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Angela Schanelecs „Marseille“ als Flaneurfilm

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 22 Pages
Author: Friederike von Hegel
Subject: Film Science

Details

Event: HS Der neueste deutsche Film
Institution/College: University of Cologne (Theater- Film- und Fernsehwissenschaft)
Tags: Angela, Schanelecs, Flaneurfilm, Film
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 22
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 31  Entries
Language: German
Archive No.: V84947
ISBN (E-book): 978-3-638-01452-6
ISBN (Book): 978-3-638-91755-1
File size: 156 KB

Abstract

Die vorliegende Arbeit soll einen Versuch darstellen, sich dem Film "Marseille" von Angela Schanelec und seiner Hauptfigur Sophie unter dem literarischen Motiv des Flaneurs und einigen seiner zahlreichen Facetten zu nähern. Dabei wird sich herausstellen, dass sich "Marseille" in der Verwendung des Motivs ‚Stadt’ von den neuesten deutschen Autorenfilmen deutlich abhebt, welche die Stadt als selbstverständliche Kulisse der (Post-) Moderne "gebrauchen". Schanelec legt auf verschiedene Weisen einen besonderen Fokus auf die Stadt Marseille. Es soll davon ausgegangen werden, dass "Marseille" unter dieser Fragestellung als ein Brückenschlag zwischen Film und einer (post-) modernen Literaturwelt fungieren kann, und nicht lediglich als ein gänzlich plotfreier ‚Berliner Schule’-Films angesehen werden muss, der zwar von der Kritik in den höchsten Tönen gelobt, gleichzeitig in seiner Besonderheit und in seinem künstlerischen Wert auch auf den stark reduzierten Plot und die elliptische Erzählweise sowie die filmischen Stilmittel reduziert wurde.


Excerpt (computer-generated)

Hauptseminar

,,Der neueste deutsche Film"

Angela Schanelecs ,,Marseille" als Flaneurfilm

Friederike v. Hegel


Inhaltsverzeichnis

1

Einleitung und Fragestellung 3

2

Das Motiv Großstadt im deutschen Autorenkino 4

3

Das Motiv des Flaneurs 7

3.1 Großstadtkonzeptionen

des

Flaneurs 8

3.2

Der Fotograf als Flaneur/ Der Flaneur als Fotograf 9

3.3

Elemente der Flanerie im Kontext von ,Weiblichkeit′ 10

4

Die Figur Sophie als Flaneur 11

4.1

Zur Motivation ihres Flanierens 11

4.1.1 Die

Ausgeschlossene 11

4.1.2 Die

Künstlerin 12

4.1.3 Die

Distanzierte 13

4.2

Die Funktion der Flanerie im Film Marseille 14

5

Marseille

als deutscher Autorenfilm 14

5.1

Der besondere Blick auf die Stadt 15

5.2

Die narrative Struktur 15

5.3

Der Fokus auf das Ende 16

6

Ein deutscher Film in Frankreich 17

7 Schluss 18

8 Literaturverzeichnis 19

9

Zeitungs- und Zeitschriftenartikel 20

10 Filmverzeichnis 21

2


1 Einleitung und Fragestellung

Untersucht man eine Reihe deutscher Filme, die innerhalb des letzten Jahrzehnts produziert

wurden, so lässt sich bei einigen Filmemachern sicherlich die Handschrift eines Auteurs

erkennen. So steht z.B. der Name Andreas Dresen für humorvoll-poetische Portraits der eher

unteren Schichten unserer Gesellschaft, der Name Tom Tykwer für mutige ästhetische

Experimente und der Name Wim Wenders u.a. für anspruchsvolle Romanadaptionen.

Jene junge, unabhängige, deutsche Regisseure, von denen im weiteren Verlauf dieser Arbeit

noch einige genannt werden, verleihen ihren Filmen eine Signatur, gleich einem Kunstwerk ­

ihre Filme

sind

Kunstwerke ­ und sei es nur dadurch, dass die Rezeption durch ihre Präsenz

geprägt wird. Ihre persönliche Sichtweise wird durch den Film transportiert, sie müssen

niemandem, vor allem keiner Traumfabrik, darüber Rechenschaft ablegen.1

So unabhängig diese Filmemacher aber auch sein mögen: in nahezu allen deutschen Filmen

ist eine bestimmte Stadt oder ,Stadt′ im Allgemeinen thematisiert (auch wenn in der Presse

schon die Neuorientierung des deutschen Heimatfilms angepriesen wurde2). Warum ist das

so? Zunächst lässt sich vereinfacht sagen, dass deutsche Autorenfilmer sich einer klaren,

realistischen und unverblümten Sichtweise auf das Leben mit seinen Akteuren verschrieben

haben, welches sich freilich zu großen Teilen in Städten abspielt.

