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Untertitel: Unter Berücksichtigung der Entwicklung der Türkei, der Identitäten der EU und der Positionen der österreichischen Parteien
Doktorarbeit / Dissertation, 2007, 257 Seiten
Autor: Mag. Dr. Bernhard Marckhgott
Fach: Politik - Int. Politik - Thema: Europäische Union
Details
Tags: Analyse, Evaluierung, Beitritts, Türkei, Europäischen, Union
Jahr: 2007
Seiten: 257
Note: 2
Literaturverzeichnis: ~ 322 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-88248-4
ISBN (Buch): 978-3-638-88677-2
Dateigröße: 1567 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Nach einer Einführung in Problemstellung, Zielsetzung, Aufbau und Methodologie der Arbeit im ersten Abschnitt folgen vier inhaltliche Kapitel. Im zweiten Kapitel werden die Geschichte der Türkei und deren Selbstbild dargestellt. Dieser Einblick in die Entstehung des Staates ist deshalb von Bedeutung, da gerade die historische Entwicklung vom osmanischen Reich zur laizistisch geprägten Republik Türkei bereits viel Aufschluss über das heutige Selbstverständnis der Türkei als – zumindest nach Außen – westliches und europäisch orientiertes Land gibt und auch Erklärungsansätze für die zunehmende Islamisierung der Gesellschaft liefert. Des Weiteren wird aufgezeigt in wie weit und in welcher Form die Türkei derzeit schon in europäische Strukturen eingebunden ist. Im dritten Kapitel wird genauer auf die EU eingegangen, deren historische Entwicklung beschrieben sowie deren verschiede Identitäten und Rollen auf politischer, sicherheitspolitischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene – als Wertegemeinschaft – dargestellt. Das vierte Kapitel widmet sich den Positionen der Institutionen Rat, Europäisches Parlament und Europäische Kommission und denen der Mitgliedstaaten zu einem möglichen Beitritt der Türkei zur EU. Im fünften Kapitel wird der Frage nachgegangen, ob und wie die Türkei grundsätzlich in die verschiedenen Identitäten der EU angepasst werden kann und welche Probleme sich dabei ergeben könnten. Durch die Ergebnisse des zweiten, dritten und vierten Kapitels wird in der Folge die Frage erörtert, in wie weit die Türkei nach heutiger Sichtweise prinzipiell in europäische Strukturen in wirtschaftlicher, politischer, sicherheitspolitischer und kultureller Hinsicht integrierbar ist. Wie muss sich die Türkei verändern beziehungsweise wie weit kann oder soll die EU der Türkei entgegenkommen? Im sechsten Kapitel werden die Aussagen der österreichischen Parteien zur Einbindung der Türkei in europäische Strukturen und die Veränderungen dieser Standpunkte beleuchtet. Die Zusammenfassung der Ergebnisse und ein Ausblick auf die Zukunft im letzten Kapitel bilden den Abschluss der Arbeit.
Textauszug (computergeneriert)
DISSERTATION
Titel der Dissertation
Analyse und Evaluierung eines möglichen
Beitritts der Türkei zur Europäischen Union
unter Berücksichtigung der Entwicklung der Türkei, der Identitäten der EU
und der Positionen der österreichischen Parteien
Verfasser
Mag. Bernhard Marckhgott, MIM
angestrebter akademischer Grad
Doktor der Philosophie (Dr. phil.)
