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Subtitle: Die Dramentheorie von Jakob Michael Reinhold Lenz - mit Bezug auf „Der neue Menoza“ und „Der Engländer“)
Examination Thesis, 2005, 78 Pages
Author: Stephanie Pick
Subject: German Studies - Genres
Details
Tags: Gemälde, Gesellschaft
Year: 2005
Pages: 78
Grade: 1,2
Bibliography: ~ 117 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-90063-8
File size: 409 KB
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Abstract
Diese Arbeit versteht sich als Versuch, das neu entdeckte Interesse an Lenz zu unterstützen und die Wichtigkeit seiner dramentheoretischen Äußerungen nicht nur für die Sturm-und-Drang-Zeit, sondern auch bis in die zeitgenössische Gegenwart hinein hervorzuheben. Die Anmerkungen übers Theater signalisieren zwar eine deutliche Kritik an der bestehenden Praxis, deuten aber Lenzens eigene Alternative nur an. Da die Annmerkungen vor der Vollendung seiner meisten Dramen formuliert wurden, sind sie nur im Zusammenhang mit seinen späteren dramentheoretischen Äußerungen und seiner Dramen zu interpretieren. Eben dies will ich im Rahmen dieser Arbeit versuchen. Beginnen werde ich mit einer Einführung in die Poetik des Aristoteles, da eben diese die Grundlage der Lenzschen Kritik an den zeitgenössischen Gattungskonventionen darstellt. Um einen Einblick in Lenzens literarische Gegenwart zu bekommen, folgt darauf eine Übersicht zu allgemeinen Strömungen im Sturm und Drang, wobei nicht nur die Literatur, sondern auch der Geniekult und das Vorbild Shakespeares eine Rolle spielen soll. Auch Lessings Dramentheorie wird an dieser Stelle Beachtung finden, da er es ist, auf den sich Lenz unausgesprochen in den Anmerkungen übers Theater bezieht, wenn die aristotelische Regelpoetik kritisiert wird. Der Fokus dieser Arbeit soll auf den nun folgenden Teilen liegen. Es wird sich dabei um eine genaue Analyse der Anmerkungen übers Theater sowie anderen dramentheoretischen Äußerungen Lenzens handeln. Ob Lenz seine Forderungen an das neue Theater in die literarische Praxis umsetzen kann, zeigen die darauf folgenden Teile, die sich mit der Analyse zwei seiner Dramen beschäftigen werden. Den neuen Menoza bezeichnete Lenz nach einigem Wanken als Komödie, den Engländer hingegen als dramatisches Phantasei. Jeweils am Ende einer Dramenanalyse soll eine dramentheoretische Einordnung des Stücks in Lenzens theoretische Forderungen folgen. Abschließend wird geprüft, ob die Ziele dieser Arbeit erreicht wurden und inwiefern von einer „ungemein fruchtbar[en]“ Schrift gesprochen werden kann
Excerpt (computer-generated)
Universität Hamburg
Fachbereich Germanistik
„Komödie ist Gemälde der menschlichen Gesellschaft...“
Die Dramentheorie von Jakob Michael Reinhold Lenz
(mit Bezug auf „Der neue Menoza“ und „Der Engländer“)
Wissenschaftliche Hausarbeit
zur ersten Staatsprüfung für das Lehramt an der
Grund- und Mittelstufe im Fach Germanistik
von
Stephanie Pick
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... S. 1
2. Aristoteles: Poetik ... S. 3
2.1 Die Entstehungszeit der Poetik ... S. 3
2.2 Dichtung als Nachahmung ... S. 5
2.3 Die Tragödientheorie ... S. 7
2.4 Die Komödientheorie ... S. 9
3. Allgemeine Strömungen im Sturm und Drang ... S. 10
3.1 Dichtung des Sturm und Drang ... S. 10
3.2 Geniekult und das Vorbild Shakespeares ... S. 12
3.2.1 Der Shakespeare-Aufsatz Herders ... S. 14
3.2.2 Goethe: Zum Schäkespears Tag ... S. 15
3.2.3 Lenz: Über die Veränderung des Theaters im Shakespear ... S. 16
3.3 Die Dramentheorie Gotthold Ephraim Lessings ... S. 17
3.3.1 Die Hamburgische Dramaturigie Gotthold Ephraim Lessings ... S. 17
4. Jakob Michael Reinhold Lenz: Anmerkungen übers Theater ... S. 21
4.1 Die Entstehung der Anmerkungen übers Theater ... S. 21
4.2 Die Form der Anmerkungen übers Theater ... S. 22
4.3 Der Aufbau der Anmerkungen übers Theater ... S. 23
4.4 Das Wesen der Poesie ... S. 23
4.5 Zum Gegenstand der Nachahmung ... S. 25
4.6 Die drei Einheiten ... S. 27
4.7 Das französische Theater und Shakespeare ... S. 28
4.8 Lenz und Aristoteles ... S. 30
4.9 Die Dramentheorie ... S. 31
4.9.1 Die Tragödientheorie ... S. 31
4.9.2 Die Komödientheorie und Mischung der Gattungen ... S. 34
