Der Wert biologischer Vielfalt von Wäldern in Deutschland

Untertitel: Eine sozioökonomische Untersuchung von Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität
Autor: Dr. rer. nat. Markus Küpker
Fach: Forstwirtschaft / Forstwissenschaft

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Details

Kategorie: Doktorarbeit / Dissertation
Jahr: 2007
Seiten: 446
Note: gut
Literaturverzeichnis: ~ 177  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 2125 KB
Archivnummer: V84868
ISBN (E-Book): 978-3-638-88459-4
Anmerkungen :
über 250 Seiten Anhang, teilweise in Din A3

Zusammenfassung / Abstract

Der Erhalt und die Förderung der Biodiversität sind ein zentrales Thema sowohl auf der internationalen als auch auf der nationalen Ebene; dies gilt auch für die Waldpolitik. Dabei nimmt auch das politische Interesse an einer ökonomischen Bewertung biologischer Vielfalt zu. Ein Ausdruck dieses Interesses war die Förderung der Untersuchung der soziökonomischen Bewertung von Biodiversitätsmaßnahmen im Rahmen eines vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft geförderten Verbundprojekts „Zur biologischen Vielfalt der Wälder in Deutschland“. Es wurden konkrete Maßnahmen erarbeitet, die die Förderung und den Schutz biologischer Vielfalt von Wäldern verfolgen. Zielsetzung der Untersuchung ist • die Akzeptanz dieser Maßnahmen innerhalb der Bevölkerung zu ermitteln, • den Nutzen zu beziffern und monetär zu quantifizieren, der dem Schutz und der Förderung der Biodiversität im Wald durch die Bevölkerung zugemessen wird, • die ermittelten Zahlungsbereitschaften durch die Methode der Einstellungsmessung zu erklären, • einen Beitrag zur Methodendiskussion zu leisten. Die Ermittlung der Zahlungsbereitschaft erfolgte anhand der umweltökonomischen Methode der Kontingenten Bewertung, die sich international als eine der gängigen Methoden zur Bewertung von Umweltleistungen mit dem Charakter von öffentlichen Gütern etabliert hat. Ein eigen konzipiertes Fragebogendesign wurde entwickelt, um repräsentative Haushaltsbefragungen durchzuführen. Hierdurch war es möglich, sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in Schleswig-Holstein den Nutzen der Biodiversitätsmaßnahmen seitens der Bevölkerung zu ermitteln. Die Arbeit macht das Wertpotenzial des öffentlichen Gutes der Schutzleistung „Biodiversität“ deutlich und bietet der Politikberatung eine Grundlage, die Nutzenkonflikte um die Ressource Wald einordnen zu können und das Votum der Bevölkerung in die Entscheidungen mit einfließen zu lassen. The economic valuation of biodiversity in forests faces some specific problems concerning the object of valuation itself as well as the respective valuation methodologies. After a short survey of such problems, a research concept for an economic study is presented which is part of a joint research project on Biodiversity issues in German forests. Using the contingent valuation in issues results can be presented both about the monetary value of biodiversity and the reasons that lead to the estimation by the population in Germany.

Textauszug (computergeneriert)

Der Wert biologischer Vielfalt von
Wäldern in Deutschland
Eine sozioökonomische Untersuchung von
Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität

Dissertation

zur Erlangung des Doktorgrades

an der Universität Hamburg
der Fakultät für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften
des Departments Biologie

vorgelegt von
Markus  Küpker
aus Hamburg

Hamburg 2007

 

 

Inhaltsverzeichnis

1 Untersuchungsrahmen ... 1

1.1 Aufgabenstellung und Zielsetzung ... 1

1.2 Bedeutung der Biodiversität ... 3

1.3 Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität ... 6

1.4 Ökonomische Bewertung der Biodiversität ... 10
1.4.1 Ökonomischer Wert ... 11
1.4.2 Öffentliches Gut ... 14
1.4.3 Wohlfahrtstheoretische Einordnung ... 17
1.4.4 Ökonomischer Gesamtwert ... 18

