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Untertitel: Dynastisches Selbstverständnis Friedrichs II. und Wilhelmines von Bayreuth dokumentiert an der Hof- und Repräsentationskunst in Brandenburg-Preußen und Bayreuth
Hauptseminararbeit, 2006, 66 Seiten
Autor: Clemens Götze
Fach: Geschichte - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Details
Institution/Hochschule: Universität Potsdam (Historisches Institut)
Tags: Pflicht, Neigungen, Kunst, Politik, Preußen
Jahr: 2006
Seiten: 66
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 39 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-06123-0
ISBN (Buch): 978-3-638-95063-3
Dateigröße: 447 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Anhand ausgewählter Beispiele der Hof- und Repräsentationskunst an den Fürsten- und Königshöfen zu Berlin/Potsdam und Bayreuth werden das Selbstverständndis des Monarchen Friedrichs II. von Preußen und seiner Schwester Wilhelmine, der Landesherrin des kleinen Fürstentums Brandenburg-Bayreuth dargestellt. Die Arbeit zeigt auf, dass beide Geschwister mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die eigene Prachtentfaltung als Ausdruck ihrer hohen Abstammung aus dem Königshause Preußen verstanden. Sowohl die Aspekte der Bau- und Gartenkunst, der Portrait-Malerei und Bildhauerei, sowie das Sammeln erstklassiger Kunstwerke werden als Ausdrucksmittel besprochen. Dabei werden auch die Beziehungen beider Protagonisten zum europäischen Hochadel genauer beleuchtet und das konfliktgeladene Verhältnis der Geschwister beleuchtet. Eine umfangreiche Quellenanalyse sowie das breite Spektrum an Literaturangaben runden diese Arbeit ab.
Textauszug (computergeneriert)
Universität Potsdam
Historisches Institut
HS Kunst & Politik in Preußen (1740-1786)
,,...so wenig stimmt unsere Pflicht mit unseren Neigungen überein."
Dynastisches Selbstverständnis Friedrichs II. und Wilhelmines von Bay-
reuth dokumentiert an der Hof- und Repräsentationskunst in Branden-
burg-Preußen und Bayreuth
von
Clemens Götze
Studienfächer: Germanistik / Neuere Geschichte
(8. Fachsemester)
13. April 2006
1
Inhaltsverzeichnis
1 Vorbetrachtungen 2
.
1.1
Vorwort 2
1.2
Quellenbesprechung 2
Wilhelmine von Brandenburg-Bayreuth in ihren Memoiren 8
2. Wilhelmine und Friedrich. Zwei Königskinder 8
2.1
Kindheit und Jugend (1709-1730) 8
2.2
Jahre der Freundschaft (1730-1740) 23
2.2.1
Die Vermählungen Wilhelmines und Friedrichs 23
2.2.2
Das Verhältnis zum Vater in dessen letzten Lebensjahren 31
2.3
Die Krisen einer Freundschaft (1740-1747) 36
3. Friedrich, Wilhelmine und die Kunst 44
3.1
Preußens Großer König und die Kunst 44
3.2 Kulturelle Blüte Bayreuths zur Zeit Wilhelmines 53
4. Fazit 59
5. Anhang 61
5.1 Quellen 61
5.2 Literatur 62
5.2.1 Kataloge 62
5.2.2 Monographien 62
5.2.3 Aufsätze 63
2
1.
Vorbetrachtungen
1.1
Vorwort
Diese Arbeit wird sich mit Kunst und Politik in Preußen und Brandenburg-Bayreuth ausein-
ander setzen. Sie gliedert sich dabei in zwei wesentliche Abschnitte, die nach den einleitenden
Vorbetrachtungen und der Quellenbesprechung das Hauptaugenmerk bilden werden.
Es soll dabei darum gehen, herauszustellen, welche Beziehung Friedrich II. und Wilhel-
mine von Bayreuth zu ihrem Elternhaus hatten, und wie sich deren Kindheit und Jugend ges-
taltete. Dafür wird zunächst der Briefwechsel der beiden Geschwister bearbeitet und analy-
siert, um ein Bild dieser beiden ältesten Kinder des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. zu
bekommen. Im Zuge dessen soll es vor allem auch darum gehen, die Beziehung der beiden
Geschwister zueinander herauszustellen und auch das Verhältnis zum Vater zu untersuchen.
