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Die Sprachtheorie von Jürgen Habermas

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 44 Pages
Author: Robert Sippl
Subject: German Studies - Linguistics

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 44
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 177  Entries
Language: German
Archive No.: V79346
ISBN (E-book): 978-3-638-86773-3

File size: 412 KB
Notes :
Formalpragmatik/ Universalpragmatik - Kommunikative Kompetenz- pragmatische Bedeutungstheorie - Verständigungsorientiertes kommunikatives Handeln vs. erfolgsorientiertes strategisches Handeln - Diskurs - Habermas´ These vom Originalmodus des verständigungsorientierten Handelns - formale Pragmatik und empirische Pragmatik. Laut der Korrektorin eine "brillante Arbeit in inhaltlicher und sprachlich-stilistischer Hinsicht"; den 2er gabs nur deswegen, weil die Arbeit sich inhaltlich etwas vom Seminarthema entfernt hat.


Abstract

Im Werk von Jürgen Habermas verschränken sich gleichermaßen philosophische wie soziologische Fragestellungen, die im Begriff des kommunikativen Handelns konvergieren, von dem aus Habermas seine Gesellschafts-, Moral-, Rechts- und Demokratietheorie entwickelt. Von zentraler Bedeutung für Habermas ist die Wendung von der Bewusstseins- zur Sprachphilosophie: „Heute ist an die Stelle der traditionellen Bewußtseinsproblematik die Sprachproblematik getreten: die transzendentale Kritik der Sprache löst die des Bewußtseins ab.“ Das seit den Vorlesungen zu einer sprachtheoretischen Grundlegung der Soziologie (1970/71) über die Theorie des kommunikativen Handelns (1981) bis hin zu Rationalität der Verständigung (1996) verfolgte Programm einer formalen Pragmatik lässt sich dabei – in Analogie zu Kants Frage, wie Erkenntnis möglich sei - als Versuch lesen, die Frage zu beantworten, „wie so etwas wie intersubjektive Verständigung möglich ist.“ Vor dem Hintergrund der vor allem mit den Arbeiten von Chomsky und Austin – neben Wittgenstein die wichtigsten Einflüsse auf die Sprachtheorie von Habermas - verbundenen Annäherung zwischen Philosophie und Sprachwissenschaft in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts lassen sich Habermas´ sprachtheoretische Arbeiten auch aus linguistischer Perspektive lesen. In der vorliegenden Arbeit soll dabei zunächst dargestellt werden, wie Habermas das Konzept des kommunikativen Handelns im Rahmen einer Theorie der kommunikativen Kompetenz entwirft. Kommunikatives Handeln kann zwar Habermas zufolge auch nonverbal realisiert werden, wird aber von ihm am Modell des sprachlichen Handelns konzipiert, das damit - wie Bublitz mit Recht hervorhebt - nicht mehr „als abgeleitete Form eines wie immer definierten nicht-sprachlichen Handelns“ erscheint.


Excerpt (computer-generated)

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Germanistik
Hauptseminar Diskurs und Diskursanalyse
Wintersemester 2006/07, 7. Fachsemester

Die Sprachtheorie von Jürgen Habermas

von

Robert Sippl

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung... 3

2. Die Sprachtheorie von Jürgen Habermas... 5

3. Resümee... 23

4. Abbildungen... 26

5. Literaturverzeichnis... 28

6. Abbildungsverzeichnis... 44


 

 

1. Einleitung

Im Werk von Jürgen Habermas verschränken sich gleichermaßen philosophische wie soziologische Fragestellungen, die im Begriff des kommunikativen Handelns konvergieren, von dem aus Habermas seine Gesellschafts-, Moral-, Rechts- und Demokratietheorie entwickelt.1 Von zentraler Bedeutung für Habermas ist die Wendung von der Bewusstseins- zur Sprachphilosophie: „Heute ist an die Stelle der traditionellen Bewußtseinsproblematik die Sprachproblematik getreten: die transzendentale Kritik der Sprache löst die des Bewußtseins ab.“2 Das seit den Vorlesungen zu einer sprachtheoretischen Grundlegung der Soziologie (1970/71) über die Theorie des kommunikativen Handelns (1981) bis hin zu Rationalität der Verständigung (1996) verfolgte Programm einer formalen Pragmatik lässt sich dabei – in Analogie zu Kants Frage, wie Erkenntnis möglich sei - als Versuch lesen, die Frage zu beantworten, „wie so etwas wie intersubjektive Verständigung möglich ist.“3
Vor dem Hintergrund der vor allem mit den Arbeiten von Chomsky und Austin – neben Wittgenstein4 die wichtigsten Einflüsse auf die Sprachtheorie von Habermas - verbundenen Annäherung zwischen Philosophie und Sprachwissenschaft5 in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts lassen sich Habermas´ sprachtheoretische Arbeiten auch aus linguistischer Perspektive lesen.6 In der vorliegenden Arbeit soll dabei zunächst dargestellt werden, wie Habermas das Konzept des kommunikativen Handelns im Rahmen einer Theorie der kommunikativen Kompetenz entwirft. Kommunikatives Handeln kann zwar Habermas zufolge auch nonverbal realisiert werden, wird aber von ihm am Modell des sprachlichen Handelns konzipiert, das damit - wie Bublitz mit Recht hervorhebt - nicht mehr „als abgeleitete Form eines wie immer definierten nicht-sprachlichen Handelns“7 erscheint.8 Vom Konzept des kommunikativen Handelns ausgehend wird anschließend die pragmatische Bedeutungstheorie erläutert, die Habermas aus diesem heraus entwickelt. Schließlich wird die Abgrenzung des verständigungsorientierten kommunikativen vom erfolgsorientierten strategischen Handeln thematisiert und die zentrale These von Habermas verfolgt, dass das verständigungsorientierte Handeln den Originalmodus des Sprachgebrauchs darstellt, zu dem sich die Sprachverwendung in strategischen Handlungszusammenhängen parasitär verhält: „Verständigung wohnt als Telos der menschlichen Sprache inne.“ 9 Abschließend werden in einem Resümee die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und die Möglichkeit der Anschlussfähigkeit der formalen Pragmatik an eine sprachwissenschaftlich orientierte empirische Pragmatik kurz angesprochen.