Wien, im April 2007
Dissertationsgebiet lt. Studienblatt: Politikwissenschaft
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG ... 7
1.1 PROBLEMSTELLUNG, ZIEL UND METHODOLOGIE DER ARBEIT ... 7
1.2 AUFBAU DER ARBEIT ... 9
2 IDENTITÄT DER TÜRKEI ... 11
2.1 LANDESSTRUKTUR UND WIRTSCHAFTLICHE KENNZAHLEN ... 11
2.2 DIE HISTORISCHE ENTWICKLUNG DER TÜRKEI ... 12
2.2.1 Das osmanische Reich bis 1909 ... 12
2.2.2 Von der jungtürkischen Bewegung bis zum Ende des Sultanats ... 15
2.2.3 Die Republik Türkei seit 1923 ... 20
2.2.3.1 Die Herrschaft Mustafa Kemal Atatürks ... 21
2.2.3.1.1 Interne Strukturen ... 21
2.2.3.1.2 Außenpolitik ... 23
2.2.3.2 Die Präsidentschaft Ismet Inönü ... 24
2.2.3.2.1 Abgang vom Einparteiensystem ... 25
2.2.3.2.2 Die Neutralität der Türkei im zweiten Weltkrieg ... 26
2.2.3.3 Die Regierung der Demokratischen Partei zwischen 1950 und 1960 ... 28
2.2.3.3.1 Gesellschafts- und Innenpolitik ... 28
2.2.3.3.2 Außenpolitik ... 29
2.2.3.3.3 Wirtschaft und Landwirtschaft ... 30
2.2.3.4 Die Politische Entwicklung von 1960 bis 1980 ... 31
2.2.3.5 Die Ära Özal von 1980 bis 1993 ... 36
2.2.3.5.1 Außenpolitik ... 38
2.2.3.5.2 Wirtschaftspolitik ... 40
2.2.3.6 Die Türkei seit den neunziger Jahren ... 40
2.2.3.7 Die politische Entwicklung im 21. Jahrhundert ... 43
2.3 DIE WICHTIGSTEN TÜRKISCHEN PARTEIEN ... 45
2.3.1 Die Republikanische Volkspartei (CHP) ... 48
2.3.2 Die Mutterlandspartei (ANAP) ... 48
2.3.3 Die Partei des rechten Weges (DYP) ... 49
2.3.4 Partei der Nationalistischen Bewegung (MHP) ... 50
2.3.5 Die Wohlfahrtspartei (RP) ... 50
2.3.6 Tugendpartei (FP) ... 51
2.3.7 Die Demokratische Linkspartei (DSP) ... 53
2.3.8 Die Partei der Freiheit und Solidarität (ÖDP) ... 53
2.3.9 Demokratie-Partei des Volkes (HADEP) ... 54
2.3.10 Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) ... 54
2.4 DREI BESONDERE KONFLIKTHERDE ... 56
2.4.1 Die Zypernkrise ... 56
2.4.2 Der Armenierkonflikt ... 60
2.4.3 Der Kurdenkonflikt ... 64
2.5 DIE TÜRKEI UND EUROPA ... 68
2.5.1 Chronologie der Annäherung an Europa seit 1949 ... 68
2.5.2 Einbindung und Zusammenarbeit der Türkei mit der Europäischen Union ... 70
2.5.2.1 Wirtschaftlich ... 71
2.5.2.2 Das Assoziationsabkommen mit der EU ... 73
2.5.2.2.1 Die Zollunion mit der EU ... 77
2.5.2.3 Sicherheitspolitisch ... 78
2.5.2.3.1 Historische Entwicklung ... 79
2.5.2.3.2 Integration der Türkei in die westliche Sicherheitspolitik ... 82
2.5.2.4 Finanzielle Unterstützung ... 84
2.6 DIE TÜRKEI ZWISCHEN KEMALISMUS, ISLAM UND EUROPA ... 86
3 IDENTITÄT DER EU ... 93
3.1 DERZEITIGE SITUATION DER EU ... 93
3.2 MEILENSTEINE DER GESCHICHTE DER EUROPÄISCHEN UNION ... 95
3.3 DIE VERSCHIEDENEN AUSFORMUNGEN DER EU ... 102
3.3.1 Die EU als Wirtschaftsgemeinschaft ... 103
3.3.2 Die EU als politische Gemeinschaft ... 104
3.3.3 Die EU als Sicherheitsgemeinschaft ... 109
3.3.4 Die EU als Wertegemeinschaft ... 116
3.4 INTEGRATIONS- UND ERWEITERUNGSPOLITIK DER EU ... 120
3.4.1 Integrationstheorien ... 120
3.4.1.1 Intergouvernementalismus ... 120
3.4.1.2 (Neo)-Funktionalismus ... 123
3.4.1.3 Föderalismu ... 124
3.4.2 Integrationstheorien in der EU-Praxi ... 125
3.4.3 Die Kopenhagener Kriterien ... 127
3.4.4 Bisherige EU Erweiterungen ... 129
3.4.4.1 Die erste Norderweiterung 1973 ... 130
3.4.4.2 Die erste Süderweiterung 1981 ... 132
3.4.4.3 Die zweite Süderweiterung 1986 ... 133
3.4.4.4 Die zweite Norderweiterung 1995 ... 133
3.4.4.5 Die Osterweiterung 2004 ... 134
4 POSITIONEN ZU BEGINN DER VERHANDLUNGEN MIT DER TÜRKEI ... 136
