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Scholary Paper (Seminar), 2007, 19 Pages
Author: Walter Wolf
Subject: Politics - International Politics - General
Details
Institution/College: Carl von Ossietzky University of Oldenburg
Tags: Märtyrertum, Islam, Charakteristika, Selbstmordterrorismus, Globalisierung, Kriege
Year: 2007
Pages: 19
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 12 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-88974-2
File size: 101 KB
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Abstract
Zeitgeschichtlich gesehen, ist das Selbstmordattentat ein seltenes Phänomen. Zwar haben sich die Assassinen, Angehörige einer islamischen Sekte im Nahen Osten, schon im 12. Jahrhundert selbst geopfert, um Gegner, wie etwa die Kreuzritter, auszuschalten, doch die spezifische Kombination aus Selbst- und Massenmord ist eher eine Erscheinung der vergangenen 20 Jahre. Beinahe täglich werden im Nahost-Konflikt aber auch in anderen Ländern Selbstmordanschläge verübt und zahlreiche Menschen in den Tod gerissen. Mit dem Märtyrertod versprechen sich die Selbstmordattentäter einen direkten Eintritt in das Paradies. Die Form des Selbstmordattentats ist eine außerordentlich komplexe Erscheinung, die geschichtliche, religiöse, ideologische aber auch individuelle Komponenten aufweist. Im Rahmen dieser Arbeit soll zuallererst das Verständnis vom Märtyrertum und vom Paradies erarbeitet werden, woraufhin überprüft wird, wie der Selbstmord im Islam interpretiert wird um das Phänomen des Selbstmordterrorismus zu verstehen. Wie oft angenommen, werden Selbstmordattentate als Ausdruck einer gewaltorientierten Religion wahrgenommen. Die Religion wird allerdings bei der Rechtfertigung von Selbstmordterrorismus lediglich als Vorwand genommen. Dabei stellt sich die Frage, wie sie bewusst von Islamisten instrumentalisiert und zu Legitimationszwecken missbraucht wird? Es macht also Sinn einen weiteren Blick auf das Phänomen des Selbstmordterrorismus zu werfen und seine Gründe und Entstehungszusammenhänge zu analysieren – woraus erwächst der Selbstmordterrorismus und was dient ihm als Nährboden? Gibt es ein bestimmtes Täterprofil? Und was sind die Motivations-merkmale von Selbstmordattentätern? Die vorliegende Arbeit orientiert sich dabei im Wesentlichen auf vier Bücher und einen Aufsatz zum Thema Märtyrertum und Selbstmordterrorismus. Nichtsdestotrotz bleiben aber auch andere neuere wissenschaftliche Untersuchungen nicht ohne Berücksichtigung. Im Rahmen dieser Arbeit konnte leider nicht auf alle Dimensionen des Selbstmordterrorismus eingegangen werden, sondern mussten Schwerpunkte gesetzt werden, die es genau zu untersuchen galt. Überwiegend wird der Selbstmordterrorismus in den palästinensischen Gebieten behandelt.