2 Befragungskonzept ... 21

2.1 Pretest und Focus-group als Voruntersuchungen ... 21

2.2 Struktur und Inhalt der Bevölkerungsbefragungen ... 24

2.3 Frageform und Materialien ... 27

2.4 Durchführung der Hauptbefragungen in der Bundesrepublik Deutschland und in Schleswig-Holstein ... 31

3 Kontingente Bewertungsmethode ... 34

3.1 Marktsimulation ... 35

3.2 Zahlungsbereitschaft als Wohlfahrtsmaß ... 37

3.3 Beschreibung des Umweltgutes und deren Umweltwirkungen ... 39

3.4 Ermittlung der Zahlungsbereitschaft mittels der Fonds-Idee ... 41

3.5 Verhalten und Einstellungen als hypothetische Erklärungsgrößen für die geäußerte Zahlungsbereitschaft ... 43

3.6 Vermeidung potentieller Verzerrungsmöglichkeiten ... 49

4 Statistische Auswertung ... 55

4.1 Deskriptive Statistik ... 55
4.1.1 Soziodemographische Kennzahlen ... 55
4.1.2 Akzeptanz der Maßnahmen und des Programms ... 59
4.1.3 Akzeptanz der Maßnahmen im Bundesgebiet und in Schleswig-Holstein ... 62
4.1.4 Untersuchte Korrelationen zur Akzeptanz des Programms ... 64
4.1.5 Umweltspezifische Verhaltens- und Einstellungsfragen ... 67

4.2 Aufbereitung des Datenmaterials ... 72
4.2.1 Skalierung der Variablen ... 72
4.2.2 Aufteilung des Datensatzes entsprechend der Untersuchungsgebiete ... 75
4.2.3 Abgrenzung der Antwortverweigerer und Definition der Null-Werte ... 75

4.3 Zahlungsbereitschaftsanalyse ... 78
4.3.1 Zusammenführung der Zahlungsbereitschaftsgrößen zu einer Standardvarianten ... 78
4.3.2 Zahlungsbereitschaftsgrößen der Befragten im Bundesgebiet ... 79
4.3.3 Zahlungsbereitschaftsgrößen der Befragten in Schleswig-Holstein ... 82
4.3.4 Zusammenfassende Darstellung der ermittelten Zahlungsbereitschaften ... 84
4.3.5 Mittlere Zahlungsbereitschaften bei unterschiedlichen Annahmen ... 86
4.3.6 Mittlere Zahlungsbereitschaften bei unterschiedlicher Fragenreihenfolge ... 90
4.3.7 Auswirkungen bei Einbeziehung der indifferenten Personengruppe ... 92
4.3.8 Auswirkungen der Zusatzfrage zur Revisionsmöglichkeit ... 93
4.3.9 Vergleich des Pretests mit der Hauptbefragung ... 95

4.4 Faktorenanalyse ... 97
4.4.1 Durchzuführende Rechenschritte ... 98
4.4.2 Beschreibung der Datenmatrix ... 98
4.4.3 Behandlung fehlender Werte ... 100
4.4.4 Variablenauswahl und Korrelation ... 102
4.4.5 Test auf Stichprobeneignung ... 103
4.4.6 Wahl des Extraktionsverfahrens ... 104
4.4.7 Anzahl der Faktoren ... 106
4.4.8 Rotationsmethode ... 109
4.4.9 Interpretation der Faktoren ... 112
4.4.10 Faktorwerte ... 116

4.5 Regressionsanalysen ... 117
4.5.1 Prüfung der Regressionsfunktion und Bedeutung der Koeffizienten ... 118
4.5.2 Methoden der Regressionsanalysen ... 121
4.5.3 Lineare Regressionen zur Zahlungsbereitschaft der Bundesbürger für das Bundesgebiet und für Schleswig-Holstein ... 124
4.5.4 Semi-log Regressionen zur Zahlungsbereitschaft der Bundesbürger für das Bundesgebiet und für Schleswig-Holstein ... 130
4.5.5 Lineare Regressionen zur Zahlungsbereitschaft der Schleswig-Holsteiner für Schleswig-Holstein und für das Bundesgebiet ... 136
4.5.6 Semi-log Regressionen zur Zahlungsbereitschaft der Schleswig-Holsteiner für Schleswig-Holstein und für das Bundesgebiet ... 139

