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Essay, 2008, 21 Pages
Author: Dr. Stefan Schweizer
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Gottfried, Kellers, Grüne, Heinrich, Realistische, Epochenprogrammatik, Diskurse
Year: 2008
Pages: 21
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-03580-4
ISBN (Book): 978-3-638-93401-5
File size: 180 KB
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Abstract
Dieser Aufsatz unternimmt keine Neuinterpretation des Grünen Heinrichs von Gottfried Keller, vielmehr wird der Versuch unternommen, bekannte und diskutierte Aspekte im neuen Licht zu analysieren. Ausgangspunkt bildet die Programmatik des Realismus, welche als Interpretationsfolie für den Roman dient. Nach der Darlegung der Epochenprogrammatik des Realismus erfolgt der Versuch einer Identifizierung derselben im Kunstwerk. Leitend ist die These, dass Kunstwerke, welche von der Epochenprogrammatik abweichen, ergiebig für Interpretationen sind. Die lange Zeit vorherrschende Fokussierung der Gattungsthematik des Grünen Heinrichs ist einseitig, weshalb ein Augenmerk dieser Interpretation den im Roman eingebetteten Diskursen gilt. Zur Frage der Diskurse gehört die Frage nach der Text-Kontext-Unterscheidung, welche als zentraler Punkt der kulturwissenschaftlichen Debatte gilt. Zur Gewinn bringenden Analyse literarischer Texte reicht eine textimmanent verfahrende Lektüre nicht aus. Bei zeitlich weit zurückliegenden Texten wird eine Einbeziehung literarische Texte beeinflussender Kontexte erforderlich. Ziel einer ambitionierten, wissenschaftstheoretisch anspruchsvollen und wissenschaftlich verfahrenden Literaturwissenschaft sollte die Fokussierung vertexteter Kontexte sein. So wird der Philologe zum Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftstheoretiker, innerhalb des in Bewegung geratenen disziplinären Institutionengefüges eine privilegierte Position. Literaturgeschichte und Wissenschaftsgeschichte, Poesie und Wissen sollten einander annähern. Kulturwissenschaftlich inspirierte Literaturwissenschaft könnte eine der Philologie verpflichtete Literaturwissenschaft bedeuten, »die methodisch kontrolliert auf externe Wissenskontexte ausgreift und eine vorsichtige Erweiterung ihres traditionellen Textkorpus anstrebt.
Excerpt (computer-generated)
Gottfried Kellers „Der Grüne Heinrich“ -
Realistische Epochenprogrammatik und Diskurse
von
Stefan Schweizer
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung ... 3
2. Probleme von Epochenkonstrukten und Spezifizierung der Vorgehensweise ... 4
3. Sozialgeschichtliche Implikate des Realismus ... 5
4. Programmatik des Realismus ... 6
5. Der Grüne Heinrich ... 10
6. Frage nach der Einlösung der realistischen Programmatik ... 13
7. Überprüfung der Realismuskonformität des Grünen Heinrichs anhand der Gattungsthematik ... 15
8. Text und Kontext ... 16
9. Fazit ... 19
1. Problemstellung
Dieser Aufsatz unternimmt keine Neuinterpretation des Grünen Heinrichs von Gottfried Keller, vielmehr wird der Versuch unternommen, bekannte und diskutierte Aspekte im neuen Licht zu analysieren. Ausgangspunkt bildet die Programmatik des Realismus, welche als Interpretationsfolie für den Roman dient. Nach der Darlegung der Epochenprogrammatik des Realismus erfolgt der Versuch einer Identifizierung derselben im Kunstwerk. Leitend ist die These, dass Kunstwerke, welche von der Epochenprogrammatik abweichen, ergiebig für Interpretationen sind.
