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Thesis (M.A.), 2005, 172 Pages
Author: M.A. Hendrik Schäfer
Subject: History - Postwar Period, Cold War
Details
Tags: CDU/CSU, Rechtsextremismus, Nachkriegszeit, Vergleich, Entwicklung, Bundesrepublik, Deutschland
Year: 2005
Pages: 172
Grade: 1,6
Bibliography: ~ 335 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-84736-0
ISBN (Book): 978-3-638-84576-2
File size: 636 KB
Untersuchung zur Neuformierung des parteigebundenen Rechtsextremismus in Deutschland und Österreich nach 1945 und den Umgang der christdemokratischen Regierungsparteien mit dieser politischen Erscheinung.
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Abstract
Untersuchung zur Neuformierung des parteigebundenen Rechtsextremismus in Deutschland und Österreich nach 1945 und den Umgang der christdemokratischen Regierungsparteien mit dieser politischen Erscheinung.
Excerpt (computer-generated)
Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Geschichtswissenschaften
Historisches Institut
Magisterarbeit
ÖVP, CDU/CSU und der Rechtsextremismus der Nachkriegszeit (1945-1957)
Ein Vergleich der Entwicklung in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland
Vorgelegt von
Hendrik Schäfer
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
1. Fragestellungen und Literaturlage: ... 4
2. Gliederung der Arbeit: ... 7
B. Die Entwicklung in Österreich zw. 1945-1957
I. Vierte Partei statt vierter Bund (1945-49)
1. Die historische Ausgangsituation am Beginn der Zweiten Republik: ... 10
1.1. Die ÖVP als Neugründung des christlichsozialen Lagers: ... 10
1.2. Zur Situation des Dritten Lagers 1945: ... 15
2. Die Allparteienregierungen und die Auswirkungen der Entnazifizierung: ... 19
3. Das nationale Lager formiert sich neu: ... 25
4. Die Gründung des VdU: ... 33
II. Die Bürgerblock-Option (1949-53)
1. Die Nationalratswahl 1949: ... 39
2. Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungstendenzen: ... 45
2.1. Das Ausbleiben der „Parteireform“ der ÖVP: ... 46
2.2. Das abgewendete Verbot des VdU: ... 50
3. Bundespräsidentenwahl 1951: ... 54
4. „Politik zwischen Bündnis und Inhalierung“: ÖVP und VdU 1952/53: ... 57
4.1. Der Beginn des „Raab-Kamitz-Kurses“ der ÖVP: ... 57
4.2. Die Auswirkungen der österreichischen Amnestiegesetzgebung: ... 62
5. Die Nationalratswahl 1953 und die Intervention Theodor Körners: ... 66
III. Die ÖVP und der Zerfall der „Dritten Kraft“ (1953-57)
1. Der Einfluß der ÖVP bei der Neuformierung des Dritten Lagers: ... 70
2. Die Nationalratswahl von 1956 und die ÖVP/FPÖ-Kooperation bei der Bundespräsidentenwahl 1957: ... 76
Abschließende Zwischenbetrachtung: ... 80
C. Die Entwicklung in der Bundesrepublik zw. 1945-1957
I. CDU/CSU und die Neuformierung des Rechtsextremismus (1945-49)
1. Die Gründung der Unionsparteien: ... 81
2. Die Auswirkungen der Entnazifizierung: ... 88
3. Die parteipolitische Neuformierung des Rechtsextremismus in den Besatzungsjahren: ... 93
4. Die Bundestagswahl 1949: Weichenstellung „Bürgerblock“: ... 9
II. Die Blütezeit der nationalistischen Splitterparteien in der Bundesrepublik (1949-53)
1. Die Integration der NS-Mitläufer durch die Regierung Adenauer: ... 100
2. Analyse des Rechtsextremismus: ... 104
3. Eine „Dritte Kraft“? Die kleineren Bürgerblockparteien und die „große Rechtspartei“: ... 110
4. Die Bundestagswahl 1953: ... 119
III. Adenauers Sammlungskurs (1953-57)
1. Die Absorption der Kleinparteien: ... 121
2. Der Niedergang des Rechtsextremismus: ... 125
Abschließende Zwischenbetrachtung: ... 127
D. Vergleichende Abschlußbetrachtung: ... 129
E. Literaturverzeichnis: ... 144
ÖVP, CDU/CSU und der Rechtsextremismus der Nachkriegszeit (1945 - 57)
Ein Vergleich der Entwicklung in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland
