"Es war wie in einem Horrorfilm..." - Genrekonvention und Autoreflexion im Slasherkino der Jahrtausendwende

E-Book Cover: ()
Flash Player und JavaScript werden für eine verbesserte Ansicht des Dokuments benötigt. Bitte installieren Sie den Flash Player und aktivieren Sie Javascript.

Install Flash Player

Details

Titel: "Es war wie in einem Horrorfilm..." - Genrekonvention und Autoreflexion im Slasherkino der Jahrtausendwende
Autor: Christian Heger
Fach: Filmwissenschaft
Institution/Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz (Seminar für Filmwissenschaft)
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2002
Seiten: 23
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 11  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 145 KB
Archivnummer: V92634
ISBN (E-Book): 978-3-638-06222-0

Zusammenfassung / Abstract

Die Arbeit untersucht die autoreflexiven Genremechanismen des zeitgenössischen Horrorfilms anhand einer Vielzahl von selbstreferentiellen Beispielen.

Textauszug (computergeneriert)

Johannes Gutenberg-Universität, Mainz

,,Es war wie in einem Horrorfilm..."

Genrekonvention und Autoreflexion im Slasherkino
der Jahrtausendwende

Von Christian Heger


Inhaltsverzeichnis


I. Einführung ______________________________________________________________ 4

II. Motivische Standards und Ideenkonstrukte____________________________________ 6

III. Narratologische Grundmuster _____________________________________________ 9

IV. Stilistische Merkmale und Inszenierung_____________________________________ 11

V. Kino des Grauens, Kino der Zitate __________________________________________ 14

VI. Zerbrochene Realitäten: Horror als Medienkritik _____________________________ 17

VII. Schlussbemerkung: To be continued_______________________________________ 19

Literaturverzeichnis ________________________________________________________ 21

2




,,Es gibt was, dass Du wissen solltest. Das

hier ist kein gewöhnlicher Job. Er erfordert

Hunderte von Stunden der Planung und Hingabe. [...] Held dieser Stadt [...] ­ das wird

man nicht einfach mir nichts, dir nichts. Das ist schwerer, als es aussieht. Es gibt

Regeln, denen man zu folgen hat. Die Filmregeln.

Du musst erstens wissen: Ab und zu sind Gewehre eine Hilfe, aber ein andermal richten

sie gar nichts aus. Und dann hilft nur noch ­ mit etwas Glück ­ einfrieren oder wenn

möglich verbrennen. Aber das kann man nie genau vorher wissen. Die Methode der

Monstervernichtung ändert sich alle Jahre, weil dieses verdammte Ding sich stets

anpasst. Du musst also jedes Mal einen neuen Weg finden, es zu töten.

Zweitens: Du darfst dich nie auf die anderen verlassen. Der Sheriff glaubt einem erst,

wenn es viel zu spät ist und die Nationalgarde ist jedes Mal schon lange unterwegs.

Wenn du also willst, dass die Arbeit erledigt wird, tue es selbst. [...]

Drittens: Wenn du einen Hund bellen hörst, sei auf der Hut! Das bedeutet Alarmstufe,

das Monster ist in der Nähe und du hast etwa drei Sekunden, um so schnell wie möglich

abzuhauen.

Nach der schrecklichen Autopsie der ersten ein, zwei Opfer tut der Arzt das ganze gern

mit einer ach so logischen Erklärung ab. Auf keinen Fall auf ihn hören, klar? Nicht mal,

wenn er der Vater deiner Freundin ist. [...]

Es gibt noch ein paar weitere Gesetzmäßigkeiten wie das Gewitter und der Sturm, die

die Stadt lahm legen und der Wagen, der leider keine Lust hat anzuspringen. Und dann

die unverzichtbare Mann-gegen-Mann-Showdown-Szene, die für gewöhnlich am Ende

in der Fabrik stattfindet."

(Filmveteran Lloyd Reeves in MONSTER, USA 1999, Regie: John Lafia)

Bei dem Titelzitat handelt es sich um einen Ausspruch von Gale Weathers in

SCREAM ­ SCHREI! (SCREAM, USA 1996, Regie: Wes Craven).