4.1 POSITIONEN DER EU-INSTITUTIONEN ... 136
4.1.1 Berichte der Europäischen Kommission ... 138
4.1.1.1 Mitteilung Europäische Strategie für die Türkei 1998 ... 139
4.1.1.2 Fortschrittsbericht 1998 ... 140
4.1.1.3 Fortschrittsbericht 1999 ... 140
4.1.1.4 Fortschrittsbericht 2000 ... 141
4.1.1.5 Fortschrittsbericht 2001 ... 141
4.1.1.6 Fortschrittsbericht 2002 ... 142
4.1.1.7 Fortschrittsbericht 2003 ... 143
4.1.1.8 Fortschrittsbericht 2004 und Empfehlung der Kommission ... 144
4.1.1.9 Fortschrittsbericht 2005 und Vorlage der Kommission ... 147
4.1.1.10 Fortschrittsbericht 2006 und Mitteilung der Kommission ... 148
4.1.2 Schlussfolgerung des Rates ... 150
4.1.2.1 Europäischer Rat in Wien 1998 ... 151
4.1.2.2 Europäischer Rat in Helsinki 1999 ... 151
4.1.2.3 Europäischer Rat in Feira und in Nizza 2000 ... 152
4.1.2.4 Europäischer Rat in Göteborg und in Laeken 2001 ... 152
4.1.2.5 Europäischer Rat in Sevilla, in Brüssel und in Kopenhagen 2002 ... 153
4.1.2.6 Europäischer Rat in Thessaloniki und in Brüssel 2003 ... 154
4.1.2.7 Europäischer Rat in Brüssel 2004 ... 155
4.1.2.8 Beschluss des Rates 2006 über die Beitrittspartnerschaft mit der Türkei ... 156
4.1.2.9 Vorläufiger Beschluss des Rates der Außenminister der EU 2006 ... 157
4.1.3 Position des Europäischen Parlament ... 158
4.1.3.1 Aufgaben des Parlaments ... 158
4.1.3.2 Dokumente des Europäischen Parlaments ... 160
4.1.3.3 Die Fraktionen ... 162
4.2 POSITIONEN AUSGEWÄHLTER EU MITGLIEDSTAATEN IM ÜBERBLICK ... 164
4.2.1 Vereinigtes Königreich ... 165
4.2.2 Deutschland ... 170
4.2.3 Frankreich ... 173
4.2.4 Österreich ... 176
4.2.5 Griechenland ... 177
4.3 POSITIONEN UND POSITIONIERUNG DER TÜRKEI ... 178
5 DIE ZUKUNFT DER TÜRKEI IN EUROPA ... 184
5.1 DER VERHANDLUNGSRAHMEN ... 184
5.2 DIE EINBINDUNG DER TÜRKEI IN DIE IDENTITÄTEN DER EU ... 186
5.2.1 Die wirtschaftliche Integration ... 187
5.2.2 Die politische Integration ... 188
5.2.3 Die Sicherheitspolitische Integration ... 191
5.2.4 Die Integration des Wertesystem ... 194
6 POSITIONEN DER VIER GROßEN POLITISCHEN PARTEIEN IN ÖSTERREICH ... 197
6.1 DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG IN ÖSTERREICH ... 198
6.2 SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI ÖSTERREICHS ... 199
6.3 ÖSTERREICHISCHE VOLKSPARTEI ... 204
6.4 DIE GRÜNEN ... 208
6.5 FREIHEITLICHE PARTEI ÖSTERREICHS BÜNDNIS ZUKUNFT ÖSTERREICH ... 212
6.6 UMGANG DER PARTEIEN MIT DER EU-TÜRKEI-THEMATIK ... 217
7 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK ... 221
ANHANG ... 226
7.1 QUELLENVERZEICHNIS ... 226
7.1.1 Literatur- und Publikationenverzeichni ... 226
7.1.2 Nachschlagwerke ... 234
7.1.3 Dokumente der Europäischen Union, des Europarates, der Nationalstaaten ... 235
7.1.4 Medien und Presse ... 243
7.1.5 Andere Internetquellen ... 251
7.1.6 Interviews, Reden, Ansprachen ... 254
7.2 ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS ... 256
1 Einleitung
1.1 Problemstellung, Ziel und Methodologie der Arbeit
Die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei ist ein großes europapolitisches Thema. Nach dem positiven Bericht zur Aufnahme von Verhandlungen der Europäischen Kommission am 6. Oktober 2004 und der Mehrheit im Europäischen Parlament am 15. Dezember 2004 beschloss der Rat am 17. Dezember 2004 den Verhandlungsbeginn am 3. Oktober 2005. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Türkei speziell in den beiden Jahren davor große Fortschritte in der Anpassung ihrer Gesetze an Europäische Normen gemacht hat.