5 Diskussion ... 146

5.1 Zusammenfassung ... 147

5.2 Methodik ... 156
5.2.1 Aussagekraft der Daten ... 157
5.2.2 Vermeidung potentieller Verzerrungen ... 158

5.3 Stellenwert ... 163
5.3.1 Ökonomische Bedeutung ... 164
5.3.2 Politikberatung ... 166
5.3.3 Märkte für Biodiversität: Ausgesuchte Beispiele ... 168

Literaturverzeichnis ... 173

 

 

1 Untersuchungsrahmen

1.1 Aufgabenstellung und Zielsetzung

Die gesellschaftlichen Anforderungen an den Wald wachsen weltweit. Die Erhaltung und umweltverträgliche Entwicklung der Wälder sind Aufgabe der internationalen Umwelt- und Forstpolitik, um die vielfältigen Funktionen und Nutzungen der Wälder zu sichern. Der Erhalt und die Förderung von Biodiversität sind ein zentrales Thema der Konferenz der Vereinten Nationen über „Umwelt und Entwicklung“ (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 gewesen. Die Konferenz und ihre Ergebnisse werden als Meilenstein des internationalen Dialogs über die Zukunft der Menschheit und als Wegweiser für die weltweite Zusammenarbeit zur Bewältigung dieser Anforderungen angesehen.

Vor diesem Hintergrund wird die Bewertung biologischer Vielfalt zunehmend zum Gegenstand ökonomischer Untersuchungen. Während in vielen Fällen nicht die biologische Vielfalt selbst, sondern einzelne biologische Ressourcen, wie z.B. Gene, Arten oder ein Ökosystem bewertet werden, bezieht sich die biologische Vielfalt auf deren Variabilität. Der Artikel 2 des internationalen Übereinkommens zur Konvention über biologische Vielfalt definiert Biodiversität1 als „die Variabilität unter lebenden Organismen jeglicher Herkunft, darunter u. a. Land-, Meeres- und sonstige aquatische Ökosysteme und die ökologischen Komplexe, zu denen sie gehören; dies umfasst die Vielfalt innerhalb der Arten und zwischen den Arten sowie die Vielfalt der Ökosysteme“ (PEARCE, 2001). Dieses Übereinkommen ist eines der drei internationalen Übereinkommen der Vereinten Nationen, die auf der Rio-Konferenz 1992 unterzeichnet wurden. Es hat die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der Biodiversität zum Inhalt. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich im Rahmen dieser Konvention zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der Biodiversität verpflichtet (KORN et al., 1999).

Im „Nationalen Forstprogramm“ hat die Bundesregierung 1999 forstpolitische Leitlinien erarbeitet, wobei auch das Thema „Wald und biologische Vielfalt“ bearbeitet wurde. In diesem Zusammenhang hatte das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft von Januar 2001 bis Januar 2004 ein Verbundprojekt „Zur biologischen Vielfalt der Wälder in Deutschland“ unter Beteiligung der Universitäten Göttingen und Hamburg sowie der Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft (BFH), Hamburg, gefördert. Zentrales Anliegen war dabei die Entwicklung von Maßnahmen, mit denen die Zielsetzung "Erhaltung und nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt der Wälder" umgesetzt werden können. Die am Verbundvorhaben „Zur biologischen Vielfalt der Wälder in Deutschland“ beteiligten naturwissenschaftlichen Teilprojekte erarbeiteten Maßnahmen, die sich unter Nachhaltigkeitsaspekten zur Förderung und zum Schutz biologischer Vielfalt in Wäldern eignen.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht wird zumeist eine Expertenbewertung als ausreichend angesehen. Um jedoch den gesellschaftlichen Nutzen zu ermitteln, den die hier entwickelten Maßnahmen zur Förderung und zum Schutz der Biodiversität in Wäldern der Bevölkerung stiften, ist eine sozioökonomische Bewertung notwendig. Die ökonomische Bewertung stellt einen integralen Bestandteil für die Erreichung von Naturschutzzielen und von Nachhaltigkeitsstrategien dar und ist eine wichtige Voraussetzung, um die Biodiversitätspolitik im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Nach Artikel 11 der Rio-Konvention werden die Unterzeichnerstaaten aufgefordert, „…to adopt economically and socially sound measures that act as incentives for the conservation and sustainable use of components of biological diversity“ (OECD, 2002). Neben der naturwissenschaftlichen Behandlung des Themas Biodiversität, ist das Verbundprojekt deshalb um ökonomische Untersuchungsansätze ergänzt worden. Grundlage für die vorliegende Untersuchung sind die im ökonomischen Teilprojekt spezifizierten Maßnahmen zur Förderung und zum Schutz der biologischen Vielfalt in Wäldern. Erst auf dieser Grundlage können die ökonomischen Auswirkungen untersucht und erfasst werden. Dazu wurden anhand der Wälder des Stadtforstamtes Lübeck und des Kreisforstamtes Herzogtum-Lauenburg, Art und Umfang der aus naturwissenschaftlicher Sicht erforderlichen Schutzmaßnahmen präzisiert. Die ausgewählten Untersuchungsgebiete sind für die Bearbeitung der naturwissenschaftlichen Fragestellungen geeignet, da es kleinräumig eine hohe Vielfalt an Arten, Standorttypen und forstgeschichtlicher Entwicklung repräsentiert. In Zusammenarbeit mit den in den Untersuchungsgebieten gelegenen Forstämtern wurden zwei Focus-Untersuchungsflächen „Behlendorf” und „Steinhorst” eingerichtet. Dazu wurden zwei Landschaftsausschnitte ausgewählt (Streifen von ca. 20 x 5 km Kantenlänge). Ein Ost-West-Streifen in der Jungmoränenlandschaft umfasst vor allem Laubwaldstandorte mittlerer bis hoher Basen- und Nährstoffversorgung, während ein Nord-Süd- Streifen, der sich von der Jungmoräne über Sanderflächen erstreckt und an die Alt3 moräne grenzt, auch nährstoff- und basenarme Standorte einschließt, auf denen Nadelholzforsten vorherrschen.