Zu fragen ist hierbei, woher das Bild des jähzornigen Griesgrams Friedrich Wilhelm kommt,
welche Ursprünge es hat, aber auch wie es sich entwickelte und welche Rolle dabei seine Fa-
milie und vor allem die Kinder eingenommen haben. Historische Wertungen sämtlicher Figu-
ren dieses königlichen Familien-Dramas sollen aufgezeigt und kritisch betrachtet werden, um
möglicherweise einen Erklärungsversuch anbieten zu können, warum das Vater-Sohn-
Verhältnis, aber auch das zwischen Vater und Tochter, so problematisch war.
Weiterhin wird zu zeigen sein, inwieweit sich dynastisches Verständnis im Verhalten bei-
der Königskinder zeigte, dies sowohl vor der Vermählung beider, als auch nach dem Regie-
rungsantritt in Bayreuth und dem Thronwechsel in Preußen. Anhand von exemplarisch her-
ausgestellten Kulturschwerpunkten, im wesentlichen der Baukunst, soll der Anspruch jenes
großen Königs und seiner Schwester nachvollzogen und erläutert werden. Auch muss bespro-
chen werden, weshalb und wodurch Konflikte entstanden und welchen Belastungsproben das
Freundschaftsverhältnis standhalten musste. Im Wesentlichen soll das Bild zweier Fürstenper-
sönlichkeiten in ihrem familiären Kontext nachgezeichnet, und deren dynastische Bestrebun-
gen hinterfragt werden. Inwieweit Herrschaftsansprüche dabei vermittels höfischer Kunst
demonstriert werden konnten, ist nachstehend auszuführen und zu diskutieren.
1.2
Quellenbesprechung
Die Schwierigkeit beginnt schon mit der Quellenlage über die Jugend beider Geschwister.
Außer dem von Volz herausgegebenen Briefwechsel beider Königskinder sind über die Ju-
gendzeit beider nur wenig aussagekräftige und glaubwürdige Quellen zutage gefördert wor-
den. Als Ergänzung des Briefwechsels sollen daher auch Wilhelmines Memoiren gesichtet
und besprochen werden, um ein Bild über das Leben am brandenburgisch-preußischen Kö-
3
nigshof im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts zu bekommen. Dabei stützen wir uns zunächst
auf die deutschsprachige Erstausgabe von 1810/11, die unter dem Titel ,,Denkwürdigkeiten
aus dem Leben der königlich preußischen Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine (Schwes-
ter Friedrichs des Großen) Markgräfin von Bayreuth vom Jahr 1709 bis 1733 von ihr selbst in
französischer Sprache geschrieben" erschienen sind. Dazu soll vorab jedoch in einem Exkurs
ein Blick auf die Editionsgeschichte der Memoiren geworfen werden.
In den bis heute immer wieder verschieden vorgelegten Ausgaben, sind die einleitenden
Worte der Herausgeber mitunter nicht minder interessant, als die Lebenserinnerungen der
Verfasserin selbst. Die deutsche Erstausgabe bei Johann Friedrich Cotta in Tübingen von
1810/11 erhebt den Anspruch absoluter Authentizität des Gedruckten und trägt dem histori-
schen Spürsinn, wie er bei der Gattung der Lebenserinnerungen bekannter Persönlichkeiten
angebracht ist, nicht im mindesten Rechnung. Das nicht signierte Vorwort versucht die Aus-
gabe dadurch zu legitimieren, dass das Manuskript durch glückliche Umstände an den Her-
ausgeber gefallen sei. Davon, dass es mehrere Versionen gibt, die zum Teil stark voneinander
abweichen, ist keine Rede.1 ,,Der Inhalt der hier abgedruckten Memoiren bedarf keiner Vor-
rede es möchte selbst überflüssig seyn, über die Authenticität ein Wort zu verlieren, da das
Gepräge der Wahrheit in, derselben nicht zu verkennen ist."2 Scheinbar waren nicht alle Zeit-
genossen des Tübinger Verlegers von der Echtheit seines Manuskriptes überzeugt, denn schon
bald sollten Zweifel an seiner Ausgabe laut werden. In Braunschweig erschien bei Vieweg
eine französische Ausgabe, die natürlich für sich in Anspruch nahm, dem Originalmanuskript
eher zu entsprechen. Dies ,,gab einem Recensenten in der Jen[aischen] Literaturzeitung An-
laß, mein Manuskript für eine verfälschte Kopie zu erklären."3 Aus diesem Grunde gab Cotta
an, jeder Zweifler möge sich zum Beweis der Echtheit seiner Ausgabe das Manuskript der
Markgräfin im Original ansehen, eine Anmerkung, die er bereits im ersten Band gemacht hat-
te. Zudem wurden dem zweiten Band Nachträge und Zusätze zum ersten Band beigefügt,
,,wodurch nun Jeder in Stand gesetzt ist, ein Urtheil in dieser Angelegenheit zu fällen."4 Dar-
aus wird schon ersichtlich, dass schon die erste Ausgabe, gut fünfzig Jahre nach dem Tod der
1 ,,Es gibt auch nicht weniger als sieben Ausgaben in den Familienarchiven in verschiedenen Händen, die be-
trächtlich voneinander und auch von ihrer endgültigen autobiographischen Version abweichen." GOOCH, George
Peabody: Die Memoiren der Markgräfin. In: MÜLLER, Wilhelm (Hrsg.): Im Glanz des Rokoko. Markgräfin Wil-
helmine von Bayreuth, Bayreuth 1958, S.15-18 [hier S.16].