Die Türkei ist ein langjähriger Partner der Europäischen Union (EU) und wird - ohne Zweifel und durch welche Bindung auch immer - ein wichtiger Partner bleiben, denn am Ende der Verhandlungen können auch Alternativen zum Vollbeitritt stehen. Am 3. Oktober 2005 ging es nicht um die Aufnahme der Türkei, sondern um den Beginn von Verhandlungen, in denen auch Ausnahmeregelungen und Schutzklauseln vereinbart werden sollen.
Primär hängt die Aufnahme der Türkei von ihr selbst und ihrer Bereitschaft, strukturelle Veränderungen durchzuführen, ab. Sie wird sich in manchen ihrer Positionen bewegen müssen.
Die Umsetzung der Kopenhagener Kriterien, beziehungsweise die glaubhafte Darstellung, dass die Kriterien in naher Zukunft erreicht werden, ist nur die Grundvoraussetzungen für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen. Dazu gehören auch die zügige Umsetzung der Strafrechtsreform in der Türkei, sowie die Klärung offener Fragen in den Bereichen Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratisierung und selbstverständlich die Anerkennung aller Mitgliedstaaten.
Sicherlich hängt die Aufnahme auch von der EU ab. Wie schaut die EU in 10 bis 15 Jahren aus? Welche Rolle spielt sie in der Welt? Kann die EU einen Beitritt der Türkei finanziell, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch überhaupt verkraften? Ist ein Vollbeitritt möglich? Erst wenn Fragen wie diese beantwortet werden können, kann die Türkei EU-Mitglied werden, sofern es in allen Mitgliedsstaaten der EU, in den im Entscheidungsfindungsprozess mitwirkenden EU-Institutionen und in der Türkei die dafür erforderliche demokratische Mehrheit gibt. Bis dahin steht sowohl Europäern wie auch Türken noch ein langer wahrscheinlich mindestens zehnjähriger harter Weg an Verhandlungen und diverse Anpassungen der betroffenen Strukturen und Institutionen bevor.
In dieser Arbeit soll die Thematik um die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Türkei und ein möglicher Beitritt zur EU diskutiert werden. Ziel ist es ein möglichst ganzheitliches Bild über die Situation und die Entwicklung der Verhandlungspartner Türkei und EU zu zeichnen, um die Ausgangslage und die Chancen und Risken einer Aufnahme besser beurteilen zu können. Abschließend sollen kurz die Standpunkte der österreichischen Parteien zum Thema Türkei genauer betrachtet werden.
Im Wesentlichen werden folgende Fragen im Rahmen der Arbeit gestellt: Hat die Türkei prinzipiell eine echte Chance der EU beizutreten beziehungsweise welche Voraussetzungen müssten sowohl die EU als auch die Türkei erfüllen, um einen Beitritt zu verwirklichen?
