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Master Thesis, 2007, 97 Pages
Author: Friederike Günzel
Subject: Communications: Miscellaneous
Details
Tags: Salome, Medien, Jahrhunderts
Year: 2007
Pages: 97
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 66 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-01485-4
File size: 1155 KB
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Abstract
Sie steht für Angst, Schrecken aber auch Verehrung und Ehrfurcht. Von ihr geht eine ungeheure Faszination aus, bis in die heutige Zeit. Sie ist die Femme fatale schlechthin. Gebrandmarkt bis in alle Ewigkeit. So scheint es zumindest. Die Rede ist von Salome. Es gibt kaum eine ambivalentere Figur als sie. Dies führte dazu, dass Künstler das Bedürfnis verspürten, den Salome-Stoff immer wieder aufzugreifen. Dabei vermischen sich historische Quellen und Erfindungen. Bis in die heutige Zeit sind Künstler von Salome fasziniert. In dieser Arbeit möchte ich mich eingehender mit der Figur der Salome befassen und konzentriere mich dabei auf verschiedene Darstellungen und Inszenierungen aus den Bereichen Literatur, Kunst, Oper, Aktionskunst bzw. Theater und Film. Die Salome-Darstellungen umfassen dabei eine Zeitspanne von 1876 bis 2002. Hierbei möchte ich mich jedoch nicht, wie in vielen anderen Salome- Beiträgen, auf den Tanz der Salome konzentrieren. Der Tanz ist in dieser Arbeit ein Teilaspekt, steht allerdings nur in Carlos Sauras Tanzfilm Salomé im Mittelpunkt. Vielmehr liegt mir daran, die verschiedenen Salome-Deutungen auf ihre Merkmale und Besonderheiten zu untersuchen und diese herauszustellen. Worauf legt der jeweilige Künstler in seiner Bearbeitung wert? Wie sieht und interpretiert er Salome? Mit welchen Mitteln, die sein Medium ihm zur Verfügung stellt, vermag der Künstler seine Salome darzustellen?
Excerpt (computer-generated)
„Tanze, Salome, tanze für mich!“
Salome in den Medien des 19. bis 21. Jahrhunderts
Masterarbeit
Zur Erlangung des Grades Master of Arts (M.A.)
Des Fachbereiches 3 Sprach, -Literatur -und
Medienwissenschaften der
Universität Siegen
Friederike C. Günzel
Siegen, den 31.10.2007
1. Vorwort ... 1
2. Die Ursprünge der Salomefigur ... 7
2.1. Die Entwicklung einer Legende ... 7
3. Der historische Hintergrund ... 9
3.1. Der Wandel der Frau vom 18. zum 19. Jahrhundert ... 9
3.2. Von der realen Frau zum Bild der Femme fatale ... 10
4. Kunst und Natur ... 13
4.1. Das Kunstverständnis im 19. Jahrhundert ... 13
4.2. Verneinung der Natur, um der Kunst Willen ... 15
4.3. Der Mond als Kunstobjekt ... 17
5. Salome in der Literatur ... 19
5.1. Die Faszination der fatalen Frau ... 19
5.2. Gustave Flauberts Hérodias ... 19
5.2.1. Salome in der Tradition des Realismus ... 19
5.2.2. Eine instrumentalisierte Salome ... 21
5.3. Salomé von Oscar Wilde ... 23
5.3.1. Eine Handlung auf dem Höhepunkt literarischen Schaffens ... 23
5.3.2. Salome, die Jungfrau ... 25
5.3.3. Von der Jungfrau zur todbringenden Frau ... 26
5.3.4. Femme fatale und nur das ... 27
5.4. Dekadenz und Künstlichkeit ... 28
5.5. Ein Vergleich der Salome bei Gustave Flaubert und Oscar Wilde ... 30
5.6. Salome in Realismus und Décadence ... 32
6. Salome in der Kunst ... 35
6.1. Zwischen Furcht und Faszination - Gustave Moreaus Salomé ... 35
6.1.1. Gustav Moreaus Vorstellung von Künstlichkeit ... 37
6.2. Die illustrierte Salomé bei Aubrey Beardsley ... 38
6.2.1. Künstlichkeit als Ausdruck der seelischen Verfassung ... 41
6.3. Zusammenfassung der Kunst ... 42
7. Salome in der Oper ... 43
7.1. Richard Strauss und seine Salome ... 43
7.1.1. Salome - Synonym für die Revolutionierung der Musik ... 44
7.1.2. Eine „musikalische“ Salome ... 48
