Schreibens hat sich Grass die Verpflichtung auferlegt sowohl die Erinnerung an Vergangenheit (wie zuletzt im Krebsgang) zu fördern als auch deren Bedeutung für Gegenwart und Zukunft aufzuzeigen.
[....]
1 Walser, Martin: Tod eines Kritikers. Frankfurt a.M. 2002. S. 196 f.
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