Dazu gibt es innerhalb der EU verschiedene Standpunkte, die dargestellt werden sollen. Als Ausgangspunkte werden einerseits die Hintergründe wie es besonders im 20. Jahrhundert zur Annäherung der Türkei an Europa gekommen ist, die Vorbereitung der Türkei auf die EU und das Selbstbild der Türken, genommen. Andererseits werden die unterschiedlichen Identitäten der EU, die sie auf verschiedenen Ebenen annimmt, und die derzeitige Einbindung der Türkei in europäische Strukturen, durchleuchtet. Daraus wird gefolgert, wie die Türkei in ihrer derzeitigen Form und Situation grundsätzlich zu diesen Identitäten der Europäischen Union passen kann, welche Veränderungen durchgeführt, beziehungsweise in Kauf genommen werden müssen, um eine funktionelle Integration zu erreichen und in wie weit bestimmte Positionen auf beiden Seiten verändert werden müssen, um die Verhandlungen erfolgreich abschließen zu können.
Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, wie die österreichischen Parteien mit dem Thema Türkeibeitritt, das schließlich auf europäischer Ebene entschieden wird, umgehen und welche Standpunkte sie vertreten. Entspricht die aktuelle öffentliche Meinung letztlich den Parteimeinungen, da eine einzelne Partei in der europäischen Umsetzung nur schwer in die Verantwortung zu nehmen ist? Werden bei einem Thema, bei dem die Gefahr sehr gering ist, die vertretenen Positionen umsetzen zu müssen, eher populäre Meinungen vertreten beziehungsweise angenommen oder gibt es auch weniger populäre Parteipositionen?
Die jeweiligen Informationen werden vor allem durch qualitative Methoden wie Textanalysen und offene Interviews gewonnen.
1.2 Aufbau der Arbeit
Nach einer Einführung in Problemstellung, Zielsetzung, Aufbau und Methodologie der Arbeit im ersten Abschnitt folgen vier inhaltliche Kapitel.
Im zweiten Kapitel werden die Geschichte der Türkei und deren Selbstbild dargestellt. Dieser Einblick in die Entstehung des Staates ist deshalb von Bedeutung, da gerade die historische Entwicklung vom osmanischen Reich zur laizistisch geprägten Republik Türkei bereits viel Aufschluss über das heutige Selbstverständnis der Türkei als zumindest nach Außen westliches und europäisch orientiertes Land gibt und auch Erklärungsansätze für die zunehmende Islamisierung der Gesellschaft liefert. Des Weiteren wird aufgezeigt in wie weit und in welcher Form die Türkei derzeit schon in europäische Strukturen eingebunden ist.
Im dritten Kapitel wird genauer auf die EU eingegangen, deren historische Entwicklung beschrieben sowie deren verschiede Identitäten und Rollen auf politischer, sicherheitspolitischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene als Wertegemeinschaft dargestellt.
In den Kapiteln zwei und drei wird hauptsächlich auf historische Quellen Bezug genommen. Das dritte Kapitel zur Entwicklung der EU stützt sich auf Textanalysen, die von Interviews mit Akteuren, die in den jeweiligen Ausprägungsformen der EU tätig sind, ergänzt werden, um einen möglichst aktuellen und praxisnahen Einblick zu bekommen.
Das vierte Kapitel widmet sich den Positionen der Institutionen Rat, Europäisches Parlament und Europäische Kommission und denen der Mitgliedstaaten zu einem möglichen Beitritt der Türkei zur EU. Hier werden vorwiegend EU-Dokumente, Sitzungs- und Ergebnisprotokolle, Schlussfolgerungen wie auch Presseinformationen und ebenfalls Interviews zur Erarbeitung des Kapitels dienen.
Im fünften Kapitel wird der Frage nachgegangen, ob und wie die Türkei grundsätzlich in die verschiedenen Identitäten der EU angepasst werden kann und welche Probleme sich dabei ergeben könnten. Durch die Ergebnisse des zweiten, dritten und vierten Kapitels wird in der Folge die Frage erörtert, in wie weit die Türkei nach heutiger Sichtweise prinzipiell in europäische Strukturen in wirtschaftlicher, politischer, sicherheitspolitischer und kultureller Hinsicht integrierbar ist. Wie muss sich die Türkei verändern beziehungsweise wie weit kann oder soll die EU der Türkei entgegenkommen? Dieser Teil wird auf weiteren Interviews und einer Analyse der ersten Kapitel beruhen.
Im sechsten Kapitel werden die Aussagen der österreichischen Parteien zur Einbindung der Türkei in europäische Strukturen und die Veränderungen dieser Standpunkte beleuchtet.