7.1.3. Die Mondmetapher und die Künstlichkeit der Oper ... 49
7.2. Götz Friedrichs Salome-Inszenierung ... 49
7.2.1. Salome und die Frage nach dem Warum ... 49
7.2.2. Von Strauss zu Götz Friedrich ... 52
7.2.3. Salome, das neugierige Kind ... 53
7.2.4. Viermal küsste sie das Haupt ... 56
7.2.5. Eine Annäherung an die Natur ... 57
7.2.6. Die Großaufnahme erzeugt Natürlichkeit ... 58
7.2.7. Zusammenfassung ... 59
8. Salome in der Oper und der Aktionskunst ... 62
8.1. Jules Massenets Oper Hérodiade ... 62
8.2. Hermann Nitsch und Hérodiade ... 64
8.2.1. Die etwas „andere Kunst“ des Aktionismus ... 64
8.2.2. Hérodiade einmal anders ... 67
8.2.3. Verschmelzung von Hérodiade und Aktionskunst ... 68
8.2.4. Das Salome-Motiv bei Nitsch ... 69
8.2.5. Nitsch und die Natur ... 70
9. Salome im Film ... 73
9.1. Carlos Saura und das spanische Kino ... 73
9.2. „Tanze, Salome, tanze für mich.“ - eine spanische Salome auf der Bühne ... 74
9.3. Die Charaktere sind gleich und doch sind sie anders ... 76
9.4. Salome - Faszination und Femme fatale? ... 77
9.5. Fiktion und Wirklichkeit ... 78
9.6. Der Tanz als Ausdruck von Natürlichkeit ... 79
9.7. Aus dem Tanz der Sünde wird der Tanz der Gefühle ... 81
10. Schlussbetrachtung ... 83
11. Anhang ... 87
12. Literaturverzeichnis ... 92
1. Vorwort
Sie steht für Angst, Schrecken aber auch Verehrung und Ehrfurcht. Von ihr geht eine ungeheure Faszination aus, bis in die heutige Zeit. Sie ist die Femme fatale schlechthin. Gebrandmarkt bis in alle Ewigkeit. So scheint es zumindest. Die Rede ist von Salome. Es gibt kaum eine ambivalentere Figur als sie. Dies führte dazu, dass Künstler das Bedürfnis verspürten, den Salome-Stoff immer wieder aufzugreifen. Dabei vermischen sich historische Quellen und Erfindungen. Bis in die heutige Zeit sind Künstler von Salome fasziniert.
In dieser Arbeit möchte ich mich eingehender mit der Figur der Salome befassen und konzentriere mich dabei auf verschiedene Darstellungen und Inszenierungen aus den Bereichen Literatur, Kunst, Oper, Aktions-kunst bzw. Theater und Film. Die Salome-Darstellungen umfassen dabei eine Zeitspanne von 1876 bis 2002.
Hierbei möchte ich mich jedoch nicht, wie in vielen anderen Salome- Beiträgen, auf den Tanz der Salome konzentrieren. Der Tanz ist in dieser Arbeit ein Teilaspekt, steht allerdings nur in Carlos Sauras Tanzfilm Salomé im Mittelpunkt.
Vielmehr liegt mir daran, die verschiedenen Salome-Deutungen auf ihre Merkmale und Besonderheiten zu untersuchen und diese herauszustellen. Worauf legt der jeweilige Künstler in seiner Bearbeitung wert? Wie sieht und interpretiert er Salome? Mit welchen Mitteln, die sein Medium ihm zur Verfügung stellt, vermag der Künstler seine Salome darzustellen?
Zum Zweiten geht es darum, den Bereich der Künstlichkeit in den Inszenierungen zu untersuchen: Die für die Dekadenten im Fin de siècle so wichtige Künstlichkeit in ihren Werken, in der sie die Natur und die Realität verbannten, hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. In den heutigen Inszenierungen geht es darum, die Natur wieder in das Bühnengeschehen mit einfließen zu lassen. Das bedeutet grundsätzlich auch, dass sich die Figur der Salome, ihre Interpretation, die Sichtweise der Künstler auf sie, verändert hat. Es soll gezeigt werden, dass das Bild von Salome sich aufgrund unseres Verständnisses in der heutigen Zeit gewandelt hat und anders ist als noch im Fin de siècle des 19. Jahrhunderts. Ein wichtiges Motiv, das sich leitmotivisch durch die Inszenierungen zieht und stellvertretend für den Wandel von Künstlichkeit zur Natürlichkeit auf der Bühne steht, ist der Mond. Es wird sich zeigen, dass seine Funktion sich im Laufe der Zeit ändert.
