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Subtitle: Analysen der Diskussion um den Schleier und der westlichen Perspektive auf muslimische Frauen
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 35 Pages
Author: Anna Kölling
Subject: Pedagogy - Intercultural Pedagogy
Details
Institution/College: LMU Munich (Institut für Pädagogik)
Tags: Emotionen, Eine, Dimension, Pädagogik, Analysen, Sicht
Year: 2007
Pages: 35
Grade: 1,00
Bibliography: ~ 27 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-03173-8
File size: 238 KB
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Abstract
Fast vier Jahre ist es her, seit das Bundesverfassungsgericht seine Empfehlung zum Thema Kopftuch im öffentlichen Dienst abgegeben hat. Meines Erachtens hat sich in den letzten Jahren eine einseitige öffentlich-mediale Darstellung der „Frau im Islam“ entwickelt. Nach wie vor wird mehr über die Muslima geredet als mit ihr. Zumeist kommen Frauen zu Wort denen Gewalt von Seiten muslimischer Männer angetan wurde – und es ist sicherlich wichtig darüber zu berichten. Jedoch widerfährt Frauen in allen Kulturen Gewalt von Seiten der Männer und wir müssen aufpassen, dass die muslimischen Frauen nicht dazu benutzt werden, ein Bild des Islam als einer Gewalt befürwortenden Religion – das in Deutschland nach wie vor verbreitet ist – zu pflegen. Mein Anliegen in dieser Arbeit besteht darin, erstens einen kritischen Blick auf die „westliche“ Perspektive auf die muslimische Frau zu werfen, die nach wie vor von dem Bild geprägt ist, bei muslimischen Frauen handele es sich um ungebildete, traditionelle Frauen, die befreit oder sogar gerettet werden müssen. Des Weiteren möchte ich den LeserInnen einen Einblick in die unterschiedlichen Lebenswelten und –konzepte muslimischer Frauen verschaffen und diese anhand von Beispielen von Frauen aus Ägypten, der Türkei und aus Deutschland sichtbar machen. Zu Beginn werde ich den Verlauf des deutschen „Kopftuch-Streits“ nachzeichnen bzw. die verschiedenen Positionen darstellen. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Frage der Säkularisierung und wie viel Platz für Religion in der Schule sein darf. Der Bedeutung des Schleiers und den divergierenden Vorstellungen in Ost und West über Körper und Sexualität wird der zweite Teil der Arbeit gewidmet. Da in dieser Arbeit der Schleier der muslimischen Frau und die Reaktionen darauf verhandelt werden, wird zuerst die Bedeutung des Schleiers im Kontext islamischer Überlieferung behandelt. Des Weiteren wird versucht werden an Hand der Analyse der westlichen Kritik an „den Muslimen“ aufzudecken, von welchen Sexismen westliche und orientalische Gesellschaften durchzogen sind, die entweder verdrängt werden oder zur Normalität gehören. Abschließend werden unterschiedliche Lebenskonzepte muslimischer Frauen beleuchtet, die sich aus verschiedensten Gründen für oder gegen ein Kopftuch entschieden haben. Ich werde dabei versuchen, die Rolle des politischen Islam in der Entscheidungsfindung der Frauen zu erklären.
Excerpt (computer-generated)
Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Pädagogik
Erziehungs- und Sozialisationsforschung
Seminar: Emotionen Eine vergessene Dimension der Pädagogik.
Analysen aus historischer und kulturvergleichender Sicht
,,Emanzipiert" oder ,,unterdrückt"?
Analysen der Diskussion um den Schleier und der westlichen Perspektive auf
muslimische Frauen
Wintersemester 2006/2007
Verfasserin:
Anna Kölling
Abgabe: 17.09.2007
Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung: - 3 -
2. Die ,,Kopftuch-Debatte" um was geht es eigentlich? - 4 -
2. 1 Diskussion um das Kopftuch in der Öffentlichkeit und im öffentlichen Dienst: - 4 -
2. 2 Frage der Säkularisierung: - 8 -
3. Was sagt uns der Schleier? - 11 -
3.1 Der Schleier in der islamischen Überlieferung: - 11 -
3.2 Körper und Sexualität: - 14 -
3.3 Sexismus Ost und West:: - 17 -
4. Emanzipation ,,auf islamisch": - 21 -
4.1 Familie: - 21 -
4.2 Bildung und Identität: - 23 -
4.3 Politisierung: - 26 -
5. Ausblick: - 29 -
6. Literaturverzeichnis: - 32 -
- 2 -
1. Einleitung:
Fast vier Jahre ist es nun her, seit das Bundesverfassungsgericht seine Empfehlung zum
Thema Kopftuch im öffentlichen Dienst abgegeben hat. Es handelte sich dabei um eine
Empfehlung und nicht um ein Urteil, so dass die Diskussion nur an die Bundesländer
weitergegeben wurde, anstatt auf eine Lösung zuzusteuern.