Zentrales Arbeitsziel der vorliegenden sozioökonomischen Untersuchung ist es, den Nutzen zu beziffern und monetär zu quantifizieren, der dem Schutz und der Förderung der Biodiversität im Wald durch die Bevölkerung zugemessen wird. Dieser Nutzen wird im Rahmen von Bevölkerungsbefragungen unter Verwendung der umweltökonomischen Methode der kontingenten Bewertung ermittelt. Dabei wird eine Aufteilung der Befragungen auf Schleswig-Holstein, in der die Untersuchungsflächen liegen und auf das Bundesgebiet vorgenommen. Die Bundesbevölkerung stellt die Zielpopulation dar, die letztendlich für die Bundespolitik von Bedeutung ist, denn die ermittelten Ergebnisse dienen u.a. der Politikberatung.

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es nicht nur, eine Bewertung von biologischer Vielfalt in Wäldern anhand ausgewählter Maßnahmen vorzunehmen, sondern auch Größen zu finden, die die in diesem Zusammenhang ermittelte Zahlungsbereitschaft erklären helfen. Um die Motive der Befragten offen zu legen, die zur Nennung einer Zahlungsbereitschaft geführt haben, finden Fragen aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich im Rahmen von Einstellungsmessungen Eingang in die Analysen.

Eine sozioökonomische Bewertung lässt sich effektiv dann durchführen, wenn der Begriff „Biodiversität“ anhand konkreter Maßnahmen operational gemacht wird, da dieser je nach Fragestellung eine sehr umfangreiche Bedeutung besitzen kann.

1.2 Bedeutung der Biodiversität

Biodiversität kann eine Vielzahl von Funktionen erfüllen. Dies betrifft sowohl die Ökosystem-Dienstleistungen wie Filterfunktionen für Luft, Wasser und Boden als auch die Pufferfähigkeit von Systemen im Hinblick auf Kalamitäten oder durch Veränderungen aufgrund biologischer Invasionen. Darüber hinaus existieren ökonomische Aspekte, die die Erhaltung zukünftiger Optionen auf die Entwicklung von z.B. neuer Nahrung und von Medikamenten betreffen. Zunehmend wird auch die Funktion von Vielfalt für das menschliche Wohlbefinden im Hinblick auf Erholung, Ästhetik, etc. betont. Im Naturschutz wirken die Umweltleistungen von Biodiversität auf Elemente des Ökosystems, wodurch der Biodiversität eine Funktion als Mittel zur Erreichung von Naturschutzzielen zufallen kann. Die Beschäftigung mit biologischer Vielfalt ist dabei weder in der Kulturgeschichte noch in Ökologie und Naturschutz ein neues Thema; hinzugekommen ist aus heutiger Sicht die hohe öffentliche Aufmerksamkeit und die politische Relevanz, die dieses Thema unter dem Stichwort „Biodiversität“ erlangt hat (JAX, 2003).2

