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Subtitle: Eine Bildbetrachtung und –analyse
Termpaper, 2007, 25 Pages
Author: Franziska Roeder
Subject: Art - Painting
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Kunstgeschichtliches Seminar)
Tags: Malkunst“, Vermeer, Delft, Vermeer
Year: 2007
Pages: 25
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 13 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-06636-5
ISBN (Book): 978-3-638-95272-9
File size: 181 KB
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Abstract
Diese Arbeit befasst sich mit dem Gemälde Die Malkunst oder auch Allegorie der Malerei von Jan Vermeer van Delft. Mit den Abmaßen 120 x 100 cm ist es, neben der Allegorie des Glaubens, eines von Vermeers großformatigen Öl-Gemälden und hängt heute im Kunsthistorischen Museum in Wien. Entstanden ist das Werk vermutlich zwischen 1660 und 1670, meist wird es auf 1665/66 datiert. Um dem Werk näher zu kommen, beginnt die Arbeit mit einer ausführlichen Bildbeschreibung. Dem folgt eine genauere Untersuchung einzelner Bildelemente und -aspekte unter Berücksichtigung verschiedenster Interpretationen. Aus der Vielzahl von Deutungsansätzen habe ich anschließend für eine genauere Beleuchtung Svetlana Alpers und Daniel Arasse herangezogen. Beide Kunsthistoriker eint der Wille, die Pfade der typisch ikonographischen Lesart zu verlassen. Gleichwohl gelangen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen in der Interpretation des Gemäldes, wobei die eine nicht minder interessant und aufschlussreich ist als die andere. Vielmehr fokussieren beide auf jeweils unterschiedliche Beobachtungen und verknüpfen diese zu neuen Erkenntnissen, die sich teilweise ergänzen, um dann ein völlig anderes Ziel zu verfolgen. Dieser fehlende absolute Konsens bezüglich der Malkunst ist erfrischend und zeugt von Vermeers Mut zum Experimentieren und seinem Selbstbewusstsein als Künstler, der den Blick über die Grenzen eines Genres wagt.
Excerpt (computer-generated)
Humboldt-Universität zu Berlin, Kunstgeschichtliches Seminar
Sommersemester 2007
SE: Jan Vermeer
Verfasserin der Hausarbeit: Franziska Roeder
Fachsemester: 6
,,Die Malkunst" von Jan Vermeer van Delft
Eine Bildbetrachtung und analyse
,,Die Malkunst", Jan Vermeer, um 1665/66, Öl auf Leinwand,
120 x 100 cm, Wien, Kunsthistorisches Museum
1
Inhalt
1. Einleitung ____________________________________________________________ 3
1.1 Bildbeschreibung____________________________________________________ 3
1.2 Komposition _______________________________________________________ 5
2. Die Bildelemente im einzelnen ____________________________________________ 6
2.1 Der Vorhang _______________________________________________________ 6
2.2 Das Atelier_________________________________________________________ 7
2.3 Das Model Die Klio ________________________________________________ 8
2.4 Die Gegenstände auf dem Tisch ________________________________________ 9
2.5 Der Maler im Bild __________________________________________________ 10
2.6 Der Kronleuchter___________________________________________________ 12
2.7 Die Karte _________________________________________________________ 13
3. Die Bedeutung des Gemäldes __________________________________________ 15
3.1 Malerei und Kartographie ____________________________________________ 15
3.2 Reale Allegorie und Nova Descriptio ___________________________________ 17
4. Schluss______________________________________________________________ 22
Literatur: ______________________________________________________________ 23
2
1. Einleitung
Diese Arbeit befasst sich mit dem Gemälde
Die Malkunst
oder auch
Allegorie der Malerei
von Jan Vermeer van Delft. Mit den Abmaßen 120 x 100 cm ist es, neben der
Allegorie des
Glaubens
, eines von Vermeers großformatigen Öl-Gemälden und hängt heute im
Kunsthistorischen Museum in Wien. Entstanden ist das Werk vermutlich zwischen 1660
und 1670, meist wird es auf 1665/66 datiert.1 Um dem Werk näher zu kommen, beginnt
die Arbeit mit einer ausführlichen Bildbeschreibung. Dem folgt eine genauere
Untersuchung einzelner Bildelemente und -aspekte unter Berücksichtigung verschiedenster
Interpreta-tionen. Aus der Vielzahl von Deutungsansätzen habe ich anschließend für eine
genauere Beleuchtung Svetlana Alpers und Daniel Arasse herangezogen. Beide
Kunsthistoriker eint der Wille, die Pfade der typisch ikonographischen Lesart zu verlassen.