Die Zusammenfassung der Ergebnisse und ein Ausblick auf die Zukunft im letzten Kapitel bilden den Abschluss der Arbeit.
2 Identität der Türkei
2.1 Landesstruktur und wirtschaftliche Kennzahlen
Das Staatsgebiet der Türkei umfasst nahezu 780.000 Quadratkilometer, von denen circa 24.000 auf dem europäischen Kontinent liegen (Ostthrakien) und 776.000 in Asien (Anatolien). Verwaltungstechnisch ist der Staat in 81 Provinzen unterteilt. Seit 1923 ist die Türkei eine Republik, die geltende Verfassung wurde 1982 in Kraft gesetzt. Die große Nationalversammlung, das Parlament, umfasst 550 Abgeordnete und wird alle fünf Jahre gewählt. Alle sieben Jahre wird das Staatsoberhaupt durch das Parlament gewählt, wobei die Verfassung keine Möglichkeit einer Wiederwahl vorsieht1.
In der Türkei lebten im Jahr 2004 fast 70 Millionen Menschen2. Die Bevölkerung setzt sich zu 70% aus Türken, zu 20% aus Kurden und zu 10% aus anderen ethnischen Gruppen wie Arabern, Tscherkessen und Georgiern zusammen. Das durchschnittliche Bevölkerungswachstum betrug zwischen 1980 und 2000 1,9%3. 99% der Einwohner gehören dem Islam an, davon sind 70% Sunniten und 15 bis 25% Aleviten. Daneben gibt es eine christliche und eine jüdische Minderheit4. 90% der Bevölkerung sprechen Türkisch als Mutter- oder Zweitsprache, 15% kurdische Sprachen und 2% Arabisch. Die Analphabetenrate betrug im Jahr 2000 6% bei der männlichen Bevölkerung und 23% bei der weiblichen5.
Der durchschnittliche Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes (BIP) betrug zwischen 1990 und 2002 3,1%6, wobei die Tendenz steigend ist, da das reale BIP Wachstum zwischen 1999 und 2000 bereits bei über 7% lag7, im Jahr 2004 ungefähr 8,5%8 erreichte und trotz sinkender Staatsausgaben9 bis zum Ende des Jahrzehnts bei über 5% liegen soll10. Im Jahr 2002 wurden 12% des BIP im landwirtschaftlichen Sektor erwirtschaftet, 29% von der Industrie und 59% im Dienstleistungsbereich. Dabei waren cirka 46% der Erwerbstätigen im ersten Sektor, ungefähr 20% im zweiten und 34% im dritten tätig. Die Arbeitslosigkeit im Jahr 2003 lag bei 9%11, 2,4% der Bevölkerung lebten 1994 unter der Armutsgrenze12. Die durchschnittliche Inflation betrug zwischen 1990 und 2001 74%, wobei auch hier ein positiver Trend zu bemerken ist, da sie bis zum Jahr 2003 auf 25% gesenkt werden konnte und im Jahr 13.
2.2 Die historische Entwicklung der Türkei
2.2.1 Das osmanische Reich bis 1909
Der Ursprung des osmanischen Reiches datiert bis ins ausgehende 13. Jahrhundert zurück. Nach dem Zerfall des Großreiches der Seldschuken, die im 11. Jahrhundert von Osten her bis nach Anatolien vorgestoßen waren, gründeten sich kleinere Nachfolgestaaten um das Jahr 1100. Das bedeutendste dieser kleineren Reiche war das anatolische Rum-Seldschukenreich. Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit dem byzantinischen Reich konnte im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts der Einfluss von Byzanz an der Ostgrenze Anatoliens endgültig beendet werden14.