2. Die Sprachtheorie von Jürgen Habermas

Die formale Pragmatik wird von Habermas als rekonstruktive Wissenschaft verstanden, deren Aufgabe es ist, „universale Bedingungen möglicher Verständigung zu identifizieren und nachzukonstruieren.“10 Habermas spricht auch von den »allgemeinen Voraussetzungen kommunikativen Handelns«, da er den „Typus des auf Verständigung abzielenden Handelns für fundamental“11 hält.12 Indem die formale Pragmatik die Bedingungen und Voraussetzungen sprachlicher Verständigung expliziert, legt sie „das Wissen um die Regeln frei, denen wir im Vollzug von Kommunikation implizit folgen.“13 Habermas bezeichnet dieses implizite vortheoretische Regelbewusstsein als kommunikative Kompetenz, die er von der linguistischen Kompetenz abgrenzt. Unter linguistischer Kompetenz versteht Habermas – in Anlehnung an Chomskys Grammatiktheorie, von der er die Unterscheidung zwischen Performanz und Kompetenz übernimmt14 - die Fähigkeit von kompetenten Sprechern, grammatische Sätze zu bilden und umzuformen. Kommunikative Regelkompetenz zielt dagegen auf das

fundamentale Regelsystem […], das erwachsene Sprecher beherrschen, soweit sie die Bedingungen für eine glückliche Verwendung von Sätzen in Äußerungen erfüllen können – gleichviel welcher Einzelsprache die Sätze angehören und in welche zufälligen Kontexte die Äußerungen jeweils eingebettet sind.15

Zur Beschreibung der kommunikativen Kompetenz greift Habermas – für einen aus der Tradition der Kritischen Theorie stammenden Philosophen ungewöhnlich16 - vor allem auf die von Austin und Searle entwickelte Sprechakttheorie zurück.
Habermas setzt seine Analyse – unter Berufung auf eine von Kanngießer modifizierte Fassung von Searles »principle of expressibility« - an institutionell ungebundenen expliziten Sprechhandlungen der Standardform an, d.h. an Sprechakten der Form »Ich verspreche dir (hiermit), daß ich morgen kommen werde«.17 Sprechakte dieser Art setzen sich aus einem illokutionären und einem propositionalen Bestandteil – in Anlehnung an Watzlawick auch Beziehungs- und Inhaltsaspekt genannt18 - zusammen und werden von Habermas als proportional ausdifferenziert bezeichnet.19 An ihnen lässt sich die charakteristische »Doppelstruktur der Rede« - die „Trennung von zwei kommunikativen Ebenen, auf denen sich Sprecher und Hörer gleichzeitig verständigen müssen“20 – ablesen. Habermas unterscheidet die Ebene der Intersubjektivität, auf der Sprecher und Hörer „durch illokutive Akte die Beziehungen herstellen, die ihnen erlauben, sich miteinander zu verständigen“21 von der Ebene der Erfahrungen und Sachverhalte, über die sie sich verständigen. Mit dieser charakteristischen »Doppelstruktur der Rede« hängt ihm zufolge die der Sprache „innewohnende Reflexivität“22 zusammen, da Sprecher und Hörer, um auf beiden Ebenen kommunizieren zu können, „die Kommunikation eines Inhalts mit der Metakommunikation über den Verwendungssinn des kommunizierten Inhalts vereinigen“23 müssen. Aus dem illokutionären Bestandteil geht dabei hervor, „unter welchem Geltungsaspekt der Sprecher seine Äußerung vor allem verstanden haben möchte.“24 Habermas unterscheidet mit dem Anspruch auf Wahrheit der gemachten propositionalen Aussagen, auf Richtigkeit im Hinblick auf sozial anerkannte Regeln und Normen sowie auf subjektive Wahrhaftigkeit hinsichtlich seiner Absichten drei Geltungsansprüche, die von einem Sprecher in verständigungsorientierter Einstellung mit jeder verständlichen Äußerung erhoben werden.25 Zur Begründung der These, dass im verständigungsorientierten Sprachgebrauch alle drei Geltungsansprüche erhoben werden, verweist Habermas auf drei unterscheidbare Komponenten eines Sprechaktes. Der illokutionäre und propositionale Bestandteil lassen sich an der Standardform eines Sprechaktes – an der »Doppelstruktur der Rede« - ablesen; der expressive Bestandteil hingegen bleibt bei der Standardform in der Regel implizit.26

[...]


