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Scholary Paper (Seminar), 2007, 32 Pages
Author: Sara Stöcklin
Subject: Philosophy - Philosophy of the Ancient World
Details
Institution/College: University of Basel (Theologische Fakultät)
Tags: Familiariter, Seneca, Sklaverei, Philemon, Sklaventexte
Year: 2007
Pages: 32
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 28 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-88794-6
ISBN (Book): 978-3-638-88842-4
File size: 208 KB
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Abstract
Nur schwer lässt sich im Zeitalter institutionalisierter Menschenrechte ein soziales Gefüge vorstellen, in dem philosophische Debatten über Wesen und Menschlichkeit von Sklaven geführt wurden. Obwohl oder gerade weil seit der Ära staatlich sanktionierter Sklaverei noch keine zwei Jahrhunderte vergangen sind, bewerten wir grosse Denker der Vergangenheit gerne anhand ihrer gesellschaftlich-sozialen Progressivität. Übertragen wir diese Ansprüche jedoch auf die römische Antike, so verhindern sie historisches Verständnis. Die damalige Selbstverständlichkeit der Sklaverei und nicht vorhandene Infragestellung ihrer Legitimität beruhte auf der Macht jahrhundertelanger Gewohnheit und Tradition. Die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen liessen die Institution der Sklaverei so natürlich erscheinen wie die der Familie oder des Staates. Bezeichnend ist, dass der Sklave als fester Bestandteil der Gesellschaft kaum je als solcher zum Gegenstand besonderer Reflexion wurde. Während philosophische Abhandlungen der Akademiker, Stoiker und Epikureer kein ethisch relevantes Thema ausliessen, zeitigte die historische Forschung bis heute keine spezifische Literatur peri douleias oder peri doulon im Altertum. Umso beachtlicher ist es, dass sich der Philosoph Seneca in der frühen Kaiserzeit gleich an zwei Stellen seiner Werke ausschliesslich und eingehend mit der Stellung und Behandlung von Sklaven auseinandergesetzt hat. Als einziger römischer Schriftsteller fühlte er sich gedrängt, zum selten erörterten Verhältnis zwischen Herren und Sklaven Stellung zu nehmen. Obwohl auch er das System als solches nicht grundsätzlich hinterfragte, ging er in seinen Forderungen nach mehr Menschlichkeit über die zeitgenössische Gesetzgebung und übliche Praxis hinaus. In der folgenden Arbeit sollen seine Aussagen zur Sklaverei und zum Umgang mit Sklaven zusammengetragen, systematisiert und diskutiert werden. In einem ersten Teil werden Senecas Leben und Werk sowie die sozial- und philosophiegeschichtlichen Hintergründe zusammengefasst, um dann im zweiten Teil die wesentlichen Aspekte seiner Lehre herauszuarbeiten. Im letzten Teil sollen seine Ausführungen auf ihre Ursache, Kohärenz, Auswirkung und Motivation hin untersucht werden.
Excerpt (computer-generated)
„familiariter cum servis vivere“ - Seneca über Sklaverei
von
Sara Stöcklin-Kaldewey
Semester: 9, am 6. März 2007
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung... 1
2. Hintergründe... 2
2.1. Leben, Lehre und Werk Senecas... 2
2.2. Sklaverei in der Beurteilung antiker Philosophie... 4
2.3. Die Situation der Sklaven im antiken Rom... 7
3. Seneca über Sklaverei... 10
3.1. Äussere Versklavung, innere Freiheit... 11
3.2. Äussere Freiheit, innere Versklavung... 15
3.3. Umgang mit Sklaven... 17
4. Kritik... 22
4.1. Warum keine äusserliche Abschaffung der Sklaverei?... 22
4.2. Gibt es eine Nachwirkung Senecas in der Gesetzgebung?... 23
4.3. Senecas Motive... 25
5. Schluss... 28
Bibliographie... 29
1. Einleitung
Nur schwer lässt sich im Zeitalter institutionalisierter Menschenrechte ein soziales Gefüge vorstellen, in dem philosophische Debatten über Wesen und Menschlichkeit von Sklaven geführt wurden. Obwohl oder gerade weil seit der Ära staatlich sanktionierter Sklaverei noch keine zwei Jahrhunderte vergangen sind, bewerten wir grosse Denker der Vergangenheit gerne anhand ihrer gesellschaftlich-sozialen Progressivität. Übertragen wir diese Ansprüche jedoch auf die römische Antike, so verhindern sie historisches Verständnis. Die damalige Selbstverständlichkeit der Sklaverei und nicht vorhandene Infragestellung ihrer Legitimität beruhte auf der Macht jahrhundertelanger Gewohnheit und Tradition. Die wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen liessen die Institution der Sklaverei