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Termpaper, 2006, 18 Pages
Author: Anika Resing
Subject: English Language and Literature Studies - Literature
Details
Tags: Inzestmotiv, Gesellschaftskritik, Zementgarten, McEwan
Year: 2006
Pages: 18
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 10 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-01876-0
File size: 213 KB
Diese Arbeit ist eigentlich im Rahmen des auslaufenden und hier nicht angeführten Magisterfaches Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft entstanden. Alle verarbeiteten Zitate lassen sich jedoch auch problemlos in englischer Sprache finden.
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Abstract
Die vorliegende Hausarbeit ist im Rahmen des Seminars Kriminelle Paare der Weltliteratur entstanden und beschäftigt sich explizit mit dem Werk Der Zementgarten von Ian McEwan. In diesem 1978 veröffentlichten Roman wird mit zur Hilfenahme des Inzestmotivs eine Gegenwartskritik gesellschaftlicher Verhältnisse übermittelt. Dieses Motiv wird in der Dichtung häufig dafür benutzt „eine künstlerische Gestaltung des Möglichen jenseits der bestehenden Normen“ zu inszenieren, da gerade seine Ambivalenz von Verbot und Begehren das Interesse seiner Beschäftigung begründet. Durch Missachtung des Inzesttabus ist in der Literatur die Möglichkeit gegeben, eine Diskussion über die Gesetzlichkeit zentraler gesellschaftlicher Institutionen wie Staat, Familie und Kultur zu führen. Trotz oder gerade wegen der stattfindenden Auflösungserscheinung tradierter Familienkonstellationen (Mutter, Vater, Kind) als kontinuierliche Lebensgemeinschaft, wird die Thematik des Inzests in der Gegenwartsliteratur weiterhin bearbeitet. Anhand dieses Sujets kann so beispielsweise das Innenleben von Familie und Gesellschaft seziert werden. Neben zahlreichen literarischen Schriften haben auch zwei große Metatheorien die Thematik ins Zentrum ihrer Abhandlung über gesellschaftsbildende Bedingungen gerückt. Diese beiden, von Freud und Lévy-Strauss stammenden, theoretischen Positionen finden im Roman zwar nicht ihre eindeutige Verarbeitung, doch lässt sich eine gewisse Intertextualität nicht leugnen. Daher werden sie auch als Einstieg in die Inzestthematik des Werkes verwendet. Anschließend folgt eine kurze Darstellung der Handlung sowie der patriarchalischen Familienkonstellation, da die Fluchtbewegung der Protagonisten aus den gesellschaftlichen Bedingungen nur über die Einbeziehung dieses auf sie bedrückend und beängstigend wirkende Familienverhältnis nachzuvollziehen ist. Der weitere Verlauf widmet sich der Schwerpunktsetzung der Arbeit: der Auseinandersetzung mit dem Inzestmotiv. Abschließend werden meine Beobachtungen noch einmal zusammenfassend dargestellt.
Excerpt (computer-generated)
Universität Potsdam
Institut für Künste und Medien
PS: Kriminelle Paare der Weltliteratur
Wintersemester 2005/06
Das Inzestmotiv als
Gesellschaftskritik
-
in
Der Zementgarten
von
Ian McEwan
-
Vorgelegt von:
Anika Resing
3. Semester, M. A.
Germanistik, AVL
Anzahl der Wörter: 5526
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung Seite
3
1.
Das Inzesttabu als kulturbildendes Element Seite 3
1.1
Psychoanalyse: Ödipus und
das
Tabu des Totemismus
Seite 3
1.2
Lévy-Strauss: Zwischen Natur und Kultur Seite 5
2.
Zum Roman Der Zementgarten von Ian McEwan Seite 6
2.1 Plot Seite
6
2.2
Patriarchalische Gesellschaftsstrukturen
innerhalb der Familienkonstellation Seite 7
3.
Die ödipalen Konstellationen Seite 8
3.1
Der Kampf zwischen Vater und Sohn Seite 8
3.2
Die Schwestermutter Seite 10
4.
Die Regression nach dem Tod der Eltern Seite 11
4.1
Der Zusammenbruch der alten Strukturen Seite 12
4.1.1 Das Bruderschwesterbaby Seite 13
4.2
Der paradiesische Sündenfall Seite 14
4.2.1 Die matriarchalische Traumzeit Seite 15
5. Zusammenfassung Seite
15
Literaturverzeichnis Seite 17
2
0. Einleitung
Die vorliegende Hausarbeit ist im Rahmen des Seminars
Kriminelle Paare der Weltliteratur
entstanden und beschäftigt sich explizit mit dem Werk
Der Zementgarten
von Ian McEwan.
In diesem 1978 veröffentlichten Roman wird mit zur Hilfenahme des Inzestmotivs eine
Gegenwartskritik gesellschaftlicher Verhältnisse übermittelt.
Dieses Motiv wird in der Dichtung häufig dafür benutzt ,,eine künstlerische Gestaltung des
Möglichen jenseits der bestehenden Normen" zu inszenieren, da gerade seine Ambivalenz
von Verbot und Begehren das Interesse seiner Beschäftigung begründet.1 Durch Missachtung
des Inzesttabus ist in der Literatur die Möglichkeit gegeben, eine Diskussion über die
Gesetzlichkeit zentraler gesellschaftlicher Institutionen wie Staat, Familie und Kultur zu
führen.
