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Analogien - „Deutschland im Herbst“

Subtitle: Geschichte. Erzählen. Filmen. Zeugenschaft vor der Kamera

Essay, 2006, 5 Pages
Author: Anonym
Subject: Cultural Studies

Details

Category: Essay
Year: 2006
Pages: 5
Grade: 1,7
Language: German
Archive No.: V88997
ISBN (E-book): 978-3-638-03502-6

File size: 77 KB

Abstract

„Das Traurigste an dem Selbstmord war, dass es nach meiner Überzeugung tatsächlich ein Selbstmord war. Dass die, die damals aufgebrochen waren, um einen verknöcherten Staat zu verändern, eine Gesellschaft neu zu beleben, zum Schluss keinen anderen Ausweg mehr wussten, als sich selbst umzubringen. Das ist wieder mal das traurige Ende einer Revolution in Deutschland.“ „Deutschland im Herbst“ ist ein Omnibusfilm. Insgesamt elf Filmemacher und Autoren beschlossen im Oktober 1977, nach dem Mord an Hanns-Martin Schleyer und dem Selbstmord der Gefangenen Ensslin, Baader und Raspe, die Ereignisse aufzugreifen und ihre Perspektive auf die gesellschaftliche Situation zusammen zu fassen. Dies geschah bewusst fragmentarisch, die Filmemacher kreierten dokumentarische und fiktive Beiträge, die unter der künstlerischen Leitung Alexander Kluges zu einem Ganzen gefügt wurden. Dem Begräbnis Schleyers, das expositorisch in die Geschehnisse einführt, folgt die Darstellung Fassbinders. Dieser greift die Atmosphäre in Deutschland durch seine eigene Paranoia in einer Spielfilmsequenz auf. Jene wird mit einer Diskussion zwischen ihm und seiner Mutter über die aktuelle politische Situation der BRD und den Begriff „Demokratie“ verbunden. Die fiktive Episode über Gabi Teichert von Kluge, erzählt von einer Geschichtslehrerin, die versucht, deutsche Geschichte in ihrem Zusammenhang zu verstehen und deshalb Probleme mit „ihrer Obrigkeit“ bekommt. Das Deutschlandlied wird historisch begreifbar gemacht und altes Wochenschaumaterial vom Staatsakt für den Feldmarschall Erwin Rommel, der 1944 vom nationalsozialistischen Regime zum Selbstmord gezwungen wurde, verweist explizit auf einen bemerkenswerten historischen Zusammenhang. Es folgen die Prozession für Schleyer, die Schweigeminuten bei Daimler Benz und ein Einblick in die Vorbereitungen für die Trauerfeier. Verwoben durch Kommentar und gleichen Schauspielern in verschiedenen Rollen, gliedert sich der Film weiterhin etwa in folgende Beiträge: „Was wird mit unseren Träumen“, „Schatten der Angst“ und einem Interview mit Horst Mahler , in dem die Entwicklung und die Geschichte der RAF zusammengefasst und erklärt werden.


Excerpt (computer-generated)

Seminar:

Geschichte. Erzählen. Filmen. Zeugenschaft vor der Kamera

Frage:

Welche Analogien eröffnet die hybride Erzählweise in ,,Deutschland im

Herbst"? Welche Aussage trifft der Film und wie situiert er die

Begräbnisse Schleyers und der RAF Mitglieder im Kontext deutscher

Geschichte?

Essay

Analogien ­ ,,Deutschland im Herbst"1

,,Das Traurigste an dem Selbstmord war, dass es nach meiner Überzeugung tatsächlich ein

Selbstmord war. Dass die, die damals aufgebrochen waren, um einen verknöcherten Staat zu

verändern, eine Gesellschaft neu zu beleben, zum Schluss keinen anderen Ausweg mehr

wussten, als sich selbst umzubringen. Das ist wieder mal das traurige Ende einer Revolution

in Deutschland."2

,,Deutschland im Herbst" ist ein Omnibusfilm. Insgesamt elf Filmemacher und Autoren

beschlossen im Oktober 1977, nach dem Mord an Hanns-Martin Schleyer und dem

Selbstmord der Gefangenen Ensslin, Baader und Raspe, die Ereignisse aufzugreifen und ihre

Perspektive auf die gesellschaftliche Situation zusammen zu fassen. Dies geschah bewusst

fragmentarisch, die Filmemacher kreierten dokumentarische und fiktive Beiträge, die unter

der künstlerischen Leitung Alexander Kluges zu einem Ganzen gefügt wurden. Dem

Begräbnis Schleyers, das expositorisch in die Geschehnisse einführt, folgt die Darstellung