„Tanze, Salome, tanze für mich!“ Mit dieser sich ständig wiederholenden Aufforderung an die jüdische Prinzessin Salome, nehmen ihr Schicksal und besonders das von Johannes des Täufers ihren tragischen Verlauf. Diese Äußerung Herodes, Salomes Stiefvaters, findet sich in Oscar Wildes Einakter Salomé aus dem Jahre 1893, der wohl als Höhepunkt der literarischen Darstellung der Salome bezeichnet werden kann. Oscar Wilde ist jedoch nicht der einzige Künstler, der sich ausgiebig mit Salome auseinandergesetzt hat. Auch werden in dieser Arbeit die Werke von Gustave Moreau und Aubrey Beardsley thematisiert. In der Literatur konzentriere ich mich auf Gustave Flaubert und Oscar Wilde. Jules Massenets Hérodiade und Richard Strauss Opernvertonung von Oscar Wildes Salomé werden ebenfalls berücksichtigt, wobei ich mich überwiegend mit Götz Friedrich und seiner Inszenierung der Strauss Oper von 1974 befasse. Anschließend wird die Aktionskunst Hermann Nitschs in seiner Hérodiade-Inszenierung thematisiert und zuletzt der Tanzfilm Salomé von Carlos Saura.
Der Bereich der Kunst ist, wie anhand des Inhaltsverzeichnisses deutlich wird, nach dem Gliederungspunkt Salome in der Literatur angeordnet, obwohl das Werk Moreaus zeitlich vor Wildes und Flauberts Schaffen einzuordnen ist. Jedoch gehe ich ebenfalls auf Aubrey Beardsley ein und seine Salome-Illustrationen beziehen sich auf Wildes Salomé, weshalb ich entschieden habe, dass der Bereich der Kunst nach der Literatur stehen soll. Das Gleiche gilt für Jules Massenets Oper Hérodiade. Obwohl zeitlich vor Nitschs Inszenierung, habe ich diese Oper mit der Aktionskunst zusammengefasst, da Nitsch sich auf diese Oper bezieht.
Zum Anbeginn dieser Arbeit setze ich mich zunächst mit dem Ursprung der Figur Salome auseinander. Erschaffen wird sie von Legenden und dem Neuen Testament der Bibel, geformt durch die Kirche und die Künstler des Fin de siècle. Um Salomes Wandel zu skizzieren, wird zunächst auf die Veränderung des Frauenbildes vom 18. zum 19. Jahrhundert eingegangen. In dieser Zeit lassen sich Gründe finden für den Ausgangspunkt und die Entwicklung Salomes hin zum Typus der Femme fatale.
Um Verwirrung beim Lesen zu vermeiden, werde ich die Figuren, obgleich sie in den französischen Stücken französische Namen tragen, mit ihren deutschen Namen versehen. Für Johannes den Täufer verwende ich, wie Oscar Wilde, den hebräischen Namen Jochanaan.
2. Die Ursprünge der Salomefigur
2.1. Die Entwicklung einer Legende
Die Geschichte um den Tod Johannes des Täufers und die daraus entstandene Wiedergabe im Matthäus- und Markus-Evangelium hat ihren Ursprung in der Zeit vor Christi Geburt. Alte Geschichtsquellen besagen, dass die historische Salome- Erzählung auf einen im 1. Jahrhundert geschehenen Rechtsfall zurückgeht. Demnach soll Konsul Flaminius 192 v. Christus bei einem Mahl den Befehl gegeben haben, einen Beliebigen hinrichten zu lassen, um seinen Lustknaben mit der Vorführung einer Enthauptung zu erfreuen. In der Folgezeit wurde die Erzählung variiert und entschieden erweitert: Aus dem Lustknaben wurde eine Geliebte, aus dem Konsul ein Stadthalter. Der Tanz und das damit zusammenhängende Versprechen des Stadthalters gegenüber seiner Geliebten kamen hinzu.