Ferner muss eben dieser realistische Tonus auch in der Lage sein, den Zeitgeist in all seinen

Strömungen auszudrücken, welcher sich am deutlichsten und am vielfältigsten im modernen

Leben in der Stadt wider spiegelt. Stadt bedeutet ­ wie Moderne (im Sinne des frühen 20.

Jahrhunderts) ­ Veränderung und Entwicklung, Undurchschaubarkeit, Pluralität,

Weiterführen der Aufklärung und Umbruch, aber auch ­ wie im postmodernen Sinne ­

Dekadenz, einen hippen Lebensstil, Nihilismus und Ungläubigkeit gegenüber allen möglichen

Gesetzen wie Kulturbegriffen und Fragmentierung alles Wahrnehmbaren.

Ein Film stach in den letzten Jahren aus allen Städtefilmen besonders hervor: Angela

Schanelecs

Marseille

. Von der Kritik in den höchsten Tönen gelobt3, vom Publikum mühsam

1 Zur Autorentheorie s.a. Felix, Jürgen: Autorenkino. In: ebd. (Hrsg.): Moderne Film Theorie. Mainz 2003. II,

319 S., 13-57

2 Rahayel, Oliver: Die aktuelle Neuorientierung des Heimatfilms. Unter:

http://www.goethe.de/kue/flm/dos/hei/de1758458.htm (Letzter Zugriff: 15.09.07)

3 So schrieb z. B. Birgit Glombitzka in Die Zeit: ,,Die Berliner Regisseurin ist eine wunderbare Dokumentarin

des Alltäglichen" [Glombitza, Birgit: ,,Dem Leben abgeschaut". In: ,,Die Zeit" vom 23.09.2004. Unter:

http://www.zeit.de/2004/40/Angela_Schanelec (Letzer Zugriff: 16.06.2007)]

,,Zweifelsohne gehört Angela Schanelecs Ansatz zum Reflektiertesten, was das zeitgenössische deutsche Kino

zu bieten hat." Lobt Daniel Eschkötter. [Eschkötter, Daniel: ,,Nichts der Provokation und Alles der Sache".

Unter: http://filmtext.com/start.jsp?mode=1&key=553 (Letzer Zugriff 16.06.2007)]

3


angenommen4, reduzierte die feuilletonistische Presse die Besonderheit und den

künstlerischen Wert dieses Werks zum Teil auf den stark reduzierten Plot und die elliptische

Erzählweise sowie die filmischen Stilmittel.

Die folgende Arbeit soll einen Versuch darstellen, sich dem Film und seiner Hauptfigur unter

dem literarischen Motiv des Flaneurs und einigen seiner zahlreichen Facetten zu nähern.

Dabei wird sich herausstellen, dass sich

Marseille

in der Verwendung des Motivs ,Stadt′ von

den neuesten deutschen Filmen deutlich abhebt, in dem es u.a. auf verschiedene Weisen einen

besonderen Fokus auf die Stadt Marseille legt.

Es soll davon ausgegangen werden, dass

Marseille

unter dieser Fragestellung als ein

Brückenschlag zwischen Film und einer (post-) modernen Literaturwelt fungieren kann, und

nicht lediglich als ein gänzlich plotfreier ,Berliner Schule′-Films angesehen werden muss, der

zwar mit einer Reihe von Momentaufnahmen des ,Dazwischen′, ,,alles Zwischenmenschliche

in der Schwebe belässt"5 und ,,dem Zufall Raum"6 gibt, aber nicht so wenig Inhalt bietet, dass

den Charakteren der Story nachträglich eine Dreiecksbeziehung7 aufoktroyiert werden muss,

damit überhaupt etwas passiert.

2 Das Motiv Großstadt im deutschen Autorenkino

Die Stadtdarstellung im neueren deutschen Film orientiert sich laut Hickethier nicht am

,,Metropolentraum" der Zwanziger Jahre und deren großartigen Stadtkompositionen wie in

Fritz Langs

Metropolis

,

M ­ eine Stadt sucht einen Mörder

, oder Walther Ruttmanns

Berlin ­

Sinfonie einer Großstadt

.8 Auch Darstellungen der Stadt als Dschungel der

Unübersichtlichkeiten und Gefahren seien mehr oder weniger passé.

4 Dazu sagt Daniel Eschkötter ,,[d]ass die französische Presse »Marseille« in ihr Herz schloss, [...] ist kein

Wunder. Schließlich bekennt sich Schanelec ganz offen zu ihren Vorbildern Robert Bresson und Eric Rohmer. In

Deutschland stoßen ihre Filme nicht selten auf Ratlosigkeit, wohl nicht zuletzt deshalb, weil sie sich den

üblichen Sehgewohnheiten konsequent verweigert."