Excerpt (computer-generated)
Märtyrertum im Islam - Charakteristika des Selbstmordterrorismus
von
Walter Wolf
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung... 1
2. Begriffsbestimmung des „Märtyrertums“... 2
2.1 Die Versuchung des Paradieses... 3
2.2 Selbstmord im Islam... 4
3. Analyse der Gründe und Entstehungszusammenhänge für Selbstmordterrorismu... 4
3.1 Denkmodell der Islamisten im Bezug auf Selbstmordterrorismus... 9
3.2 Täterprofil und die Motivation von Selbstmordattentätern... 11
3.3 Die Macht der Medien... 15
4. Ergebnis... 15
5. Literaturverzeichnis... 17
1. Einleitung
Zeitgeschichtlich gesehen, ist das Selbstmordattentat ein seltenes Phänomen. Zwar haben sich die Assassinen, Angehörige einer islamischen Sekte im Nahen Osten, schon im 12. Jahrhundert selbst geopfert, um Gegner, wie etwa die Kreuzritter, auszuschalten, doch die spezifische Kombination aus Selbst- und Massenmord ist eher eine Erscheinung der vergangenen 20 Jahre. Beinahe täglich werden im Nahost-Konflikt aber auch in anderen Ländern Selbstmordanschläge verübt und zahlreiche Menschen in den Tod gerissen. Mit dem Märtyrertod versprechen sich die Selbstmordattentäter einen direkten Eintritt in das Paradies. Die Form des Selbstmordattentats ist eine außerordentlich komplexe Erscheinung, die geschichtliche, religiöse, ideologische aber auch individuelle Komponenten aufweist. Im Rahmen dieser Arbeit soll zuallererst das Verständnis vom Märtyrertum und vom Paradies erarbeitet werden, woraufhin überprüft wird, wie der Selbstmord im Islam interpretiert wird um das Phänomen des Selbstmordterrorismus zu verstehen. Wie oft angenommen, werden Selbstmordattentate als Ausdruck einer gewaltorientierten Religion wahrgenommen. Die Religion wird allerdings bei der Rechtfertigung von Selbstmordterrorismus lediglich als Vorwand genommen1. Dabei stellt sich die Frage, wie sie bewusst von Islamisten instrumentalisiert und zu Legitimationszwecken missbraucht wird? Es macht also Sinn einen weiteren Blick auf das Phänomen des Selbstmordterrorismus zu werfen und seine Gründe und Entstehungszusammenhänge zu analysieren – woraus erwächst der Selbstmordterrorismus und was dient ihm als Nährboden? Gibt es ein bestimmtes Täterprofil? Und was sind die Motivationsmerkmale von Selbstmordattentätern? Die vorliegende Arbeit orientiert sich dabei im Wesentlichen auf vier Bücher und einen Aufsatz zum Thema Märtyrertum und Selbstmordterrorismus. Nichtsdestotrotz bleiben aber auch andere neuere wissenschaftliche Untersuchungen nicht ohne Berücksichtigung. Im Rahmen dieser Arbeit konnte leider nicht auf alle Dimensionen des Selbstmordterrorismus eingegangen werden, sondern mussten Schwerpunkte gesetzt werden, die es genau zu untersuchen galt. Überwiegend wird der Selbstmordterrorismus in den palästinensischen Gebieten behandelt.
2. Begriffsbestimmung des „Märtyrertums“2
Das Märtyrertum hat eine lange Tradition im Islam. Schon in der Frühzeit galt das Märtyrertum den Gläubigen als Inbegriff der Frömmigkeit und Garantie für die Aufnahme ins verheißene Paradies. Zum Märtyrer (shahid) wird derjenige, der im „Heiligen Kampf“ (gihad) fällt3 und für Gott sein Leben lässt. Das Konzept des „shahid“ ist bereits im Koran angelegt, wird dort aber in der Bedeutung „Zeuge“ oder „Augenzeuge“ verwandt. Lediglich in den Propheten-Traditionen taucht der Begriff des „shahid“ in der Aussagekraft von Glaubenszeuge oder Märtyrer auf. Es ist festzustellen, dass der Begriff des Märtyrers in der islamischen Geschichte nie einheitlich verwendet worden ist4. Ursprünglich wurde jeder Muslim als Märtyrer verehrt, der beim Kampf für den Islam fiel. Später galten auch die Muslime als Märtyrer, die in einem bewaffneten Konflikt ihr Leben ließen, wobei es sich auch um Zivilpersonen handeln konnte. Im Laufe der Zeit haben islamische Rechtsgelehrte differenzierte Konzepte von Märtyrern entwickelt: einerseits gibt es „Märtyrer des Schlachtfeldes“, dass sind diejenigen Muslime, die in Kampfhandlungen für ihren Glauben ihr Leben lassen, anderseits kennt das islamische Recht auch die „Märtyrer des Jenseits“. Unter der letztgenannten Kategorie fasste man alle gläubigen Muslime, die als Nicht-Kämpfer „auf dem Wege Gottes“ umkamen. Für viele Muslime hat das Märtyrertum bis heute eine unverändert große Anziehungskraft, die durch das Konzept des „Märtyrer des Jenseits“ noch weiter verstärkt wurde, sodass es zu einem nahezu inflationären Zuwachs von Märtyrern führte. Vor allem war die Sorge um das jenseitige Schicksal gläubiger Verwandter, die nicht im Kampf für Gott, sondern auf andere Weise ums Leben kamen, ausschlaggebend dafür, dass man verstärkt verschiedene Todesarten von Muslimen in einen religiösen Kontext stellte und somit die Verstorbenen der Kategorie der „Märtyrer des Jenseits“ zuordnete.