2 Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Königlich Preußischen Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine
(Schwester Friedrichs des Großen) Markgräfin von Bayreuth vom Jahr 1709 bis 1733. Von ihr selbst in französi-
scher Sprache geschrieben [Band 1], Tübingen 1810 [Vorrede, o.S.].
3 Denkwürdigkeiten aus dem Leben der Königlich Preußischen Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine
(Schwester Friedrichs des Großen) Markgräfin von Bayreuth vom Jahr 1709 bis 1733. Von ihr selbst in französi-
scher Sprache geschrieben [Band 2], Tübingen 1811 [Vorrede, o.S.]. [Nachfolgend zitiert als Memoiren (Tübin-
gen) 1810/11].
4 Ebd. [Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.2 Vorrede, o.S.].
4
Verfasserin, nicht undiskutiert geblieben ist, was sicherlich von den nachfolgenden Ausgaben
auch behauptet werden darf.
Das Dilemma war außerdem Folgendes: Bei genauerer Betrachtung beider Ausgaben
konnte festgestellt werden, dass offensichtlich keine der beiden den Anspruch auf Vollstän-
digkeit erheben konnte, da in beiden Episoden von unterschiedlicher Länge gefunden worden
waren, die der jeweils anderen fehlten. Gleichwohl waren es dieser nicht allzu viele, sodass
einzig die Ergänzung der bei Cotta fehlenden Jahre ab 1733 als sinnvoll angesehen wurde. Im
Übrigen lässt sich auch eine gewisse wirtschaftliche Konkurrenz erkennen, die über das bloße
Ansehen und den Wert des Textes hinausgeht. Das Vorwort der ersten Braunschweiger Aus-
gabe von 1810 verdeutlicht dies:
Es [das Manuskript, C.G.] ist von der Prinzessin eigenhändig geschrieben, und man kann kühn versi-
chern, daß keine vollständige und authentische Abschrift davon vorhanden ist. Folgendes hat zu dieser
Versicherung Veranlassung gegeben. Die Markgräfin vermachte ihre Memoiren dem Herrn Geheimen-
rath v o n S u p p e r v i l l e, ihrem ersten Leibarzt, der sie während seiner übrigen Lebzeit besaß.
Nach dessen Tode hat sie ein sehr achtbarer Freund des Herausgebers an sich gebracht und der Veröf-
fentlichung kein Hinderniß in den Weg gelegt. Man muß sie daher nicht mit andern Memoiren dieser
Prinzessin verwechseln, welche man im Begriff steht herauszugeben, und von denen wir schon eine mit-
telmäßige deutsche Uebersetzung besitzen.5
Deutlich zu erkennen ist der Konkurrenzdruck eines Buchmarktes, auf dem nicht allein die
historische Wahrheit von Memoiren zum Thema werden, sondern auch das wirtschaftliche
absatzkräftige Potenzial eines Buches von belang ist. Während der Braunschweiger Verleger
schlichtweg auf die Echtheit seines Manuskriptes pocht und die Konkurrenz einfach schlecht
redet, versucht der Tübinger zu schlichten, gesteht sogar ein, dass die Braunschweiger Fas-
sung sehr wohl Berücksichtigung im zweiten Band von Cotta gefunden hat.6 Nichtsdestowe-
niger werden auch Unterschiede nicht verschwiegen. Die Tübinger Ausgabe konstatiert bei
ihrem Konkurrenzunternehmen aus Braunschweig den Umstand, dass deren Ende eine ,,grö-
5 Memoiren von Friederike Sophie Wilhelmine Markgräfin von Baireuth Schwester Friedrichs des Großen vom
Jahre 1706 bis 1742. Von ihr selbst geschrieben. Nach dem französischen Original von Theodor Hell [2 Bde.],
Braunschweig 1845 [Vorwort der ersten Ausgabe von 1810, Bd.1, o.S.]. [Nachfolgend zitiert als Memoiren
(Braunschweig) 1845.]
