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Das Konzept der Hohen Minne im Frauenlied Reinmars des Alten

Subtitle: Zu Bedeutung und Funktion in 'Lieber bote, nu wirp alsô' (MF 178,1)

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 30 Pages
Author: Wolfgang Schultz
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 30
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 17  Entries
Language: German
Archive No.: V87955
ISBN (E-book): 978-3-638-03957-4
ISBN (Book): 978-3-638-93679-8
File size: 268 KB

Abstract

Frauenlieder und -strophen gehören mit zu den ältesten Zeugnissen des deutschen Minnesangs, verlieren jedoch in Folge des Siegeszugs des höfischen Werbelieds drastisch an Bedeutung. Dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass die Frau im Werbelied des Hohen Sang zunehmend in eine für den Mann unerreichbare Position gerückt wird. Minne wird zu einem nahezu unmöglichen Streben, bei dem der Weg zum Ziel, oder, um es mit Liebertz-Grün zu sagen: 'Liebe [...] wesentlich Sehnsucht' wird. Diese Perspektive jedoch im Frauenlied umzukehren, war angesichts jenes neuen, als Hohe Minne bezeichneten Phänomens möglicherweise uninteressant geworden, denn der Mann stellte bereits in der Realität die stärkere Partei dar, so dass das Ethos des Hohen Sangs, der den romanischen Dienstgedanken zu übersteigern und entkonkretisieren suchte, nicht mehr effektiv exemplifiziert werden konnte. Zudem ist auch die Frau in der Hohen Minne fast nur noch als ideales Abstraktum präsent, an dem der Werbende seine eigene Vollkommenheit unter Beweis stellen kann. Albrecht Hausmann bemerkt in diesem Zusammenhang ganz richtig: "Je mehr der Mann sich von weiblichen Reaktionen unabhängig macht, umso mehr tritt er der Frau indifferent gegenüber. Letztlich spielt es keine Rolle mehr, ob die vom Mann unterstellten Tugenden der Frau tatsächlich eigen sind." Daher muss mit Wallbaum gesagt werden: "Die Minnesänger singen primär gar nicht von der Frau: sie sprechen von sich selbst […]" Was aber bewegt nun Reinmar dazu, die alte Form des Frauenlieds wieder neu aufzugreifen, vor allem da sie sich – wie bereits festgestellt wurde – anscheinend weniger gut mit dem Konzept des Hohen Sanges verbinden lässt? Wenn die Frau als substantielle Persönlichkeit tatsächlich so bedeutungslos für die Minnelyrik ist, warum sie dann überhaupt als lyrisches Subjekt aktivieren? Indizien hierfür zu gewinnen soll eine Hauptaufgabe der folgenden Analyse und Interpretation sein. Wortlaut, Bezifferungen etc. beziehen sich dabei – so nicht anders vermerkt – stets auf die in der für diese Arbeit hinzugezogene Ausgabe von 'Des Minnesangs Frühling' (MF) verwendeten Varianten.


Excerpt (computer-generated)

Das Konzept der Hohen Minne im Frauenlied

Reinmars des Alten

Zu Bedeutung und Funktion in

′Lieber bote, nu wirp alsô′

(MF 178,1)

Ein Essay von Wolfgang Schultz

27.9.2006


Inhalt


I. Einleitung 2

a) Grundlegendes 2

b) Zu Frauenlied und Botenauftrag im Hohen Sang 3

II. Übersetzung 6

III. Form 10

a) Formanalyse 10

b) Metrische Detailanalyse 11

IV. Textkritik 13

V. Interpretation 16

a) Inhaltsanalyse nach b/C 16

b) Inhaltsanalyse nach E/m 19

c) Folgerungen 22

VI. Schlussbemerkung 25

VII. Literatur 26

1


I. Einleitung

a) Grundlegendes

Da die Beschäftigung mit dem Minnesang, vor allem aber mit dem Hohen Sang, es

immer wieder mit sich bringt, das neuzeitlich geprägte Denken in Verwirrung zu

stürzen, seien folgende Grundsätze1 noch einmal am Anfang dieser Arbeit in

Erinnerung gerufen:

1. "Die Liebenden sind stets Mitglieder der höfischen Gesellschaft."