A. Einleitung
Österreich und Westdeutschland waren zwei Nachfolgestaaten des „Dritten Reiches“, die bereits wenige Jahre nach ihrer Gründung mit einem postfaschistischen Rechtsextremismus konfrontiert wurden. Die hier vorliegende – literaturgestützte – Magisterarbeit greift diesen Aspekt der politischen Nachkriegsentwicklung in beiden Ländern auf und verfolgt den Umgang der christdemokratischen Regierungsparteien ÖVP und CDU/CSU mit rechtsextremistischen Kräften im Zeitraum von 1945 bis 1957. Die Arbeit stellt einen Versuch dar, aus einer vergleichenden Perspektive Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der politischen Entwicklung in beiden Ländern herauszuarbeiten und zu benennen. Einen solchen Vergleich im Rahmen einer Magisterarbeit zu vollziehen, erscheint naheliegend, weil er noch nicht unternommen worden ist.
Der Untersuchungsschwerpunkt der Arbeit wurde auf die Entwicklungen in Österreich gelegt, da diese als wenig erforscht und aufgearbeitet zu bezeichnen sind. Die Entwicklung in der frühen Bundesrepublik dagegen ist bereits wesentlich ausführlicher beleuchtet worden. Die Darstellung zur Entwicklung in der Bundesrepublik wurde vor diesem Hintergrund auf die Hervorhebung der zentralen Aspekte begrenzt und stärker gerafft, um eine Basis für das abschließende Vergleichskapitel zu schaffen. Die Entwicklung in Österreich bildet das Untersuchungsobjekt der Arbeit, die in der Bundesrepublik das Vergleichsobjekt.
1. Fragestellungen und Literaturlage
Als Voraussetzung für einen Vergleich ist es von Bedeutung, die historische Entwicklung in Österreich und der Bundesrepublik unter klaren, leitenden Fragestellungen zu analysieren. Gefragt wird deshalb danach, wie sich der Rechtsextremismus der Nachkriegszeit in beiden Ländern herausbildete, auf welche Gruppen in der Gesellschaft er sich stützte und wie ÖVP und CDU/CSU auf den parteipolitisch organisierten Rechtsextremismus reagierten. Der Begriff „Rechtsextremismus“ wird dabei als ein Sammelbegriff verstanden, der eine Reihe politischer Einstellungen und Strömungen umfassen kann, z. B. Militarismus, Nationalismus, Antisemitismus, rassistische und biologistische Theoreme, Streben nach einer der modernen pluralistischen Industriegesellschaft entgegengestellten „Volksgemeinschaft“ bzw. nach autoritären politischen Strukturen und Staatsformen, Glorifizierung des Nationalsozialismus und des Dritten Reiches oder Geschichtsrevisionismus. Für Österreich ist zudem die Leugnung der österreichischen Eigenstaatlichkeit von gesonderter Bedeutung.1
In diesem Zusammenhang erscheint einleitend der Hinweis darauf wichtig, daß sich der von der Politikwissenschaft entwickelte Rechtsextremismus-Begriff mit seinen zentralen Kriterien oftmals nur schwer auf die Entwicklungen im Untersuchungszeitraum anwenden läßt. Dieser Umstand erscheint in der Bundesrepublik bereits bei einem zeitgenössischen Beobachter wie Fritz Rene Allemann. Unter den Verbotsandrohungen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl in Österreich wie in der Bundesrepublik existierten, waren offen rechtsextreme Bestrebungen eine Ausnahme. Vielmehr haben sich diese Strömungen Parteien angegliedert, die – manchmal nur zur Tarnung – ein demokratisches Profil nach außen hin besessen haben. Dies läßt es gerechtfertigt erscheinen, die Untersuchung nicht nur auf rechtsextremistische Splitterparteien zu begrenzen, sondern auch die westdeutschen Bürgerblockparteien DP, BHE und FDP in sie miteinzubeziehen. Für Österreich erscheint dieser Hinweis besonders wichtig, da dort in der Nachkriegszeit mit dem VdU eine Partei mit einem liberalen Programm aufgetreten ist, die jedoch in der politischen Praxis rechtsextreme politische Strömungen in diesem Land absorbierte.