Meines Erachtens hat sich in den letzten Jahren eine einseitige öffentlich-mediale Darstellung
der ,,Frau im Islam" entwickelt: ,,Die großen meinungsbildenden Medien, auch solche mit
Anspruch wie das deutsche Wochenmagazin Der Spiegel, reproduzieren dieses Bild seit Jahr
und Tag, demzufolge die >türkische< Frauen und Mädchen in Deutschland ein jämmerliches
Dasein fristen (...)."1 Nach wie vor wird mehr
über
die Muslima geredet als
mit
ihr. Zumeist
kommen Frauen zu Wort denen Gewalt von Seiten der muslimischen Männer angetan wurde
und es ist sicherlich wichtig darüber zu berichten. Jedoch widerfährt Frauen in allen
Kulturen Gewalt von Seiten der Männer und wir müssen aufpassen, dass die muslimischen
Frauen nicht dazu benutzt werden, ein Bild des Islam als einer Gewalt befürwortenden
Religion das in Deutschland nach wie vor verbreitet ist zu pflegen! Die Praxis des Islam
im Bezug auf Frauen wurde laut Ahmed2 schon immer von Seiten westlicher Schilderungen
dazu benutzt, die Andersartigkeit und auch Minderwertigkeit des Islam zu belegen.
Mein Anliegen in dieser Arbeit besteht darin, erstens einen kritischen Blick auf die
,,westliche" Perspektive auf die muslimische Frau zu werfen, die nach wie vor von dem Bild
geprägt ist, bei muslimischen Frauen handele es sich um ungebildete, traditionelle Frauen, die
befreit oder sogar gerettet werden müssen. Des Weiteren möchte ich den LeserInnen einen
Einblick in die unterschiedlichen Lebenswelten und konzepte muslimischer Frauen
verschaffen und diese anhand von Beispielen von Frauen aus Ägypten, der Türkei und aus
Deutschland sichtbar machen.
Zu Beginn werde ich den Verlauf des deutschen ,,Kopftuch-Streits" nachzeichnen bzw. die
verschiedenen Positionen darstellen. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Frage der
Säkularisierung und wie viel Platz für Religion in der Schule sein darf.
Der Bedeutung des Schleiers und welche divergierenden Vorstellungen in Ost und West über
Körper und Sexualität derselben zu Grunde liegen wird der zweite Teil der Arbeit gewidmet.
Da in dieser Arbeit der Schleier der muslimischen Frau und die Reaktionen darauf verhandelt
werden, wird zuerst die Bedeutung des Schleiers im Kontext islamischer Überlieferung
behandelt. Des Weiteren wird versucht werden an Hand der Analyse der westlichen Kritik an
1 Mannitz, S. (2006).
Die verkannte Integration.
Bielefeld: transcript, S.47
2 vgl. Ahmed, L. (2004).
Der Diskurs des Schleiers
. In: Youssef, H. (2004) (Hg.). Abschied vom
Harem? Selbstbilder-Fremdbilder muslimischer Frauen. Berlin: Orlanda
- 3 -
,,den Muslimen" aufzudecken, von welchen Sexismen westliche und orientalische
Gesellschaften durchzogen sind, die entweder verdrängt werden oder zur Normalität gehören.
Abschließend werden unterschiedliche Lebenskonzepte muslimischer Frauen beleuchtet, die
sich aus verschiedensten Gründen für oder gegen ein Kopftuch entschieden haben.
Ich werde dabei versuchen, die Rolle des politischen Islam in der Entscheidungsfindung der
Frauen zu erklären. Es wäre zu einfach zu behaupten, dass es sich dabei um eine
ausschließlich regressive, rückwärtsgewandte Ideologie handelt. Für viele Frauen öffnen sich
gerade durch den politischen Islam neue Handlungsspielräume und Identifikationsmuster, die
eben nicht die Frau an Heim und Herd binden, sondern teilweise die innerislamische
Diskussion um Frauenrechte anschieben und zu echten Konfrontationen mit muslimischen
Männern führen, die sich zu wohl in ihren angeblich von Gott gewollten patriarchalen
Strukturen fühlen.
