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Anthropology in the flesh - Implikationen der kognitiven Metaphertheorie von George Lakoff und Mark Johnson für die Ethnologie

Magisterarbeit, 2003, 85 Seiten
Autor: Magister Artium Martin Schneider
Fach: Ethnologie / Volkskunde

Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 85
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 109  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V80305
ISBN (E-Book): 978-3-638-82348-7
ISBN (Buch): 978-3-638-82495-8
Dateigröße: 469 KB

Zusammenfassung / Abstract

Abstract Jeder kennt die suggestive und evokative Kraft, die Metaphern in einem Dialog oder Text haben können. Verwendet jemand gute bildhafte Vergleiche, ist man leichter geneigt, sich von etwas überzeugen zu lassen oder seine Zustimmung zu bekunden. Metaphern genießen somit einen Ruf als sprachliches Stilmittel. Was aber ist, wenn Metaphern nicht als rhetorisches Werkzeug betrachtet werden, sondern als organisierendes Prinzip menschlichen Denkens und Verstehens? Genau mit dieser Fragestellung, welche die Psychologie und die Kognitionsforschung berührt, beschäftigen sich Lakoff und Johnson (1998: 7): „Wer auch immer denkt, strukturiert den Kosmos seines Bedeutungsuniversums durch Metaphern; er denkt über etwas nach, schiebt andere Gedanken beiseite, gibt seinen Ideen eine Form oder hängt sie an einem Punkte auf oder verwendet eine Perspektive. Manchmal sehen wir klar und blicken durch, dann aber tappen wir wieder im Nebel. Ideen sprudeln oder versiegen. Selbst in den harten Wissenschaften spricht man mit Bildgebungen aus körperlicher und sinnlicher Erfahrung von den Schenkeln eines Dreiecks oder vom Zellkern oder vom Atomkern.“1 „Philosophy in the flesh“ ist Titel des dritten Kapitels und gleichzeitig Titel des Buches von Lakoff und Johnson (1999), das nach einem ideengeschichtlichen Rückblick den Hauptbezugspunkt meiner Arbeit bildet. Deshalb werde ich in diesem Kapitel die in dem genannten Buch vorgestellte kognitive Metaphertheorie nicht nur zusammenfassen, sondern auch die neurobiologischen Grundlagen miteinbeziehen, auf die sich ihre Theorie stützt. Im Kapitel „Anthropology in the flesh“ wird die Metaphertheorie auf bereits bestehende ethnologische Theorien angewendet. Darüber hinaus steht die Frage im Vordergrund, welche Konsequenzen eine Epistemologie, die Körper und Geist als Einheit denkt, für die Ethnologie hat. Das ist deshalb so wichtig, weil sich aus einer Erkenntnistheorie das eigene Selbst- und Weltbild ableitet, das wiederum als Verstehensgrundlage fremder Lebenswelten dient. Clifford Geertz fasst unser westliches Selbstbild treffend zusammen: „Die abendländische Vorstellung von der Person(…) erweist sich(…) im Kontext der anderen Weltkulturen als eine recht sonderbare Idee“ (Geertz 1987: 294). Mit dem Schlußkapitel „Rock ’n’ Roll“ möchte ich selbst eine Metapher vorschlagen, welche die Ergebnisse dieser Arbeit illustriert und die als Verständnisgrundlage für ein weniger sonderbares Selbst- und Weltbild dienen könnte.


Textauszug (computergeneriert)

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften

„Anthropology in the flesh“
Implikationen der kognitiven Metaphertheorie von George Lakoff und Mark Johnson
für die Ethnologie

Magisterarbeit
Im Fach Ethnologie

vorgelegt von: Martin Schneider
(Fachsemester 13)

vorgelegt im: Dezember 2003

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 4

2. Geschichtlicher Überblick ... 7

2.1 Kognition/Kognitionswissenschaft ... 7
2.2 Metapher ... 16

3. „Philosophy in the flesh” ... 28

4. „Anthropology in the flesh” ... 42

4.1 Methodische Vorgehensweise ... 42

4.2 Ethnologische Theorien im Licht der kognitiven Metaphertheorie ... 43
4.2.1 Evolutionismus ... 43
4.2.2 Funktionalismus/Strukturfunktionalismus ... 46
4.2.3 Exkurs: Entwicklungspsychologie/JeanPiaget ... 49
4.2.4 Hermeneutische Ansätze/Clifford Geertz und Hans-Georg Gadamer ... 52
4.2.5 Ein poststrukturalistischer Ansatz/Pierre Bourdieu ... 58