Die Literatur, auf die sich die Arbeit stützt, läßt sich in Darstellungen zur Parteiengeschichte und in Untersuchungen zur institutionellen Aufarbeitung der „Last der Vergangenheit“ differenzieren. Die Forschungslage in Österreich und der Bundesrepublik weist in beiden Aspekten deutliche Unterschiede auf. Nicht nur zu der der Unionsparteien2, auch zur Geschichte des Rechtsextremismus3 in der Bundesrepublik liegt eine wahre Fülle von Darstellungen vor, gleiches gilt hinsichtlich der Entnazifizierung nach 1945 und dem institutionellen Umgang mit dem Nationalsozialismus in der frühen Bundesrepublik.4 Für Österreich bestehen dagegen nach wie vor große Lücken. Zwar hat die „Waldheim-Affäre“ wie die „Reder-Frischenschlager-Affäre“ in den achtziger Jahren die Auseinandersetzung in der österreichischen Zeitgeschichte mit dem „Dritten Reich“ befördert, nach wie vor scheint ihr Schwerpunkt jedoch in der Untersuchung der Geschichte der Ersten Republik zu liegen. Die Literatur zum Austrofaschismus ist wesentlich umfangreicher als diejenige zur Aufarbeitung des Dritten Reiches in der Zweiten Republik. Vor diesem Hintergrund ist zu sehen, daß für die Geschichte der ÖVP zwar beispielsweise die Überblicksdarstellung von Ludwig Reichhold, die Studie zur „Großen Koalition“ von Manfred Rauchensteiner und ein voluminöser von Robert Kriechbaumer herausgegebener Sammelband existieren,5 der neben einem allgemeinen Abriß der Geschichte der ÖVP Aufsätze zu ihren organisatorischen Besonderheiten umfaßt, es jedoch leider keine Studien gibt, die eine Spezialfrage wie den Umgang der Partei mit den Mitläufern des „Dritten Reiches“ aufgreifen. In gewissem Umfang Ausgleich schaffen hier Untersuchungen zur österreichischen Entnazifizierungsbzw. Amnestierungspolitik.6 Die Memoirenliteratur der maßgeblichen ÖVP-Politiker der 50er Jahre betont vorrangig die „christliche Versöhnungspolitik“ gegenüber den „Ehemaligen“, wenn sie sich nicht auf die Darstellung des Weges zum Staatsvertrag beschränken.7 Als gänzlich unerforscht kann nach wie vor die Geschichte der ÖVP-Rechtsabspaltungen „Junge Front“ und „Aktion für politische Erneuerung“ bezeichnet werden. In parteiengeschichtlichen Darstellungen zum VdU sind in dieser Hinsicht wesentlich mehr Informationen zu finden. ÖVP-nahe Darstellungen betonen ebenfalls fast ausschließlich die Versöhnung der Bürgerkriegsgegner von 1934 – Sozialisten und Christlichsoziale – und den Anteil der Partei am Abschluß des Staatsvertrages. Die vorliegende Arbeit stellt vor diesem Hintergrund einen Versuch dar, auf breiter Literaturlage diese Aspekte vertiefend zu bearbeiten.
