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Transnationale Migration und die Rhetorik der Entgrenzung

Subtitle: Eine kritische Betrachtung der Entgrenzungsrhetorik in der nordamerikanischen Transnationalismusforschung

Bachelor Thesis, 2007, 32 Pages
Author: Andreas von Känel
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology

Details

Category: Bachelor Thesis
Year: 2007
Pages: 32
Grade: 1
Bibliography: ~ 43  Entries
Language: German
Archive No.: V80430
ISBN (E-book): 978-3-638-83021-8
ISBN (Book): 978-3-638-83281-6
File size: 261 KB

Abstract

Eine neue Perspektive schien in den 1990er Jahren die nordamerikanische Migrationsforschung zu revolutionieren. Die zunehmende Sichtbarkeit vielfältiger Bewegungen von Menschen, Informationen und ökonomischem Kapital über nationalstaatliche Grenzen hinweg, stellte eine zentrale assimilationstheoretische Prämisse in Frage, welche implizit immer noch die Migrationsforschung anleitete: Man stellte nun fest, dass Migration oft nicht als linearer Prozess abläuft, in dessen Verlauf der Herkunftskontext allmählich abgelegt und durch Konfigurationen des Einwanderungslandes ersetzt wird. Die neuen Möglichkeiten in Transport und Kommunikation – in makrotheoretisch ausgerichteten Studien bereits systematisch dokumentiert – schienen die Welt schrumpfen zu lassen. Darüber hinaus wurden seitens verschiedener Herkunftsstaaten Zugeständnisse an die Migranten gemacht, welche diesen mehr Rechte und damit oft einen grösseren Handlungsspielraum einräumten. Eben diese Tatsachen nutzten die Transmigranten auf kreative Weise und entwickelten Strategien, die sich nicht länger ausschliesslich an den Strukturen des Einwanderungslandes orientierten. Noch war kaum abzuschätzen, inwiefern nationalstaatliche Grenzen für die Migranten an Bedeutung verloren. Doch die Vielfalt grenzüberschreitender Beziehungen und Aktivitäten sowie ihre teils spektakulären Auswirkungen wurden gerne als Anzeichen dafür interpretiert, dass die transnationalen Subjekte geschickt auf staatliche und marktwirtschaftliche Zwänge reagierten und diese in vielen Fällen zu untergraben vermochten. Transnationalismus entwickelte sich so rasch zu einem „sexy topic“, wie Mitchell (1997) treffend und nicht ohne Ironie feststellte. Der neue Fokus liess das Forschungsobjekt in einem anderen Licht erscheinen: Der Migrant, der den Push- und Pull-Kräften der Arbeitsmärkte unterworfen war und nach der Ankunft am Grad seiner Assimilation gemessen wurde, transformierte sich nun in einen kreativ handelnden Akteur, dessen Autonomie sich besonders deutlich im Akt der (permanenten) Grenzüberschreitung zeigte. Das Motiv der Entgrenzung zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch die Transnationalismusforschung hindurch und bildet eines der Kernmerkmale zur Distinktion gegenüber anderen Ansätzen.


Excerpt (computer-generated)

BA-Arbeit
Institut für Sozialanthropologie
Universität Bern

“The Tiger May Have already Left the Cage“
(Portes 1997: 20)

Transnationale Migration und die
Rhetorik der Entgrenzung

Eine kritische Betrachtung der Entgrenzungsrhetorik in der
nordamerikanischen Transnationalismusforschung

vorgelegt von: Andreas von Känel

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 3

(A) Angrenzende Diskurse ... 6

2. Komprimierung von Raum und Zeit ... 7
3. Weltsystem und Marginalität der Migranten ... 8
4. Entgrenzte Identitäten ... 9
5. Zusammenfassung A ... 10

(B) Rhetorik der Entgrenzung ... 11

6. Theoretische Prämissen ... 12
6.1 Die Überwindung des methodologischen Nationalismus ... 12
6.2 Gleichzeitigkeit statt Opposition ... 13

7. Transnationale Ökonomie ... 14
7.1 Individuelle und kollektive Rimessen ... 14
7.2 Transnational Entrepreneurship ... 15

8. Transnationale Politik ... 17
8.1 Stärkere Stimme für die Migranten ... 17
8.2 Akteure des Wandels ... 18

9. Zusammenfassung B ... 19

(C) Kritik und Interpretation ... 21

10. Kritik der Entgrenzungsrhetorik ... 22
10.1 Transnationalismus für Alle? ... 22
10.2 Ungleiche Komprimierung von Zeit und Raum ... 23
10.3 Die andere Seite der Hybridität ... 23
10.4 Weitere Kritikpunkte ... 24

