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Kindern von Kindern erzählen - Kindlichkeit als phantastische Erzählkategorie in Literatur und Film

Scholary Paper (Seminar), 2004, 28 Pages
Author: Christian Heger
Subject: Film Science

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2004
Pages: 28
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 31  Entries
Language: German
Archive No.: V92642
ISBN (E-book): 978-3-638-06227-5

File size: 147 KB

Abstract

Die Arbeit befasst sich mit der Erzähl-Kategorie Kindlichkeit in der Literatur und im Film. Sie untersucht die Genese und Spezifik des kindlichen Helden in der Kulturgeschichte der letzten 200 Jahre und analysiert daran anknüpfend seine adaptive Überführung in den Bereich zeitgenössischer Mainstream-Unterhaltung. Auf die medienspezifische Problematik unterschiedlicher Narrationsprinzipien von Literatur und Film wird dabei ebenfalls eingegangen. - - - PROLOG: Ein Retter für Phantásien: Bange Furcht herrscht über der Ansammlung von phantastischen Geschöpfen, die sich vor dem Thronsaal der kindlichen Kaiserin (Tami Stronach) versammelt haben. Eine unheimliche Macht, genannt „das Nichts“, bedroht ihre Welt und gleichsam ihre Existenz. Von der kindlichen Kaiserin, der allmächtig geglaubten Herrscherin Phantásiens, erhoffen sich die verängstigten Kreaturen Hilfe. Doch als deren Berater Cairon (Moses Gunn) schließlich vor sie tritt, kann er nur verkünden, dass die Monarchin im Sterben liegt – aus denselben Gründen, die auch das Land nach und nach auf bedrohliche Weise zerstören und verschwinden lassen: das Verebben der menschlichen Phantasie. Es gibt allerdings eine letzte kleine Hoffnung, erklärt Cairon den Versammelten: „Bei den Grasleuten, die den Purpurbüffel jagen, lebt ein gewaltiger Krieger. Er allein hätte die Fähigkeit, gegen das Nichts zu kämpfen. […] Sein Name ist Atréju“. Als der kleine Schuljunge Bastian (Barret Oliver) diese Szenerie in jenem Buch geschildert bekommt, das er soeben aus einem Antiquariat gestohlen hat und das den Titel „Die unendliche Geschichte“ trägt, weiten sich seine Augen. Träumerisch betrachtet er das Bild eines büffeljagenden Indianerkriegers auf seiner Schultasche – um wenig später feststellen zu müssen, dass jener Atréju (Noah Hathaway), auf dessen Schultern die Hoffnungen ganz Phantásiens lasten, nichts weiter ist als „ein kleiner Junge“. [...]


Excerpt (computer-generated)

Christian Heger

Kindern von Kindern erzählen

Kindlichkeit als phantastische Erzählkategorie in Literatur und Film





Inhaltsverzeichnis


I. Kindern von Kindern erzählen ­ Ein historischer Abriss 2

Prolog: Ein Retter für Phantásien 2

Der kindliche Held ­ Spurensuche in der Literaturgeschichte 2

Der Siegeszug der Phantastik in Literatur und Film 4

Die Medien im Widerstreit: Konzepte für ein neues Kinderkino 6

II. Kinderhelden ­ Narratologische Aspekte filmischer Phantastik 10

Kleine Helden, grosse Welten: ,,Der Herr der Ringe" und ,,Die unendliche Geschichte"... 10

Musikalisch die Welt entdecken: ,,Das Dschungelbuch" und ,,Der Zauberer von Oz" 14

Zum Problem einer filmischen Erzählstruktur: ,,Momo" und die ,,Harry Potter"-Filme 18

III. Schlussbemerkung 21

Literaturverzeichnis 23

Filmographie 25

1


I. Kindern von Kindern erzählen ­ Ein historischer Abriss

Prolog: Ein Retter für Phantásien

Bange Furcht herrscht über der Ansammlung von phantastischen Geschöpfen, die sich vor

dem Thronsaal der kindlichen Kaiserin (Tami Stronach) versammelt haben. Eine unheimliche