Gleichwohl gelangen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen in der Interpretation des
Gemäldes, wobei die eine nicht minder interessant und aufschlussreich ist als die andere.
Vielmehr fokussieren beide auf jeweils unterschiedliche Beobachtungen und verknüpfen
diese zu neuen Erkenntnissen, die sich teilweise ergänzen, um dann ein völlig anderes Ziel
zu verfolgen. Dieser fehlende absolute Konsens bezüglich der
Malkunst
ist erfrischend und
zeugt von Vermeers Mut zum Experimentieren und seinem Selbstbewusstsein als Künstler,
der den Blick über die Grenzen eines Genres wagt.
1.1 Bildbeschreibung
Der Blick des Betrachters wird durch einen im Bild links zurückgehaltenen Vorhang auf
einen Innenraum freigegeben. Hinter dem mit Gegenständen bedeckten Tisch steht eine
junge Frau, die von hellem Licht aus einer unsichtbaren Quelle, vermutlich durch ein oder
mehrere Fenster dringend, beleuchtet wird. In unklarer Distanz zu ihr sitzt ein Mann mit
dem Rücken zum Betrachter auf einem Schemel und malt. Er trägt ein schwarzes Gewand,
das am oberen Rücken in feine Streifen unterteilt sowie weiß unterfüttert ist. Schwarze
Schuhe, weiße Stulpen und enge, auffallend rote Strümpfe schmücken seine Beine; auf
dem Kopf trägt er eine Mütze oder ein Barett. In der rechten Hand hält er einen Pinsel und
ist damit beschäftigt, blaue Blätter auf die Leinwand, die vor ihm auf der Staffelei steht, zu
1 Vgl.:Asemissen, Ulrich: Jan Vermeer. Die Malkunst. Aspekte eines Berufsbildes. Frankfurt/Main, 1993. S.5
3
malen. Die malende Hand wird vom Malstab, der von der linken unsichtbaren Hand
gehalten wird, fixiert. Die weiße Spur auf der Leinwand lässt als Vorzeichnung das
entstehende Kunstwerk erahnen. Die großformatige, rechteckige Landkarte an der
Rückwand ist beinahe komplett zu sehen. Auf ihr ist ein Küstenverlauf sichtbar sowie
Schriftzeichen, Kartuschen und Randbilder, aber auch Knicke und Falten aufgrund ihrer
Aufhängung. Der mit goldenen Lichtreflexen übersäte Deckenleuchter, links und rechts
mit je drei sichtbaren gebogenen Armen versehen, endet oben in einem figurativen Motiv
aus achtförmigen Zierformen und zwei vogelähnlichen Gestalten. An der Decke sind vier
zum Teil verschattete Holzbalken erkennbar, deren Unterseiten heller erscheinen.