Bei der Behandlung des Themas Biodiversität treten in der Literatur z.T. erhebliche Divergenzen bei den Wahrnehmungen, den Begriffen und den theoretischen Systematisierungen dieses Themas auf.3 Unklarheiten bei der adäquaten Beschreibung der mit Biodiversität gemeinten Schutzgüter gilt es durch interdisziplinäre Anstrengung zu überwinden, damit die politische und gesellschaftliche Diskussion auf einer tragfähigen Grundlage stattfinden kann. Nur eine klare Begriffsdefinition4 kann eine ausreichende Grundlage sowohl für wissenschaftliche Forschungsprogramme als auch für die Rechtfertigung politischer Handlungsweisen sein (z.B. zur Erhaltung der Arten; vgl. hierzu GUTMANN & JANICH, 2001).

Der aus dem Ausdruck „biological diversity“ entstandene Kurzbegriff „Biodiversität“ wurde geprägt, um einer breiten Öffentlichkeit den globalen Verlust von biologischer Vielfalt bewusst zu machen sowie die wissenschaftlichen, politischen und sozioökonomischen Dimensionen zu verdeutlichen. Mit der zunehmenden Verwendung in der Naturwissenschaft und in der politischen Agenda steht der Begriff im Zentrum nationaler und internationaler Umweltpolitik (Übereinkommen über die biologische Vielfalt). Während der Begriff „Diversität“ in der Diversitäts-Stabilitäts-Debatte fast ausschließlich deskriptiv benutzt wurde – meist in der Form der Artenvielfalt oder diverser abgeleiteter Indizes als Maßeinheit – trug „Biodiversität“ von Beginn an einen wertenden und appellierenden Charakter.5 Er war in diesem Sinne von Beginn an kein rein deskriptiv-naturwissenschaftlicher Begriff, sondern ein bewusst wertbeladener und politisch geprägter Begriff und stellt hierbei einen Kompromiss unterschiedlicher Interessen dar (ESER, 2001).

Für 2006 wurde beschlossen, die Biodiversität zu einem Schwerpunkt der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie zu machen, um das Übereinkommen über die biologische Vielfalt umzusetzen, denn Deutschland fällt die Aufgabe zu, sowohl Mitverantwortung für den Erhalt der biologischen Vielfalt auf europäischer Ebene zu tragen als auch für den Erhalt von ca. 80 höheren Arten im Land zu sorgen (DOYLE et al., 2005). Die politische Umsetzung dieser Aufgabe scheitert zum einen an der Definition und an dem fehlenden Eingang des Begriffs in den Sprachgebrauch der Bevölkerung. Zum anderen existiert eine Vielzahl von Maßeinheiten und Methoden zur Erfassung von Biodiversität (vgl. SOLOW et al., 1993 sowie BACK & TÜRKAY, 2001), so dass eine einheitliche Bestandsaufnahme bisher noch nicht realisiert werden konnte. Um die biologische Vielfalt dennoch erfassen und bewerten zu können, sind Indikatoren als Instrumente zur Darstellung der komplexen Zusammenhänge notwendig. Diese Indikatoren6 dienen der Kommunikation und der richtungsweisenden Politiksteuerung ebenso wie der Evaluation der hieraus resultierenden Entscheidungsfolgen. Sie werden benötigt, um die relevanten Sachverhalte zu vereinfachen und um politische Entscheidungen voranzutreiben (SPANGENBERG, 1999). Im Vordergrund steht dabei das „Ziel 2010“. Hierunter versteht man die Entwicklung von Biodiversitätsstrategien, um der Politik zur Umsetzung des Übereinkommens über die biologische Vielfalt konkrete Aktionsfelder anzubieten (DOYLE et al, 2005 sowie KÜCHLERKRISCHUN & PIECHOCKI, 2005). Es ist allerdings weithin strittig, welche Elemente aus dem umfangreichen Sortiment der Biodiversität für die jeweilige Fragestellung am zweckmäßigsten sind und welche Maße zur Erfassung hierfür geeignet erscheinen. Um Aussagen über den optimalen Schutz treffen zu können, ist es daher notwendig, Elemente der Biodiversität zu definieren und die geeigneten Meßmethoden darauf abzustimmen (SOLOW et al., 1993).

