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Aspekte der Tragik in Sophokles' "König Ödipus" close

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Aspekte der Tragik in Sophokles' "König Ödipus"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 23 Pages
Author: Oliver Haller
Subject: German - Genres

Details

Event: Tragik und Tragödie. Theorie und Theaterstücke
Institution/College: University of Tubingen (Deutsches Seminar)
Tags: Aspekte, Tragik, Sophokles, König, Tragik, Tragödie, Theorie, Theaterstücke
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 23
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 22  Entries
Language: German
Archive No.: V85947
ISBN (E-book): 978-3-638-01233-1
ISBN (Book): 978-3-638-91743-8
File size: 179 KB
Notes :
Aus dem schriftlichen Kommentar des Dozenten: "Ihr Interpretationsansatz ist in sich schlüssig vorgetragen. Sie zeigen sich gut informiert und lesen sehr genau. […] Argumentation auf hohem Niveau […]." - Neben Sophokles' "König Ödipus" wird mehrfach auch die "Poetik" des Aristoteles zitiert. Aus der Sekundärliteratur wurden 17 Werke herangezogen, deren Thesen die moderne Forschung über den „König Ödipus“ repräsentieren. Sie werden am Ende der 23-seitigen Arbeit wissenschaftlich vollständig aufgeführt. Ihre Verwendung ist an den entsprechenden Stellen eindeutig belegt.


Abstract

Das wahrscheinlich zwischen 436 und 433 v. Chr. uraufgeführte Drama "König Ödipus" des griechischen Dichters Sophokles (497/6 bis 406) wurde seit der "Poetik" des Aristoteles immer wieder als Musterbeispiel der Tragödie behandelt und untersucht. Das Stück über den thebanischen König, der bei der Suche nach dem Mörder seines Vorgängers am Ende selbst als Täter entlarvt wird, wird in der vorliegenden Arbeit hinsichtlich der wesentlichen Aspekte seiner Tragik detailliert untersucht. Im Mittelpunkt der Erörterungen stehen zunächst jene zwei Auffassungen, die die Deutungsgeschichte des "Königs Ödipus" bis ins 20. Jahrhundert hinein beherrschten und von denen die eine die Grundlage der Tragik des Helden in dessen angeblicher moralischer Schuld erblickte, während die andere ihn für ein Opfer des blinden Schicksals hielt. Es zeigt sich dabei, dass beide Deutungsmuster dem Stück nicht gerecht werden. Daher geht der dritte Teil auf Aspekte der Tragik im "König Ödipus" jenseits von Schuld und Schicksal ein. Auf diese Weise orientiert er sich an den modernen Ergebnissen der Sophokles-Forschung. Allerdings werden im Verlauf der Arbeit auch die aus Aristoteles' Werk über die "Poetik" bekannten wichtigen tragödientheoretischen Begriffe wie "hamartia", "eleos", "phobos", "katharsis" und "anagnorisis" eingeführt und hinsichtlich ihrer Bedeutung im "König Ödipus" erläutert.


Excerpt (computer-generated)

Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Sommersemester 2006

Deutsches Seminar

Hauptseminar: Tragik und Tragödie. Theorie und Theaterstücke (auch EPG II)

Datum der Abgabe: 29. August 2006

ASPEKTE DER TRAGIK IN

SOPHOKLES′ KÖNIG ÖDIPUS

Oliver Haller

Studienfächer (Sommersemester 2006):

Staatsexamensstudiengang:

­ Geschichte (1. HF, 6. Fachsemester)

­ Latein (2. HF, 5. Fachsemester)

­ Deutsch (Erweiterungsfach als HF, 4.