Nach Christi Geburt verknüpfte der Historiker Josephus (1./2. Jh. n. Chr.) die Umstände, die zum Tod Johannes des Täufers führten, mit der soeben berichteten Erzählung. Johannes der Täufer wurde von König Herodes gefangen gehalten und anschließend getötet, da dieser öffentlich dessen Ehe mit Herodias missbilligt hatte. Die Markus- und Matthäus-Evangelien verliehen dem Tod des Johannes eine gewisse Dramatik, da sie von Herodias berichteten, die die treibende Kraft bei der Hinrichtung des Johannes war. Demnach fühlte Herodias sich von Johannes denunziert, da sie in seinen Augen Blutschande betrieben hatte, als sie einst ihren Mann verließ, um den Tetrarchen zu heiraten. Sie wünschte den Tod des Täufers herbei. Herodes wagte diesen Schritt jedoch nicht: „Und er hätte ihn gerne getötet, fürchtete sich aber vor dem Volk; denn sie hielten ihn für einen Propheten.“1 Erst als Herodias ihre Tochter zum Tanz anstiftet und Herodes ihr daraufhin entzückt einen Wunsch erfüllt, ist Johannes Tod besiegelt. Auf Geheiß der Mutter fordert ihre Tochter das Haupt des Johannes und Herodes willigt schließlich ein. „Als um 70 nach Christus die Evangelien zusammengestellt wurden, gelangte diese Episode als Tanz der Tochter der Herodias in das Markus- und Matthäus-Evangelium, um die Willkür, die beim Tod Johannes des Täufers geherrscht hatte, hervorzuheben.“2 Die Mutter wurde zur bösen, dominierenden Figur. Ihre Tochter Salome führte ihre Befehle aus, wobei ihr Name in beiden Evangelien nicht erwähnt wird.
Eine zentrale Person unter den Kirchenvätern war Chrysostomos (4. Jh.), der insbesondere das Motiv des Tanzes der Salome hervorhob. Das Interesse an der Geschichte um den Tod Johannes des Täufers war deswegen von großer Bedeutung, da somit zwei Moralvorstellungen der Kirche ihre Verbreitung fanden: Zum einen verfestigte sich mit dem Handeln der Herodias bzw. Salomes das Bild von der Frau als Ursprung jeglicher Sünde, wobei sie hier in die Fußstapfen der biblischen Eva traten. Zum anderen sollte offen gelegt werden, dass der Tanz Seelenunheil für jeden Mann bedeutete, vor dem er sich schützen musste. Der Salomestoff bot „eine probate Vorlage für Moralpredigten gegen irdische Vergnügen, zuvorderst der Tanz und das Feiern: «Wo eben ein Tanz ist, da ist auch der Teufel dabei» wettert Johannes Chrysostomos.“3
Die Verdammung der weiblichen Sünde sollte Salome noch lange anhaften. Noch im 14. Jahrhundert dienten die Salome-Darstellungen diesem Zweck.
In der Malerei der Renaissance war dies anders: Salome wurde dort als makellose Schönheit, die ihren Betrachter in ihren Bann zieht, dargestellt.
Das 17. und 18. Jahrhundert ließ die Salome-Gestalt dann weitestgehend außer Acht. Erst im 19. Jahrhundert wurde Salome wieder entdeckt und avanciert zu einer regelrechten Kunst-Ikone:
„Salome wurde zur Ikone der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Da sie, als Verbindungsfigur zwischen alttestamentlicher und neutestamentlicher Zeit, eine Figur zwischen den Zeiten ist, stieß sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf große Resonanz. Denn auch zu dieser Zeit fühlte man sich in einem Umbruch mit apokalyptischen und utopischen Zügen. Die Zeit war geprägt von den Folgen der Industrialisierung, ihren durchgreifenden gesellschaftlichen Umgestaltungen und der Verunsicherung, die diese mit sich brachten (…). Sexualität wurde zum Forschungsgegenstand und neue Optionen der Geschlechtsidentität wurden entworfen.“4
[...]
1 Mätthäus-Evangelium 14: Herodes und Jesus/Ende des Täufers. Das Neue Testament. Berlin 1956, S. 40
2 Schumann, Adelheid: „Und Salome tanzt doch!“ Carlos Sauras filmische Umsetzung des Salome-Mythos. In: Hoffmann, Yasmin (Hg.): Alte Mythen - neue Medien. Heidelberg: Winter 2006. S. 251
3 Vgl. Rohde, Thomas (Hg.): Mythos Salome. Vom Markusevangelium bis Dunja Barnes. Leipzig: Reclam Verlag 2000. S. 267.
4 Ebd. S. 270 f.
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