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Hauptseminararbeit, 2007, 32 Seiten
Autor: Wolfgang Schultz
Fach: Musikwissenschaft
Details
Institution/Hochschule: Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (Musikwissenschaftliches Seminar)
Tags: Five, Cage, Number Pieces, John Cage, Zeit, Time Brackets, Zeitverständnis, Harmonie, Chance Operations, Chance, Interpret
Jahr: 2007
Seiten: 32
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 30 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-03953-6
ISBN (Buch): 978-3-638-93678-1
Dateigröße: 244 KB
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Zusammenfassung / Abstract
"Cage's influence on contemporary music, on 'musicians' is such that the entire metaphor of music could change to such an extent that – time being uppermost as a definition of music – the ultimate result would be a music that wouldn't necessarily involve anything but the presence of people... It seems to me that the most radical redefinition of music that I could think of would be one that defines 'music' without reference to sound." Wo Wissenschaftler theoretisch Musik in einzelne Parameter zu zerlegen suchten, vollzog Cage solches auch im Kompositionsprozess nach – praktisch. Dabei wurden beispielsweise die Verbindungen zwischen Tonhöhe, Tondauer oder Tonlautheit gekappt, indem der Komponist jeden Parameter für sich getrennt mit Hilfe von Zufallsoperationen ermittelte. Das Resultat sind Klangstücke, in denen oben genannte Parameter sich nicht mehr – wie aus der traditionellen Musik bekannt – gegenseitig bedingen, sondern völlig unabhängig voneinander für sich allein stehen; zumindest bis der Interpret sie bei einer eventuellen Aufführung wieder zusammenführt. Was aber hat es zu bedeuten, wenn nun gerade im Hinblick auf die Zahlenstücke vielerorts von einer Art 'Versöhnung mit der Harmonie' gesprochen wird, darüber hinaus noch verbunden mit der augenfälligen Rückkehr zu konventionell-chromatischem Tonmaterial und 'normalen' Klangerzeugern? Handelt es sich tatsächlich um eine Abkehr von der Radikalität und Kompromisslosigkeit, für die Cage so bekannt geworden ist, eine Abkehr von Kompositionstechniken wie der oben beschriebenen, hin zu mehr Kohärenz? Die vorliegende Arbeit wird diese Fragen diskutieren. Vor allem aber soll versucht werden, ein möglichst umfassendes Bild der Zahlenstücke und ihres Entstehungskontextes zu zeichnen, und dieses – wo immer es möglich und nötig ist – am Beispiel von Five zu konkretisieren. Dazu wird auch gehören, sich mit dem diesen Stücken zugrunde liegenden Zeitkonzept zu befassen: Zeit als der einzigen Größe, die – wie im oben zitierten Ausspruch Robert Ashleys bereits angedeutet – nach dem Wirken Cages als unzweifelhaft essentiell für jede Art von Musik angesehen werden kann. Im Besonderen stützt sich diese Arbeit dabei auf Benedict Weissers Aufsatz John Cage: "…the whole paper would potentially be sound": Time-brackets and the number pieces (1981-92), der 2003 im Periodikum Perspectives of New Music erschienen ist.
Textauszug (computergeneriert)
"A unison of differences"
John Cages ′Number Pieces′ am Beispiel von Five
Ein Essay von Wolfgang Schultz
4.4.2007
Inhalt
Hinführung 2
Hauptteil 5
1. Die Zahlenstücke und ihr Kontext 5
2. Zeitklammern und ihre Funktionsweise 8
3.
Five
im Kontext der Zahlenstücke 10
a) Struktur 1: Aufbau 11
b) Inhalt 1: Ambitus, Dynamik, Spielanweisungen 13
c) Inhalt 2: Harmonie? 15
d) Struktur 2: Zeitbehandlung Zeitverständnis 19
4. Die Zahlenstücke als Träger Cageschen Gedankenguts 23
Schlussbemerkung 28
Literaturverzeichnis 29
1
Hinführung
"Für die Definition des Phänomens Musik ist [...] eine möglichst genaue
Charakterisierung und Wertung jener Mittel notwendig, durch die sie sich von der
Vielzahl der uns umgebenden Dinge unterscheidet. Diese mus. Mittel (neuerdings
auch »Parameter«) sind Tonhöhe und Tonverwandtschaft, Tondauer, Tonfarbe und
Tonlautheit; im mus. Zusammenhang sind das Melodik und Harmonik, Rhythmik und
Metrik, Klangfarbe und Dynamik.1"
So hieß es noch 1986 in der damals aktuellen
Ausgabe der MGG über das Wesen des Musikalischen. Im darauf folgenden Jahr
erschien das erste von John Cages ′Number Pieces′
(im Folgenden als ′Zahlenstücke′
übersetzt),
Two
für Flöte und Klavier, im Druck.