Macht, genannt ,,das Nichts", bedroht ihre Welt und gleichsam ihre Existenz. Von der

kindlichen Kaiserin, der allmächtig geglaubten Herrscherin Phantásiens, erhoffen sich die

verängstigten Kreaturen Hilfe. Doch als deren Berater Cairon (Moses Gunn) schließlich vor

sie tritt, kann er nur verkünden, dass die Monarchin im Sterben liegt ­ aus denselben

Gründen, die auch das Land nach und nach auf bedrohliche Weise zerstören und

verschwinden lassen: das Verebben der menschlichen Phantasie. Es gibt allerdings eine letzte

kleine Hoffnung, erklärt Cairon den Versammelten: ,,Bei den Grasleuten, die den

Purpurbüffel jagen, lebt ein gewaltiger Krieger. Er allein hätte die Fähigkeit, gegen das Nichts

zu kämpfen. [...] Sein Name ist Atréju."

Als der kleine Schuljunge Bastian (Barret Oliver) diese Szenerie in jenem Buch geschildert

bekommt, das er soeben aus einem Antiquariat gestohlen hat und das den Titel ,,Die

unendliche Geschichte" trägt, weiten sich seine Augen. Träumerisch betrachtet er das Bild

eines büffeljagenden Indianerkriegers auf seiner Schultasche ­ um wenig später feststellen zu

müssen, dass jener Atréju (Noah Hathaway), auf dessen Schultern die Hoffnungen ganz

Phantásiens lasten, nichts weiter ist als ,,ein kleiner Junge". Auch den umstehenden

Fabelwesen ist die Überraschung deutlich ins Gesicht geschrieben. ,,Es tut mir Leid, aber für

Kinder haben wir im Augenblick keine Zeit", entgegnet der weise Cairon dem sich nähernden

Knaben. Doch die Weisung der Kaiserin ist eindeutig, denn schließlich gibt es ,,nur einen

Atréju im gräsernen Meer". Ein Kind wird also ausgeschickt, um das Unmögliche möglich zu

machen, um eine ganze Welt vor dem Untergang zu retten ­ ein Kind, gerufen von der

kindlichen Kaiserin, einem anderen Kind, das allein um die Rettungsmöglichkeiten ihrer Welt

weiß. Am Ende bedürfen beide noch der Hilfe Bastians, des Menschenjungen, der die

Grenzen der Phantasiewelt überschreitet und Phantásien wieder in seiner ganzen Pracht

auferstehen lässt.

Der kindliche Held ­ Spurensuche in der Literaturgeschichte

Drei Kinder retten so in Wolfgang Petersens Film DIE UNENDLICHE GESCHICHTE (BRD

1984), der ersten Leinwandadaption von Michael Endes gleichnamigen Roman, Märchen-

und Realwelt vor dem Niedergang und feiern damit einmal mehr ein Motiv, das in der

2


Literatur- und Filmgeschichte in unzähligen Varianten Verwendung findet: das des kindlichen

Helden. Schon die antike Mythologie kennt diesen Figurentypus, der sich beispielsweise in

der Gestalt des jugendlichen Herakles kristallisiert, der schon als Säugling und

Heranwachsender vielbesungene Heldentaten vollbrachte1. Die mittelalterliche Heldenepik

gestaltete schließlich die Suche des anfangs noch naiven, unbedarften Jünglings nach

Weisheit und Identitätserfahrung zum zentralen Element zahlreicher höfischer Dichtungen.

Figuren wie Chrétiens und Wolframs Gralssucher ,,Parzival" (um 1200) oder Gottfrieds

unglücklich verliebter ,,Tristan" (,,Tristan und Isolde", um 1200) zählten fortan zum

Standardpersonal der europäischen Literatur.

Den Typus des verträumten Sonderlings führten dann schließlich ­ in der Nachfolge der

,,erzieherischen Tendenzen der Aufklärung"2 ­ die Romantiker in die Weltliteratur ein.