In der Naturwissenschaft erfasst Biodiversität die Vielfalt auf drei Ebenen; auf der Ebene der Gene, der Arten (bzw. Populationen) und der Ökosysteme. Daneben gibt es ökologisch-funktionale Prozesse (sog. Sphären), die sich innerhalb jeder dieser Ebenen wiederfinden: die Komposition beschreibt die Einzelelemente, die Struktur befasst sich mit der räumlichen Verteilung und die Funktionen geben die Wechselwirkungen innerhalb des Systems wieder. Es handelt sich hier also um einen nicht scharf eingegrenzten naturwissenschaftlichen Begriff, sondern um einen Oberbegriff, der als Synonym für belebte Natur steht.

Neben der Bedeutung der Biodiversität für den Naturhaushalt und für die Auswirkungen auf das Beziehungsgefüge des Ökosystems und der ökologischen Funktionen fällt der Biodiversität zudem eine Bedeutung für das menschliche Wohlbefinden zu, da z.B. 75 % aller Heilmittel pflanzlichen, tierischen oder mikrobiologischen Ursprungs sind. Der Nutzen für den Menschen hängt folglich entscheidend vom Erhalt der biologischen Vielfalt ab (DOYLE et al., 2005). Somit besitzt das Konzept Biodiversität hinsichtlich seiner inhaltlichen Ausgestaltung einen sehr hohen Bedeutungsumfang. Es bringt die Komplexität der Natur zum Ausdruck, ist aber gleichzeitig für die jeweilige Fragestellung verwendbar, da es eine angepasste Selektion von Indikatoren erlaubt.

In der vorliegenden Untersuchung wird eine ökonomische Bewertung auf die gesellschaftliche Wohlfahrt vorgenommen und der Grad der Akzeptanz von Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität in Wäldern durch die Bevölkerung beurteilt. Um einen effizienten Instrumenteneinsatz für die Erhaltung und für die Förderung von Biodiversität im Sinne der Allgemeinheit zu gewährleisten, sind Informationen darüber notwendig, wie hoch der Nutzen solcher Maßnahmen für die Bevölkerung ist. Zuvor ist es notwendig, jene Elemente der Biodiversität zu definieren, die im Rahmen dieser Fragestellung deren Schutz und Förderung gewährleisten. Vor diesem Hintergrund wurde für die vorliegende Untersuchung der Begriff Biodiversität operational gemacht, um die Biodiversität einer Bewertung zugänglich zu machen. Dies geschah dadurch, dass im Rahmen des Verbundprojektes Maßnahmen bestimmt wurden, die aus naturwissenschaftlicher Sicht für notwendig erachtet werden. Diese entwickelten Maßnahmen bilden die Grundlage für die sozioökonomische Bewertung. Die Nutzenermittlung erfolgte mit der umweltökonomischen Methode der kontingenten Bewertung (Kap. 3), die im Rahmen von Bevölkerungsbefragungen ihre Anwendung findet (Kap. 2).

[ ... ]


1 Die Begriffe „Biologische Vielfalt“ und „Biodiversität“ werden hier als Synonyme verwendet.

2 Vgl. hierzu die „Vilmer Thesen zum Natur- und Umweltschutz“ (PIECHOCKI et al., 2004).

3 Es existiert eine Fülle von Definitionen über Biodiversität. „Biological diversity is enigmatic even within the scientific community.“ (FITZSIMMONS, 1999, S. 96).

4 Die Vilmer Thesen zur Biodiversität bieten dazu eine fundierte Grundlage (PIECHOCKI et al., 2003).

5 Einen Überblick zur Entstehungsgeschichte und zur Funktion des Begriffs „Biodiversität“ geben FLITNER (1999) sowie PIECHOCKI (2002).

6 Im Bereich der Biodiversitätskonvention gibt es Versuche, sich auf international geltende Indikatoren zu einigen (vgl. KORN, 1999). Zu der Umsetzung von Strategien zur biologischen Vielfalt im Bereich der Forstwirtschaft vgl. BMVEL (2002).

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