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Tim, Struppi und die Barbourjacke - Zur popliterarischen Diskussion der Postmoderne im Gesamtwerk Christian Krachts

Scholary Paper (Seminar), 2003, 19 Pages
Author: Christian Heger
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2003
Pages: 19
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 30  Entries
Language: German
Archive No.: V92635
ISBN (E-book): 978-3-638-06223-7

File size: 230 KB

Abstract

Die Arbeit befasst sich mit den postmodernen Narrationsstrukturen im Gesamtwerk Christian Krachts. Sie untersucht Krachts Methodik einer biographischen Selbstverschlüsselung ebenso wie die Strategien popkultureller Reizüberflutung im Kontext der zeitgenössischen Pop-Literatur.


Excerpt (computer-generated)

Christian Heger

Tim, Struppi und die Barbourjacke

Zur popliterarischen Diskussion der Postmoderne im Gesamtwerk

Christian Krachts




















----------------------------------------------------

Inhaltsverzeichnis



I.

Popkultur trifft Dandyismus ­

Christian Kracht und die neue deutsche Popliteratur

S. 2

IMPULSE FÜR EIN NEUES SCHREIBEN

S. 2

EIN AVANTGARDIST AUS DER SCHWEIZ

S. 4

II.

Lebensgefühl ,,Pulp Fiction"?

Das Bild der Welt in der Bilderwelt

S.

6

ZWISCHEN TARANTINO UND HERGÉ

S. 6

BLADE RUNNERS REPLIKANTENWELT

S. 8

ESCAPOLOGY

S. 10

III.

Ästhet im Urwald mit Schmetterlingsnetz...

,,Christian Kracht" ­ eine Figur und ihre Masken

S. 12

DEN SCHALCK IM NACKEN

S. 12

IRONIE UND DEKADENZ

S. 14

IV.

Abschied von Barbourjacke und Berluti-Schuhen

Eine

Schlussbemerkung

S.

15

Literaturverzeichnis S.

17

----------------------------------------------------

1


I. Popkultur trifft Dandyismus ­

Christian Kracht und die neue deutsche Popliteratur

IMPULSE FÜR EIN NEUES SCHREIBEN

Im Jahr ,,1995, als die Begriffe ,Popliteratur′, ,Generation Golf′ und ,Tristesse Royale′ noch

nicht durch die Medien kreisten, schrieb Christian Kracht einen Roman über einen jungen

Mann, der teilnahmslos durch das sinn- und morallose Deutschland der reichen, hippen und

hedonistischen Partygeneration reist. Von Sylt bis zum Bodensee, von der einen Sex- und

Drogenparty zur nächsten. Trotz schlechter Kritiken wurde ,Faserland′1 zum Kultbuch einer

Generation und Auslöser der ,Popliteratur′-Welle, die von Fans als ,neue Lust am Erzählen′

gefeiert, von Verächtern als juveniler Jokus verdammt wurde."2

Seitdem hat sich das Bild der deutschen Gegenwartsliteratur ­ nicht zuletzt auch dank Krachts

stets provokanten und umstrittenen belletristischen Veröffentlichungen ­ merklich gewandelt.

Ende der Neunziger Jahre stürmten zahlreiche junge Autoren die Bestsellerlisten des

deutschen Buchhandels, die mit ihren Texten ­ im Einklang mit einer seit der politischen

Zeitenwende 1989/90 wiederholt laut gewordenen Forderung zahlreicher Intellektueller ­ die

Literatur in positivem Sinne für Popkultur und neue Medien zu öffnen suchten, sich dabei

eines reportageartigen und kurzweiligen Stils bedienten3. Das Schlagwort einer ,,neuen Lust

am Erzählen" ging durch die Feuilletons, die sich schon bald mit Anthologien wie Martin

Hielschers ,,Wenn der Kater kommt"4 konfrontiert sahen, wobei der Herausgeber im

Begleittext seiner Publikation beklagte, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ,,selten

ein produktives Verhältnis zur Popmusik, zum Fernsehen, zum Massen-Kino, zu Mode und

Technik gefunden" habe, ,,wie sie das Leben der allermeisten Menschen" 5 prägten.

In der Zeit des absoluten Booms der Popliteratur ­ einer ,,Literatur, die keine kulturkritische

Anklage gegen die ausufernde Zeichenproduktion der populären Kultur erhebt, sondern diese

als Ausgangsmaterial des literarischen Schreibens benutzt"6 ­ sorgte insbesondere das von

fünf jungen Autoren gegründete sogenannte ,,popkulturelle Quintett" für Aufsehen und

1 Kracht, Christian: Faserland. Roman. Köln 51995 (Erstausgabe: Köln 1995). [Abk. pass.: FL]

2 Kuhn, Markus: Der unzuverlässige Erzähler. Dekadent, provozierend, rätselhaft ­ Ein Interview mit einem

Autor, der Interviews hasst. In: Titel. Magazin für Literatur und Film v. 7.5.2003. Zitiert nach: www.titel-

magazin.de/kracht_por.htm (Zugriff vom 31.7.2003).