Als Standartwerk zum österreichischen Rechtsextremismus der Zweiten Republik kann der vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes herausgegebene Sammelband „Rechtsextremismus in Österreich nach 1945“ gelten.8 Mit der Geschichte des VdU beschäftigt sich die Darstellung von Riedlsperger und die ungedruckten Dissertationen von Müller-Klingspor, Stäuber und Grabher, die vorrangig die Entstehung des VdU in ihrem Ablauf rekonstruieren. Aufschlußreicher für die Querbeziehungen zwischen ÖVP und VdU ist die Darstellung des FPÖ-nahen Wiener Historikers Lothar Höbelt, die als einzige der genannten Werke auf breiterer Quellengrundlage beruht, jedoch an vielen Stellen von politischen Präferenzen überformt ist und den Aspekt der rechtsextremen Verstrickung des VdU nahezu komplett ausblendet. Untersuchungen zum VdU unterhalb der Bundesebene fehlen, sieht man von einigen Abschnitten in der Dissertation von Lehmann-Horn zur Kärntner FPÖ ab. Informationen zum Ablauf des Wandels vom VdU zur FPÖ liefert der „offizielle“ FPÖ-Parteihistoriker Piringer.9 Anders als für Deutschland liegt für Österreich jedoch in gewissem Umfang Memoirenliteratur aus dem „nationalen Lager“ vor, sowohl vom „liberalen“ wie vom „nationalen“ Flügel des VdU, die eine interessante Innenperspektive ermöglichen und daher in die Untersuchung eingearbeitet wurden.10 Quelleneditionen, wie sie für Deutschland existieren, fehlen für Österreich.11
2. Gliederung der Arbeit
Um ein möglichst hohes Maß an Vergleichbarkeit zu schaffen, folgen die Kapitel einem gleichen Aufbau, indem der Gesamtuntersuchungszeitraum in drei Phasen (1945-49, 1949-53, 1953-57) differenziert wird.
Betrachtet werden für Österreich und der Bundesrepublik im Zeitraum 1945 - 1949 nach einer kurzen Skizzierung der historischen Ausgangsbedingungen im Jahre 1945 und der Gründungsgeschichte der Parteien zunächst die Prozesse, die in beiden Ländern zur Herausbildung des Nachkriegsrechtsextremismus führten. Gefragt wird danach, worin die Faktoren bestanden, die ihm politische Dynamik verliehen. Es wird zudem versucht, die gesellschaftliche Basis aufzuzeigen, die rechtsextremistische Parteien in zwei jungen Demokratien fanden, die sich bei ihrer Gründung nicht zuletzt auch als Antithese zum „Dritten Reich“ verstanden haben.
In diesem Abschnitt werden für Österreich jene Prozesse analysiert, die nach dem Krieg zur Neuformierung des dortigen „nationalen Lagers“12 führten. Vorangestellt sind einige kurze Anmerkungen zur innenpolitischen Situation in Österreich nach dem Krieg sowie ein kurzer Abriß der Gründungsgeschichte der ÖVP, auf deren eigene Form „vergangenheitspolitischer“ Belastung durch den Austrofaschismus hingewiesen wird. Erörtert wird in diesem Abschnitt darüber hinaus die Einheit von liberalem Programm und rechtsextremer Verstrickung, die – als Ergebnis der historischen Entwicklung – ein traditionelles Kennzeichen des „nationalen Lagers“ in Österreich ist. Im Mittelpunkt dieses Abschnittes steht anschließend die Frage, inwieweit von einem nennenswerten rechtsextremistischen Potential nach 1945 in Österreich gesprochen werden kann und worin seine Quellen lagen. Versucht wird, gesellschaftliches Konfliktpotential zu benennen, wie es in Österreich vor allem im Kontext der sich in schematisierten Formen vollziehenden Entnazifizierung entstand. Nach einigen frühen von den Besatzungsmächten unterbundenen Anläufen wurde eine rechtsextremistische Partei im Nachkriegsösterreich erstmals anläßlich der Nationalratswahl von 1949 in Form des „Verbandes der Unabhängigen“ (VdU) Realität, nachdem die ÖVP den Versuch aufgab, daß sich neu formierende „nationale Lager“ durch einen „vierten Bund“ zu integrieren und statt dessen mit der Jungen Front eine VdU-Konkurrenzorganisation gründete, die ehemalige Nationalsozialisten und frühere Wehrmachtsoldaten für die Partei gewinnen sollte.