2. "Liebe ist immer illegitim." Die Gründe dafür werden jedoch nicht expliziert,

bleiben der Phantasie des Zuhörers überlassen, sind generell schlicht

unwichtig2.

3. "Liebe ist wesentlich Sehnsucht." In der Regel scheint eine Liebeserfüllung

ausgeschlossen, dies aber nicht prinzipiell.

4. "Liebe, auch die unerfüllte und einseitige, erscheint als Wert, als Ursache

individueller und gesellschaftlicher Vollkommenheiten." Minne ist das

zentrale Wort eines allgemeinen höfischen, durchaus auch erzieherisch

ausgelegten Wertesystems, das an der Idealfigur ′Frau′ konkretisiert wird3.

Niemals darf vergessen werden, dass jegliche Minnekonzeption in erster Linie fiktiv

ist. Die Realität bildet zwar den Nährboden dieser Lyrik, es sollte jedoch nicht der

Fehler begangen werden, ohne gewichtigen Grund Rückschlüsse auf soziale oder

biographische Gegebenheiten zu ziehen. Der historische Abstand erschwert zwar

eine Trennung von typisiertem Rollenspiel und auf die Wirklichkeit gemünzter

Allusion. Dennoch soll im Folgenden versucht werden, eine solche Vermischung zu

vermeiden. In der fiktiven Welt, die der Hohe Sang uns auftut, gelten im

1 Alle Zitate nach Liebertz-Grün, Ursula: Zur Soziologie des »amour courtois«. Umrisse der

Forschung. S. 27. Dieser Versuch, den Minnebegriff der Trobadors zu fasslich zu machen, lässt

sich mit kleineren Modifikationen auch auf den deutschen Minnesang übertragen. Vgl. S. 119f.

sowie Schnell, Rüdiger: Causa Amoris. Liebeskonzeption u. Liebesdarstellung in der

mittelalterlichen Literatur. S. 95. Im Folgenden zitiert als ′Schnell′.

2 Es ist schlichtweg nicht zu beweisen, dass die

vrouwe

stets verheiratet sein muss, wie dies in der

älteren Forschung angenommen wird. Vgl. Schweikle, Günther: ′Die

frouwe

der Minnesänger. Zu

Realitätsgehalt und Ethos des Minnesang im 12. Jh. In: Minnesang in neuer Sicht. S. 50 u. S. 52.

Im Folgenden zitiert als ′Schweikle I′.

3 Vgl. Wallbaum, Christel: Studien zur Funktion des Minnesangs in der Gesellschaft des 12. u. 13.

Jhs. S. 84, 124 u. 131. Im Folgenden zitiert als ′Wallbaum′.

2


Allgemeinen ­ so paradox dies aus heutiger Sicht manchmal erscheinen mag ­ nur

die Spielregeln der Minne.

b) Zu Frauenlied und Botenauftrag im Hohen Sang

Das vorliegende Lied kann als Frauen- und Botenlied eingeordnet werden. Letztere

Klassifizierung ergibt sich aus der Sprechsituation: Es handelt sich um ein Lied, in

dem ein Bote selbst spricht (in diesem Fall vertritt er immer die Partei des Mannes)

bzw. selbst das lyrische Ich darstellt4, oder aber in dem einem Boten Grüße und

Nachrichten aufgetragen werden (dies in der Regel von Frauen)5. Nach Ingrid Kasten

steht er für die "Distanz zwischen Mann und Frau sowie die Möglichkeit ihrer

Überwindung6". Im Hohen Sang wird der Bote darüber hinaus zu einem Vertrauten,

einem "Ansprechpartner, der ein Aussprechen der Empfindung gestattet, die in der

direkten Begegnung mit dem Partner nicht statthaft wäre7", d. h. der Bote entwickelt

sich zum Katalysator von Selbstdarstellung und Gefühlsäußerung der Liebenden8.

