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Chinesische Wirtschaftsethik und der Geist des Kapitalismus

Subtitle: Max Weber und die Sozialistische Marktwirtschaft in der VR China

Scholary Paper (Seminar), 2007, 19 Pages
Author: Christian Spiegelberg
Subject: Orientalism / Sinology - General

Details

Event: Landeskunde 1
Institution/College: University of Marburg
Tags: Chinesische, Wirtschaftsethik, Geist, Kapitalismus, Landeskunde
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2007
Pages: 19
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 12  Entries
Language: German
Archive No.: V82129
ISBN (E-book): 978-3-638-88679-6

File size: 236 KB

Abstract

Max Webers (1864-1920) Werk “Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie” wurde bereits 1920 publiziert. In dieser klassischen Studie arbeitet Weber die Rolle, die der Protestantismus für die Entstehung des “modernen” Kapitalismus darstellte, heraus. Um diese These zu prüfen, untersuchte er auch die Zusammenhänge, welche zwischen den anderen “Weltreligionen”, darunter dem Konfuzianismus, und der jeweiligen “Wirtschaftsethik” bestanden. Jedoch konnte Weber nirgendwo eine solch einzigartige kapitalistische Struktur wiedererkennen, wie sie sich in Europa herausgebildet hatte. Der dabei entstandene Wissensfundus über den Konfuzianismus und über China, dem Kernland, in dem sich diese Ideen ursprünglich verbreiteten, prägte das Konfuzianismusbild in Europa grundlegend. Bis in die sechziger Jahre hinein war die Meinung vorherrschend, dass die chinesische Tradition einem nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung im Wege stehe. Heute beherrscht ein anderes Bild die Öffentlichkeit. Seit dreißig Jahren verzeichnet China zweistellige Wirtschaftswachstumsraten und stieg so von einem Entwicklungsland zu einer der größten Volkswirtschaften der Erde auf. Zur Erklärung dieses einmaligen wirtschaftlichen Erfolges wird heute erstaunlicherweise die chinesische Kultur herangezogen. Die unter kommunistischer Herrschaft lange Zeit verpönten ur-konfuzianischen Werte wie Disziplin, Pflichtbewußtsein oder Familienzusammenhalt erfreuen sich großer Beliebtheit bis weit hinein in die chinesische Führungsschicht. Einige Beobachter sprechen gar vom “konfuzianischen Kapitalismus”.


Excerpt (computer-generated)

Philipps-Universität Marburg
FB 06: Geschichte und Kulturwissenschaften
Fachgebiet Sinologie
Wintersemester 2006/2007

PS: Landeskunde China I

Chinesische Wirtschaftsethik und der Geist des Kapitalismus

Max Weber und die Sozialistische Marktwirtschaft in der VR China

von

Christian Spiegelberg

Diplom Soziologie

5. Semester

 

 

Gliederung

I. Einleitung  3

II. Max Webers Wirtschaftsethik des Konfuzianismus  4

1. Protestantische Ethik und Geist des Kapitalismus  5
2. Konfuzianische Ethik  6

A. Literatenstand  6
B. Patrimonialismus  7
C. Orthodoxie und Heterodoxie  8
D. Konfuzianische Rationalität  

3. Kritische Würdigung  10

III. Wirtschaftliche Entwicklung in Südostasien  

IV. Konfuzianischer Kapitalismus  13

V. Fazit  17

VI. Literaturangabe  18

 

 

I. Einleitung

Max Webers (1864-1920) Werk “Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie”1 wurde bereits 1920 publiziert. In dieser klassischen Studie arbeitet Weber die Rolle, die der Protestantismus für die Entstehung des “modernen” Kapitalismus darstellte, heraus. Um diese These zu prüfen, untersuchte er auch die Zusammenhänge, welche zwischen den anderen “Weltreligionen”, darunter dem Konfuzianismus, und der jeweiligen “Wirtschaftsethik” bestanden. Jedoch konnte Weber nirgendwo eine solch einzigartige kapitalistische Struktur wiedererkennen, wie sie sich in Europa herausgebildet hatte.

Der dabei entstandene Wissensfundus über den Konfuzianismus und über China, dem Kernland, in dem sich diese Ideen ursprünglich verbreiteten, prägte das Konfuzianismusbild in Europa grundlegend. Bis in die sechziger Jahre hinein war die Meinung vorherrschend, dass die chinesische Tradition einem nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung im Wege stehe.2 Heute beherrscht ein anderes Bild die Öffentlichkeit. Seit dreißig Jahren verzeichnet China zweistellige Wirtschaftswachstumsraten und stieg so von einem Entwicklungsland zu einer der größten Volkswirtschaften der Erde auf. Zur Erklärung dieses einmaligen wirtschaftlichen Erfolges wird heute erstaunlicherweise die chinesische Kultur herangezogen. Die unter kommunistischer Herrschaft lange Zeit verpönten ur-konfuzianischen Werte wie Disziplin, Pflichtbewußtsein oder Familienzusammenhalt erfreuen sich großer Beliebtheit bis weit hinein in die chinesische Führungsschicht. Einige Beobachter sprechen gar vom “konfuzianischen Kapitalismus”3.

