Das Prinzip Mall - Raum als Atmosphäre

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Details

Titel: Das Prinzip Mall - Raum als Atmosphäre
Autor: Dr. Reinhard Knodt
Fach: Raumwissenschaften, Stadt- und Raumplanung
Institut: Hochschule d.Künste Kassel (HDK) (Kunstphilosophie)

Kategorie: Essay
Jahr: 1993
Seiten: 17
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 147 KB
Archivnummer: V89725
ISBN (E-Book): 978-3-638-04079-2
Anmerkungen :
Die Struktur der "Mall" beginnt zunehmend, urbane Areale zu beherrschen. Philosophische, architekturtheoretische und ökologische Belange im Rahmen einer neuen Kulturphilosophie des technischen Raumes... Der Aufsatz erschien zunächst im Reclam Verlag, wurde mehrfach nachgedruckt und wurde Rundfunksendung beim WDR. Schlüsselaufsatz zu den Anfängen des postmodernen Bauens

Zusammenfassung / Abstract

Die moderne Mall ist keineswegs bloß ein vergrößertes Kaufhaus oder der bessere Supermarkt. Sie ist vielmehr - und das macht sie zum Fall für die Philosophie - eine konkrete Gestalt des technischen Raumes. Genauer ausgedrückt: sie ist die Repräsentation des technischen Raumes und zugleich das beste Anschauungsmodell für jenen Aspekt, den man als ästhetische Hypertrophierung desselben bezeichnen könnte. - Hypertrophierung soll bedeuten, daß hier ästhetische Probleme mit technischen Mitteln gelöst erscheinen und es doch keineswegs sind, was zu besonderen Phänomenen der Vergrößerung und Übertreibung führt. Um zunächst eine untere, architekturtheoretisch ästhetische Ebene abzudecken, sei auf eine Überlegung des amerikanischen Technikphilosophen Joseph Kupfer zurückgegriffen. Eine Mall ist, wie Kupfer an verschiedenen Stellen auch für andere Gebäude ausführt, das "Gebäude als Gerät",...

Textauszug (computergeneriert)

Das Prinzip "Mall" 1

Raum als Atmosphäre

1. Das Gebäude als Gerät 2

2. Die Mall als Promenade 6

3. Wahrnehmungsbrüche und Hypertrophien: 8

4. Die Anstrengung 13

1 Leicht überarbeitete Fassung d. Erstveröff. in: Merkur, Heft 2, Jg. 46, Febr. 1992.


2

Die korrekte deutsche Übersetzung für den englischen Ausdruck "Mall" lautet Promenade,

Spaziergang also; etwas, das wir mit der Natur, einem Park etwa, assoziieren, mit

Rasenanlagen, Bäumen und Springbrunnen, mit langsamem, beschaulichem Gehen, dem

Umherwandeln in reizvoller Umgebung. Die berühmteste Mall ist die im neunzehnten

Jahrhundert in Washington zwischen weißem Haus und Capitol angelegte: ein Park, umsäumt

von Museen, Denkmälern und Regierungsgebäuden. Wer sich auf den Flanierwegen dieser

"Mall" bewegt, ist, metaphorisch gesprochen, im Zentrum allen Geschehens. Er ist auf einem

der wichtigsten Plätze der politischen Welt, umgeben von "Natur", Kunst und Geschichte,

sowie bedeutungsvoller Gegenwart. Er ist im Mittelpunkt jenes Kosmos, der gemeinhin "the

western civilisation" heißt, und er erlebt ihn vielleicht sogar in einer gewissen Feierlichkeit,

indem er

flaniert

, d.h. langsam aufnehmend umhergeht - ohne festes Ziel, denn auf

naheliegende Weise ist er ja bereits am Ziel.

1.

Das Gebäude als Gerät

Nun hat sich die Bedeutung des Ausdrucks "Mall" bekanntlich gewandelt. Wir verstehen

heute darunter eine Art Kaufhaus mit Autopark, klimatisiertem Innenraum aus

Wandelgängen, Restaurants, Springbrunnen, künstlichen Wasserfällen, Treibhauspflanzen

und Zerstreuungsangeboten, um den herum in Arkaden Läden, Kinos, Büros usf. angeordnet

sind - eine künstliche Welt also, die, je nach Ausstattung, von schäbiger Betonstruktur in

Vorstadtlage bis zum bizarren Tempel aus Glas und Marmor in der City sich dem Flanieren,

wie auch den hierbei wie nebenher zu erledigenden Besorgungen öffnet.

Die moderne Mall ist nun allerdings keineswegs bloß ein vergrößertes Kaufhaus oder der

bessere Supermarkt. Sie ist vielmehr - und das macht sie zum Fall für die Philosophie - eine

konkrete Gestalt des technischen Raumes. Genauer ausgedrückt: sie ist die Repräsentation

des technischen Raumes und zugleich das beste Anschauungsmodell für jenen Aspekt, den

man als

ästhetische Hypertrophierung

desselben bezeichnen könnte. - Hypertrophierung

soll bedeuten, daß hier ästhetische Probleme mit technischen Mitteln gelöst erscheinen und es

doch keineswegs sind, was zu besonderen Phänomenen der Vergrößerung und Übertreibung

führt.


3

Um zunächst eine untere, architekturtheoretisch ästhetische Ebene abzudecken, sei auf eine

Überlegung des amerikanischen Technikphilosophen Joseph Kupfer zurückgegriffen.2 Eine

Mall ist, wie Kupfer an verschiedenen Stellen auch für andere Gebäude ausführt, das

"Gebäude als Gerät", bzw. als "Vorrichtung" ("aedifice as device") eine Struktur

architektonisch nicht mehr signifikant geformter Baumasse zu bestimmten instrumentellen

Zwecken. Das Gebäude als Gerät hat selbst keine bestimmte Gestalt. Es ist vielmehr Mittel..