Bis Mitte des 13. Jahrhunderts blühte das Rum-Seldschukenreich. Eine Blühte, die um 1250 von den von Osten her einfallenden Mongolen beendet wurde15. Diese sollten Anatolien für die nächsten fünfzig Jahre besetzt halten. Als gegen Ende des 13. Jahrhunderts die Herrschaft der Mongolen schwand, gründeten sich auf dem Gebiet Anatoliens mehrere kleiner Fürstentümer, so genannte Beyliks. Eines dieser Beyliks stand unter der Herrschaft Osmans, dem es in kürzester Zeit gelang die anderen Beyliks Anatoliens zu vereinen und eine Einheit der verschiedenen Völker herzustellen. Nach dem Tod Osmans um 132616 erfuhr das Reich weiteren Machtzuwachs. Mit der Einnahme Konstantinopels in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts durch die Osmanen fand das byzantinische Reich sein Ende17. In den darauf folgenden Jahrzehnten dehnte das osmanische Reich seine Grenzen weiter aus und entwickelte einen gut funktionierenden Verwaltungsapparat. Die vollen Staatskassen und das schlagkräftige Heer ermöglichten einen raschen Aufstieg zur Großmacht. Mitte des 16. Jahrhunderts reichten die Grenzen des Landes im Norden von der Krim bis zum heutigen Jemen und im Süden bis zum Sudan und Nordafrika. Im Osten beherrschte man die Gebiete bis in den Iran und am Kaspischen Meer, im Westen bis nach Wien und bis Spanien im Südwesten. Zu diesem Zeitpunkt war nicht nur die territoriale Ausdehnung am größten, das Reich war unter Sultan Süleyman II auch am Höhepunkt seiner kulturellen Blütezeit angelangt18.
[...]
1 vgl. Baratta, Mario (Hg.): Der Fischer Weltalmanach 2003, Frankfurt am Main 2002, Fischer Taschenbuch Verlag, S. 797
2 vgl. The World Factbook 2004, CIA, http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/tu.html
3 vgl. Baratta, Mario (Hg.): Der Fischer Weltalmanach 2003, Frankfurt am Main 2002, Fischer Taschenbuch Verlag, S. 797
4 vgl. Baratta, Mario (Hg.): Der Fischer Weltalmanach 2002, Frankfurt am Main 2001, Fischer Taschenbuch Verlag, S. 807
5 vgl. Baratta, Mario (Hg.): Der Fischer Weltalmanach 2003, Frankfurt am Main 2002, Fischer Taschenbuch Verlag, S. 797
6 vgl. Baratta, Mario (Hg.): Der Fischer Weltalmanach 2005, Frankfurt am Main 2004, Fischer Taschenbuch Verlag, S. 433
7 vgl. Baratta, Mario (Hg.): Der Fischer Weltalmanach 2003, Frankfurt am Main 2002, Fischer Taschenbuch Verlag, S. 798
8 vgl. Wirtschaftskammer Österreich (Hg.): EU - Österreich Beitrittskandidaten Ein Vergleich ausgewählter Indikatoren, Wien 2005
9 Die Staatsverschuldung, die bei weit über 80% des BIP liegt soll dadurch gesenkt werden.
10 vgl. Quijano-Evans, Simon: EEMEA Country Analysis Turkey, EEMEA Markets Research, Bank Austria Creditanstalt (Hg.), Wien 2004, S. 6
11 vgl. Baratta, Mario (Hg.): Der Fischer Weltalmanach 2005, Frankfurt am Main 2004, Fischer Taschenbuch Verlag, S. 433
12 vgl. Baratta, Mario (Hg.): Der Fischer Weltalmanach 2001, Frankfurt am Main 2000, Fischer Taschenbuch Verlag, S. 803
13 vgl. Baratta, Mario (Hg.): Der Fischer Weltalmanach 2005, Frankfurt am Main 2004, Fischer Taschenbuch Verlag, S. 433
14 vgl. Generaldirektion des Presse- und Informationsamtes des Ministerpräsidiums (Hg.): Tatsachen über die Türkei, Türkei 1998, S. 110ff
15 vgl. Turkish European Business & Community Portal: http://www.turkin.net/kunst/turkin/turkin_geschichte.htm, 4.6.2005
16 vgl. Putzger, Lendl, Wagner: Historischer Weltatlas, Österreichischer Bundesverlag, Wien 1981, S. 65
17 vgl. Turkish European Business & Community Portal: http://www.turkin.net/kunst/turkin/turkin_geschichte.htm, 4.6.2005
18 vgl. Turkish European Business & Community Portal: http://www.turkin.net/kunst/turkin/turkin_geschichte.htm, 4.6.2005
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