Fassbinders. Dieser greift die Atmosphäre in Deutschland durch seine eigene Paranoia in

einer Spielfilmsequenz auf. Jene wird mit einer Diskussion zwischen ihm und seiner Mutter

über die aktuelle politische Situation der BRD und den Begriff ,,Demokratie" verbunden. Die

fiktive Episode über Gabi Teichert von Kluge, erzählt von einer Geschichtslehrerin, die

versucht, deutsche Geschichte in ihrem Zusammenhang zu verstehen und deshalb Probleme

mit ,,ihrer Obrigkeit"3 bekommt. Das Deutschlandlied wird historisch begreifbar gemacht und

altes Wochenschaumaterial vom Staatsakt für den Feldmarschall Erwin Rommel, der 1944

vom nationalsozialistischen Regime zum Selbstmord gezwungen wurde, verweist explizit auf

einen bemerkenswerten historischen Zusammenhang. Es folgen die Prozession für Schleyer,

die Schweigeminuten bei Daimler Benz und ein Einblick in die Vorbereitungen für die

1 Fassbinder, Schlöndorff, Kluge u. a., 1977

2 Volker Schlöndorff in einem Interview 2004, Quelle: Extras auf der DVD ,,Deutschland im Herbst"

3 Kommentar in der Sequenz

1


Trauerfeier. Verwoben durch Kommentar und gleichen Schauspielern in verschiedenen

Rollen, gliedert sich der Film weiterhin etwa in folgende Beiträge: ,,Was wird mit unseren

Träumen", ,,Schatten der Angst"4 und einem Interview mit Horst Mahler5, in dem die

Entwicklung und die Geschichte der RAF zusammengefasst und erklärt werden. ,,Das

Mädchen von Stuttgart"6, rezitiert von Wolff Biermann, ,,Gabi Teichert" gefolgt von

Archivmaterial zu Rosa Luxemburg, ,,Die Grenzkontrolle"7, ,,Standhafte Chatten"8 ­

Dokumentation eines Herbstmanövers der Bundeswehr ­ führen schließlich über das

Herbstlied Tschaikowskis9 zum SPD Parteitag10 und von dort zur ,,Antigone" Sequenz11.

Diese mündet wiederum in die Dokumentation des Begräbnisses der RAF Mitglieder in

Stuttgart Dornhagen12, und einem Interview Manfred Rommels, womit das Ende des Filmes

eingeleitet und markiert wird.

Alles in allem wiederholt sich die Thematik und der Film eignet sich eine Form an, von der

man sagen möchte, dass sie tendenziell intellektuell, selbsterklärend und antiautoritär erzählt.

Wie Kluge, laut Schlöndorff13, die Agenda der Künstler zusammengefasst hat, wollten sie

gemeinsam ,,Gegenöffentlichkeit herstellen". Der deutschen Medienlandschaft haftete zu

jener Zeit das Prädikat ,,gleichförmig" an, manche benutzten sogar den Begriff der

,,Gleichschaltung"14. Demgegenüber positionierten sich die Filmemacher, indem sie

versuchten eine Art Genealogie der neueren deutschen Geschichte aufzurollen und den

Kontext für die Ereignisse aufzubereiten. Insbesondere durch die fiktiven Sequenzen werden

Analogien eröffnet und Möglichkeiten geschaffen, über die reine Dokumentation der

Ereignisse hinaus, deutsche Geschichte in ihrem Zusammenhang zu begreifen.

Diese außergewöhnliche Gratwanderung in der Formgebung findet wahrscheinlich ihren

Höhepunkt in der Sequenz von Böll. Hier tagt eine fiktive Fernsehredaktion, die durch den

Schwenk vom Fernsehturm zum Gebäude als in Mainz ansässig und damit als öffentlich-

rechtlich identifizierbar wird. Ein Regisseur stellt seine Inszenierung der Antigone vor und es

entsteht eine heftige Debatte darüber, ob man ,,in heutigen Zeiten" solch kontroverses

Material zeigen könne. Es wird versucht, sich durch einen Distanzierungstext von den

,,terroristischen Weibern" abzugrenzen und dies mündet in einer geschickt unausgestellten

4 Rupé und Cloos

5 Sinkel und Brustellin

6 Sinkel und Brustellin

7 Reitz

8 Mainka und Schubert

9 Kluge

10 Kluge

11 Schlöndorff und Böll

12 Schlöndorff und Kluge

13 Volker Schlöndorff in einem Interview 2004, Quelle: Extras auf der DVD ,,Deutschland im Herbst"

14 Rezension von Ulrich Behrens, www.filmzentrale.com/rezis/deutschlandimherbstub.htm

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