1 Vgl. Habermas (1998), S.20; Baynes (1992), S.9; Fultner (1996), S.234; Ferrer (1997), S.9; Klepin (2005), S.38.

2 Habermas (1985b), S.240; vgl. hierzu Gröbl-Steinbach (1992), S.367ff.

3 Habermas (1999), S.360.

4 Vgl. Habermas (1984g), S.69; Habermas (1975), S.327.

5 Vgl. Searle (1973), S.113f.; Searle (1982b), S.188; Apel (1999), S.264.

6 Dass Habermas mit seiner formalen Pragmatik allerdings nicht primär sprachwissenschaftliche Fragestellungen verfolgt, wird von Linguisten - etwa Schlieben-Lange (1979), S.47, Meibauer (1985), S.38 und Weigand (1989), S.62 - oft betont.

7 Bublitz (1994), S.145.

8 Sprachliches Handeln kann allerdings auch strategisches Handeln darstellen, obwohl bei Habermas (1984i), S.405 sprachliches Handeln mit kommunikativem Handeln zusammenfällt; vgl. hierzu Habermas (1984e), S.542; Dorschel (1990), S.224; Brand (1990), S.15.

9 Habermas (1995a), S.387; vgl. Habermas (1984a), S.461; Habermas (1988), S.362; Habermas (1998), S.18; Habermas (2004b), S.111f. Habermas verweist darauf, dass er diese These „einer durch die analytische Philosophie aufgeklärten Lektüre von Humboldt“ (Habermas 1985a, S.173) verdankt. Humboldt bezeichnete „Verständniss“ als den „unmittelbarsten Zweck“ (Humboldt 1972, S.159) der Sprache; vgl. den Hinweis auf die Ähnlichkeit zwischen den Sprachtheorien von Habermas und Humboldt bei Schiller (1990), S.260.

10 Habermas (1984i), S.353. Rekonstruktive Wissenschaften haben nach dem Verständnis von Habermas einen hypothetischen Status: „Sie können nämlich stets auf einer falschen Beispielauswahl beruhen; sie können richtige Intuitionen verdunkeln und verzerren und was noch häufiger ist – Einzelfälle zu stark verallgemeinern“ (Habermas 1983c, S.41). Zur formalen Pragmatik als rekonstruktive Wissenschaft siehe Engel (1998), S.52f.

11 Habermas (1984i), S.353.

12 Siehe hierzu unten S.21ff.

13 Hetzel (2001), S.258.

14 Vgl. Chomsky (1972), S.13f.; Gripp (1984), S.39f. Zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen Habermas und Chomsky siehe Langsdorf (2000), S.25-29 und Edgar (2006), S.131.

15 Habermas (1984i), S.387.

16 Vgl. die Einwände von Marcuse (2005), S.185ff. gegen Austin und die analytische Philosophie.

17 Vgl. Habermas (1984i), S.398ff. Zum »principle of expressibility« siehe Searle (1971), S.34ff. und Kanngießer (1973), S.5.

18 Vgl. Watzlawick/Beavin/Jackson (1971), S.53ff.

19 Vgl. Habermas (1984i), S.400.

20 Ebd., S.406.

21 Ebd.

22 Ebd., S.407.

23 Ebd.; vgl. Habermas (1971a), S.191f.; Habermas (1992c), S.113.

24 Habermas (1995a), S.414; Habermas (1992b), S.80 und S.86.

25 Vgl. Habermas (1983b), S.147; Schützeichel (2004), S.211. Für das Auffinden von Geltungsansprüchen empfiehlt Habermas die „heuristische Frage, in welchem Sinne Sprechhandlungen als ganze negiert werden können“ (Habermas 1992a, S.148; vgl. Habermas 2004b S.112). Habermas (1995a), S.411f. demonstriert diese Methode am Beispiel einer Aufforderung eines Professors an einen Seminarteilnehmer (»Bitte, bringen Sie mir ein Glas Wasser«). Weitere Beispiele sind bei Gelber (2002), S.65 und Eriksen/Weigård (2003), S.36f. zu finden.

26 Vgl. Habermas (1995b), S.97f.; Habermas (1984i), S.426. Wie Beck richtig feststellt, führt Habermas in Was heißt Universalpragmatik? den expressiven Bestandteil „ohne Erklärung etwa seines Verhältnisses zu der Universalität des Wahrheitsanspruches begründet Habermas nun damit, dass dieser mit dem propositionalen Bestandteil gesetzt ist:


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