Five
, um das es in der vorliegenden
Arbeit im Besonderen gehen soll, folgte etwa ein Dreivierteljahr später.
Cage hat wie kaum ein anderer Vertreter unserer Zeit die Definition und das
Verständnis von Musik erweitert und bereichert, auch wenn ihm dieses Bemühen
von mancher Seite bedauerlicherweise als nihilistische Zersetzung westlich-
abendländischen Kulturguts ausgelegt wurde und teilweise auch immer noch
ausgelegt wird. Zweifellos lässt sich jedenfalls festhalten, dass die oben bereits
angeführte Unterscheidung der Musik
"von der Vielzahl der uns umgebenden Dinge"
mit Hilfe der so genannten musikalischen Parameter Zeugnisse eines analytischen
Bestrebens, musikalisches Geschehen in seine Grundbestandteile aufzuschlüsseln
in der Zeit nach John Cages Wirken objektiv weit schwieriger fassbar ist als noch
zuvor. Wie ein didaktisches Lehrstück obwohl weit vielschichtiger und
umfassender in seiner Bedeutung mag in dieser Hinsicht das berühmte (und leider
auch als berüchtigt erachtete) ′stille′ Stück2
4′ 33′′
anmuten. Der Komponist und
Zeitgenosse Cages Robert Ashley bemerkte hierzu bereits 1961:
"Cage′s influence on contemporary music, on ′musicians′ is such that the entire
metaphor of music could change to such an extent that time being uppermost as a
definition of music the ultimate result would be a music that wouldn′t necessarily
involve anything but the presence of people... It seems to me that the most radical
redefinition of music that I could think of would be one that defines ′music′ without
1 S. Dräger, Hans Heinz: Musik-Ästhetik. Systematisch-hist. Überblick. In: Digitale Bibliothek Band
60: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. S. 53123f. (vgl. MGG Bd. 09, S. 1000f).
2 Richtiger wäre es angesichts der verschiedenen Partiturfassungen deren Unterschiede auch einen
Gutteil jener enormen Vielschichtigkeit bedingen von Stücken zu reden.
2
reference to sound.3"
Wo Wissenschaftler theoretisch Musik in einzelne Parameter zu zerlegen suchten,
vollzog Cage solches auch im Kompositionsprozess nach praktisch. Dabei wurden
beispielsweise die Verbindungen zwischen Tonhöhe, Tondauer oder Tonlautheit
gekappt, indem der Komponist jeden Parameter für sich getrennt mit Hilfe von
Zufallsoperationen4 ermittelte. Das Resultat sind Klangstücke, in denen oben
genannte Parameter sich nicht mehr wie aus der traditionellen Musik bekannt
gegenseitig bedingen, sondern völlig unabhängig voneinander für sich allein stehen;
zumindest bis der Interpret sie bei einer eventuellen Aufführung wieder
zusammenführt5.
Was aber hat es zu bedeuten, wenn nun gerade im Hinblick auf die Zahlenstücke
vielerorts von einer Art ′Versöhnung mit der Harmonie′ gesprochen wird6, darüber
hinaus noch verbunden mit der augenfälligen Rückkehr zu konventionell-
chromatischem Tonmaterial und ′normalen′ Klangerzeugern? Handelt es sich
tatsächlich um eine Abkehr von der Radikalität und Kompromisslosigkeit, für die
Cage so bekannt geworden ist, eine Abkehr von Kompositionstechniken wie der
oben beschriebenen, hin zu mehr Kohärenz?
Die vorliegende Arbeit wird diese Fragen diskutieren. Vor allem aber soll versucht
werden, ein möglichst umfassendes Bild der Zahlenstücke und ihres
Entstehungskontextes zu zeichnen, und dieses wo immer es möglich und nötig ist
am Beispiel von
Five
zu konkretisieren. Dazu wird auch gehören, sich mit dem
diesen Stücken zugrunde liegenden Zeitkonzept zu befassen: Zeit als der einzigen
Größe, die wie im oben zitierten Ausspruch Robert Ashleys bereits angedeutet
nach dem Wirken Cages als unzweifelhaft essentiell für jede Art von Musik
3 Vgl. Nyman, Michael: Experimental Music. Cage and Beyond. Cambridge 1999. S. 11. Im
Folgenden zitiert als ′Nyman′.
4 Obwohl das Wort ′Zufall′ keine sonderlich glückliche Übersetzung des englischen ′chance′ darstellt,
das im Gegensatz zu ′random′ eben nicht den mathematischen Zufall meint, sondern eher
′Schicksal′, ′Glück′ (durchaus im Sinne von ′Würfelglück′) und ′Möglichkeit′, soll dieser knappe
Hinweis im Rahmen dieser Arbeit genügen, denn: Die Tatsache, dass Cage in späteren Jahren
Münzen und
I Ching
mit entsprechenden Computersimulationen ersetzte, damit also Zufall im
mathematischen Sinne nutzte, macht die Verwendung dieses Wortes wieder legitim.