Fachsemester)

Magisterstudiengang (Paralleleinschreibung):

­ Neuere und neueste Geschichte (HF)

­ Lateinische Philologie (1. NF)

­ Neuere deutsche Literatur (2. NF)


INHALTSVERZEICHNIS

INHALTSVERZEICHNIS 1

0. Zur Einführung 2

1. Die Bedeutung von Schuld und Schicksal im

König Ödipus

3

1.1 Der König Ödipus ­ eine Schuldtragödie? 3

1.2 Ödipus′ Fehlverhalten als hamartía im aristotelischen Sinne 6

1.3 Der König Ödipus ­ eine Schicksalstragödie? 10

2. Aspekte des Tragischen im

König Ödipus

jenseits von Schuld und Schicksal 13

2.1 Ödipus′ Charakter zwischen Blindheit und unbedingtem Wissenwollen 13

2.2 Ödipus′ Rolle als Beflecker und Heiler des Landes 15

2.3 Ödipus′ tragischer Untergang 16

2.4 Die Wirkungen von éleos, phóbos und kátharsis im König Ödipus 17

3. Ergebnisse und Folgerungen 18

Literaturangaben 20

Textausgaben 20

Sekundärliteratur 20

Wörterbuch 21

1


0. Zur Einführung

Das wahrscheinlich zwischen 436 und 433 v. Chr.1 uraufgeführte Drama

König Ödipus

des

griechischen Dichters Sophokles (497/6--406)2 wurde seit der

Poetik

des Aristoteles immer

wieder als Musterbeispiel der Tragödie behandelt und untersucht. Das Stück über den

thebanischen König, der bei der Suche nach dem Mörder seines Vorgängers am Ende selbst

als Täter entlarvt wird, wurde in unterschiedlich starker Anlehnung an Sophokles besonders

in der Neuzeit in Schauspielen, aber auch in der Oper, im Film und in der erzählenden

Literatur vielfach rezipiert.3 Neben Literaturwissenschaftlern und Philosophen beschäftigten

sich mit der Thematik auch Angehörige anderer Disziplinen wie etwa der Psychologie.4 Die

vorliegende Arbeit versucht die wesentlichen Aspekte der Tragik des Stückes näher zu be-

stimmen. Dabei setzt sie sich zunächst mit den zwei Auffassungen auseinander, die die Deu-

tungsgeschichte des

Königs Ödipus

bis ins 20. Jahrhundert hinein beherrschten und von denen

die eine die Grundlage der Tragik des Helden in dessen angeblicher moralischer Schuld er-

blickte, während die andere ihn für ein Opfer des blinden Schicksals hielt.5 Es zeigt sich

dabei, dass beide Deutungsmuster dem Stück nicht gerecht werden. Daher geht der dritte Teil

auf Aspekte der Tragik im

König Ödipus

jenseits von Schuld und Schicksal ein. Auf diese

Weise orientiert er sich an den modernen Ergebnissen der Sophokles-Forschung.

Aristoteles führt in seiner Abhandlung

perì poietikes (Poetik)

in den für die Tragödie

besonders relevanten Kapiteln 6 bis 22 immer wieder den

König Ödipus

als Beispiel heran,

um die zentralen Kategorien seiner Theorie zu veranschaulichen. Dennoch wird hier auf eine

Untersuchung verzichtet, die ausschließlich die Anwendung dieser Begriffe auf das Stück in

den Blick nimmt. Da Aristoteles die

Poetik

in der Rückschau auf die Zeit der klassischen

griechischen Tragödie schrieb und nicht etwa Sophokles sich an Aristoteles orientierte, würde

sich dieses ,,rein strukturalistische"6 Vorgehen ­ unter Einbezug weiterer Tragödien ­ mehr

für eine Analyse der

Poetik

eignen. Allerdings werden die aristotelischen Begriffe aus der

Poetik,

insbesondere der der

hamartía,

dort verwendet, wo sie die Argumentation erleichtern.

1 Laut ZIMMERMANN (2003), S. 53, gilt die ältere Datierung nach 429 v. Chr. als widerlegt. ­ Kurztitelangaben

werden im Literaturverzeichnis erklärt (S. 21).

2 Eine erste Einführung in Sophokles′ Leben und Werk bieten z. B. LESKY (1958), S. 125--169, und

ZIMMERMANN (2003), S. 51--55.

