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Aspekte der Hitler-Figur in George Taboris 'Mein Kampf'

Scholary Paper (Seminar), 2004, 17 Pages
Author: Magister Artium Jan Roloff
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2004
Pages: 17
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 14  Entries
Language: German
Archive No.: V83529
ISBN (E-book): 978-3-638-90958-7
ISBN (Book): 978-3-638-90965-5
File size: 159 KB

Abstract

Im Jahr 1987 entsteht Taboris Theaterstück Mein Kampf, das noch im gleichen Jahr am Wiener Akademietheater uraufgeführt wird. In wissenschaftlichen Betrachtungen zum Werk George Taboris steht das als Farce untertitelte Stück im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Die gestaltete Bühnenfigur Adolf Hitler trifft auf den Juden Schlomo Herzl; die Kunstwelt des Theaterstücks tritt in eine Art Dialog mit der historischen Wirklichkeit, wobei die Kunstfiguren gerade nicht den historischen Figuren entsprechen, sondern die realen Charaktere, selbstinszenierte Politikerimages und ethnische Klischees auflösen. In bestimmter Weise an Brechts Bühnenstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui und Charlie Chaplins Film The Great Dictator anknüpfend bringt Tabori Hitler als komische Figur auf die Bühne, jedoch nicht als monsterhaften Dämon, sondern im Gegenteil als zwar unsympathischen, aber nicht durchweg abstoßenden Wirrkopf. In der Literatur gibt es weitere Beispiele, die mit Ausnahme von Dokumentationen (auch Filme) doch wieder nur eines belegen: bis zum Erscheinen von Mein Kampf diente die Dramatik in Bezug auf die Person Hitler nur der Darstellung von nationalsozialistischer Gewaltikonographie und klischeehafter Groteske. Taboris Lebensthema, der Fluch, seinen Feind zu verstehen, lässt ihn seinen ganz eigenen Ansatz entdecken.


Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin, Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Neuere deutsche Literatur, Proseminar „George Taboris Dramen“
SoSe 2003

Aspekte der Hitler-Figur in George Taboris ′Mein Kampf′

von

Jan Roloff

 


Inhaltsverzeichnis

1. Die Besonderheiten und Schwierigkeiten der Darstellung Hitlers in Literatur und Film... 3

2. Aspekte der Hitler-Figur in George Taboris „Mein Kampf“... 5

2.1. Struktur und Inhalt... 5
2.2. Taboris Hitler-Figur vor dem Hintergrund der historischen Person; Analyse der Montage... 8

3. Zwischen Einheit und Vielheit: Versuch über Intentionen von Taboris verzerrter Komik der Montage von Zitaten, Bezügen und Verweisen... 15

Literatur... 17


 

1. Die Besonderheiten und Schwierigkeiten der Darstellung Hitlers in Literatur und Film

Im Jahr 1987 entsteht Taboris Theaterstück Mein Kampf, das noch im gleichen Jahr am Wiener Akademietheater uraufgeführt wird. In wissenschaftlichen Betrachtungen zum Werk George Taboris steht das als Farce untertitelte Stück im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Die gestaltete Bühnenfigur Adolf Hitler trifft auf den Juden Schlomo Herzl; die Kunstwelt des Theaterstücks tritt in eine Art Dialog mit der historischen Wirklichkeit, wobei die Kunstfiguren gerade nicht den historischen Figuren entsprechen, sondern die realen Charaktere, selbstinszenierte Politikerimages und ethnische Klischees auflösen.1 „In einem wirklichkeitsfernen und zugleich hochsymbolischen Ambiente realisiert Tabori ein Stück, das paradoxerweise eine Erinnerung an die ‚Zukunft’ des Holocaust darstellt“2, insofern aus unserer heutigen Sicht mit der Kenntnis der Geschehnisse der NS-Diktatur, deren Ursachen und Realisationen, hier hauptsächlich mit Hilfe der Figur des Hitler, aufgezeigt werden. In bestimmter Weise an Brechts Bühnenstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui und Charlie Chaplins Film The Great Dictator anknüpfend bringt Tabori Hitler als komische Figur auf die Bühne, jedoch nicht als monsterhaften Dämon, „sondern im Gegenteil als zwar unsympathische[n], aber nicht durchweg abstoßende[n] Wirrkopf“.3 Sowohl bei Brecht als auch bei Chaplin finden sich groteske Züge der Figur Hitler, die in der Hauptsache das Rollenschema ‚Hitler’ mit Hilfe überzeichnender Nachahmung von Mimik, Gestik und Sprache entstehen lassen; die bereits vorhandene Theatralik der historischen Person bietet sich nahezu perfekt als Folie und Projektionsfläche etwa für die agressiv-gurgelnde Nonsens- Sprache Hynkels, der Manifestation Hitlers in The Great Dictator, was sich ebenfalls viele deutsche Polit-Kabarettisten im Exil zu Nutze machten.
Im Arturo Ui verlegt Brecht die Machenschaften des NS-Regimes ins mafiose Chicago, verkörpert durch amerikanische Gemüse-Syndikalisten. Beiden Werken ist gemeinsam, dass sie noch während des Krieges entstanden sind4 und das Ende des Dritten Reiches nicht absehbar schien, so dass der größte Massenmörder aller Zeiten zum ‚Helden’ der Handlung werden konnte. Nach dem Ende des Hitler-Regimes war dies zunächst undenkbar und es herrschte lange Zeit ein allgemein respektiertes Darstellungstabu im Nachkriegsdeutschland bis in die siebziger Jahre hinein vor. „Die Frage nach der Gestaltung Adolf Hitlers als Bühnenfigur im deutschsprachigen Theater, die Problematik einer mit Witztechniken operierenden Holocaust-Dramatik und die Frage nach den Spezifika eines ‚jüdischen Humors’, wie er sich in Mein Kampf 5 manifestiert“6 sind nur einige der Diskurse, die ein solches Projekt zunächst unmöglich machten. Das Verdikt Adornos, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, schien hier maßgeblich; nicht jedoch in den USA, wo Hitler-Darstellungen insbesondere in Filmen Hollywoods Teil der Kulturindustrie wurden. Brechts Stück wurde erst 1958 am Württembergischen Staatstheater Stuttgart unter der Regie von Peter Palitzsch uraufgeführt, allerdings nicht ohne kontroverse Debatten:

„Brecht hatte sich lange geweigert, das Stück für die Aufführung freizugeben: ‚Hauptsächlich
fürchtete er die mangelnde historische Reife des deutschen Publikums’ (M. Werkwerth).
Tatsächlich zog das Werk den Vorwurf der Vereinfachung des Phänomens des deutschen
Faschismus auf sich, da man Hitlers Aufstieg auf das Klischee einer Gangstergeschichte
reduziert sah. Erst die neuere Forschung lenkte das Augenmerk auf Brechts Intention, die
Normalität des Faschismus dadurch zu unterstreichen, dass ein nach historischen Fakten
gezeichneter und ökonomisch motivierter Gangsterkrieg als Vorlage für die Analyse einer
politischen Karriere tauglich ist.“7

Zahlreiche weitere Beispiele zeigen die Präsenz der Figur Hitler in Kunst und Kultur, jedoch nicht in der Weise, wie Brecht und Chaplin sie darstellen. Dieter Forte stellt in seinem Stück Das Labyrinth der Träume oder Wie man den Kopf vom Körper trennt Peter Kürten, einen berüchtigten Massenmörder der zwanziger Jahre als Theaterfigur neben die des Hitler: Forte äußert sich zu seinem vom Titel her nach einem halluzinogenen Imaginationstheater klingenden Stück in Bezug auf die Darstellung der Figuren im Verhältnis zu ihren realen Vorlagen, insofern er sagt, „die Schauspieler sollen die historischen Figuren nicht nachahmen, sie sollen sie spielen.“8 Er wird seiner Vorgabe aber schon deswegen nicht gerecht, weil der dargestellte Lebenslauf Hitlers klischeehaft verkürzt auf die bevorstehende Katastrophe zuläuft und die Sprache der Figuren plakativ verkündet und scheinbar nur die Thesen des Autors wiedergibt. Auch in zwei Stücken von Heiner Müller taucht Hitler als Figur auf9, jedoch in beiden Fällen auf die Ikonographie von Gewalt beschränkt; in surrealen Szenen werden historische Anspielungen zu Klischees verzerrt. „Durch die Dämonisierung wurde Hitler zu einer außerzeitlichen Figur, was alle anderen entlastete. Denn an allem war nur der ‚Führer’ schuld, und der war tot.“10 In der Literatur gibt es weitere Beispiele, die mit Ausnahme von Dokumentationen (auch Filme) doch wieder nur eines belegen: bis zum Erscheinen von Mein Kampf diente die Dramatik in Bezug auf die Person Hitler nur der Darstellung von nationalsozialistischer Gewaltikonographie und klischeehafter Groteske. Taboris Lebensthema, „der Fluch, seinen Feind zu verstehen“11, lässt ihn seinen ganz eigenen Ansatz entdecken.

2. Aspekte der Hitler-Figur in George Taboris „Mein Kampf“

2.1. Struktur und Inhalt

[...]


1 Vgl. Haas, Birgit: Das Theater des George Tabori, S. 129

2 Ebd. S. 130

3 Strümpel, Jan: Vorstellungen vom Holocaust, S. 132

4 Brechts Arturo Ui enstand 1941, Chaplins Great Dictator 1940

5 gemeint ist hier das Stück sowie die Erzählung Taboris, im Weiteren die typographische Unterscheidung Strümpels: Hitlers Buch: „Mein Kampf“; Taboris Stück und Erzählung: Mein Kampf; Schlomo Herzls Buch: ‚Mein Kampf’

6 Strümpel, Jan: Vorstellungen vom Holocaust, S. 131

7 Kindler Literaturlexikon, S. 77

8 Forte, Dieter: Das Labyrinth der Träume oder Wie man den Kopf vom Körper trennt, S. 9

9 Germania Tod in Berlin und Germania 3 Gespenster am toten Mann

10 Haas, Birgit: Das Theater des George Tabori, S. 132

11 Tabori, George: Unterammergau oder Die guten Deutschen, S. 30


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