5 Als Schlüsselwerk dieser Art ist hier
Music of Changes
zu nennen, bei dessen Komposition Cage
Tonhöhe, -dauer und -lautheit, sowie Tempo und Stimmenaktivität mit Hilfe des
I Ching
bestimmte. Vgl. Nattiez, Jean-Jacques (Hrsg.): Dear Pierre cher John: Pierre Boulez und John
Cage. Der Briefwechsel. Hamburg 1997. S. 117-120. Im Folgenden zitiert als ′Nattiez′. Eine
ähnliche Trennung der musikalischen Parameter erreichte die europäische Avantgarde in der
Seriellen Musik.
6 S. Weisser, Benedict: John Cage: "... the whole paper would potentially be sound": Time brackets
and the number pieces (1981-92). In: Perspectives of New Music. Bd. 41, 2. Princeton 2003. S.
177. Im Folgenden zitiert als ′Weisser′. Und: Haskins, Rob: The Harmony of Emptiness. John
Cage′s
Two²
. http://robhaskins.net/writings/two2_notes.htm. S. 1. Im Folgenden zitiert als ′Haskins
1′.
3
angesehen werden kann. Im Besonderen stützt sich diese Arbeit dabei auf Benedict
Weissers Aufsatz
John Cage: "...the whole paper would potentially be sound":
Time-brackets and the number pieces (1981-92)
, der 2003 im Periodikum
Perspectives of New Music
erschienen ist.
4
Hauptteil
1. Die Zahlenstücke und ihr Kontext
John Cage komponierte im Zeitraum von 1987 bis zu seinem Tod 52 Zahlenstücke,
die sich durch unterschiedlichste Aufführungsdauer und Besetzung auszeichnen:
Vom zehnminütigen Klaviersolo
One
bis zum dreiviertelstündigen
108
für großes
Orchester sind alle Variationsmöglichkeiten gegeben allerdings größtenteils im
Bereich ′konventioneller′ Instrumente7. Die titelbildende Zahl steht dabei jeweils für
die Anzahl der beteiligten Interpreten man kann also eigentlich nicht ohne weiteres
vom
"numerierte
n
Spätwerk"
sprechen, wie dies Gisela Gronemeyer im Titel ihres
Aufsatzes tut8. Eine Nummerierung stellen nur die eventuell auftauchenden
Hochzahlen dar: Wenn Cage zum zweiten Mal ein Stück für dieselbe Anzahl von
Interpreten geschrieben hatte, kennzeichnete er es mit der Hochzahl ′²′ und fuhr in
entsprechender Weise fort, sofern er noch weitere Kompositionen für Besetzungen
gleichen Umfangs schuf9.
Die Zahlenstücke
teilen laut Cage keinen gemeinsamen Gedanken, der ihre
Zusammenfassung in eine Werkgruppe rechtfertigen könnte (sofern man das Fehlen
jeglicher gedanklichen Verbindung nicht selbst schon wieder als gemeinsames
Kriterium ansieht), denn
"das ist eigentlich ihre Idee10"
. Sicherlich ist dies eine
Aussage, die widersprüchlich erscheint, denn: Alle diese Stücke werden ausnahmslos
mit Hilfe so genannter ′time brackets′ Zeitklammern notiert, einer Technik, die
für sich allein genommen schon derart komplexe philosophische Implikationen (die
später noch ins Auge gefasst werden sollen) aufweist, dass die Feststellung, es gäbe
keinen gemeinsamen Gedanken, abwegig erscheinen mag. Ebenso nachvollziehbar
jedoch sind die Gründe, die Cage zu ebendieser Feststellung gebracht haben mögen,
fällt es doch schon aufgrund der schieren Masse der Zahlenstücke und ihrer
notationstechnischen
(und dadurch natürlich auch tiefgehenden
7 Ausnahmen stellen hier etwa improvisierte Perkussionsinstrumente wie sie z. B. in
Seven
gefordert
werden dar. S. Cage, John: Seven. New York 1988.
8 S. Gronemeyer, Gisela: "I′m finally writing beautiful music". Das numerierte Spätwerk von John
Cage. In: MusikTexte. Zeitschrift für Neue Musik. Bd. 48. S. 19. Köln 1993. Im Folgenden zitiert
als ′Gronemeyer′.
9 Vgl. Gresser, Clemens: "a music made by everyone". Eine analytische Annäherung an John Cages
Number Pieces. In: MusikTexte. Zeitschrift für Neue Musik. Bd. 76/77. S. 41. Köln 1998. Im
Folgenden zitiert als ′Gresser′.
10 S. Gronemeyer, S. 19.
5
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