Im Folgenden soll Webers Studie rezensiert werden, um so herauszuarbeiten, was nach Webers Meinung die Herausbildung des Kapitalismus in China verhinderte. Anschließend sollen die Erklärungsansätze, welche Chinas heutigen Aufschwung auf die konfuzianische Tradition zurückführen, auf deren Vereinbarkeit mit der Studie Webers hin betrachtet werden, sowie deren Kritiker zu Wort kommen. Dabei soll die These vertreten werden, dass Erklärungsmuster, welche auf konfuzianische Werte für den wirtschaftlichen Aufschwung zurückgreifen, keineswegs im Gegensatz zu Webers Analysen stehen, allerdings Gefahr laufen, zur Legitimation autoritärer Herrschaft missbraucht zu werden.

II. Max Webers Wirtschaftsethik des Konfuzianismus 

Max Weber zeigt sich in “Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie” erstaunt darüber, dass “gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch – wie wenigstens wir uns gern vorstellen – in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen”4. Die Aufzählung dieser reicht über die Art der Wissenschaft, der Kunst, die Größe und Bedeutung des Beamtenapparates, sowie der parlamentarischen Demokratie und endet mit der “schicksalsvollsten Macht unseres modernen Lebens: dem Kapitalismus”5. Weber umschreibt das speziell okzidentale Wesen, als durch eine “rational-kapitalistische Organisation von (formell) freier Arbeit”, einer “Trennung von Haushalt und Betrieb”, sowie einer “rationale[n] Buchführung” gekennzeichnet6, weshalb er vom modernen, rationalen, “bürgerlichen Betriebskapitalismus”7 spricht. 

Zentrale Bedeutung hat dabei der Begriff der Rationalisierung. Unter Rationalisierung versteht Weber eine menschengemachte Ordnung, Systematisierung und Umgestaltung. Dabei kann man nicht von der einen Rationalisierung sprechen. Was aus der einen Sicht rational erscheint, wirkt aus einer anderen Perspektive irrational. Eine Rationalisierung hängt immer mit einem speziellen Ziel zusammen. Woher solche Ziele stammen, vor allem im Hinblick auf das wirtschaftliche Handeln der Individuen, interessiert Weber. Soziales Handeln, also jedes bewusste Handeln eines Mensch, das sich an einem anderen orientiert, findet in Bezug auf einen übergeordneten Sinnzusammenhang statt. Diesen Sinnzusammenhang bezeichnet Weber als legitime Ordnung. Legitime Ordnungen existieren so lange, wie es Menschen gibt, die an diese glauben und ihr Handeln an ihnen orientieren. Dies können beispielsweise Gesetze oder aber auch ganze religiöse Systeme mit all ihren Ritualen und Heilsversprechungen sein. Menschliches Handeln orientiert sich zumeist jedoch nicht nur an einer, sondern meist an einer Vielzahl von Ordnungen. Diese können sich sogar einander widersprechen. Wesentlich bleibt hier festzuhalten, dass in der alltäglichen Praxis solche Ordnungen miteinander in Wechselwirkung stehen und somit auch religiöse Ordnungen, die sich auf einen festen Kanon an Schriften berufen, an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten, sogar bei jedem einzelnen Individuum eine andere alltägliche Praxis hervorbringen. Der Mensch gestaltet viele seiner Handlungen also rational in Bezug auf eine oder mehrere dieser Ordnungen. Rationalität hat es in allen Kulturkreisen zu allen Zeiten gegeben, aber das Ziel der Rationalisierung und damit die Grenzen des Handelns unterschieden sich. Weber merkt an, dass in der Vergangenheit diese Ziele wesentlich bestimmt waren durch die religiösen Vorstellungen der Menschen.8

[....]


1 Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Tübingen: Mohr 1920. Bd. 1. Nachdruck, 1988

2 Shmuel Noah Eisenstadt, “Über die Beziehung zwischen Konfuzianismus, Entwicklung und Modernisierung”. in Krieger, Silke, Trauzettel, Rolf (Hg.), Konfuzianismus und die Modernisierung Chinas. Mainz: v. Hase & Koehler 1990, S. 444

3 Beispielsweise in: Yergin, Daniel, Stanislaw, Joseph, Staat oder Markt. Die Schlüsselfrage unseres Jahrhunderts. Übersetzt aus dem Englischen von Andreas Simon, The commanding heights. Frankfurt/Main; New York: Campus 199, S. 237

4 Max Weber (1988), S. 1

5 Max Weber (1988), S. 4

6 Max Weber (1988), S. 7f.

7 Herv. d. A., Max Weber (1988), S. 10

8 vgl. hierzu Max Weber (1988), S. 12


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