3 Vgl. zur Rezeptionsgeschichte des sophokleischen

Königs Ödipus

ZIMMERMANN (2003), S. 88--96. Demnach

lassen sich beispielsweise anführen: Senecas

Oedipus,

der

Oedipe

von Corneille (1659) und Voltaire (1718), die

beiden ersten, vollendeten Teile der geplanten Ödipus-Trilogie von Hugo von Hofmannsthal (1906/1910),

La
machine infernale

von Jean Cocteau (Uraufführung 1934) sowie die Oper

Oedipus der Tyrann

von Carl Orff

(Uraufführung 1959), die Novelle

König Ödipus

von Franz Fühmann (1966) und der Film

Edipo Re

von Pier

Paolo Pasolini (1967).

4 ZIMMERMANN (2003), S. 88.

5 LURJE (2004), S. 1 f.

6 FLASHAR (2000/2003), S. 114.

2


1. Die Bedeutung von Schuld und Schicksal im König Ödipus

Im Unterschied zu den entweder auf die Schuldfrage oder auf das Walten des Schicksals

fixierten Deutungsmustern vertrat Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff am Ende des 19.

Jahrhunderts die Auffassung, dass Sophokles′ Werk nicht mithilfe dieser Begriffe in ihrem

modernen Verständnis interpretiert werden könne.7 Entgegen der Behauptung, dass es sich

beim

König Ödipus

um eine Schuldtragödie handele, argumentiert er, dass der Ödipus des

Sophokles seine Gräueltaten als Unwissender und gegen seinen Willen begangen habe und

dass ihm innerhalb des Stückes keinerlei Schuld vorgeworfen werde, weder in moralischer

noch in juristischer Hinsicht.8 Wilamowitz-Möllendorffs Position soll im folgenden Abschnitt

anhand der Textvorlage kritisch überprüft werden, wobei auch die Besonderheit der

hamartía

des Ödipus erörtert wird. Anschließend geht es um die Frage, ob die Bezeichnung

,,Schicksalstragödie" für den

König Ödipus

zutrifft.

1.1 Der König Ödipus ­ eine Schuldtragödie?

Wilamowitz-Möllendorffs Argument gegen die Vertreter der Schuldtragödien-Deutung, dass

Ödipus seine Taten unwissentlich und gegen seinen Willen begehe, trifft zu, denn noch in der

Zeit der Bühnenhandlung erzählt er Iokaste ohne Anzeichen eines Zweifels, dass sein Vater

Polybos und seine Mutter Merope gewesen seien (774 f.)9. Dennoch liegt der Gedanke nahe,

ihm eine Schuld im moralischen Sinne10 an seinem Unglück zuzuschreiben. Ödipus′

anschließende Ausführungen (775--833) deuten nämlich darauf hin, dass er sich allzu

leichtfertig mit der Gewissheit über seine Herkunft zufrieden gibt. Zunächst teilt er seiner

Frau mit, dass ihm einst beim Mahl ein Betrunkener erzählt habe, er sei kein leiblicher Sohn

von Polybos; daran schließt sich sein Bericht über den Besuch des Orakels, seine Flucht aus

Theben und die Ermordung eines alten Mannes an. Ödipus fürchtet nun, dass sein Fluch über

den Mörder des Laios (233--243, 269--272) ihn selbst treffen könnte, und bedauert, dass er

in diesem Falle nicht zu seinen vermeintlichen Eltern Polybos und Merope zurückkehren

dürfte, weil sich sonst der Orakelspruch erfüllen würde. Dabei drückt er nochmals seine

Gewissheit aus, von Polybos abzustammen (827). Dass sich Ödipus noch zur Zeit der

Bühnenhandlung in diesem Glauben wähnt, bedeutet, dass er das Ausmaß seiner Tat auch

7 LURJE (2004), S. 1 f.

8 WILAMOWITZ-MÖLLENDORFF (1899), bes. S. 55.

9 Sofern nicht anders angegeben, stehen die eingeklammerten Zahlen für Versangaben aus folgender Ausgabe

des

Königs Ödipus,

deren Übersetzung auch für nicht anders gekennzeichnete Zitate verwendet wird:


SOPHOKLES: König Ödipus, in: ders.: Tragödien und Fragmente. Griechisch und deutsch, herausgegeben und

übersetzt von Wilhelm Willige, überarbeitet von Karl Bayer, München 1966, S. 356--449.

10 Der Zusatz ,,im moralischen Sinne" soll anzeigen, dass der ,,Schuldige" ein Geschehen nicht nur verursacht

hat, sondern sich dafür auch vor einer normativen Instanz verantworten muss.