Nana Rebhan erkennt, dass die Langsamkeit des Films ,,für den Zuschauer an die Grenze zur Unerträglichkeit

erreichen" kann. [Rebhan, Nana A. T.: Marseille. Ein Film von Angela Schanelec. Unter:

http://www.arte.tv/de/film/Kino-

News/kinostart/Kinostart_2023._20September_202004/650784,CmC=648158.html (Letzter Zugriff:

16.06.2007)]

5 Fricke, Harald: Das Leben ist keine Talkshow. In: taz, die tageszeitung vom 23.09.2004. Unter:

http://www.taz.de/index.php?id=archiv&dig=2004/09/23/a0174 (Letzter Zugriff 16.06.2007)

6 Rebhan

7 Rebhan z.B. behauptete über Sophie: ,,Sie ist immer noch in Ivan, den Freund ihrer besten Freundin verliebt.",

ähnlich wie Mathias Heine [Heine, Matthias: Einsame Zweisamkeit. In: Berliner Morgenpost vom 23.09.2004.

Unter: http://www.morgenpost.de/content/2004/09/23/film/705172.html (Letzer Zugriff: 16.06.2007)]

Dabei soll nicht behauptet werden, dass es besagte Dreiecksbeziehung nicht gibt, jedoch sind die Evidenzen im

Film nicht ausreichend, um von mehr als Andeutungen zu sprechen.

8 Hickethier, Knut: Filmische Großstadterfahrung im neueren deutschen Film. In: Schenk, Irmbert: Dschungel

Großstadt ­ Kino und Modernisierung. Marburg 1999. 203 S., 186-200

4


Eine These, die Stadt im Film habe eine eigene Bedeutung und sei ein eigener imaginierter

Text, ist zwar leicht aufgestellt. Allzu oft dient schließlich im Film die Außenwelt als Spiegel

der Innenwelt. Dieser Topos ist jedoch aufgrund der permanent wiedererzählten und

wiedererzählenden filmischen Welt allmählich verbraucht. Die Stadt kann als Motiv dienen

und Strukturen setzen. Zumindest bietet eine Stadt ihren Figuren Verhaltensdispositionen und

-konventionen, setzt einen Handlungsrahmen und -ort, all dies aber als des Menschen

natürliche Umgebung.

Hickethier geht so weit, zu behaupten, der Film als solcher verkörpere Urbanität, selbst dort,

wo jene explizit abwesend sei. Wo Natur gezeigt wird, sei es immer aus dem Blickwinkel der

Moderne. Sie bliebe dann immer ein Kontrapunkt. Ausnahmen zu dieser Erscheinung bietet

vielleicht der oben bereits erwähnte Heimatfilm, der auch in der heutigen Zeit noch Heimat,

also Land als ,,reale[n], in sich geschlossene[n] Kosmos"9 zeigt, z.B. in der aktuellen

Komödie

Wer früher stirbt, ist länger tot

von Marcus H. Rosenmüller. Allerdings kann jener

ebenfalls aus der städtischen Perspektive als radikaler Ausdruck besagter Tendenz gelesen

werden.

Deutlich zeichnet sich aber die Perspektive zum Land aus Sicht der Großstadt in deutschen

Autorenfilmen wie Hans-Christian Schmids

Requiem

oder Maren Ades

Der Wald vor lauter

Bäumen

ab

,

in denen der Umzug vom Land in die Stadt für zwei junge Frauen ein

unvermeidbarer Bestandteil ihrer (obgleich gescheiterten) Initiationsgeschichte ist.

Der Film kann selbst Modernisierung betreiben: er setzt Verhaltensmodelle und dient als

Podium für verschiedene Lebensauffassungen, Handlungsweisen, Ansichten und Meinungen.

Es gibt im neuen deutschen Film jedoch kaum programmatische Stadtfilme (abgesehen von

Wenders′ Filmen). Die Stadt ist präsent, aber das auf selbstverständliche Weise.

Die

Metropole fehlt im dezentralisierten Deutschland ohnehin, was nicht verwundert,

betrachtet man Berlins Stadtgeschichte und die deutsche Geschichte im vergangenen

Jahrhundert als Kontext.

Darüber hinaus muss dem Zuschauer die Stadt nicht mehr präsentiert werden. Er kennt sie,

erkennt sie an wenigen Details und setzt sie als Ort der Handlung voraus.

Insofern zeigt kaum ein Film eine Stadt in ihrer Bedeutung als ,,Dschungel Großstadt". Dieser

ist vielmehr hintergründig bedeutsam als ein Dschungel aus Menschen, ihren Gefühlen und

Ansichten, ihnen in ihren Figurenkonstellationen.

Dem Zuschauer müssen außerdem keine expliziten Stadtdarstellungen zu seinem Verständnis

mehr geboten werden ­ diese würden ihn im Gegenteil vermutlich eher langweilen, da er sie

9 Rahayel

5



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