6 Cottas zweiter Band wird nach den Zusätzen zum ersten Band wie folgt betitelt: ,,Fortsetzung der Denkwürdig-
keiten der Markgräfinn von Bayreuth, aus der Vieweg′schen Ausgabe der Handschrift nach dem Französischen
übersetzt". Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.2, S.26. Am Rande sei hier noch auf folgenden Seitenhieb der
Cottaschen Ausgabe hingewiesen, der in der letzten Passage der Zusätze zum ersten Band zu finden ist. ,,Für die
Seelenerfahrung also allein denn die Geschichte gewönnen wirklich wenig dabei wünschten wir, die beiden
ehrenwerthen Männer, welche dem Publikum die beiden Ausgaben dieser interessanten Memoiren verschafften,
träten freundlich in der Liebe zur Wahrheit zusammen, die wunderliche Unsicherheit zu entscheiden." Ebd.,
S.25.
5
ßere Härte und Rohheit des Gefühls" der Markgräfin abbildet.7 Begründet wird dies mit der
Vermutung, das der Viewegschen Ausgabe zugrundeliegende Manuskript sei das erste von
Wilhelmine verfasste Exemplar gewesen, bei welcher sie ganz besonders emotional über aku-
te Sorgen und Probleme geschrieben hatte.8 Ferner wird angenommen, Wilhelmine habe bei
der Abschrift der eigenen Memoiren, die zur Grundlage der Tübinger Ausgabe bei Cotta wer-
den sollte, einige Änderungen vorgenommen, die aufgrund einer gewissen Altersmilde zu
erklären seien, und die sie nicht mehr habe vollenden können.
Wir wollen fast wetten, daß der letzte Theil der Vieweg′schen, die Cotta′n fehlt, an vielen Stellen sehr
gemildert worden wäre, hätte sie sie noch abschreiben können. Diese Großen, die in allen Stücken ande-
ren Menschen gleichen, haben auch das mit ihnen gemein, daß sie im Alter guter oder böser werden, so
wie jene. Friedrichs Schwester hatte einige Charakterzüge, die uns sehr wahrscheinlich machen, der
Herbst der Jahre habe die Frucht ihres Gemüts gemildert, nicht sauer gemacht und giftig, wie der sin-
kende Sonnenstrahl oft verkümmerten Früchten thut.9
Diese bilderreiche romantische Sprache des frühen neunzehnten Jahrhunderts versucht ihrer
Entstehungszeit Rechnung zu tragen, versucht auch bereits eine Deutung der Memoiren. E-
benso auch die 1845 erschienene Übersetzung der Braunschweiger Ausgabe von 1810. Diese
verweisen auf den historischen Wert, der vor allem für die Geschichtsschreibung über Fried-
rich II. und seine Zeit von erheblicher Bedeutung sei.10 Die Tatsache, dass die Memoiren ur-
sprünglich nicht für die Publikation vorgesehen gewesen seien, stellt dabei eine wichtige
Komponente für den Anspruch der Authentizität dar. Die genau einhundert Jahre nach der
Tübinger und Braunschweiger Erstausgabe erschienene Ausgabe des Insel-Verlages in Leip-
zig, die im Übrigen in einer Neuauflage von 1980 heute wieder im Handel zu erhalten ist,
verzichtete im Original ganz auf ein Vorwort und stellt dem Text der Memoiren stattdessen
ein Zueignungs-Gedicht Friedrichs des Großen an seine Schwester Wilhelmine voran. In einer
kurz zuvor (1908) in Berlin erschienenen Ausgabe bei Barsdorf wurde wiederum bewusst auf
die Eigenheiten des Textes hingewiesen, wobei eine Anknüpfung an Hells Vorwort des
1845er Ausgabe erfolgte. Die ,,oft allzu derbe Aufrichtigkeit der Prinzessin" zu mildern, wür-
de den Leser gerade um einen besonderen Reiz und ,,die naive Darstellungsweise, mit welcher
diese preußische Prinzessin alle, selbst die intimsten Verhältnisse enthüllt", berauben.11 Die
7 Vgl. Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.2, S.24.
8 Vor allem des Verhältnis zu Friedrich, die Untreue ihres Gemahl des Markgrafen, finanzielle Engpässe und das
Älterwerden gibt Cotta in seinen Anmerkungen an. Vgl. Memoiren (Tübingen) 1810/11, Bd.2, S.24.
