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Von der Bitterkeit der Illusionen - Ein interkultureller Streifzug durch Nicolas Roegs Film "Walkabout"

Scholary Paper (Seminar), 2001, 19 Pages
Author: Christian Heger
Subject: Film Science

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2001
Pages: 19
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V92629
ISBN (E-book): 978-3-638-06596-2

File size: 175 KB

Abstract

Nicolas Roegs Spielfilm "Walkabout" zählt zu jenen seltsamen Filmen, die – obgleich nie zum kanonischen Klassiker avanciert – den Zuschauer zu keinem Zeitpunkt im Zweifel darüber lassen, an etwas Außergewöhnlichem Anteil zu haben. Es ist ein Film, der weder mit den Mitteln herkömmlicher Genreregeln noch mit Hilfe einer bloßen Analyse der Handlungsebene deutbar wird. Wie alle Filme Roegs verschließt er sich einer eindeutigen Interpretation, wie alle funktioniert er auf verschiedenen Plateaus der filmischen Wahrnehmung. Die zweite Regiearbeit des Regisseurs erzählt die Geschichte zweier Kinder – eines hübschen vierzehnjährigen Mädchens (Jenny Agutter) und ihres sechsjährigen Bruders (Roegs Sohn Lucien John), die nach dem plötzlichen Selbstmord des Vaters in der australischen Wüste den Weg nach Hause suchen. Unterwegs rettet sie ein zufällig ihren Weg kreuzender sechzehnjähriger Aborigine-Junge (David Gumpilil) vor dem drohenden Hitze-Tod. Nun beginnt eine denkwürdige Reise, bei der der Filmemacher in betörenden Bildern von der Unvereinbarkeit ethnologischer Lebensmodelle erzählt, von den Verheißungen des Paradieses und den unrevidierbaren Lasten kultureller Zivilisierung. Die vorliegende Arbeit folgt den interkulturellen Streifzügen der Figuren und versucht, sie in Roegs Gesamtwerk ebenso zu verorten wie in einem Jahrhunderte alten kulturphilosophischen Diskurs. Charakteristische Sequenzen des Films werden dabei beispielhaft aufgeschlüsselt und in einen Gesamtzusammenhang gestellt.


Excerpt (computer-generated)

Christian Heger

Von der Bitterkeit der Illusionen

Ein interkultureller Streifzug durch Nicolas

Roegs Film Walkabout




,,Wer eben Glück und Behagen vom Leben ernten will, der mag

nur immer der höheren Kultur aus dem Weg gehen."

(Menschliches, Allzumenschliches V, 277)

,,Wir gehören einer Zeit an, deren Kultur in Gefahr ist,

an den Mitteln der Kultur zugrunde zu gehen."

(Menschliches, Allzumenschliches IX, 520)

- Friedrich Nietzsche -

1


Inhaltsverzeichnis

I. Einführung 3

II.

Von der Unwirtlichkeit der Moderne ­ Die Exposition als zivilisatorische

Bestandsaufnahme 4

III.

Odyssee der Gegensätze ­ Naturerfahrung und Kulturenkonflikt 10

1. Rollenprofil und Figurenbeziehung 10

2. Entseelte Sexualität 12

3. Mysterium des Todes 14

Literaturverzeichnis 17

2


I. Einführung

Nicolas Roegs Spielfilm

Walkabout

zählt zu jenen seltsamen Filmen, die ­ obgleich nie zum

kanonischen Klassiker avanciert ­ den Zuschauer zu keinem Zeitpunkt im Zweifel darüber

lassen, an etwas Außergewöhnlichem Anteil zu haben.

Es ist ein Film, der weder mit den Mitteln herkömmlicher Genreregeln noch mit Hilfe einer

bloßen Analyse der Handlungsebene deutbar wird. Wie alle Filme Roegs verschließt er sich

einer eindeutigen Interpretation, wie alle funktioniert er auf verschiedenen Plateaus der

filmischen Wahrnehmung1.