3


I. Einführung

Im Jahr 1996 brach Wes Cravens Film SCREAM ­ SCHREI! alle Rekorde an der Kinokasse

und verhalf damit einem längst tot geglaubten Genre zu einer sensationellen Renaissance im

amerikanischen Mainstream-Kino: Der lange Zeit verpönte Slasherfilm war wirtschaftlich

endlich wieder rehabilitiert1. Darüber hinaus stieß Cravens Film, der auf einem Drehbuch des

arbeitslosen Gelegenheitsschauspielers Kevin Williamson basierte, sogar ­ bis auf wenige

Ausnahmen ­ auf eine positive Resonanz bei der dem Horrormetier zumeist nicht gerade

wohlgesonnenen Filmkritik. Der Erfolg von SCREAM bewirkte eine regelrechte Flut von

Nachfolge-Produktionen, die alle mehr oder minder das offensichtliche Erfolgsrezept des

wegweisenden Vorgängers nachzuahmen suchten.

Cravens Film ist ein bewusstes Kino der Zitate, der postmodernen Anspielung. Unzählige

Verweise auf populäre Genre-Klassiker konfrontieren den Zuschauer mit einer vergnüglichen

Prüfung der eigenen Kenntnis der Filmgeschichte. Im Zentrum allerdings steht das Spiel mit

den Genrekonventionen, die Jamie Kennedy als Filmfreak Randy Meeks in SCREAM

schlagwortartig benennt: ,,Es gibt gewisse Regeln, die man beachten muss, um [...] in einem

Horrorfilm zu überleben. Nummer eins: Enthalte dich jeder Form von Sex. [...] Sex ist gleich

Tod! Nummer zwei: Nicht trinken und keine Drogen. Das alles fällt unter Sünde. Sünde ist

die Erweiterung von Nummer eins. Und Nummer drei, Du darfst nie, niemals, unter keinen

Umständen sagen, ,Ich komme gleich wieder′. Denn du kommst nicht wieder. [...] Jeden, der

gegen die Gesetze verstößt, erwartet der Tod." Tatsächlich jedoch folgen Craven und

Williamson dem von ihnen aufgestellten Regelkatalog in ihrem Film nicht lückenlos, sondern

zelebrieren immer wieder auch verwirrende Brüche im traditionellen Erzählgerüst ­ eine

Vorgehensweise, die ihr Werk auf zwei Ebenen filmischer Wahrnehmung funktionieren lässt.

Zum einen ist SCREAM parodistische Hommage, zum anderen wirkt er aber auch als seriöser

Horrorfilm ­ ein Phänomen, das als geradezu typisch für die postmoderne Filmkultur gelten

kann2.

Der Erfolg ihres Films veranlasste Regisseur und Drehbuchautor zu zwei Fortsetzungen,

Williamson zeichnete darüber hinaus verantwortlich für das Skript mehrerer anderer Teen-

1 SCREAM spielte in den USA insgesamt 103 Millionen Dollar ein und avancierte damit zeitweise zum

kommerziell einträglichsten Horrorfilm aller Zeiten, bis er zwei Jahre später durch BLAIR WITCH PROJECT

(THE BLAIR WITCH PROJECT, USA 1998, Regie: Daniel Myrick, Eduardo Sanchez) mit einem

Einspielergebnis von 142, 8 Millionen Dollar übertroffen wurde.

2 Als Beispiel sei hier auf das Werk der Brüder Joel und Ethan Coen verwiesen, deren Filme ebenfalls stets als

Grenzgang zwischen Genre-Konvention und Genre-Parodie konzipiert scheinen. Zu nennen ist an dieser Stelle

beispielhaft der bizarre Thriller FARGO ­ BLUTIGER SCHNEE (FARGO, USA 1996).