Somit ist er Garant einer Kommunikation, bei der die Gesprächspartner nicht beide

anwesend sein können (oder wollen), gleichzeitig schirmt er diese Kommunikation

vor

huote

und Öffentlichkeit ab9.

Als Frauenlieder werden gemeinhin diejenigen Lieder bezeichnet, in denen die Rolle

des lyrischen Ichs weiblich besetzt ist. Als Gattungsbezeichnung taugt der Begriff

jedoch nur bedingt, da er inhaltliche Kriterien ignoriert und somit oft sehr

heterogenes Material zusammenbringt10. Dennoch lässt sich im Allgemeinen

feststellen, dass die Sprecherinnen den männlichen Rollen in den seltensten Fällen

Ablehnung entgegenbringen, im Gegenteil: Das im Mittelalter geläufige Klischee

von der Schwäche und Verführbarkeit der Frau scheint hier seine Spuren hinterlassen

zu haben11. So scheitert die Liebeserfüllung im frühen Minnesang nicht etwa an der

Ablehnung durch die Frau, sondern an äußeren Faktoren, der

huote

, den Vertretern

4 Ein Phänomen, das beispielsweise auch bei Walther zu finden ist. Vgl. Göhler, Peter: Zum Boten in

der Liebeslyrik um 1200. In: Gespräche ­ Boten ­ Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgeständnis

im Mittelalter. S. 81. Im Folgenden zitiert als ′Göhler′.

5 Vgl. Schweikle, Günther: Minnesang. S. 134. Im Folgenden zitiert als Schweikle II.

6 S. Kasten, Ingrid: Das Frauenlied. Reinmar:

Lieber bote, nu wirp alsô

. In: Gedichte und

Interpretationen. Mittelalter. S. 114. Im Folgenden zitiert als ′Kasten I′.

7 S. Göhler, S. 80.

8 Vgl. ebenda.

9 Göhler weist in diesem Zusammenhang auf die Verwandtschaft mit der aus dem Tagelied bekannten

Wächterrolle hin. Vgl. Göhler, S. 84.

10 Vgl. Kasten I, S. 117.

11 Vgl. Kasten, Ingrid: The Conception of Female Roles in the Woman′s Song of Reinmar and the

Comtessa de Dia. In: Medieval Woman′s Song. Cross-Cultural Approaches. S. 159.

3


einer missgünstigen Gesellschaft12.

Frauenlieder und -strophen gehören mit zu den ältesten Zeugnissen des deutschen

Minnesangs, verlieren jedoch in Folge des Siegeszugs des höfischen Werbelieds

drastisch an Bedeutung. Dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass die Frau

im Werbelied des Hohen Sang zunehmend in eine für den Mann unerreichbare

Position gerückt wird. Minne wird zu einem nahezu unmöglichen Streben, bei dem

der Weg zum Ziel13, oder, um es mit Liebertz-Grün zu sagen: ′Liebe [...] wesentlich

Sehnsucht′ wird. Diese Perspektive jedoch im Frauenlied umzukehren, war

angesichts jenes neuen, als Hohe Minne bezeichneten Phänomens möglicherweise

uninteressant geworden, denn der Mann stellte bereits in der Realität die stärkere

Partei dar14, so dass das Ethos des Hohen Sangs, der den romanischen

Dienstgedanken zu übersteigern und entkonkretisieren suchte, nicht mehr effektiv

exemplifiziert werden konnte. Zudem ist auch die Frau in der Hohen Minne fast nur

noch als ideales Abstraktum präsent, an dem der Werbende seine eigene

Vollkommenheit unter Beweis stellen kann. Albrecht Hausmann bemerkt in diesem

Zusammenhang ganz richtig: "Je mehr der Mann sich von weiblichen Reaktionen

unabhängig macht, umso mehr tritt er der Frau indifferent gegenüber. Letztlich spielt

es keine Rolle mehr, ob die vom Mann unterstellten Tugenden der Frau tatsächlich

eigen sind15." Daher muss mit Wallbaum gesagt werden: "Die Minnesänger singen

primär gar nicht von der Frau: sie sprechen von sich selbst [...]16".