Im entsprechenden einleitenden Abschnitt zur Entwicklung in der Bundesrepublik wird die Entwicklung bis zur ersten Bundestagswahl von 1949 verfolgt. Versucht wird, die Hintergründe für die Neuformierung des Rechtsextremismus zu benennen. Thematisiert werden in diesem Zusammenhang ebenfalls die Auswirkungen der Entnazifizierung sowie die sozioökonomischen und politischkulturellen Rahmenbedingungen, die die Neuformierung rechtsextremistischer Parteien begünstigten. Anmerkungen zur Gründungsgeschichte und Gründungsmotiven der Unionsparteien treten hinzu.
Hiervon ausgehend, verfolgt die Untersuchung in einen zweiten Schritt den Umgang von ÖVP und CDU/CSU mit diesen Nachkriegsphänomenen zwischen 1949 und 1953. Dies geschieht aus einer regierungs- wie aus einer parteipolitischen Perspektive. Der Umgang von ÖVP und CDU/CSU mit rechtsextremistischen Kräften auf der Regierungsebene bestand in dieser Phase im wesentlichen aus einer Amnestie- und Integrationspolitik gegenüber den ehemaligen Nationalsozialisten, die – dies betrifft wesentlich stärker die Entwicklung in der Bundesrepublik – von einer Ahndung und Abwehr offen neonazistischer Bestrebungen begleitet wurde. In Österreich erscheint die Phase bis zur Nationalratswahl von 1953 als ein Zeitraum, der von einer vehementen Konkurrenz der Parteien um die Zielgruppe der ehemaligen Nationalsozialisten bestimmt war, die durchaus zu einem verwerflichen „Buhlen um die Ehemaligen“ ausarten konnte. Zwischen 1949 - 1953 etablierte sich im Nachkriegsösterreich – begleitet von der Integration ehemaliger Nationalsozialisten durch die Regierungspolitik der SPÖ/ÖVP-Koalition – mit dem VdU vorübergehend eine rechtsextremistische Partei, die in jener Zeit zwar einerseits ihre größten Wahlerfolge erzielte, sich andererseits aber beständig am Rande eines Verbotes bewegte. Es wird in diesem Abschnitt ferner dargelegt, daß sich im Vorfeld der zweiten Nationalratswahl darüber hinaus, tendenziell dem Modell des Bürgerblocks in der Bundesrepublik vergleichbar, die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung des VdU eröffnete. In der Bundesrepublik wurden CDU und CSU zwischen 1949 und 1953 mit einer „nationalistischen Welle“ konfrontiert, einer kurzen Blütezeit nationalistischer Splitterparteien, die bis zur zweiten Bundestagswahl anhielt, durch das SRP-Verbot und die „Naumann-Affäre“ jedoch im Vorfeld bereits abebbte. Nach der ersten Bundestagswahl zeigten sich bei den Landtagswahlen, aber auch bei Bundestags- und Landtagsnachwahlen die Schwierigkeiten der Unionsparteien, politische Integrationskraft zu entfalten. Thematisiert wird daneben insbesondere die Integration der NS-Mitläufer in die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft durch die Regierungspolitik des „Bürgerblocks“ sowie die Auswirkungen, die diese auf die weitere Entwicklung des Nachkriegsrechtsextremismus in der Bundesrepublik zeigte. Die Arbeit versucht in diesem Zusammenhang auch zu zeigen, daß die christdemokratischen und gemäßigt-konservativen Parteien ÖVP und CDU/CSU durch die Existenz des Nachkriegsrechtsextremismus in jener Phase selbst Veränderungsprozessen unterworfen waren. Vor allem am Beispiel der ÖVP läßt sich dieser Umstand sehr deutlich zeigen. Waren beide Parteien in ihrer Gründungsphase zunächst von einem starken antinationalsozialistischen und christlichen Ethos geprägt, das nicht zuletzt auch ein Erbe des christlichen Widerstandes gegen Hitler war, so veränderten sie durch die Herausforderung, die die Existenz der nationalistischen und rechtsextremistischen Parteien darstellte, nachhaltig ihre Programmatik und ihren politischen Standpunkt.