Die lange Zeit vorherrschende Fokussierung der Gattungsthematik des Grünen Heinrichs ist einseitig, weshalb ein Augenmerk dieser Interpretation den im Roman eingebetteten Diskursen gilt. Zur Frage der Diskurse gehört die Frage nach der Text-Kontext- Unterscheidung, welche als zentraler Punkt der kulturwissenschaftlichen Debatte gilt. Zur Gewinn bringenden Analyse literarischer Texte reicht eine textimmanent verfahrende Lektüre nicht aus. Bei zeitlich weit zurückliegenden Texten wird eine Einbeziehung literarische Texte beeinflussender Kontexte erforderlich. Ziel einer ambitionierten, wissenschaftstheoretisch anspruchsvollen und wissenschaftlich verfahrenden Literaturwissenschaft sollte die Fokussierung vertexteter Kontexte sein. So wird der Philologe zum Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftstheoretiker, innerhalb des in Bewegung geratenen disziplinären Institutionengefüges eine privilegierte Position. Literaturgeschichte und Wissenschaftsgeschichte, Poesie und Wissen sollten einander annähern. Kulturwissenschaftlich inspirierte Literaturwissenschaft könnte eine der Philologie verpflichtete Literaturwissenschaft bedeuten, »die methodisch kontrolliert auf externe Wissenskontexte ausgreift und eine vorsichtige Erweiterung ihres traditionellen Textkorpus anstrebt«.1 Damit ist ein historischer und quellenorientierter Ansatz erforderlich, der eine Schließung der zeitgenössischen Sinnlücken als Frage-Antwort-Rekonstruktion vornimmt. Der Ort dieses Ansatzes ist das Archiv, die Vorgehensweise hermeneutisch. Das Ziel ist nicht die große Erzählung, sondern eine wissenschaftstheoretischen Anforderungen entsprechende und wissenschaftshistorische Konstellationen berücksichtigende historisch-kontextuelle Rekonstruktion mittlerer Reichweite.
Im Grünen Heinrich kann man im Zuge einer Text-Kontext-Analyse religiöse, ökonomische und ästhetische Diskursstränge identifizieren. Verbindet man diesen Analysepunkt mit der Überprüfung der realistischen Programmatik und der Gattungsfrage, dann ergeben sich Ansatzpunkte für eine gehaltvolle Interpretation des Kunstwerks.
2. Probleme von Epochenkonstrukten und Spezifizierung der Vorgehensweise
Defizite von Epocheneinteilungen sind bekannt. Epochenkonzepten wird das Manko einer spezifischen Historisierung2 vorgehalten, sie gelten als kritisch-heuristisch.3 Das Verdienst besteht in Klassifizierungs- und Systematisierungseffekten, die kategoriale Differenzierungen innerhalb der Literaturgeschichte und Zugehörigkeitsdistinktionen ermöglichen, die wiederum als Diskussionsgrundlage dienen.
Da in der neueren Literaturgeschichte ein Paradigmenwechsel4 dahingehend stattgefunden hat, Literaturgeschichte in ihrem Verhältnis zum allgemeinen Prozess der Geschichte zu betrachten empfiehlt es sich, sozialgeschichtliche Implikate des Realismus aufzuarbeiten. Fokussiert werden gesellschaftliche Entwicklungen. Darauf folgt die Darstellung der realistischen Programmatik. Die Programmatik einer Epoche bietet den Ariadnefaden, der einen bei der Durchleuchtung eines Kunstwerks leitet. Abweichungen von epochenbestimmenden Programmatiken sind für den Literaturwissenschaftler von Interesse, da durch sie eine Epochen unabhängige Strukturierung des Werks erkenntlich wird. Epochenprogrammatiken sind selten einheitlich und gelten nicht für die gesamte Epoche gleichverbindlich. So kann man den Realismus in eine poetische, bürgerliche und psychologische Phase untergliedern.5 Dabei fragt sich, ob dies als deskriptiv oder analytisch zu verstehen ist. Bei ersterem Verständnis stellt sich das Problem, dass häufig Elemente aller drei Realismen in einem Werk aufzufinden sind. Wird sie analytisch postuliert, so wird zwar auf theoretischer Ebene potentiell Theoriebildung ermöglicht; bewegt man sich aber auf die Textebene herunter, ergibt sich die Problematik einer realen Vermischung und Überlappung der Realismuskonzepte. In einem nächsten Schritt wird die realistische Programmatik auf Gottfried Kellers Der grüne Heinrich angewendet und geprüft, inwieweit die Axiome umgesetzt worden sind. Anschließend spielt die Gattungsthematik eine Rolle. Danach findet eine Diskussion der im Roman thematisierten Wissensdiskurse statt.
[....]
1 Danneberg, Lutz: Vorwort In: Scientia Poetica 8 (2004). S. VII-IX. Hier S. VII.
2 Rohe, Wolfgang: Roman aus Diskursen: Gottfried Keller "Der grüne Heinrich". München 1993, S. 5.
3 Vgl. Bahr, Erhard: Vorwort. In: Bahr, Erhard (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur. Kontinuität und Veränderung. Vom Mittelalter bis zum Barock. Band 1. Tübingen: Francke2 1987. S. VII-X. Hier S. X.
4 Zum Begriff des vor allem von Thomas Kuhn entwickelten Begriff des Paradigmenwechsels vgl. Kuhn, Thomas: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Frankfurt/M. suhrkamp 2003. S. 122.
5 Vgl. Frenzel, Herbert/Frenzel Elisabeth: Daten deutscher Dichtung. Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte. Band 2. vom Realismus bis zur Gegenwart. München: dtv19 1981. S. 411.
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