.."merely a means to the consumption of commodities - food, movement, entertainment,

business, information."3 Eine moderne Mall, wie viele andere Gestalten des technischen

Geschehens erscheint also architekturtheoretisch oder vielleicht auch kunsthistorisch

betrachtet zunächst einmal, wie ein

mißglücktes Gebäude

, ein Mittelding zwischen Bauwerk

und Maschine, Kaufhaus und Ambiente, das eine nicht mehr und das andere nicht ganz,

jedoch ausgestattet mit funktionen beider: "Architecture in America is being transformed

from edifice to device, from buildings with distinctive personalities to standardised

containers."4

Kupfer argumentiert aus dem Blickwinkel der Architektur, deswegen ist seine These

ästhetisch nicht durchschlagend. Gleichwohl ist sie lehrreich, weil sie zu einem Punkt leitet,

an dem sich weiterdenken läßt. "Gute" Gebäude, d.h. ästhetisch befriedigende

architektonische Strukturen,

bilden

und erfüllen, so Kupfer, den Betrachter. Ihr ästhetischer

Sinn liegt zum Beispiel in jenem bereits bei Kant bemerkten Kunstwerk-Effekt, daß sie

"allerley zu denken geben", daß Einbildungkraft und Verstand durch sie in jenes glückliche

Verhältnis gesetzt sind, worin Natur schöpferisch werden kann. Etwas moderner drückt

diesen kognitiv ästhetischen Aspekt heute Wolfgang Welsch aus, wenn er zum Beispiel

Stirlings neue Staatsgalerie in Stuttgart als einen Bau lobt, der "verschiedenste Sprachen -

von der klassischen Museeumsarchitektur Schinkels über den Code des Konstruktivismus

und die moderne Sprache der Sachlichkeit bis hin zu den Idiomen von Pop oder Giuliano

2 Joseph Kupfer: From Edifice to Device - Architecture of disengagement, in: Technology

in Society, Vol. 12, pp 319 - 332, Pergamon 1990. Vgl. auch: Ders. Experience as Art,

SUNY Press 1983.

3 A.a.O. S. 319. Vgl. auch die Definition von "device": "The device is the object

manufactured by modern technology. Its defining feature is the way it easily, ubiquitously

makes a commodity available. It makes diverse sorts of commodities - material objects,

experiences, social goods - available for consumption by ′disburdening′ us ...". ( S. 320.)

4 A.a.O. S. 319.


4

Romano - kombiniert" und dies so tue, daß "eine Kommunikation von Gegensätzen mit

Erläuterungen, Ironisierungen und Widerstreit zustandekommt". Er schließt: "An diesem Bau

konnten ästhetisch wache Menschen deutlicher als in manch soziologischen oder

philosophischen Abhandlungen erfahren, was die ratio essendi der heutigen Gesellschaft

ausmacht."5

Im technischen Raum, so die Kritik, erscheint Architektur in ihrer reduziertesten Form als

bloße Raumherstellung wobei sich Kaufhallen, Abflughallen, Bürogebäude, Sportstadien und

Theater auf ganz erstaunliche Weise zu gleichen beginnen und höchstens in Größe und

Ausstattung variieren. Es sind "Container" für das, was in ihnen aufgehoben bzw. angeboten

ist: soziale Güter, die man auch als Funktionsprinzipien unserer "commodities" -Gesellschaft

begreifen kann. Die Kritik würde in etwa lauten: Gebäude im Sinne des technischen Raumes

haben nichts mehr an sich, was uns in einem ästhetischen Sinne zu denken, zu fühlen oder zu

imaginieren gibt. Der technische Raum trennt die "ästhetischen" und dann oft als bloß

dekorativ mißverstandenen Funktionen eines Gebäudes und seine Funktion als Behälter, so

daß dem Bauwerk jeglicher

ästhetische

Sinn

genommen ist, während ihm eine zusätzlich

dekorative

Funktion

- etwa in der Skyline einer Stadt ein bestimmtes Zeichen zu sein -

zuwächst. Die Funktionen innerhalb des Containers können wechseln. Es handelt sich dabei

um Aspekte eines einzigen grundlegenden Sinnes des technischen Raumes, sie sind

begehbarer Stapelplatz für "commodities" wie "Fernsehbilder, Filme, fast food, kühle Luft,

Nachrichten und Versicherungsschutz - frei von jeglichem raum-zeitlichen Kontext."6

Das Gebäude als Gerät könnte, so gesichtslos es anmutet, nun nichts weiter sein als die

architektonische Semantik jenes abstrakte Zuhandenseins und Zur-Verfügung-Seins der

Dinge, die das Leben leichter machen. Sie stellt die "Commodities" nicht nur zur Verfügung,

sie

repräsentiert

sie, und ist selber, was sie vorgibt, zu ermöglichen. Die Körperlosigkeit der

Mall und ihr abstrakter Sinn entsprächen sich.

Der Gedanke ist plausibel. Kupfer begreift den Vorgang eines Verlustes von sinnlicher

Präsenz nicht nur oberflächlich als Wahrnehmungsentmündigung im kunstästhetischen Sinne.

Er geht tiefer und spricht sogar von einer Entkörperlichung durch architektonische

Strukturen: Jene Containergebäude sind "disembodying". Sie machen die körperlich sensitive

5 Wolfgang Welsch, Ästhetisches Denken, Stuttgart, 1990.

6 A.a.O. S. 320.


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