An diese, aus der Geschichte, hervorgegangene Märtyrer-Tradition im Islam knüpfen in der heutigen Zeit die Vertreter islamisch-extremistischer Ideologien an. Es sind junge Menschen, die dazu gebracht werden, ihr Leben zu riskieren oder bewusst zu opfern, indem ihnen suggeriert wird, dies geschehe im Kampf für den Islam. Sie seien Opfer im Namen des Glaubens. Gleichzeitig knüpfen islamische Extremisten an den Begriff des „Märtyrer des Jenseits“ und instrumentalisieren ihn, um damit für gezielte Zustimmung und Sympathie für Terrorangriffe gegen die vermeintlichen Feinde des Islam zu werben. Neuerdings haben islamische Terrororganisationen für Selbstmordanschläge den Begriff der „Märtyrer-Operation“ (`amalat al-istishhad) geprägt, um damit vordergründig die religiös-moralische Dimension solcher Aktivitäten hervorzuheben. Dass er allerdings verräterisch ist, zeigt sich in der Wortdeutung, denn „aus dem Märtyrer, dem Opfer, wird im allgemeinen Sprachgebrauch der Islamisten nämlich der „istishhad“, also der „Märtyrer an sich selbst“ – ein Zeichen dafür, dass sich der Begriff des Märtyrers in der Ideologie islamischer Extremisten längst verselbstständigt hat“5. In der Ideologie islamistischer Fanatiker wird das Märtyrertum zu einer Art heiligem Akt, der Massenmörder als Helden erscheinen lässt und ihren sicheren Eintritt ins Paradies suggeriert.
2.1 Die Versuchung des Paradieses
Von zentraler Bedeutung des Märtyrer-Glaubens, auf den Islamisten bevorzugt zurückgreifen, sind die Verheißungen des Paradieses. Nach islamischer Glaubenslehre gehen diejenigen Muslime direkt ins Paradies ein, die ihr Leben im Namen des Glaubens für Gott geopfert haben. Im Paradies wird dem Märtyrer die höchste Stufe, dicht am Thron Gottes, zugewiesen6. Kraft seines Opfertodes wird dem Märtyrer das Verhör durch die beiden Todesengel, Munkar und Nakir, sowie der Gang durchs islamische Fegefeuer erspart. Aufgrund ihrer Reinheit und Sündenfreiheit brauchen die Märtyrer, wie sonst üblich, nicht vor der Bestattung gewaschen zu werden und bedürfen auch nicht mehr der Fürsprache des Propheten Muhammad7, sondern können selbst eine Fürsprache für 70 ihrer nächsten und liebsten Verwandten einlegen, damit diese ins Himmelreich kommen. Das Paradies wird als ein Ort unvorstellbarer Freuden beschrieben, an dem es Flüsse aus Milch und Wein – und Seen aus Honig gebe. Die sinnlichen Freuden des Paradieses vervollständigen die Dienste von 72 Jungfrauen, so verspricht es eine Überlieferung... und selbst der Genuss von Alkohol, der während des irdischen Daseins verboten ist, kann gegenwärtig erlebt werden.8 Die traditionelle islamische Theologie hat mittlerweile zu einer ausgesprochenen Mystifizierung des Paradieses beigetragen, das bei den jüngeren Generationen eine Sehnsucht nach dem Märtyrertod auslöst und den Opfertod ausgesprochen attraktiv propagiert9. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Glaube an ein Weiterleben im
[...]
1 Verfassungsschutz 2003: 3
2 Verfassungsschutz 2003: 3
3 Seidensticker, in: Kippenberg / Seidensticker 2004: 108
4 Ebenda: 109
5 Verfassungsschutz 2003: 3
6 Reuter 2002: 248
7 Verfassungsschutz 2003:4
8 Hoffman 2006: 252-5
9 Verfassungsschutz 2003: 4
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