Walkabout

ist nach dem eigenwilligen, im Nachhinein zum Kultfilm avancierten Gangsterfilm

Performance

(GB 1968-70), den er gemeinsam mit dem britischen Künstler und

Regieexzentriker Donald Cammell inszenierte, das erste Soloprojekt des 1928 in London

geborenen Filmregisseurs Nicolas Roeg2. Die Dreharbeiten begannen bereits während der

Nachproduktion von

Performance

, zumal Roeg die Realisation von

Walkabout

urtümlich

vorrangig geplant hatte. Sämtliche Aufnahmen entstanden an Originalschauplätzen in der

australischen Wüste, die Roeg über mehrere Wochen hinweg besichtigte3.

Das Skript zum Film schrieb der Londoner Dramatiker Edward Bond auf der Grundlage des

ursprünglich unter dem Titel

The Children

publizierten Romans von James Vance Marshall.

Die Kamera übernahm Regisseur Roeg selbst4, der Brite John Barry, der später zu einem der

führenden Hollywoodkomponisten aufstieg5, steuerte den kongenialen Soundtrack bei.

Walkabout

erzählt die Geschichte zweier Kinder ­ eines vierzehnjährigen Mädchens (Jenny

Agutter) und ihres sechsjährigen Bruders (Roegs Sohn Lucien John), die nach dem

1 Vgl. Roegs Aussage: ,,I had tried to construct

Walkabout

in such a way that children could enjoy it on the level that was

designed for them, while adults would appreciate it on another level... I′m interested in the split senses, in engaging people′s

attention on more than one surface at a given time" (zit. nach Sinyard, Neil: The Films of Nicolas Roeg. London 1991. S. 29).

2 Einen kompakten Überblick über das Gesamtwerk Nicolas Roegs findet sich bei Stiglegger, Marcus: Nicolas Roeg. In:

Koebner, Thomas [Hrsg.]: Filmregisseure. Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien. Stuttgart 1999. S. 579-581.

Vgl. auch Stiglegger, Marcus: Splitter im Gewebe der Existenz. Die Filme von Nicolas Roeg. In: www.splatting-

image.com/Artikel/Roeg/roeg.htm. Zugriff vom 18.07.2001.

3 Roeg selbst äußert sich über die Produktionsgeschichte seines Werkes in Milne, Tom / Houston, Penelope: Don′t Look

Now. Nicolas Roeg interviewed by Tom Milne and Penelope Houston. In: Sight and Sound 43 (1974). Heft 1. S. 2-8. dort S.

6.

Walkabout

wurde Ende der 1990er Jahre in einem überarbeiteten ,Director′s Cut′ auf Video veröffentlicht und kam

daneben unter dem Titel

Walkabout ­ Ein Traum vom Leben

erstmals in die deutschen Kinos.

4 Bis heute stellt der Film seine letzte Arbeit als Kameramann dar; für spezielle Kameraaufnahmen verpflichtete Roeg zum

ersten Mal Anthony Richmond, der für die nächsten drei Werke Roegs als ,Director of Photography′ verantwortlich

zeichnete, und dessen Einfluss ,,may be responsible for the more grainy, etheral look in some of the stop-action sequences

and telephoto close-ups, contrasting with Roeg′s sharper lens" (Lanza, Joseph: Fragile Geometry. The Films, Philosophy and

Misadventures of Nicolas Roeg. New York 1989. S. 42).

5 Verwiesen sei an dieser Stelle insbesondere auf seine stimmungsvolle Filmmusik zu Sidney Pollaks Melodram

Out of
Africa

(USA 1982), dessen musikalische Tableaus durchaus jenen von

Walkabout

vergleichbar sind. In diesem

Zusammenhang seien zudem die Barry-Scores zu

Born Free

(GB 1965, R.: James Hill) und

Dances with Wolves

(USA 1990,

R.: Kevin Costner) erwähnt; zusätzliche Musikstücke, die in

Walkabout

Verwendung finden, sind

Electronic Dance

von Billy

Michell,

Gasoline Alley

von Rod Stewart,

Los Angeles

von Warren Marley sowie Auszüge aus den

Hymnen

Karlheinz

Stockhausens.

3



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