Im dritten Abschnitt (1953 - 57) werden in kurzer Form die Entwicklungen bis zur Bundestagswahl in der Bundesrepublik bzw. Bundespräsidentenwahl in Österreich von 1957 verfolgt. Diese Phase erscheint in beiden Ländern als ein Zeitraum der parteipolitischen Konsolidierung. In diesem Abschnitt wird für die Bundesrepublik die zunehmende Absorption der kleineren Bürgerblockparteien in die Union umrissen, ein Prozeß, der zugleich von einer Marginalisierung des Rechtsextremismus begleitet wurde. Blickt man auf Österreich, so ließ sich die Nationalratswahl von 1953 durchaus als historische Zäsur betrachten, die die oben genannten ÖVP/VdU-Koalitionsabsichten beendete: Das Veto des österreichischen Bundespräsidenten Theodor Körner verhinderte eine Regierungsbeteiligung des VdU, die von der ÖVP und dem gemäßigtem Flügel des VdU angestrebt wurde. Die Abkehr der ÖVP vom Linkskatholizismus, ihr Kurswechsel hin zum Wirtschaftsliberalismus in der Kanzlerschaft Julius Raabs führte zusammen mit dem österreichischen Staatsvertrag von 1955 sowie der zunehmenden Integration ehemaliger Nationalsozialisten durch die Regierungspolitik der ÖVP/SPÖ-Koalition zum Zerfall des heterogenen VdU, der sich mehr und mehr radikalisierte. Am Endpunkt dieser Entwicklung stand die Gründung der FPÖ, deren Führung mit Anton Reinthaller ein prominenter früherer Nationalsozialist übernahm. Diese Entwicklungen sind im dritten Abschnitt Gegenstand einer differenzierten Betrachtung. Im abschließenden Kapitel D. wird der Versuch unternommen, die Ergebnisse der Arbeit in einer vergleichenden Perspektive zu diskutieren. Dies geschieht auf Basis der einleitend genannten Leitfragen.
[...]
1 Holzer, Willibald I.: Zur wissenschaftlichen Propädeutik des politischen Begriffs Rechtsextremismus. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Rechtsextremismus in Österreich nach 1945, Wien 1981, S. 13-50; Galanda, Brigitte: Ideologie. In: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Rechtsextremismus in Österreich nach 1945, S. 51-135; Winkler, Jürgen R.: Rechtsextremismus. Gegenstand-Erklärungsansätze- Grundprobleme. In: Schubarth, Wilfried/Stöss, Richard (Hrsg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz, Opladen 2001, S. 38-68. Dudek, Peter/Jaschke, Hans-Gerd: Entstehung und Entwicklung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Zur Tradition einer besonderen politischen Kultur. Dokumente und Materialien, 2 Bd., Opladen 1984, Bd.1, S. 21 ff., Pfahl-Traughber, Armin: Rechtsextremismus, Bonn 1993, S. 18ff.
2 An dieser Stelle sollen thematisch hervorgehoben werden: Bösch, Frank: Die Adenauer-CDU. Gründung, Aufstieg und Krise einer Erfolgspartei 1945-1969, Stuttgart/München 2001 (mit dem Schwerpunkt d. Analyse der „Sammlungspolitik“); Gurland, Arcadius R. L.: Die CDU/CSU. Ursprünge und Entwicklung bis 1953, Frankfurt/Main 1980 (ausführlich zum Richtungsstreit in d. frühen CDU); Kleinmann, Hans-Otto: Geschichte der CDU 1945-1982, Stuttgart 1993 (als Überblicksdarstellung); Becker, Winfried: CDU und CSU 1945-1950. Vorläufer, Gründung und regionale Entwicklung bis zum Entstehen der CDU-Bundespartei, Mainz 1987 (als detaillierte Überblicksdarstellung zur Gründungsgeschichte); Buchhaas, Dorothee: Die Volkspartei. Programmatische Entwicklung der CDU 1950-1973, Düsseldorf 1981 (zur Programmgeschichte).