4.10 Lenz´ Notiz Für Wagnern (Theorie der Dramata) ... S. 39
5. Jakob Michael Reinhold Lenz: Der neue Menoza oder Geschichte des cumbanischen Prinzen Tandi ... S. 41
5.1 Entstehung- und Textgeschichte des neuen Menoza ... S. 41
5.2 Analyse des Stücks Der neue Menoza ... S. 43
5.2.1 Die Handlungsstruktur im neuen Menoza ... S. 43
5.2.2 Zeit und Raum ... S. 45
5.2.2.1 Zum Umgang mit der Zeit ... S. 46
5.2.2.2 Zum Umgang mit dem Raum ... S. 46
5.2.3 Das dramatische Personal ... S. 47
5.2.4 Das Prinzip des Zufalls ... S. 51
5.2.5 Die Schlussszenen ... S. 52
5.3 Gattungstheoretische Einordnung des neuen Menoza ... S. 53
6. Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Engländer ... S. 54
6.1 Entstehungs- und Textgeschichte des Engländers ... S. 54
6.2 Analyse des Engländers ... S. 55
6.2.1 Handlungsstruktur ... S. 55
6.2.2 Umgang mit den drei Einheiten ... S. 57
6.2.2.1 Einheit des Ortes ... S. 58
6.2.2.2 Einheit der Zeit ... S. 59
6.2.2.3 Einheit der Handlung ... S. 59
6.2.3 Das dramatische Personal ... S. 61
6.3 Gattungstheoretische Einordnung des Engländers ... S. 62
7. Schluss ... S. 65
Literaturverzeichnis I - VIII
1. Einleitung
„Die Anmerkungen übers Theater (...) sind wohl die eigenartigste und eigenwilligste Schrift, die sich in der deutschen Literatur mit der Theorie der Dichtung und mit der ästhetischen Reflexion einer Gattung, des Dramas, beschäftigt. (...) Sie sind der Versuch der ersten poetologischen Begründung einer neuen Form des Dramas, die für die Folgezeit bis in die jüngste Gegenwart hinein ungemein fruchtbar wurde“1.
Dies schrieb Martini bereits 1970 und er hat bis in die Gegenwart hinein nichts an Aktualität verloren. Die Anmerkungen sind ohne Zweifel eine der wichtigsten dramentheoretischsten Schriften des Sturm und Drang. Hierin soll auch die Motivation dieser Arbeit liegen. Lenzens Dramentheorie wird zwar seit einiger Zeit mit entsprechender Schätzung bewertet, doch wurde sein Werk bis in 1960er Jahre hinein entweder ganz aus der Literaturgeschichte ausgeblendet oder abgewertet. Ob das angestiegene Interesse der Literaturwissenschaft an Lenz von Dauer sein wird, ist noch nicht klar.
Diese Arbeit versteht sich als Versuch, das neu entdeckte Interesse an Lenz zu unterstützen und die Wichtigkeit seiner dramentheoretischen Äußerungen nicht nur für die Sturm-und-Drang-Zeit, sondern auch bis in die zeitgenössische Gegenwart hinein hervorzuheben. Die Anmerkungen übers Theater signalisieren zwar eine deutliche Kritik an der bestehenden Praxis, deuten aber Lenzens eigene Alternative nur an. Da die Annmerkungen vor der Vollendung seiner meisten Dramen formuliert wurden, sind sie nur im Zusammenhang mit seinen späteren dramentheoretischen Äußerungen und seiner Dramen zu interpretieren. Eben dies will ich im Rahmen dieser Arbeit versuchen. Beginnen werde ich mit einer Einführung in die Poetik des Aristoteles, da eben diese die Grundlage der Lenzschen Kritik an den zeitgenössischen Gattungskonventionen darstellt. Um einen Einblick in Lenzens literarische Gegenwart zu bekommen, folgt darauf eine Übersicht zu allgemeinen Strömungen im Sturm und Drang, wobei nicht nur die Literatur, sondern auch der Geniekult und das Vorbild Shakespeares eine Rolle spielen soll. Auch Lessings Dramentheorie wird an dieser Stelle Beachtung finden, da er es ist, auf den sich Lenz unausgesprochen in den Anmerkungen übers Theater bezieht, wenn die aristotelische Regelpoetik kritisiert wird. Der Fokus dieser Arbeit soll auf den nun folgenden Teilen liegen. Es wird sich dabei um eine genaue Analyse der Anmerkungen übers Theater sowie
anderen dramentheoretischen Äußerungen Lenzens handeln. Ob Lenz seine Forderungen an das neue Theater in die literarische Praxis umsetzen kann, zeigen die darauf folgenden Teile, die sich mit der Analyse zwei seiner Dramen beschäftigen werden. Den neuen Menoza bezeichnete Lenz nach einigem Wanken als Komödie, den Engländer hingegen als dramatisches Phantasei. Jeweils am Ende einer Dramenanalyse soll eine dramentheoretische Einordnung des Stücks in Lenzens theoretische Forderungen folgen. Abschließend wird geprüft, ob die Ziele dieser Arbeit erreicht wurden und inwiefern von einer „ungemein fruchtbar[en]“2 Schrift gesprochen werden kann.