Trotz oder gerade wegen der stattfindenden Auflösungserscheinung tradierter
Familienkonstellationen (Mutter, Vater, Kind) als kontinuierliche Lebensgemeinschaft, wird
die Thematik des Inzests in der Gegenwartsliteratur weiterhin bearbeitet. Anhand dieses
Sujets kann so beispielsweise das Innenleben von Familie und Gesellschaft seziert werden.
Neben zahlreichen literarischen Schriften haben auch zwei große Metatheorien die Thematik
ins Zentrum ihrer Abhandlung über gesellschaftsbildende Bedingungen gerückt. Diese beiden,
von Freud und Lévy-Strauss stammenden, theoretischen Positionen finden im Roman zwar
nicht ihre eindeutige Verarbeitung, doch lässt sich eine gewisse Intertextualität nicht leugnen.
Daher werden sie auch als Einstieg in die Inzestthematik des Werkes verwendet.
Anschließend folgt eine kurze Darstellung der Handlung sowie der patriarchalischen
Familienkonstellation, da die Fluchtbewegung der Protagonisten aus den gesellschaftlichen
Bedingungen nur über die Einbeziehung dieses auf sie bedrückend und beängstigend
wirkende Familienverhältnis nachzuvollziehen ist.
Der weitere Verlauf widmet sich der Schwerpunktsetzung der Arbeit: der
Auseinandersetzung mit dem Inzestmotiv. Abschließend werden meine Beobachtungen noch
einmal zusammenfassend dargestellt.
1. Der Inzesttabu als kulturbildendes Element
1.1 Psychoanalyse: Ödipus und das Tabu des Totemismus
Als einer der ersten Wissenschaften stellt die freudsche Psychoanalyse den Inzest an den
Anfang der Menschheitsentwicklung. In seiner 1913 erschienenen kulturphilosophischen
Abhandlung
Totem und Tabu
versucht Freud ,,die verdrängte und vergessene Geschichte des
1 Vielhauer, Inge:
Bruder und Schwester. Untersuchungen und Betrachtungen zu einem Urmotiv
zwischenmenschlicher Beziehung.
Bonn 1979, S. 156.
3
Subjekts zu rekonstruieren und zugleich eine Aussage über den Eintritt des Subjekts in die
Ordnung von Lust und Begehren" zu treffen.2 Zur Veranschaulichung konstruiert er hierfür
einen Mythos über den Konflikt zwischen rivalisierenden Söhnen und ihrem Vater. Er
beschreibt den menschlichen Urzustand der
Urhorde
, in der die Familie in einem
promiskuitiven Verband zusammenlebt und angeführt wird von einem tyrannischen Vater, der
das alleinige Anspruchsrecht auf die weiblichen Familienmitglieder besitzt. Die Söhne
verbünden sich in ihrer Unzufriedenheit, töten und verspeisen anschließend den Vater. Dem
Vatermord folgt statt Anarchie, aus Notwendigkeit und ihrem Schuldbewusstsein geboren die
Kultur des Totemismus. Das totemistische Gesetz verbietet eine sexuelle Verbindung
zwischen Familienmitgliedern und kann als erste menschliche Religion gewertet werden,
aufgrund derer eine gegenseitige Ausrottung durch Machtkämpfe verhindert wird. ,,Mit der
Stiftung der Exogamie akzeptieren die Brüder [zudem] nachträglich das Verbot des toten
Vaters."3
Das
Tabu des Totemismus
ist nicht das natürliche Ergebnis von Einsicht, sondern sekundär
zur psychischen Verarbeitung des Vatermordes entstanden. Freud, der die Ansicht vertrat,
,,daß ein natürlicher Instinkt [im Menschen] zum Inzest treibt"4, findet somit eine kulturelle
Begründung für die gesellschaftliche und sittliche Ordnung. Denn durch Sublimierung der
Triebe wird die Entstehung einer Kultur erst ermöglicht. Ebenso stellt sich Freud mit
Totem
und Tabu
der Aufgabe die verbindende Leerstelle zwischen den individuellen Ödipuskomplex
und der Entstehung der menschlichen Kultur zu besetzen, denn für ihn hat sich ,,das
totemistische System [...] aus den Bedingungen des Ödipus-Komplexes ergeben".5
Die Tötung initiiert somit nicht nur den Beginn des Inzesttabus, sondern verbindet sich
gleichzeitig mit dem Ödipuskomplex, da das Begehren des Sohnes nach den weiblichen
Familienmitgliedern trotz oder gerade durch das
Tabu des Totemismus
weiterhin existiert.
Überdies führt der in der
Urszene
beschriebene erste Vatermord zur Individuation des Sohnes.
In der Entwicklung der menschlichen Seele löst sich das Kind in der ödipalen Phase
allmählich von der Mutter und bildet seine eigene Identität aus.6 Eine Störung dieses
Prozesses der Subjektwerdung vom Menschen führt zum Ödipuskomplex. Auf eine präzise
Darstellung des Komplexes muss an dieser Stelle aus Platzmangel jedoch verzichtet werden.
2 Hof, Dagmar von:
Familiengeheimnisse. Inzest in Literatur und Film der Gegenwart.
Köln u. a. 2003, S. 63.
3 Grabbe, Katharina:
Geschwisterliebe. Verbotenes Begehren in literarischen Texten der Gegenwart.
Bielefeld
2005, S. 29.
4 Freud, Sigmund:
Totem und Tabu. Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker.
Frankfurt a. M. 1991, S. 177.
5 Ebd. S.186.
6 Freud bezieht sich in seiner Forschung allein auf den Mann.
4
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