so natürlich erscheinen wie die der Familie oder des Staates. Bezeichnend ist, dass der Sklave als fester Bestandteil der Gesellschaft kaum je als solcher zum Gegenstand besonderer Reflexion wurde. Während philosophische Abhandlungen der Akademiker, Stoiker und Epikureer kein ethisch relevantes Thema ausliessen, zeitigte die historische Forschung bis heute keine spezifische Literatur [griechische Schriftzeichen in der Downloaddatei vorhanden] oder [griechische Schriftzeichen in der Downloaddatei vorhanden] im Altertum.1 Umso beachtlicher ist es, dass sich der Philosoph Seneca in der frühen Kaiserzeit gleich an zwei Stellen seiner Werke ausschliesslich und eingehend mit der Stellung und Behandlung von Sklaven auseinandergesetzt hat. Als einziger römischer Schriftsteller fühlte er sich gedrängt, zum selten erörterten Verhältnis zwischen Herren und Sklaven Stellung zu nehmen.2 Obwohl auch er das System als solches nicht grundsätzlich hinterfragte, ging er in seinen Forderungen nach mehr Menschlichkeit über die zeitgenössische Gesetzgebung und übliche Praxis hinaus. In der folgenden Arbeit sollen seine Aussagen zur Sklaverei und zum Umgang mit Sklaven zusammengetragen, systematisiert und diskutiert werden. In einem ersten Teil werde ich Senecas Leben und Werk sowie die sozial- und philosophiegeschichtlichen Hintergründe zusammenfassen, um dann im zweiten Teil die wesentlichen Aspekte seiner Lehre herauszuarbeiten. Im letzten Teil sollen seine Ausführungen auf ihre Ursache, Kohärenz, Auswirkung und Motivation hin untersucht werden.
2. Hintergründe
2.1. Leben, Lehre und Werk Senecas3
Lucius Annaeus Seneca der Jüngere war Philosoph, Literat, Politiker und Lehrer Neros. Er wurde um 4 v. Chr. als zweiter Sohn begüterter Eltern in Córdoba geboren. Sein Vater, Seneca der Ältere, gehörte dem ordo equester an und war erfolgreicher Rhetor, sein Bruder Gallio hatte zeitweise das Amt des Prokonsuls in Achaia inne, wo er gemäss der Apostelgeschichte um 53 n. Chr. Paulus von Tarsus begegnete.4 Schon als Kind reiste Seneca nach Rom und wurde in Rhetorik und stoischer Philosophie ausgebildet. Seine Jugend war einerseits geprägt von einem asthmatischen Leiden, das ihn immer wieder mit dem Gedanken spielen liess, Selbstmord zu begehen, andererseits von seinem Bemühen, der stoischen Lehre durch einen asketischen Lebensstil gerecht zu werden. Während sich seine Gesundheit durch eine Reise ins ägyptische Alexandria verbesserte, führten ihn seine philosophischen Überlegungen im Erwachsenenalter zu der Annahme, dass ein massvoller und vernünftiger, nicht aber notwendigerweise spärlicher Umgang mit äusseren Gütern dem Leben eines Weisen entsprach. In der Folge entwickelte er zunehmend einen „pragmatischen“ Stil, der ihm in seiner Beamtenlaufbahn nützlich war, jedoch immer wieder den Vorwurf der Hypokrisie einbrachte.5
Erfolge als Redner und Schriftsteller verhalfen ihm indes bald zu einem Sitz im Senat. Womöglich waren es eben diese Erfolge, die dazu führten, dass sich sein Verhältnis zu den amtierenden Kaisern stets schwierig gestaltete. So drohte ihm im Jahre 39/40 die Hinrichtung unter Kaiser Caligula, weil er dessen Zorn mit einer guten Rede auf sich gezogen hatte. 41. n. Chr. wurde er unter Claudius des Ehebruchs bezichtigt und nach Korsika verbannt, wo er sich in Folge der Naturforschung und Philosophie widmete. Erst acht Jahre später holte ihn Agrippina, die neue Frau des Claudius, als Erzieher ihres Sohnes Nero nach Rom zurück. Zusammen mit dem Präfekten Sextus Afranius Burrus wurde Seneca nach Neros Thronbesteigung im Jahre 54 kaiserlicher Berater. De facto führte er über Jahre weitgehend die Staatsgeschäfte für Nero. Als sich dieser unter dem Einfluss seiner Geliebten Poppaea Sabina zu „emanzipieren“ begann, verschlechterte sich das Verhältnis zunehmend. Schliesslich trat Seneca freiwillig von seinem Posten zurück und bemühte sich, fortan in unauffälliger Zurückgezogenheit zu leben. Dies gelang ihm nur drei Jahre lang. Im Jahre 65 wurde Seneca unter dem Verdacht, an einer Verschwörung zur Ermordung des Kaisers teilgenommen zu haben, zum Selbstmord verurteilt. In Anwesenheit seiner Freunde öffnete sich der Philosoph die Pulsadern und trank, wie schon Sokrates, Gift aus dem Schierlingsbecher. Als dieses nicht schnell genug wirkte, brachten die Soldaten ihn ins Dampfbad, wo er erstickte.