4


Horror-Filme, die in den folgenden Jahren entstanden. Ihnen allen gemeinsam ist die

Auseinandersetzung mit den etablierten Wirkungsmechanismen ihres Genres, der Blick

zurück gerät zu einer identitätsstiftenden Vergewisserung der eigenen filmhistorischen

Position. Doch Craven, Williamson und ihre Nachfolger imitieren nicht nur, sie erneuern

auch, setzen andere Schwerpunkte, entwickeln neue Hintergrundkonstrukte. Die Referenz

freilich bleibt seit SCREAM eine unerlässliche Ingredienz. Nicht selten fungiert sie dabei als

Mittel der Ironisierung und Parodie des Slasher-Subgenres, das seit seiner ersten Blütephase

Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre vielleicht wie kein zweites auf standardisierte

inszenatorische Kodizes und vorgeprägte Handlungsmuster festgelegt war3.

Die zahlreichen in dieser Periode ersonnenen Serienkiller avancierten schon recht bald zu

Ikonen einer modernen jugendlichen Subkultur, deren Interesse und finanzieller

Investitionswille ­ die Einnahmen an Merchandising übertrafen die reinen Filmeinnahmen

rasch um ein Vielfaches ­ unweigerlich zahlreiche Fortsetzungen nach sich zogen. Die dabei

weitaus populärsten Slasherfiguren ­ Tobe Hoopers

Bubba ,Leatherface′ Sawyer

aus

BLUTGERICHT IN TEXAS (USA 1974), John Carpenters

Michael Myers

aus

HALLOWEEN ­ DIE NACHT DES GRAUENS (USA 1978), Sean S. Cunninghams

Jason

Vorhees

aus FREITAG, DER 13. (USA 1980) und Wes Cravens

Freddy Krueger

aus

NIGHTMARE ­ MÖRDERISCHE TRÄUME (USA 1984) ­ brachten es bis zum Jahr 2005

in der Summe auf nicht weniger als 29 Filme4, daneben überschwemmten zahllose, zwar

minder erfolgreiche aber dennoch wirtschaftlich selten unrentable Streifen den internationalen

Kino- und ­ in zunehmender Weise ­ auch Videomarkt. Mitte der neunziger Jahre waren

solcherlei Produktionen jedoch weitestgehend aus dem Bewusstsein der großen Masse von

Filminteressierten verschwunden, das Genre hatte sich in endlosen Selbstwiederholungen und

fortschreitender Ideenlosigkeit erschöpft ­ bis ihm dann SCREAM in die großen Kinosäle

zurück verhalf. Fortan bevölkerten abermals Horden von hübsch anzusehenden Teenagern die

Leinwände der Lichtspielhäuser. Und wieder hefteten sich mehr oder minder wahnsinnige

Schlitzer an ihre Fersen, freilich nicht ohne den bekannten Vorgängern auf einprägsame

Weise ihre Ehrerbietung zu erweisen...

3 So lassen sie auch die Vielzahl von entstandenen Parodien erklären, etwa SCARY MOVIE (SCARY MOVIE,

USA 2000, Regie: Keenen Ivory Wayans) und dessen Sequels SCARY MOVIE 2 (SCARY MOVIE 2, USA

2001, Regie: Keenen Ivory Wayans) und SCARY MOVIE 3 (SCARY MOVIE 3, R: David Zucker, USA 2003).

4 BLUTGERICHT IN TEXAS wurde bisher dreimal fortgesetzt (1986, 1989, 1994), das Original ferner einmal

neu aufgelegt (2004), HALLOWEEN zog bislang sieben Sequels nach sich (1981, 1982, 1988, 1989, 1995,

1997, 2002), FREITAG, DER 13. zehn (1981, 1982, 1984, 1985, 1986, 1988, 1989, 1993, 2000, 2003) und

NIGHTMARE sechs (1985, 1987, 1988, 1989, 1991, 1994). Allerdings kommen sowohl der erste Teil von

FREITAG, DER 13. als auch der dritte der HALLOWEEN-Serie primär ohne ihre populären Killerfiguren aus.

5


Kommentare

Kommentar hinzufügen

Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:

http://www.grin.com/e-book/92634/