Im Ausblick werden die Ergebnisse der einzelnen Aspekte der Arbeit zusammengefasst.
Daraus ergibt sich sicherlich eine Kritik an der voreingenommenen westlichen Perspektive
auf muslimische Frauen. Außerdem soll die Zusammenfassung Hinweise darauf geben, wie
man aus sozialwissenschaftlicher Sicht, aber auch im Allgemeinen differenzierter und
objektiver mit dem Thema ,,Frau im Islam" umgehen kann.
2. Die ,,Kopftuch-Debatte" um was geht es eigentlich?
2. 1 Diskussion um das Kopftuch in der Öffentlichkeit und im öffentlichen Dienst:
Das Aufsehen das die Lehrerin Fereshta Ludin mit ihrem Wunsch nach freier Berufsausübung
in Baden-Württemberg erregte ist rational nicht nachvollziehbar. Dem Tuch auf den Köpfen
muslimischer Frauen wird nicht nur eine politische Symbolik unterstellt ganz unabhängig
davon, was es für die Trägerin selbst bedeutet -, es wird geradezu zum
,,verfassungsfeindlichen Symbol stilisiert"3. Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi
unterscheidet zwischen drei verschiedenen Arten des Kopftuchs. Die dritte Art seiner
,,Klassifikation" nennt er ein ,,islamistisches Symbol, welches sozusagen als politische
Uniform dient"4. Bezeichnenderweise ist Tibi ein muslimischer Mann, der, genau wie er es
den islamischen Fundamentalisten vorwirft, den auch von ihm proklamierten ,,Kulturkampf"
3 Oestreich, H. (2004).
Der Kopftuch-Streit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam
.
Frankfurt: Brandes & Apsel, S.76
4 Tibi, B. (2007).
Mit dem Kopftuch nach Europa? Die Türkei auf dem Weg in die
Europäische Union. Darmstadt: Primus, S.25
- 4 -
auf den Köpfen der Frauen austrägt! Denn auch von Seiten der IslamistInnen wird der
,,gezeichnete weibliche Körper (...) zu einem zentralen symbolischen Austragungsort des
Kulturkampfes zwischen Ost und West"5.
Das Bundesverfassungsgericht, das im Falle Ludin letztendlich entscheiden sollte und von
dessen Urteil sich viele einen Ausweg aus der polarisierten Debatte erhofften, schob die
Verantwortung den Ländern zu, indem es nur eine Empfehlung abgab. Martin Klingst warf
den Richtern seinerzeit in der ZEIT sogar Feigheit vor, da sie nicht bereit waren den Streit zu
schlichten und den Musliminnen die Klärung ihrer Rechte verwehrte.6
Zwar kann man dem Urteil nach das Kopftuch nur aus der Schule verbannen, wenn das
gleiche mit der Kippa oder dem Kreuz um den Hals eines Lehrers/einer Lehrerin passiert. Der
Vergleich des Kopftuchs mit dem Kreuz an der Wand, den viele so gerne anführen, ist nicht
stimmig7: Die Juristin Ute Sacksofsky8 differenziert ganz klar zwischen dem Kruzifix an der
Wand des Klassenzimmers, das ihrer Meinung nach zum Ausdruck bringt wer zur
Gemeinschaft dazugehört und wer nicht und dem Kopftuch einer Lehrerin, das Ausdruck des
individuellen Glaubens einer einzelnen Person ist.
Sanem Kleff9 bemerkt kritisch, dass es christlichen Lehrerinnen auch erlaubt sei, ein Kreuz
um den Hals zu tragen, außerdem fragt sie sich, ob die Verfassungstreue eines kahl rasierten
Bewerbers auf ein Lehramt nun auch angezweifelt werden müsste, da seine Glatze auf
nazistisches Gedankengut hinweisen könnte.
Bevor LehrerInnen in den Schuldienst entlassen werden, findet ihre Verbeamtung statt. Dabei
handelt es sich um einen Verfassungseid, mit dem der Staat sicherstellt, dass die angehenden
LehrerInnen sich dem Grundgesetz der Bundesrepublik und der gesamten deutschen
Rechtsordnung im Allgemeinen verpflichten.