9 Ebd.
10 Vgl. Memoiren (Braunschweig) 1845, Bd.2, [Vorwort des Übersetzers] S.IV.
11 VON DEN LINDEN, A. (Hrsg.): Memoiren der Königlich Preußischen Prinzeß Friederike Sophie Wilhelmine
Markgräfin von Bayreuth Schwester Friedrichs des Großen. Vom Jahre 1709-1742. Von ihr selbst geschrieben,
Berlin 1908, [Vorwort zur 11. Auflage], S.3. [Nachfolgend zitiert als Memoiren (Berlin) 1908.]
6
1910 von Armbruster herausgegebene Ausgabe der Memoiren in einem Band bemerkte in
ihrem Vorwort des Herausgebers zwar eine gewisse Korrektur- und Ergänzungsbedürftigkeit,
dennoch seien sie ,,mit ihrer Fülle von Schilderungen seltsamer, ja fast unglaublicher Zustän-
de und Begebenheiten als kulturgeschichtliches Dokument wie als menschliches unvergäng-
lich wertvoll."12 Bei allem Respekt für die Sympathie zu dieser Fürstin muss an diesem Vor-
wort die verhältnismäßige Gutgläubigkeit gegenüber den als wahr geschilderten Umständen
in den Memoiren bemängelt werden. ,,Schmerz und Verbitterung mögen die schreibende
Hand zu mancher Übertreibung verführt haben, aber gewiß niemals zu bewußter Unwahr-
heit."13 Der fürstlichen Urheberin jede menschliche Regung absprechen zu wollen, ist sicher
falsch und würde zur Erweiterung der Erkenntnisse überdies nichts beitragen, doch sollte im
Hinblick auf das Genre der Lebenserinnerungen vor allem eines bedacht werden: es handelt
sich bei dieser literarischen Form um äußerst subjektive Bekenntnisse zumeist prominenter
Personen. Im Falle von Personen fürstlicher Abstammung ist dabei stets zu bedenken, dass
eben jene aufgrund dynastischen Denkens gewillt waren sich und dem eigenen Hause ein
Denkmal zu setzen. Auf der anderen Seite stellen Memoiren wiederum eine Möglichkeit der
Deutung von Geschichte und historischen Umständen dar, wobei es auch zu einer gnadenlo-
sen Abrechnung mit den zeitgenössischen Zuständen und Personen kommen kann. Es geht
also in erster Linie bei einer Person von Geblüt darum, sich selbst in einem so strahlenden
Lichte wie möglich zu präsentieren, was eben nicht ausschließt, zur Demonstration eigener
geistiger Größe auch Kritik auszuteilen. Wenn Armbruster also behauptet, Wilhelmine würde
aufgrund ihrer Liebe zu Friedrich nicht auch an ihm (und dem Haus Hohenzollern allgemein)
Kritik üben, so ist das schlichtweg eine Fehldeutung, die darauf zurück zu führen ist, dass
dynastische und in diesem Sinne sogar persönliche Beweggründe nicht bedacht wurden. Ab-
gesehen davon kreiert der Verfasser ein Bild Friedrichs II., welches nahezu überschwängliche
Zuneigung verrät. Ein ähnliches Problem finden wir in einer Teilausgabe von Schönighs
Dombücherei, den Schülerheften von deutscher Art von 1929. Dieser erste Teil der Memoi-
ren, der bis zu Wilhelmines Übersiedlung nach Bayreuth reicht, ist mit einem Vorwort der
Studienrätin Bäumer versehen worden, und sieht das Werk Wilhelmines auch nicht vollstän-
dig in seinem historischen Kontext. Zwar wird beachtlicherweise darauf hingewiesen, dass
der Text in der Tat erst in der Zeit zwischen 1742 bis 1744/45 verfasst wurde, also demzufol-
ge das Prädikat Lebenserinnerungen wahrlich verdient. Dennoch wird Wilhelmine hier darge-
stellt als eine ,,Fürstin, welche keine andere Absicht hat, als sich und ihre künftigen Leser zu
12 ARMBRUSTER, Johannes (Hrsg.): Eine preußische Königstochter. Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Bay-
reuth, Schwester Friedrichs des Großen, Ebenhausen bei München 1910, [Vorwort] S.5.
