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Diploma Thesis, 2007, 37 Pages
Author: Dipl. Sozialwirtin Semra Dogan
Subject: Sociology - Social System, Social Structure, Class, Social Stratification
Details
Tags: Selbstbestimmung, Subjekts, Machttheorie, Pierre, Bourdieus
Year: 2007
Pages: 37
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 57 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-90069-0
ISBN (Book): 978-3-638-90594-7
File size: 298 KB
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Abstract
Die Machttheorie Pierre Bourdieus erfährt in neuster Zeit besondere Beachtung im Globalisierungsdiskurs, in dem nicht mehr nur ein empirisch-phänomenologischer Wandel der Relation zwischen Raum, Zeit und Gesellschaft artikuliert wird, sondern sich immer stärker die Auffassung durchsetzt, dass Raum nicht bloßer Behälter ist oder sich apriorischen Universalkategorien verdankt, sondern als Bedingung und Resultat sozialer Prozesse gedacht und erforscht werden muss. In diesem Sinne ist die Makroperspektive, die weniger eine außenstehende objektive Beobachter-Position postuliert, sondern den Blick innerhalb des Wissenschaftsfeldes meint, der mit reflexiven Anspruch das Auge auf die Pluralität der Akteure und Gruppen richtet, von großer Bedeutung. Um jedoch die verschiedenen Facetten gesellschaftlicher Prozesse zu untersuchen, ist die Mikroperspektive ebenfalls mit in die Forschungspraxis einzubeziehen, denn der räumlichen Beschreibung von Gesellschaft liegt eine Doppelheit von strukturalem Ordnungs- und prozessualem Handlungsaspekt zugrunde, die sich zunehmend von der Akzentuierung des Pols der Raumordnung zur Hervorbringung des Pols der raumkonstitutiven Praxis verschiebt.
Excerpt (computer-generated)
Die Selbstbestimmung des Subjekts in der Machttheorie Pierre Bourdieus
von
Semra Dogan
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ... 2
1.1 Problemstellung ... 2
1.2 Aufbau und Zielsetzung ... 4
2 „Dekonstruktion“ á la Bourdieu ... 5
2.1 Relationales Denken ... 7
2.2 Genetischer Strukturalismus ... 9
3 Praxeologische Theorie der Praxis ... 11
3.1 Habitus- Vermittlung zwischen Struktur und Praxis ... 13
3.1.1 Sozialer Kontext ... 16
3.1.2 Bourdieus Klassenbegriff ... 17
3.1.3 Geschmack als verkörperte Klasse ... 18
4 Feld, Sozialer Raum und Kapital ... 20
4.1 (Spiel-)Felder ... 21
4.2 Strategischer Akteur ... 22
4.3 Sozialer Raum ... 23
4.4 Kapital- Ressource und Chance ... 25
4.4.1 Ökonomisches Kapital ... 25
4.4.2 Kulturelles Kapital ... 26
4.4.3 Soziales Kapital ... 26
4.4.4 Symbolisches Kapital ... 27
5 Symbolische Kämpfe auf dem Feld der Macht ... 28
6 Fazit- Determinismus oder Freiheit? ... 29
Literaturverzeichnis ... 33
„Wir sind alle frei innerhalb von Grenzen.
Und wir können uns zusätzliche Freiheit dadurch schaffen,
dass wir uns diese Grenzen bewusst machen.“
(Bourdieu: 1989b, 23)
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
Die Machttheorie1 Pierre Bourdieus erfährt in neuster Zeit besondere Beachtung im Globalisierungsdiskurs, in dem nicht mehr nur ein empirisch-phänomenologischer Wandel der Relation zwischen Raum, Zeit und Gesellschaft artikuliert wird, sondern sich immer stärker die Auffassung durchsetzt, dass Raum nicht bloßer Behälter ist oder sich apriorischen Universalkategorien verdankt, sondern als Bedingung und Resultat sozialer Prozesse gedacht und erforscht werden muss (Vgl. Löw: 2007, 66). In diesem Sinne ist die Makroperspektive, die weniger eine außenstehende objektive Beobachter-Position postuliert, sondern den Blick innerhalb des Wissenschaftsfeldes meint, der mit reflexiven Anspruch das Auge auf die Pluralität der Akteure und Gruppen richtet, von großer Bedeutung. Um jedoch die verschiedenen Facetten gesellschaftlicher Prozesse zu untersuchen, ist die Mikroperspektive ebenfalls mit in die Forschungspraxis einzubeziehen, denn der räumlichen Beschreibung von Gesellschaft liegt eine Doppelheit von strukturalem Ordnungs- und prozessualem Handlungsaspekt zugrunde, die sich zunehmend von der Akzentuierung des Pols der Raumordnung zur Hervorbringung des Pols der raumkonstitutiven Praxis verschiebt (Vgl. Dünne: 2006, 290). Es ist gerade die Dialektik der Bourdieuschen Theorie der Praxis, die zum einen den konventionellen Dualismus zwischen Mikro- und Makroperspektive zu überwinden trachtet und zum andern eine Verknüpfung beider gewährleistet. Insbesondere konkrete sozialökonomische Stadt- und Regionaluntersuchungen, die die aktuellen Diskussionen um eine allgemeine Raumtheorie und eine Soziologie des Raumes zur Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Öffentlichen als dem Raum des Politischen und dem sozialen Raum berücksichtigen, sind auf eine differenzierte Methodologie, wie Bourdieu sie vorschlägt, angewiesen.