Das Werk Senecas gibt in vielerlei Hinsicht Zeugnis von seiner Biografie. So schrieb er etwa für und im Hinblick auf Nero mehrere Ratgeber wie De clementia, in dem der Herrscher aufgerufen wird, Milde walten zu lassen. Die Trostschriften De consolatione ad Marciam, De consolatione ad Polybium und Ad Helviam matrem zeugen von Senecas Auseinandersetzung mit dem Tod, die Naturales quaestiones sind das Resultat seiner Naturforschung während des Exils. Sein wichtigstes und umfangreichstes philosophisches Werk jedoch sind die Epistulae morales ad Lucilium, die er in den letzten, zurückgezogenen Jahren seines Lebens schrieb und in denen er seine Lehre zusammenfasste. Mit der Philosophie verband er, so wird in seinen Schriften immer wieder deutlich, in erster Linie die praktische Lebensführung des Weisen [proficiens]:
„Nicht ist die Philosophie eine Allerweltskunst noch für die Zurschaustellung geeignet: nicht auf Worten beruht sie, sondern auf Handlungen […]. Sie formt und prägt den Geist, ordnet das Leben, regelt die Handlungen, zeigt, was man tun und lassen muss, sitzt am Steuerruder, und durch die Gefahren der Fluten lenkt sie den Kurs.“ (Ep. 16,3)
Als einer der wichtigsten Vertreter der römischen Stoa neben Mark Aurel und Epiktet hatte er den Anspruch, für sich selbst und andere mittels ethischer Unterweisung den Weg zum guten Leben aufzuzeigen. Noch stärker als bei den griechischen Stoikern stand dabei der gute Wille, also eine Gesinnungsethik, im Vordergrund. Die Grundsätze praktischer Philosophie nach Seneca lassen sich dennoch entsprechend der Stoa im Streben nach innerer Freiheit, der Indifferenz gegenüber Äusserlichkeiten und der Kontrolle über die Affekte durch stetige Selbstprüfung zusammenfassen. In der dahinter stehenden Erkenntnistheorie spielt der Begriff der fortuna eine zentrale Rolle. Als Stoiker glaubte Seneca an eine allumfassende kosmische Ordnung, die sich in den Begriffen Gott, Weltvernunft, All oder Natur fassen lässt.6 Die menschliche Gemeinschaft ist Teil dieser Ordnung und gleicht einem Haus aus Steinen, die sich gegenseitig stützen und eine Einheit bilden (vgl. Ep. 95,53)7. Das Schicksal weist dem Menschen seinen Platz in diesem „Haus“ zu, den er akzeptieren und von dem aus er seine Bestimmung erfüllen muss. Seine Bestimmung besteht darin, gemäss seiner menschlichen Natur als vernunftbegabtes und soziales Wesen zu leben und zu handeln. Nicht die Gunst oder Missgunst der fortuna führt zum Glück, sondern die Erfüllung dieser Bestimmung.8 Obwohl sich Seneca selbst klar der Schule der Stoa zuordnete, blickte er gerne über den eigenen Tellerrand und liess sich häufig von anderen Philosophen, insbesondere Epikur, inspirieren:
„Ich pflege nämlich auch in fremde Lager überzugehen, nicht als Deserteur, sondern als Spion.“ (Ep. 2,5)
2.2. Sklaverei in der Beurteilung antiker Philosophie
[...]
1 Vgl. Richter 1958, S.198
2 Vgl. ebd., S. 199
3 Nach Giebel 1997
4 Diese Verbindung wurde mit dem Aufstieg des Christentums hervorgehoben, als es darum ging, einem fiktiven Briefwechsel zwischen Paulus und Seneca Glaubwürdigkeit zu verleihen. Mit dem Briefwechsel aus dem 4. Jahrhundert wurde Seneca in die Nähe des Christentums gerückt und die weitere Rezeption seiner Werke legitimiert.
5 Vgl. Abschnitt 4.3.
6 Vgl. Schirok 2005, S.227
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. ebd., S. 226
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