3 Vgl. Ernst, Thomas: Popliteratur. Hamburg 2001. S. 72.

4 Hielscher, Martin [Hg.]: Wenn der Kater kommt. Neues Erzählen ­ 38 deutschsprachige Autorinnen und

Autoren. Köln 1996. Die Anthologie enthält auch eine Erzählung Christian Krachts mit dem Titel ,,Der Doktor,

das Gift und Hector Barantes" (S. 44-50), die später auch im Band ,,Der gelbe Bleistift" veröffentlicht wurde.

5 Hielscher, Martin: Nachwort. In: Ders. [Hg.]: Wenn der Kater kommt. a. a. O. S. 317-321. dort S. 320.

6 Diese Definition stammt von Literaturwissenschaftler Jörgen Schäfer. Zitiert nach Ernst, T.: Popliteratur. a. a.

O. S. 7.

2


Wirbel. Im Zentrum der Kritik stand dabei der Gesprächsband ,,Tristesse Royale", dessen

Grundlage aus Tonbandaufzeichnungen bestand, die Joachim Bessing, ,,Arrangeur und

Protokollant, vielleicht auch Spiritus rector"7 eines Treffens der fünf Autoren im Berliner

Hotel Adlon im April 1999 anfertigte. Gemeinsam mit ihm unternahmen dort Christian

Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin von Stuckrad-Barre nichts

Geringeres als den Versuch, ,,ein Sittenbild" der eigenen Generation zu modellieren ­ ,,soweit

der Plan"8.

Das Ergebnis bot den Kritikern eine willkommene Angriffsfläche für zum Teil wüste

Anfeindungen, ,,die sich im Vorwurf des literarisch mäßig begabten, dekadenten, hohlen,

zynischen und oberflächlichen Schnösel- oder gar Junkertum zusammenfassen lassen"9. Der

Kölner Germanist Thomas Ernst wertete das ganze Unterfangen darüber hinaus als

missglückten Versuch einer ,,Zusammenführung junger snobistischer Popkultur mit

neokonservativen deutschen Werten"10. Ernsts Aburteilung einer solchen ,,Popper und

Poserliteratur"11 war in ihrer Schärfe unmissverständlich: Die Mitglieder des ,,popkulturellen

Quintetts" seien nur mehr systembestätigende ,,Mitarbeiter der Kulturindustrie. Ihre gut

verkäufliche Trendliteratur mit schnellem Verfallsdatum" diene lediglich ,,einer

Yuppieschicht zur Unterhaltung"12.

Die Intensivität und Breite der Ablehnung führte dazu, dass auch von Seiten der Beteiligten

selbst schließlich Zweifel hinsichtlich der eigenen Vorgehensweise vernehmbar wurden13.

Grundsätzlich verhalf die Debatte um Tristesse Royale den Reizfiguren des ,,popkulturellen

Quintetts" immerhin zu beachtlicher Popularität. Insbesondere Christian Kracht und Benjamin

von Stuckrad-Barre stiegen nach ihren Debütwerken ,,Faserland" und ,,Soloalbum"14 zu

absoluten Stars im bundesrepublikanischen Literaturbetrieb auf, deren in relativ kurzen

Abständen publizierte Bücher stets mit großen Auflagen und hohen Verkaufszahlen aufwarten

7 Oswald, Georg M.: Wann ist Literatur Pop? Eine empirische Antwort. In: Freund, Wieland / Freund, Winfried

[Hg.]: Der deutsche Roman der Gegenwart. München 2001. S. 29-43. dort S. 35f.

8 Bessing, Joachim: Tristesse Royale. Das popkulturelle Quintett mit Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart

Nickel, Alexander v. Schönburg und Benjamin v. Stuckrad-Barre. Berlin 31999. S. 11. (Erstausgabe: Berlin

1999) [Abk. pass.: TR]

9 Grabienski, Olaf: Christian Krachts FASERLAND. Eine Besichtigung des Romans und seiner Rezeption.

Univ.-Schr. Hamburg 2001. S. 23.

10 Ernst, T.: Popliteratur. a. a. O. S. 75.

11 Vgl. Ernst, Thomas: Popper- und Poserliteratur. Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht & Co. Eine

popkulturelle Jungburschenschaft verkauft Literaturwürstchen. In: Chlada, Marvin / Dembowski, Gerd [Hg.]:

Die neuen Heiligen. Reportagen aus dem Medienhimmel. 2 Bde. Bd. 1: Jürgen Domian, Verona Feldbusch,

Teletubbies und andere Simulationen. Aschaffenburg 2000. S. 96-134.

12 Ernst, T.: Popliteratur. a. a. O. S. 75.

13 Christian Kracht äußerte sich im Nachhinein beispielsweise wie folgt: ,,Ich glaube, ,Tristesse Royale′ war ein

großer Fehler. Bei 140 Verrissen und keiner einzigen positiven Kritik muss man eigentlich anfangen, sich solche

Gedanken zu machen" (Amend, Christoph / Lebert, Stephan: Christian Kracht im Gespräch. Der schlechteste

Journalist von allen. In: Der Tagesspiegel v. 1.7.2000).

14 Stuckrad-Barre, Benjamin von: Soloalbum. Roman. Köln 1998.

3



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