4.3 Implikationen bezüglich Methode, Praxis und Selbstverständnis der Ethnologie ... 63

5. „Rock ’n’ Roll“ – Eine Schlussmetapher ... 75

6. Quellennachweise ... 79


1. Einleitung

Seit der Aufklärung zeichnet sich die abendländische Wissenschaftstradition durch eine Erkenntnistheorie aus, die auf einem Subjekt/Objekt-Dualismus beruht und eine Trennung von Körper und Geist annimmt. Es wird eine vom Forscher unabhängig existierende Außenwelt postuliert, die zu erkennen sein Ziel ist. Insbesondere im letzten Jahrhundert wurde diese Auffassung von verschiedenen Disziplinen in Zweifel gezogen. Dies hatte und hat weitreichende Konsequenzen für das gesamte wissenschaftliche Unternehmen. Anhand der kognitiven Metaphertheorie von George Lakoff und Mark Johnson sollen in der vorliegenden Arbeit die Implikationen dieser Entwicklung für die Ethnologie abgesteckt werden.

Jeder kennt die suggestive und evokative Kraft, die Metaphern in einem Dialog oder Text haben können. Verwendet jemand gute bildhafte Vergleiche, ist man leichter geneigt, sich von etwas überzeugen zu lassen oder seine Zustimmung zu bekunden. Metaphern genießen somit einen Ruf als sprachliches Stilmittel. Was aber ist, wenn Metaphern nicht als rhetorisches Werkzeug betrachtet werden, sondern als organisierendes Prinzip menschlichen Denkens und Verstehens? Genau mit dieser Fragestellung beschäftigen sich Lakoff und Johnson (1998: 7):

„Wer auch immer denkt, strukturiert den Kosmos seines Bedeutungsuniversums durch Metaphern; er denkt über etwas nach, schiebt andere Gedanken beiseite, gibt seinen Ideen eine Form oder hängt sie an einem Punkte auf oder verwendet eine Perspektive. Manchmal sehen wir klar und blicken durch, dann aber tappen wir wieder im Nebel. Ideen sprudeln oder versiegen. Selbst in den harten Wissenschaften spricht man mit Bildgebungen aus körperlicher und sinnlicher Erfahrung von den Schenkeln eines Dreiecks oder vom Zellkern oder vom Atomkern.“1

Ich werde hauptsächlich im dritten Kapitel zeigen, wie die Autoren diese Auffassung begründen, das diese Auffassung eine weniger abstrakte Idee von dem liefert, was wir „Geist“ oder „Verstand“ nennen, und dass diese Idee die Körper/Geist-Dualität hinfällig werden lässt.

Zunächst soll aber ein geschichtlicher und philosophischer Rückblick die Entwicklung der Kognitionswissenschaft nachzeichnen und ihren Gegenstandsbereich bestimmen. Welche Stellung die Metapher im Verlauf der Wissenschaftsgeschichte und in der Ethnologie hatte, bildet das Thema des zweiten Abschnittes in Kapitel zwei. Es wird sich zeigen, dass das, was über Kognition und Metaphern gesagt und gedacht wurde und wird, abhängig ist von den erkenntnistheoretischen Grundannahmen, mit denen Wissenschaft betrieben wird. Mit Seitenblicken auf Disziplinen, die der Kognitionswissenschaft verwandt sind und durch Bezug auf entsprechende wissenschaftsgeschichtliche Ereignisse, werde ich die Frage beantworten, warum sich die klassische Erkenntnistheorie der Aufklärung zunehmender Kritik ausgesetzt sah. Am Ende des zweiten Kapitels erfolgt eine Einordnung der kognitiven Metaphertheorie von Lakoff und Johnson in die gegenwärtigen Strömungen der Kognitionswissenschaft.

„Philosophy in the flesh“ ist Titel des dritten Kapitels und gleichzeitig Titel des Buches von Lakoff und Johnson (1999), das den Hauptbezugspunkt meiner Arbeit bildet. Deshalb werde ich in diesem Kapitel die in dem genannten Buch vorgestellte kognitive Metaphertheorie nicht nur zusammenfassen, sondern auch die neurobiologischen Grundlagen miteinbeziehen, auf die sich ihre Theorie stützt. Aus dem Wissen, das im zweiten Kapitel erarbeitet wird, leitet sich jedoch auch eine Unzulänglichkeit dieser Metaphertheorie ab. Worin diese besteht, wird wiederum im Zusammenhang mit erkenntnistheoretischen Überlegungen gegen Ende des dritten Kapitels erörtert.