Interessanterweise aber wird die Gattung von einigen Vertretern der ′klassischen′

Periode des Minnesangs (um 1200), darunter vor allem auch Reinmar, wieder

aufgegriffen17. Den thematischen Schwerpunkt seiner Frauenlieder bildet dabei meist

der innere Konflikt der weiblichen Sprecherin, das Hin- und Hergerissensein

zwischen

minne

und

êre18

, ein Konflikt, der durchaus auch in der Realität des

Mittelalters zu finden gewesen sein dürfte. Hier wäre zum Beispiel die Doppelmoral

in Hinblick auf den Ehebruch, die den Mann oft straffrei ausgehen ließ, die Frau

jedoch unter Umständen sogar das Leben kosten konnte (wobei die diesbezügliche

12 S. Kasten I, S. 117.

13 Vgl. Schweikle I, S. 45.

14 Vgl. Wallbaum, S. 93ff.

15 Vgl. Hausmann, Albrecht: Reinmar der Alte als Autor. Untersuchungen zur Überlieferung u. zur

programmatischen Identität. S. 193. Im Folgenden zitiert als ′Hausmann′.

16 S. Wallbaum, S. 123.

17 S. Kasten I, S. 121.

18 Vgl. Ashcroft, Jeffrey:

Obe ichz lâze oder ob ichz tuo

. Zur Entstehung des dilemmatischen

Frauenmonologs. In: Lied im deutschen Mittelalter. Überlieferung, Typen, Gebrauch. S. 57-58. Im

Folgenden zitiert als ′Ashcroft′.

4


Rechtssprechung stark von regionalen Unterschieden gekennzeichnet war)19,

anzuführen. Auf literarischer Ebene aber stellt auch das rein fiktive Konzept der

Hohen Minne einen Auslöser des Konflikts dar: Die Idealisierung der

vrouwe

durch

den Sänger setzt diese in nicht unerheblichem Maße unter Druck, den

hochgesteckten Ansprüchen gerecht zu werden20: Ihre eigene Liebe muss sie dabei

unterdrücken und den Werbenden abweisen, will sie im Rahmen des Ideals

interessant bleiben. Eine

vrouwe

ohne

êre

, ohne

staete

wäre dies aber sicherlich in

keinem Falle.

Was aber bewegt nun Reinmar dazu, die alte Form des Frauenlieds wieder neu

aufzugreifen, vor allem da sie sich ­ wie bereits festgestellt wurde ­ anscheinend

weniger gut mit dem Konzept des Hohen Sanges verbinden lässt? Wenn die Frau als

substantielle Persönlichkeit tatsächlich so bedeutungslos für die Minnelyrik ist,

warum sie dann überhaupt als lyrisches Subjekt aktivieren?

Indizien hierfür zu gewinnen soll eine Hauptaufgabe der folgenden Analyse und

Interpretation sein. Wortlaut, Bezifferungen etc. beziehen sich dabei ­ so nicht

anders vermerkt ­ stets auf die in der für diese Arbeit hinzugezogene Ausgabe von

′Des Minnesangs Frühling′ (MF) verwendeten Varianten. Mittelhochdeutsche, nicht

zitierte Ausdrücke werden kursiv gedruckt, mittelhochdeutsche Zitate kursiv und in

einfachen Anführungszeichen (ebenso wie feststehende Wendungen innerhalb des

Übersetzungskommentars), Zitate aus der Forschung in doppelten

Anführungszeichen. Dieses System wurde vergleichbaren Alternativen vorgezogen,

da es sich im Rahmen dieser Arbeit als das praktikabelste erwiesen hat.

19 Vgl. Wallbaum, S. 95.

20 Ebenda, S. 129.

5



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