3


damals nicht einmal erahnte, als er bei seiner Flucht aus Korinth einen alten Mann erschlug.

Der Zuschauer, der durch Teiresias bereits die Täterschaft des Königs erfahren hat (353),

gewinnt hingegen den Eindruck, als hätte Ödipus längst erwägen sollen, dass er nicht der

Sohn des Polybos und der Merope ist. Diese Sorge (781 bis 786) trat für ihn nach dem Besuch

des Orakels offenbar völlig in den Hintergrund. Er ist sich seiner unklaren Herkunft zwar

bewusst, denn als Teiresias zufällig seine Eltern erwähnt, fragt er sofort: ,,Welcher Mensch

hat mich gezeugt?" (437), doch hat er sie so weit verdrängt, dass er nach der ausweichenden

Antwort des Sehers nicht weiterfragt.11

Der Chor stellt Ödipus als überaus klugen Menschen vor, da er das Rätsel der Sphinx gelöst

hat (507--511), doch er warnt auch: ,,Wer schnell denkt, strauchelt leicht"12 (617). Ödipus′

,,schnelles", nachlässiges Denken, dessentwegen er später auch Kreons Hinweis auf den

einzigen überlebenden Zeugen am Mord des Laios ignorieren wird,13 ist für seine Blindheit14

charakteristisch. Es hindert ihn daran, die Möglichkeit ernst zu nehmen, dass für seine Eltern

sehr viele ältere Männer und Frauen infrage kommen. Weil dieses Versäumnis vermeidbar

wäre, ließe es sich ihm als moralische Schuld anrechnen. Dasselbe gilt für seine Mordtat, die

ihm nach heutigem Verständnis an sich zum moralischen Vorwurf gereichen könnte. Obwohl

Ödipus seine schlimmen Taten unwissentlich und unfreiwillig begeht, scheint die Deutung

des

Königs Ödipus

als Schuldtragödie zuzutreffen. Demnach wird der Held für seine Schuld

von den Göttern bestraft, was der Zuschauer gerade deshalb als tragisch empfindet, weil er

das Leiden des Helden gegenüber seiner Schuld für allzu groß hält.15 Daher lohnt es sich,

näher zu untersuchen, ob und wo genau in dem Drama die Frage der Schuld und der

Verantwortung im oben genannten Sinne gestellt wird.

Dabei zeigt es sich, dass die Schuldfrage keiner der auftretenden Charaktere innerhalb des

Stücks jemals aufwirft.16 Deutlich wird dies, wenn die Äußerungen der Personen an den

Stellen, an denen Vorwürfe denkbar wären, im Einzelnen näher betrachtet werden. So spricht

Teiresias zwar davon, dass Ödipus ,,des Landes frevelnder Beflecker" (353) sei, und folgt

damit Ödipus′ nachdrücklicher Aufforderung, ihm die Wahrheit kundzutun; er enthält sich

11 Vgl. dazu LEFÈVRE (1987), S. 42. ­ Gerade weil Ödipus seine Zweifel an der tatsächlichen Elternschaft von

Polybos und Merope so offensichtlich verdrängt hat, kann er Korinth nicht aus der rationalen Erwägung heraus

verlassen haben, dass das Wort eines Betrunkenen angesichts des Bekenntnisses seiner Eltern zu ihm nichts

bedeute (so die Behauptung von ZIERL [1999], S. 140).

12 Übersetzung: STEINMANN (1989).

13 Vgl. LEFÈVRE (1987), S. 43 f.

14 Zu Ödipus′ Blindheit siehe unten S. 14--16.

15 Vgl. GELFERT (1995), S. 44.

16 Ausgehend von dieser These, zeigt LURJE (2004) in seiner Monographie die Widersprüche der meisten Ödi-

pus-Deutungen auf. Auch MANUWALD (1992), S. 20 f., weist darauf hin, dass sich Ödipus bei seiner ersten Ah-

nung, Laios getötet zu haben, im Nachhinein keine Vorwürfe macht, sondern sich um seine Zukunft sorgt (823

bis 833).

4



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