13 Ebd., S.4.
7
beschäftigen und zu unterhalten, die also auch keine Bedenken trägt, Sagen und Gerüchte der
Höfe, wenn sie nur unterhalten, wiederzugeben."14 Ganz so selbstlos und zum bloßen Zeitver-
treib dürfte die Markgräfin diesen Schreibaufwand wohl dennoch nicht betrieben haben, wo-
mit sie übrigens ganz in der Tradition der höfischen Dame ihrer Zeit steht.
Liermann hat darüber hinaus auf die rechtsgeschichtlichen Aspekte der Memoiren Wil-
helmines hingewiesen.15 Dabei muss angemerkt werden, wie gut Wilhelmine es auch nach
ihrer Vermählung verstand, die Rolle einer Königstochter würdevoll zu repräsentieren. So
trug sie zeitlebens den ihr zustehenden Titel einer ,,königlichen Hoheit". Schon das Beispiel
des Besuches bei der Kaiserin verdeutlicht das Standesbewusstsein der preußischen Prinzes-
sin, deren dynastische Erinnerung stets an das Haus Hohenzollern geknüpft blieb. Diese bis
zu ihrem Lebensende gepflegte Beziehung zu ihren Wurzeln war sicher vorwiegend ideeller
Natur, denn auch nach ihrer Vermählung und mit der Thronbesteigung war Friedrich II. Chef
des Hauses Hohenzollern. Über die Konflikte, welche sich aus dem lokalen Machtstreben der
brandenburgischen Nebenlinien entwickeln konnten, wird im Folgenden noch zu diskutieren
sein.
Bemerkenswert sind auch die unterschiedlichen Anfangssequenzen der verschiedenen
Ausgaben. Dieser Umstand scheint den Überarbeitungsstufen des Manuskriptes durch die
Hand der Markgräfin geschuldet zu sein, umso sonderbarer mutet eine Durchmischung beider
Fassungen an, wie in der Berliner Ausgabe bei Barsdorf (1908). Offensichtlich wurde die
zweite Fassung des Manuskriptes auch sprachlich überarbeitet und gekürzt, denn sie verzich-
tet auf ausschweifende Erzählungen und reiht mehr Fakten aneinander. Die Wahl der Kron-
prinzen Friedrich Wilhelm wird als eine rasche Entscheidung auch dramaturgisch einfacher
und zielorientierter berichtet: ,,Friedrich Wilhelm, König von Preußen, vermählte sich als
Kronprinz im Jahre 1706 mit Sophie Dorothea von Hannover."16 Die deutsche Erstausgabe in
Tübingen beginnt wie folgt: ,,Nach dem Hinsterben meiner Aeltermutter Sophie Charlotte von
Hannover, Königinn von Preußen, dachte König Friedrich der Erste, mein Aeltervater, darauf,
seinen einzigen Sohn, den Kronprinzen, zu verheirathen."17 Was hier natürlich auffällt, ist die
Erwähnung der Großeltern, die sicher ein Verweis auf dynastische Tradition darstellt. Später
gesteht Wilhelmine, dass sie sich nicht mit den Dingen aufzuhalten gedenkt, die zu einer Zeit
14 Memoiren der Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine, Schwester Friedrichs II. von Preußen, vom Jahre
1709 bis zur Übersiedlung als Markgräfin nach Bayreuth [Ferdinand Schönighs Dombücherei. Schülerhefte von
deutscher Art, herausgegeben von Hans Fluck, Heft 77], Paderborn 1929, [Vorwort von M. Bäumer] S.4.
15 LIERMANN, Hans: Rechtsgeschichtliches in den Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth. In:
MÜLLER, Wilhelm (Hrsg.): Im Glanz des Rokoko. Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth. Gedenken zu ihrem
200. Todestag, Bayreuth 1958, S.18-27.
16 Memoiren (Braunschweig) 1845, S.3. Auch: Memoiren der Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth, Leipzig
1910 [2 Bde.], Bd.1, S.3.
17 Memoiren (Tübingen) 1810, Bd.1, S.1. Ebenso: Memoiren (Berlin) 1908, S.5.
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