Beginnen wir mit einer genaueren Betrachtung und wenden uns dem links zurück-
gehaltenen Vorhang zu. Er erscheint, durch die tiefen Falten die er schlägt, schwer und von
teppichartigem Stoff. Alle Farbtöne des Gemäldes wurden in der Tapisserie in Nuancen
wieder aufgenommen, von Gelb-Beige über Rot bis Blau, und fügen sich zu einem Motiv,
das, neben einer teilweise erkennbaren Frauengestalt, Pflanzen und Blättern, für uns aber
kaum im Zusammenhang zu erkennen ist. Der Vorhang scheint zurück-gehalten zu
werden, was der Bildsituation einen bewusst inszenierenden Charakter verleiht. Gleich
unter dem Vorhang befindet sich ein Stuhl, der als Vorhangstütze dient. In seiner Position
und Ausrichtung wirkt er formal eröffnend, gleich einer Einladung, dem Maler bei der
Arbeit über die Schulter zu schauen.2 Der Stuhl in der rechten hinteren Ecke scheint mit
diesem fast identisch beide Stühle erwecken den Eindruck, in einem Dialog zu stehen
und verspannen den Raum, nicht zuletzt auch durch die perspektivische Größen-differenz,
auf subtile Weise.
Auf dem Tisch hinter dem vorderen Stuhl liegen verschiedene Stoffe: ein schwerer dunkler
und leichtere farbige, außerdem ein Gipsabdruck eines Gesichts, ein geschlossenes Buch,
ein dünneres Heft sowie ein Tuch oder Papierrest. Die junge Frau hinter dem Tisch wendet
uns ihre linke Schulter zu und zeigt ihr Gesicht in Dreiviertelansicht, während ihre Augen
niedergeschlagen sind. Unter dem scheinbar zu großen blauen Mantel lugt ein Teil ihres
zeitgemäßen Rockes oder Kleides hervor. In ihrer linken Hand hält sie ein goldig auf-
leuchtendes Buch, in der rechten eine Trompete und auf dem Kopf ist sie mit einem
Blätterkranz geschmückt. Ganz offensichtlich posiert sie in dieser Verkleidung dem Maler
im Bild als Modell. Da wir den Maler nur von hinten sehen, wird nicht ganz klar, in welche
Richtung er blickt: zu dem Modell oder zur Leinwand. Ein Blick auf die Leinwand gibt
2 Greub, Thierry: Vermeer und die Inszenierung der Imagination. Univ. Diss. Basel 2003. Petersberg, 2004.
S. 140ff.
4
zumindest zu erkennen, dass er dabei ist, den Blätterkranz des Mädchens zu malen. Die
weiße Vorzeichnung gibt ihren linken angewinkelten Arm wieder der Maler ist also im
Begriff, ein Brustbildnis von dem Mädchen in seiner Verkleidung anzufertigen.
1.2 Komposition
Vermeers Gemälde wirkt sehr harmonisch: zum einen durch die Wiederkehr der Farben,
sei es das Rot der Strümpfe des Malers, das in der Landkarte, der Stuhlpolsterung und im
Vorhang aufgenommen wird, oder das Blau des Umhangs des Modells, das sich in der
Bekränzung und auf der Leinwand und schließlich im Vorhang wiederfindet. Zum anderen
wiederholt sich die Blätterform des Kranzes den das Modell trägt sowohl auf der Leinwand
als auch im Vorhang, wobei letzterer mit dem erkennbaren Frauenmotiv nebst Blätterdekor
wie eine Art Spiegelung der Hauptszene wirkt.