3 Hier seien als Überblicksdarstellungen hervorgehoben: Backes, Uwe/Jesse, Eckhard: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland, 3 Bd., Köln 1989; Benz, Wolfgang (Hrsg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Voraussetzungen, Zusammenhänge, Wirkungen. Frankfurt/Main 1989; Dudek, Peter/Jaschke, Hans-Gerd: Entstehung und Entwicklung des Rechtsextremismus in der Bundesrepublik. Zur Tradition einer besonderen politischen Kultur. Dokumente und Materialien, 2 Bd., Opladen 1984; Jenke, Manfred: Verschwörung von rechts? Ein Bericht über den Rechtsradikalismus in Deutschland nach 1945, Berlin 1961; Plattner, Johann Hubert: Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland, (Diss.) München 1998; Schubarth, Wilfried/Stöss, Richard (Hrsg.): Rechtsextremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Bilanz, Opladen 2001; Stöss, Richard: Die extreme Rechte in der Bundesrepublik. Entwicklung-Ursachen-Gegenmaßnahmen, Opladen 1989; Tauber, Kurt P.: Beyond Eagle and Swastika. German Nationalism since 1945, 2 Bd., Middletown 1967.
4 Zu nennen sind vorrangig Brochhagen, Ulrich: Nach Nürnberg. Vergangenheitsbewältigung und Westintegration in der Ära Adenauer, Hamburg 1994; Frei, Norbert: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NSVergangenheit, München 1996; Kielmansegg, Graf, Peter: Lange Schatten. Vom Umgang der Deutschen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, Berlin 1989; Kittel, Manfred: Die Legende von der >>Zweiten Schuld<<. Vergangenheitsbewältigung in der Ära Adenauer, Frankfurt/Main 1993; Bergmann, Werner/Erb, Rainer/Lichtblau, Albert (Hrsg.): Schwieriges Erbe. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt a. M./New York 1995; Bude, Heinz: Bilanz der Nachfolge. Die Bundesre publik und der Nationalsozialismus, Frankfurt/Main 1992. König, Helmut: Die Zukunft der Vergangenheit. Der Nationalsozialismus im politischen Bewußtsein der Bundesrepublik, Frankfurt/Main 2003.
5 Kriechbaumer, Robert/Schausberger, Franz (Hrsg.): Volkspartei - Anspruch und Realität. Zur Geschichte der ÖVP seit 1945, Wien/Köln/Weimar 1995; Kriechbaumer, Robert: Von der Illegalität zur Legalität. Die ÖVP im Jahr 1945. Politische und geistesgeschichtliche Aspekte des Entstehens der Zweiten Republik, Wien 1985; Reichhold, Ludwig: Geschichte der ÖVP, Graz/Wien/Köln 1975. Im folg. zit.: Reichhold, Geschichte der ÖVP. Reichhold, Ludwig: Die Chance der ÖVP. Anatomie und Zukunft einer Partei, Graz 1972; Rauchensteiner, Manfried: Die Zwei. Die Große Koalition in Österreich 1945-1966, Wien 1987.
6 Stiefel, Dieter: Entnazifizierung in Österreich, Wien/München/Zürich 1981; Botz, Gerhard/Sprengnagel, Gerald (Hrsg.): Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreich-Identität, Waldheim und die Historiker, Frankfurt/New York 1994; Meissl, Sebastian/Mulley, Klaus-Dieter/Rathkolb, Oliver (Hrsg.): Verdrängte Schuld, verfehlte Sühne. Entnazifizierung in Österreich 1945-1955, München 1986; Mizuno, Hiroko: „Die Vergangenheit ist vergessen“. „Vergangenheitsbewältigung“ in Österreich. Die österreichische Amnestiepolitik und die Reintegration der ehemaligen Nationalsozialisten 1945-57, (= ungdr. Diss.) Graz 1999.