Abgesehen davon gilt für LehrerInnen das Gebot der Zurückhaltung gegenüber den ihnen
anvertrauten SchülerInnen. Demnach haben Indoktrination und Propaganda in jeglicher
Hinsicht keinen Platz im Klassenzimmer, was aber jenseits der Frage der Kleiderordnung
steht.10
Im Urteil des Bundesverfassungsgerichts wird nach Meinung des ehemaligen
Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde von einer ,,offenen Neutralität der Schule
5 Werner, K. (1996).
Zwischen Islamisierung und Verwestlichung: Junge Frauen in Ägypten.
In:
Zeitschrift für Soziologie, Jg.25, Heft 1, Februar 1996, S.4-18
6 vgl. Klingst, M. (2003).
Feige Richter
. In: Die Zeit, 25.09.2003, S.7
7 vgl.
,,Toleranz ist immer auch ein Risiko"
, Antrag für den Landesparteitag der Grünen in
Hessen, Frankfurter Rundschau, 14.11.2003, S.9
8 vgl. Sacksofsky, U.(2005).
Lehrerin mit Kopftuch
. In: Haug, F. & Katrin Reimer (2005) (Hg.).
Politik ums Kopftuch. Hamburg, Argument, S.50
9 vgl. Kleff, S. (2003).
Kopflose Debatte
. In: die tageszeitung, 14.07.2003, S.13
10 vgl. Fücks, R. (2003).
Bürgerinnen unterm Kopftuch
. In: Die Zeit, 11.09.2003, S.20
- 5 -
ausgegangen, die verschiedenen Bekenntnissen Raum lässt"11. Wenn Lehrerinnen kein
indoktrinierendes oder missionierendes Verhalten an den Tag legten, sollten sie nach
Meinung von Herrn Böckenförde mit Kopftuch unterrichten dürfen.12
Die vielen vernünftigen und objektiven Berichte und Einschätzungen bezüglich des
Kopftuchs im öffentlichen Dienst oder in der deutschen Gesellschaft im Allgemeinen, gehen
leider in einer Masse von unwissenschaftlichen, subjektiven und teilweise islamophoben
Stellungnahmen in den Medien unter. Dies passiert, wenn, wie im Falle des Kopftuchs,
polarisierende Meinungen vorherrschen. Sabine Kebir13 beispielsweise sagt zwar, dass unsere
Restriktionen gegenüber dem Islamismus nicht bei den Frauen anfangen dürften, aber mit der
Akzeptanz des Kopftuchs solle man es sich nicht so einfach machen. Dies begründet sie
damit, dass das Bekenntnis zum Grundgesetz zweifelhaft sei, wenn das mit dem Kopftuch
verbundene Menschenbild von der Trägerin als mit dem Grundgesetz vereinbar angesehen
wird14.
Musliminnen, die ein Kopftuch tragen, wird hier generell ein Menschenbild unterstellt, das
dem Grundgesetz der BRD widerspricht, genauso wie einem Menschen, der hierzulande den
Islam praktiziert oft vorgeworfen wird, die hiesige Gesellschaftsordnung untergraben zu
wollen.
Für Bassam Tibi15 ist der Streit um die Zulassung des Kopftuches gar ein Streit über die
Geltung der
Shari′a
(islamische Rechtsordnung, Anm.d.Verf.) und wenn wir diese
Verordnung (zum Kopftuch, Anm.d.Verf.) zuließen, müssten wir analog dazu ,,(...) auch die
Duldung der körperlichen Strafen der Schari′a (Peitschen, Handabhacken, etc.) im Namen der
Religionsfreiheit hinnehmen"16. Der Göttinger Sozialwissenschaftler Niels Arne Münch
vergleicht das Tragen eines Kopftuches indirekt mit der Verstümmelung der weiblichen
Genitalien: ,, Wie die Beschneidungen in Afrika die sexuelle Empfindungsfähigkeit
einschränken, so behindert die Verschleierung die Entwicklung selbstständiger weiblicher
Persönlichkeit."17 In diesem Falle werden meiner Meinung nach die minderjährigen Opfer,
die selten vor die Wahl gestellt werden, ob sie beschnitten werden wollen oder nicht
verspottet, während Muslimas mit Kopftuch eine ,,selbständige weibliche Persönlichkeit"
11 Böckenförde, E.-W. (2001).
Kopftuchstreit auf dem richtigen Weg
? In: Neue Juristische
Wochenschrift, 2001, S. 723fff, zitiert nach: Oestreich, 2004, S.71
12 vgl.ebd.