2. Aristoteles: Poetik
Lenz´ Dramentheorie beruht in vielfacher Weise auf der Kritik der aristotelischen Gattungspoetik. Um diese Kritik nachvollziehbar gestalten zu können, ist es notwendig, sich zunächst mit der Poetik des Aristoteles zu beschäftigen.
Aristoteles´ Werk über die Theorie der Gattungen ist recht umfangreich. Deshalb soll sich im Folgenden nur auf die für Lenzens Kritik wesentlichen Teile beschränkt werden, in denen die Nachahmung als Wesen der Poetik, sowie das Tragödien- und Komödienverständnis behandelt wird.
2.1 Die Entstehungszeit der Poetik
So wie Lenz mit seiner Gattungstheorie etwas Neues aufgestellt hat, betrat auch Aristoteles mit dem Verfassen der Poetik durchaus Neuland. Es gab zwar Ansätze, Dichtung in unterschiedlichster Art zu bewerten, doch existierte - das hat die Forschung gezeigt - keine eigenständige Schrift über die Grundlagen der Dichtung. Es waren somit auch keine vorausgegangenen Werke, anhand derer man den Entstehungszeitpunkt der Poetik hätte bestimmen können, vorhanden. Da dieser jedoch nicht unwesentlich für die Rezeptionsgeschichte der aristotelischen Regelpoetik ist, kann versucht werden, die Poetik anhand von Wahrscheinlichkeitsschlüssen in das Leben und die Werke des Aristoteles einzuordnen. Aristoteles, 384 v. Chr. geboren, ging mit 17 Jahren nach Athen. Dort wurde er Mitglied in der Schule Platons, einige Zeit später Platons Gehilfe. Nach dem Tode seines Lehrers verließ er kurz Athen, kehrte jedoch einige Jahre später zurück und gründete selbst eine Schule - Lykeion oder Peripatos genannt. Es wird vermutet, dass Aristoteles in dieser Zeit die meisten seiner Schriften - so auch die Poetik - verfasste. Athen war Schöpferstadt des klassischen Dramas. Komödie und Tragödie hatten hier ihren Ursprung gefunden, zudem einen festen institutionellen Rahmen in alljährlich wiederkehrenden Wettbewerben. Athen als Zentrum dramatischer Kunst - ideal für Aristoteles´ Ausführungen.
Wenn Aristoteles also die Schrift in Athen verfasst hat, bleibt die Frage, ob dies vor oder nach dem Tode Platons geschah. Da die Poetik die platonische Verurteilung der Kunst zu widerlegen versucht , muss sich Aristoteles in Besitz einer anderen - wie er glaubt, richtigeren - Ontologie und Ethik als Platon gewusst haben. Es wird an vielerlei Stellen des Werkes deutlich, dass die Poetik die Kritik an der platonischen Ideenlehre und an der platonischen, gänzlich negativen Bewertung der Affekte voraussetzt. Aristoteles hatte also die Auseinandersetzung mit der Philosophie Platons im Wesentlichen abgeschlossen - und dies kann nur nach Platons Tode der Fall gewesen sein. Der Einfluss seines Lehrers ist in mehrerer Hinsicht erkennbar. Platon selbst hatte zwar keine systematische Lehre zur Poetik geschaffen, dennoch bilden seine Gedanken eine wichtige Grundlage für Aristoteles´ Überlegungen. So war Platons Auffassung vom Nachahmen des Wirklichen ein wichtiger Ansatzpunkt in der aristotelischen Poetikanalyse.
[....]
1 Martini, Fritz: Die Einheit der Konzeption in J.M.R. Lenz´ „Anmerkungen übers Theater“. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 14 (1970), S. 159
2 ebd., S. 159
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