Bourdieus Überlegungen zum Raum bilden in den Forschungsarbeiten der Stadtsoziologie, die sich paradigmatisch mit sozialer Ungleichheit auseinandersetzt, einen stetig bemühten Referenzpunkt, da er wie kaum ein anderer die Grenzen von Bindestrich- Soziologien überschreitet, mit dem Zweck, die im wissenschaftlichen Diskurs überwiegend getrennt konstituierten Kategorien wie Raum, Macht und soziale Ungleichheit zusammengenommen, als sich einander bedingend in den Blick zu nehmen (Vgl. Schroer: 2006, 90).
Dem Wissenschaftler Bourdieu geht es darum, die Strukturen und Mechanismen der sozialen Welt zu erfassen, und diese Prinzipien der Konstruktion des sozialen Raumes bzw. die Mechanismen der Reproduktion desselben in einem Modell darzustellen, um auf diese Weise die wirklichen Unterschiede auszumachen, an denen sich Strukturen (Feld) wie Dispositionen (Habitus) scheiden. Ausgehend von seinen frühen Studien in Algerien2, konstituiert er den sogenannten Habitus als Brücke zwischen individuellem Handeln und sozialer Struktur, der individuelles Handeln nach kollektiven Regeln3 organisiert. So schafft er mit dem Konstrukt des Habitus eine gewisse beobachtbare und von anderen sozialen Handlungstypen unterscheidbare Konstanz (Vgl. Dünne: 2006, 301).
Bourdieu wird oftmals dahingehend kritisiert, dass seine Habitus-Feld-Theorie keinen Raum für Veränderung zulässt und die Freiheit des Subjekts konterkariert. Müller bezeichnet sein Konzept in diesem Sinne als „overstructuralized concept of man“ (Müller: 1986, 182). Zwar gibt es nach Bourdieu tatsächlich keine direkte Möglichkeit, Habitus als gegen eine bestehende Ordnung zu denken, allerdings ist sein Ordnungsbegriff selbst schon relational angelegt, d.h. er ist als unaufhörlicher Kampf um soziale Distinktion zu verstehen (Vgl. Dünne: 2006, 301). Angesichts dessen sind alle Akteure und Gruppen seiner Ansicht nach über ihre gesellschaftliche Stellung und Machtposition im sozialen Raum definiert (Bourdieu: 1985, 10). Dadurch wird der Raum zu einem Kräftefeld, das sich allen in das Feld Eintretenden als Zwang auferlegt „[…] und weder auf die individuellen Intentionen der Einzelakteure noch auf deren direkte Interaktion zurückzuführen ist.“ (ebd.)
Dennoch geht Bourdieu von der Grundannahme aus, dass die handelnden Menschen Strukturen schaffen und aufrechterhalten, insofern Strukturen also keine vom Menschen unabhängige Existenz aufweisen (Vgl. Löw: 2001, 180), aber anstatt die individuelle Selbstbestimmung axiomatisch einem rational denkendem und handelndem Subjekt zuzuschreiben, welches sich Kraft des eigenen Verstandes aus gegebenen Strukturen herauslösen kann, spricht Bourdieu von der „Institution der Freiheit“, die sich dem historischen Erbe von Menschen verdankt, also eine gesellschaftliche Errungenschaft ist und keine individual- persönliche (Vgl. Bourdieu: 1989d, 54).
1.2 Aufbau und Zielsetzung
Der vorliegende gesellschaftstheoretische Beitrag soll thematische Anknüpfungspunkte für die nächste geplante Lernwerkstatt-Arbeit schaffen, die im Rahmen des Masterstudienganges Ökonomische und soziologische Studien unter der Überschrift „Metropolregion Hamburg: Soziale Ungleichheit und `neues Prekariat´“ die Partizipationsmöglichkeiten im Großstadtquartier Wilhelmsburg untersuchen wird. Die Transformation des öffentlichen Raumes aus historisch-demokratietheoretischer Sicht steht hierbei im Zentrum. Diese theoretisch-begriffliche Anstrengung wird unternommen, um die Teilnahme und Teilhabe der in Wilhelmsburg lebenden Menschen an Entscheidungsprozessen, die sie unmittelbar betreffen, zu untersuchen sowie in kritischer Perspektive die verbleibenden Handlungsoptionen herauszuarbeiten. Die Auswirkungen der infrastrukturellen Umbaumaßnahmen, die infolge der 2013 geplanten internationalen Bauausstellung (IBA) für die Ortsansässigen zu erwarten sind, sowie die geplante Aufwertung des als Ghetto gebrandmarkten Viertels bilden den real-politischen Bezugsrahmen.
[....]
1 Dass die Soziologie Pierre Bourdieus eine Soziologie von (symbolischer-) Macht und Herrschaft ist, lässt sich bei Schwingel: 1993 ausführlich nachlesen.
2 Vgl. hierzu insbesondere Bourdieu: 1976
3 Zum Begriff der Regel bei Bourdieu siehe Kap. 4.2 in dieser Arbeit; zur tieferen Auseinandersetzung Bouveresse: 1993
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