7 Maleta, Alfred: Bewältigte Vergangenheit. Österreich 1932-1945, Graz/Wien/Köln 1981; Gorbach, Alfons: Gedanken zur Politik, Wien 1961; Gruber, Hermann: Die Jahre in der Politik. Erinnerungen, Klagenfurt 1982; Raab, Julius: Selbstporträt eines Politikers, Wien/Köln/Stuttgart/Zürich 1964. Am stärksten erscheint dieser Aspekt bei Maleta und Gorbach.
8 Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hrsg.): Rechtsextremismus in Österreich nach 1945, Wien
1981. Daneben existiert auch ein amerikanischer Sammelband: Parkinson, F. (Hrsg.): Conquering the Past: Austrian
Nazism Yesterday an Today, Detroit 1989.
9 Riedlsperger, Max E.: The Lingering Shadow of Nazism: The Austrian Independent Party Movement since 1945, New York 1978. Im folg. zit.: Riedlsperger, Lingering Shadow. Stäuber, Roland: Der Verband der Unabhängigen (VdU) und die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ). Eine Untersuchung über die Problematik des Deutschnationalismus als Einigungsfaktor einer politischen Partei in Österreich seit 1945, (= Diss.) St. Gallen 1974; Müller-Klingspor, Hermann: Die Neubegründung des freiheitlich-nationalen Lagers in Österreich von 1945 bis 1949, (= ungdr. Diss.) Wien 1972. Im folg. zit.: Müller-Klingspor, Neubegründung. Grabher, Günter: Der Liberalismus als Programm. Freiheitliches Denken in Österreich, (= ungdr. Diss.) Salzburg 1992; Höbelt, Lothar: Von der vierten Partei zur dritten Kraft. Die Geschichte des VdU, Graz/Stuttgart 1999. Im folg. zit.: Höbelt, Vierte Partei. Lehmann-Horn, Knut: Die Kärntner FPÖ 1955-1983. Vom Verband der Unabhängigen (VdU) bis zum Aufstieg von Jörg Haider zum Landesparteiobmann, Klagenfurt 1992; Piringer, Kurt: Die Geschichte der Freiheitlichen. Beitrag der Dritten Kraft zur österreichischen Politik, Wien 1982.
10 Für die „Liberalen“: Kraus, Herbert: >Untragbare Objektivität<. Politische Erinnerungen 1917 bis 1987, Wien/München 1988, ferner Reimann, Viktor: Die Dritte Kraft in Österreich, Wien 1980. Im folg. zit.:Reimann, Dritte Kraft. Für die „Nationalen“: Stüber, Fritz: Ich war Abgeordneter. Die Entstehung der freiheitlichen Opposition in Österreich, Graz/Stuttgart 1974; Langoth, Franz: Kampf um Österreich. Erinnerungen eines Politikers, Wels 1951; Kern[meyr], Erich: Das harte Leben, Wels 1950.
11 Eine Ausnahme stellt dar: Schausberger, Franz/Steinkellner, Friedrich (Hrsg.): Protokolle der Landesparteitage der Salzburger ÖVP, 2 Bd., Salzburg 1986.
12 Nach der klassischen „Drei-Lager-Theorie“ von Adam Wandruszka ist das im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstandene österreichische Parteiensystem durch die Herausbildung dreier politischer Grundströmungen geprägt worden, dem sozialdemokratischen, dem katholisch-konservativem und dem deutschnationalen, „Drittem Lager“. Vgl. Wandruszka, Adam: Österreichs politische Struktur. Die Entwicklung der Parteien und politischen Bewegungen. In: Benedikt, Heinrich (Hrsg.): Geschichte der Republik Österreich, München 1954, S. 289-486. Im folg. zit.: Wandruszka, Politische Struktur. Da diese Klassifizierung v. der Zeitgeschichtsforschung übernommen worden ist, wird sie auch dieser Arbeit zugrunde gelegt.
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