13 vgl. Kebir, S. (2005).
Vom Zwang familiärer Autorität befreien. Das Kopftuch und die sexuelle
Selbstbestimmung der Frau: Gegenüber Musliminnen in Deutschland sollten nicht die falschen
Signale gegeben werden
. In: Haug, F. & Katrin Reimer, 2005, S.83/84
14 vgl.ebd.
15 vgl. Tibi, 2007, S.110
16 ebd., S.111
17 Münch, N.A. (2004).
Wollen wir eine Parallelgesellschaft?
In: Freitag, 13.02.2004, S.6
- 6 -
generell abgesprochen wird. Was unter dieser Persönlichkeit zu verstehen ist, meint ein
weißer, männlicher Akademiker wohl definieren zu können.
Dies sind nur einige wenige, wenn auch prägnante Beispiele, wie verschiedene Autoren und
Wissenschaftler in Deutschland mit dem Thema Kopftuch umgehen. Es ist nicht
verwunderlich, dass durch Abhandlungen, die von Unwissenheit, Polarisierung,
Ethnozentrismus und Verschwörungstheorien nur so strotzen, die Angst vor dem Islam in der
Bevölkerung nur befördert wird, anstatt zu einem Dialog beizutragen.
Zum Dialog beitragen wollen die muslimischen Lehrerinnen an deutschen Schulen, die noch
nicht durch Missionierungsversuche aufgefallen sind. Die Unterscheidung zwischen
,,Modernisierern" und Fundamentalisten innerhalb der islamischen Gemeinschaften in
Deutschland und in islamisch geprägten Ländern ist nicht an der Kopftuch-Frage zu
vollziehen. Sicherlich ist das Kopftuch ein Zeichen für eine konservative Haltung der
Lehrerin, doch es ist in Deutschland nicht verboten konservativ zu sein.18 Abgesehen davon
wird der Einfluss von LehrerInnen auf SchülerInnen in dieser Debatte sehr überschätzt:
,,Lehrer geben für Schüler nur selten modische oder ideologische Vorbilder ab."19
Es geht nun darum zu entscheiden, ob man durch ein Kopftuchverbot die Frauen auf den
bisherigen Lebenskreis beschränkt, oder ob man ihnen die Chance gibt, trotz ihres, für die
Mehrheit der Bevölkerung befremdlichen Erscheinungsbildes, am öffentlichen Leben
teilzunehmen.20
Schließlich könnte das Tuch am Kopf einer Lehrerin auch politisch etwas Positives
symbolisieren: Wenn VertreterInnen einer Minderheit in Deutschland statt eines Aushilfsjobs
eine gesellschaftlich außerordentlich wichtige Aufgabe wie das Lehreramt wahrnehmen, ist
das ein Zeichen für die gelungene Identitätsarbeit in einer Minderheitensituation.21 Eine
Lehrerin mit Kopftuch ist nicht nur ein Zeichen für den Aufbau einer ,,gesunden" Identität als
Muslima in Deutschland, sondern auch ein Beweis für die gelungene Integration der Frauen.
Doch wenn der Staat ,,(...) dem fundamentalistischen Symbolismus den Vorrang vor
bürgerlicher Freiheit einräumt, bestätigt er hinterrücks, wogegen er zu schützen vorgibt"22
,,Anders als in Afghanistan zu Zeiten der Taliban will sie (die Lehrerin mit Kopftuch,
Anm.d.Verf.) ja gerade nicht Mädchen von Bildung ausschließen und Frauen ins Haus
verbannen, sondern steht in eigener Person dafür, wie wichtig Bildung ist."23
18 vgl.
,,Toleranz ist immer auch ein Risiko"
, Antrag für den Landesparteitag der Grünen in Hessen,
Frankfurter Rundschau, 14.11.2003, S.9
19 Bax, D. (2004).
Die Muster der Differenz
. In: die tageszeitung, 12.01.2004, S.15
20 vgl. Massarrat, M. (2004).
Ein Stück Identität
. In: Freitag, 16.01.2004, S.8
21 vgl. Oestreich, 2004, S.47
22 Vinken, B. (2003).
Die Angst vor dem Kopftuch
. In: Die Zeit, 18.09.2003, S.44
- 7 -
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