So bilden die ersten beiden Kapitel die Grundlage für den Hauptteil. In „Anthropology in the flesh“ steht die Frage im Vordergrund, welche Konsequenzen eine Erkenntnistheorie, die Körper und Geist als Einheit denkt, für die Ethnologie hat. Das ist deshalb so wichtig, weil sich aus einer Erkenntnistheorie das eigene Selbst- und Weltbild ableitet, das wiederum als Verstehensgrundlage fremder Lebenswelten dient. Clifford Geertz fasst unser westliches Selbstbild treffend zusammen:

„Die abendländische Vorstellung von der Person als einem fest umrissenen, einzigartigen, mehr oder weniger integrierten motivationalen und kognitiven Universum, einem dynamischen Zentrum des Bewußtseins, Fühlens, Urteilens und Handelns, das als unterscheidbares Ganzes organisiert ist und sich sowohl von anderen solchen Ganzheiten als auch von einem sozialen und natürlichen Hintergrund abhebt, erweist sich, wie richtig sie uns auch scheinen mag, im Kontext der anderen Weltkulturen als eine recht sonderbare Idee“ (Geertz 1987: 294).

Sobald man aber nicht nur Körper und Geist, sondern auch Person und Außenwelt als zusammengehörende und sich gegenseitig bedingende Entitäten auffasst, ist die klassische Epistemologie nicht mehr tragfähig. Dass es empirische Gründe für diese These und auch alternative erkenntnistheoretische Konzeptionen gibt, wird schon in den ersten beiden Kapitel deutlich. Mit diesem Hintergrund ergeben sich eine Reihe von Implikationen, die nicht nur für die Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch für die Zukunft der Ethnologie von großer Wichtigkeit sind. Diese drei zeitlichen Horizonte spiegeln auch die drei Ebenen von „Anthropology in the flesh“ wider, in denen ich einige Konsequenzen und Fragen, die sich aus diesem Hintergrund für die Ethnologie ergeben, erörtern werde:

In den Unterkapiteln 4.2.1 und 4.2.2 werde ich die kognitive Metaphertheorie auf bereits vorhandene ethnologische Theorien anwenden und exemplarisch einige Metapherkomplexe bestimmen, auf denen sie beruhen. Der Exkurs in die Entwicklungspsychologie markiert den Übergang auf die zweite Ebene. Es geht hier nicht mehr darum, Theorien auf ihre metaphorische Konstruktion hin zu analysieren, sondern die Parallelen, Gemeinsamkeiten und Verbindungen zur kognitiven Metaphertheorie herauszuarbeiten. Es wird sich dadurch eine Möglichkeit finden, die Schwächen der Metaphertheorie zu kompensieren. Diese erarbeiteten Teilergebnisse bilden anschließend die Grundlage für die dritte Ebene im Abschnitt 4.3. Was für ein Wissenschafts- und Selbstverständnis der Ethnologie resultiert aus einem alternativen erkenntnistheoretischen Ansatz, der keine absoluten Aussagen mehr über die Welt, geschweige denn über gesicherte Wahrheiten machen kann? Wie kann sich Wissenschaft trotzdem legitimieren, was unterscheidet sie noch von Kunst oder Willkür, und was für einen Nutzen hat sie? Über was und vor allem wie soll man ethnographische Darstellungen anfertigen? Welche methodische und ethische Konsequenzen hätte die ethnologische Praxis unter solchen veränderten Voraussetzungen? So bildet dieses Kapitel den Versuch, einige Vorschläge zur Beantwortung dieser Fragen zu entwickeln.

Mit „Rock ’n’ Roll“ möchte ich selbst eine Metapher vorschlagen, welche die Ergebnisse dieser Arbeit illustriert und die als Verständnisgrundlage für ein weniger sonderbares Selbst- und Weltbild dienen könnte.


2. Geschichtliche Überblicke

2.1 Kognition/Kognitionswissenschaft

Erst in den letzten Jahrzehnten erfuhr der Begriff der „Kognition“ eine gewisse Popularität und fand Eingang in den Jargon verschiedener Wissenschaftsdisziplinen. Was man alles unter dem Begriff, der heute „Kognition“ genannt wird, versteht und wie darüber nachgedacht wurde, möchte ich durch einen philosophiegeschichtlichen Überblick zeigen. Parallel dazu soll die Entwicklung der Kognitionswissenschaft umrissen werden, um einerseits den Begriff „Kognition“ zu erhellen und andererseits ein Verständnis dafür zu liefern, wie die Theorie von Lakoff/Johnson in diese Entwicklung eingebettet ist. Laut Psychologielexikon bedeutet Kognition:

[...]


1 Auch in allen folgenden Zitaten stammen eventuelle Hervorhebungen von den Autoren selbst. Für diesen Fall sei bemerkt, dass die Hervorhebungen in der englischen Ausgabe („Metaphors we live by“) von 1981 fehlen.


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