11. Interpretationsansätze ... 25
11.1 Fokus auf Entgrenzung ... 25
11.2 Distinktion und Kontrast ... 26
11.3 Ideologie ... 27

12. Zusammenfassung C ... 28

13. Reflexionen ... 29

Bibliographie ... 30


1. Einleitung

Seit den Anfängen der sozialwissenschaftlichen Erforschung von Migration in die USA haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen teils drastisch verändert. Dementsprechend wandelte sich auch der Blick auf Migrationsprozesse. So gerieten die Assimilationsmodelle der Chicago-School in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend mit der Tatsache in Widerspruch, dass soziale Ungleichheiten entlang ethnischer Kategorien trotz Assimilationsbemühungen perpetuiert oder gar verstärkt wurden. Die wissenschaftliche Verarbeitung dieses Widerspruchs brachte zwei unterschiedliche Perspektiven hervor: Theoretiker wie Gordon (1964) versuchten, mit noch differenzierteren Assimilationstheorien den Reduktionismen ihrer Vorgänger zu entkommen. Trotz dieser Rettungsversuche hatte der Autoritätsverlust des Assimilationsansatzes ein Vakuum geschaffen, das eine breite Neuorientierung hin zu Theorien der Pluralisierung beförderte (Han 2006).

Allerdings wurden die Prämissen assimilationstheoretischer Forschung nie gänzlich überwunden. So steht das Moment der (Nicht-)Assimilation bestimmter Migrantengruppen auch bei jüngeren Studien oft im Zentrum. Dabei wird heute in Wissenschaft und Politik eher von Integration als von Assimilation gesprochen. Aber auch dieses vermeintlich neue Konzept deckt sich weitgehend mit hergebrachten Assimilationsvorstellungen.

Eine neue Herangehensweise schien in den 1990er Jahren die nordamerikanische Migrationsforschung zu revolutionieren. Wie bereits 30 Jahre zuvor wurde erneut ein Widerspruch zwischen Theorie und Empirie kreativ verarbeitet. Die zunehmende Sichtbarkeit vielfältiger Bewegungen von Menschen, Informationen und ökonomischem Kapital über nationalstaatliche Grenzen hinweg, stellte eine zentrale assimilationstheoretische Prämisse in Frage, welche implizit immer noch die Migrationsforschung anleitete: Man stellte nun fest, dass Migration oft nicht als linearer Prozess abläuft, in dessen Verlauf der Herkunftskontext allmählich abgelegt und durch Konfigurationen des Einwanderungslandes ersetzt wird. Die neuen Möglichkeiten in Transport und Kommunikation – in makrotheoretisch ausgerichteten Studien bereits systematisch dokumentiert – schienen die Welt schrumpfen zu lassen. Darüber hinaus wurden seitens verschiedener Herkunftsstaaten Zugeständnisse an die Migranten gemacht, welche diesen mehr Rechte und damit oft einen grösseren Handlungsspielraum einräumten. Eben diese Tatsachen nutzten die Transmigranten auf kreative Weise und entwickelten Strategien, die sich nicht länger ausschliesslich an den Strukturen des Einwanderungslandes orientierten. Noch war kaum abzuschätzen, inwiefern nationalstaatliche Grenzen für die Migranten an Bedeutung verloren. Doch die Vielfalt grenzüberschreitender Beziehungen und Aktivitäten sowie ihre teils spektakulären Auswirkungen wurden gerne als Anzeichen dafür interpretiert, dass die transnationalen Subjekte geschickt auf staatliche und marktwirtschaftliche Zwänge reagierten und diese in vielen Fällen zu untergraben vermochten. Transnationalismus entwickelte sich so rasch zu einem „sexy topic“, wie Mitchell (1997) treffend und nicht ohne Ironie feststellte. Der neue Fokus liess das Forschungsobjekt in einem anderen Licht erscheinen: Der Migrant, der den Push- und Pull-Kräften der Arbeitsmärkte unterworfen war und nach der Ankunft am Grad seiner Assimilation gemessen wurde, transformierte sich nun in einen kreativ handelnden Akteur, dessen Autonomie sich besonders deutlich im Akt der (permanenten) Grenzüberschreitung zeigte. Das Motiv der Entgrenzung zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch die Transnationalismusforschung hindurch und bildet eines der Kernmerkmale zur Distinktion gegenüber anderen Ansätzen.
Im Duden findet sich kein Eintrag für den Begriff der Entgrenzung. Das aus dem Westslawischen stammende Wort Grenze (Ebd.: 676) meint a) einen „Geländestreifen der politische Gebilde (Länder, Staaten) trennt“, b) eine „Trennungslinie zwischen Gebieten, die im Besitz verschiedener Eigentümer sind oder sich durch natürliche Eigenschaften voneinander abgrenzen”, oder c) eine „nur gedachte Trennungslinie unterschiedlicher gegensätzlicher Bereiche und Erscheinungen (Stadt-Land)“. Das Präfix ent- (Ebd.: 464) verweist unter anderem darauf, dass etwas wieder rückgängig gemacht wird (z.B. Entbürokratisierung). Zudem drückt es den Gegensatz zu Verben mit dem Präfix be- aus (z.B. begrenzen – entgrenzen).