Den Fluchtpunkt hat Vermeer am linken unteren Knauf der Wandkartenhalterung
positioniert und damit horizontal von der Mitte aus gesehen nach links und vertikal leicht
unterhalb der Mittellinie gesetzt. Die Vertikale des Fluchtpunkts wird durch die vorne vom
Tisch herunter hängenden leichten Stoffe angedeutet. Die Orthogonalen lassen sich anhand
des Fliesenmusters und auch der Tischkante nachvollziehen. Vermeer verbindet die
Bildelemente formal miteinander: horizontal Maler und Modell durch den unteren
Kartenrand sowie die Fluchtlinie des oberen Staffeleibrettes und vertikal, zum einen
Modell und Wandkarte durch den linken inneren Kartenstreifen vor dem das Modell steht,
und zum anderen Leinwand und Wandkarte, wobei hier der rechte innere Kartenrand in
Weiterführung nach unten auch dem rechten Rand der Leinwand entspräche. Der im
Gemälde dargestellte Raum wirkt einerseits sehr dicht, ja beinahe verstellt, erhält aber
durch die starke Verjüngung nach hinten wiederum eine tiefe Raumwirkung, welche sich
in der Größendifferenz der Stühle oder zwischen Maler und Modell zeigt. Der Grund für
diesen enormen Größenunterschied liegt in der konstruierten Zentralperspektive, durch
welche die Orthogonalen zu schnell konvergieren. ,,Wie auf dem Fußboden eines
zentralperspektivistisch konstruierten Zimmers, dessen Fluchtpunkt innerhalb seiner vier
Wände, also zu nahe, angenommen ist, die Fluchtlinien sich zu schnell einander nähern,
die Zwischenräume zwischen ihnen also zu schnell abnehmen, erscheinen auch gleich
5
große Figuren nach der Bildtiefe hin zu rapid verkleinert, zu klein für die Entfernung, in
der sie unserem auf Grund der Erfahrung sehenden Geistes erscheinen."3
2. Die Bildelemente im einzelnen
2.1 Der Vorhang
Ähnlich wie in der
Allegorie des Glaubens
verleiht der zurückgehaltene Vorhang der
Darstellung in der
Malkunst
einen inszenierenden Charakter. Und anders als in der
Briefleserin am Fenster
, in der der Vorhang eher verbirgt, scheint er hier zu enthüllen.
Durch ihn wird ,,jener Zeigegestus hervorgehoben, den Bilder unablässig verkörpern: Sieh
mich an."4 Karin Leonhard zitiert in diesem Zusammenhang Diderots ,,Ideal bürgerlicher
Kunstdarstellung, die innere Handlung einer Szene von jedem Außenbezug loszu-
sprechen", indem man so spielt, ,,als ob der Vorhang nicht aufgezogen wäre"5. Das ,,als
ob" entlarve das Ganze im gleichen Moment als Trick, denn obwohl man nicht mit dem
Betrachter rechnet, ist er zweifelsohne da. Nur wohnen wir hier keinem Schauspiel bei,
sondern einer privaten Szene, in die uns ein Blick gewährt wird. ,,Der Vorhang ist eben
gehoben worden, oder vielleicht wird er gerade gehoben. Er kann von einem Augenblick
auf den anderen wieder fallen."6 Für einen kurzen Moment erhalten wir Einblick in eine
Szene, deren Akteure uns nicht zu bemerken scheinen und deren Darbietung sich scheinbar
selbst genügt.
Der Vorhang evoziert noch einen anderen Vergleich, der das Thema des Ruhmes der
Malkunst behandelt. In einer überlieferten Anekdote geraten Zeuxis und Parrhasios in
einen Wettstreit darum, wer der bessere Maler sei. Zeuxis` Malerei einer Weintraubenrebe
ist so wirklichkeitsgetreu, dass sogar Vögel versuchen, von den Beeren zu naschen.
Parrhasios aber zeigt ein Gemälde, auf dem nur ein Vorhang gemalt ist. Zeuxis verlangt
nun voller Ungeduld, man möge doch den Vorhang beiseite ziehen, damit er endlich das
Bild betrachten könne, womit er natürlich der Täuschung erliegt und den Wettstreit
verliert. Das Trompe-loeìl-Motiv scheint geläufig gewesen zu sein: bei Samuel von
3 Badt, Kurt: Modell und Maler von Jan Vermeer. Probleme der Interpretation. Eine Streitschrift gegen Hans
Sedlmayr. Köln, 1997. S. 118f.
4 Leonhard, Karin: Das gemalte Zimmer. Zur Interieurmalerei Jan Vermeers. München, 2003. S. 13
5 Ebd.: S. 13
6 Stoichita, Victor Ieronim: Das selbstbewusste Bild. Vom Ursprung der Metamalerei. München, 1998. S.
290
6
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