In Anlehnung an diese Definitionen verwende ich den Begriff der Ent-grenzung in meiner Arbeit nicht als Synonym für Grenzenlosigkeit, sondern im Sinne eines Prozesses, in dessen Verlauf bestehende Grenzen einen Bedeutungsverlust erleiden. Entgrenzung verstehe ich als Hinterfragung und Relativierung von Grenzen; als einen Prozess, welcher nur in seiner Orientierung an der Grenze verstanden werden kann, da er sich auf sie bezieht. Ich werde sowohl territoriale (Definitionen a und b), als auch konzeptuelle Grenzen (Definition c) mit berücksichtigen. Unter letzterem verstehe ich den Bedeutungsverlust ehemals gültiger Grenzen, die nicht Territorien, sondern Konzepte und Ideen voneinander trennen.

Um die Entgrenzungsrhetorik im Transnationalismus nachzuzeichnen und zugleich kritisch zu reflektieren, habe ich die Arbeit in drei Hauptteile aufgegliedert: In einem ersten Teil geht es darum, auf die Einbettung der Transnationalismusforschung in andere gesellschafts- und kulturtheoretische Diskurse hinzuweisen. Anschliessend werde ich nach den theoretischen Prämissen und den konkreten Beschreibungen ökonomischer und politischer Prozesse in der transnationalen Migrationsforschung fragen, um zu skizzieren, wie diese sich selbst und ihren Gegenstand repräsentiert. Am Schluss steht eine Diskussion der Entgrenzungsrhetorik, wobei zugleich Kritik geübt und Erklärungsansätze dargelegt werden sollen.

Diese Arbeit bezieht sich auf die transnationale Migrationsforschung nordamerikanischer Prägung, um eine gewisse Homogenität hinsichtlich des Kontextes und des theoretischen Diskurses zu gewährleisten. Dabei musste ich mich auf einige wichtige Beiträge beschränken: besondere Aufmerksamkeit habe ich Nina Glick Schiller und ihren Mitarbeiterinnen einerseits, sowie Alejandro Portes und seinen Mitarbeitern andererseits geschenkt. Daraus folgt einerseits ein regionaler Schwerpunkt auf den Transnationalismus zwischen Lateinamerika und den USA, andererseits ein thematischer Schwerpunkt auf ökonomische und politische Phänomene. Auf die Unterschiede zur europäischen Transnationalismusforschung (Rogers 2000) werde ich dabei nicht eingehen. Wenn ich also in der Folge über transnationale Migrationsforschung spreche und Generalisierungen vornehme, so ist darunter immer dieses eingeschränkte Feld zu verstehen, mit dem ich mich auseinandergesetzt habe. Schliesslich gilt es noch zu bedenken, dass Verallgemeinerungen über einen Korpus mehrerer Texte und Autoren nicht unproblematisch sind: Erstens bestehen durchaus signifikante Unterschiede zwischen den Perspektiven von Glick Schiller und Portes (Kivisto 2001). Zweitens haben beide im Verlauf der letzten 15 Jahre in Reaktion auf Kritik und neue empirische Daten ihre Ansichten in einzelnen Teilen revidiert und differenziert. Diese Heterogenität werde ich weitgehend ausblenden müssen, um in idealtypischer Weise die Konstanz der Entgrenzungsrhetorik und der euphorischen Inszenierung des Transnationalismus sichtbar zu machen.

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