Während seiner motivgeschichtlichen Untersuchung notiert der Literaturwissenschaftler

Hermann Meyer: ,,Der leitende Gesichtspunkt ist folgender: während frühere Zeiten

Tatmenschen und Gefühlsmenschen gekannt hätten, wende das 19. Jahrhundert sich mit

Vorliebe solchen Gestalten zu, in denen Verstand und Gefühl, Tatendrang und

Willensschwäche in unlösbarem Zwiespalt rängen. Die aus solcher Charakterbeschaffenheit

sich ergebende Gebrochenheit und Zerrissenheit wäre das Wesen des Sonderlings"3. In den

Werken der romantischen Dichter kommen die ungeahnten Fähigkeiten verträumter

Heranwachsender in bisher nicht gekanntem Ausmaße zum Tragen. Heinrich von Ofterdingen

beispielsweise, der Titelheld von Novalis′ gleichnamigen Romanfragment (1802), verbringt

sein Leben geleitet von der sich oft wiederholenden Traumvision einer blauen Blume, die ein

,,unaussprechliches Verlangen"4 in ihm heraufbeschwört. Auch der Student Anselmus aus E.

T. A. Hoffmanns Erzählung ,,Der goldne Topf" (1814) ist letztlich ein Sonderling, der

Selbstgespräche führt und Traumgestalten sieht ­ ebenso wie der junge Waise Peregrinus aus

Hoffmanns ,,Meister Floh" (1822).

Angetrieben vom ,,Lesebedürfnis des aufstrebenden Bürgertums, das Anteil am literarischen

Leben seiner Zeit nehmen wollte"5, machten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dann

Autoren wie Charles Dickens oder Mark Twain die kindliche Erlebniswelt zunehmend zum

zentralen Gegenstand ihrer Werke, so dass sich der kindliche Held endgültig in der

literarischen Produktion etablieren konnte. Fortan erlebte Johanna Spyris Bergmädchen

1 Vgl. dazu Kerényi, Karl: Die Mythologie der Griechen. 2 Bde. Bd. 2: Die Heroen-Geschichten. München 171998. S.

109-115.

2 Wilpert, Gero von: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart 71989. S. 429.

3 Meyer, Hermann: Der Typus des Sonderlings in der deutschen Literatur. Amsterdam 1943. S. 1.

4 Novalis: Heinrich von Ofterdingen. In: Ders.: Hymnen an die Nacht / Heinrich von Ofterdingen. München 31980. S.

39-211. dort S. 39.

5 Wilpert, G. v.: Sachwörterbuch der Literatur. a. a. O. S. 982.

3


,,Heidi" so manches Abenteuer im der Großstadt (,,Heidis Lehr- und Wanderjahre", 1881),

strapazierte Emmy von Rhodens ,,Trotzkopf" (,,Der Trotzkopf", 1885) die Nerven der

Internatsaufseherinnen und beschwor Frances H. Burnetts ,,kleiner Lord" Ceddie (,,Der kleine

Lord", 1886) Versöhnlichkeit und Nächstenliebe in den Herzen seiner Mitmenschen. Auch

die zahlreichen im 19. Jahrhundert publizierten Märchensammlungen ­ so etwa die

berühmten ,,Kinder- und Hausmärchen" (1812-15) der Gebrüder Jacob und Wilhelm Grimm ­

sorgten dafür, dass volkstümliches Gedankengut mehr und mehr Einzug in die Hochkultur

hielt und damit auch ,,das Verständnis fürs Kind"6 zunehmend wuchs.

Der Siegeszug der Phantastik in Literatur und Film

Ende des Jahrhunderts erlebte dabei insbesondere der Bereich der phantastischen Literatur

einen bisher nie gekannten Aufschwung. Als Reflexion auf die Befindlichkeiten der Moderne,

auf Pauperismus und Massenelend, gepaart mit einem schier ungebrochenen

Fortschrittsglauben, schlug die Geburtsstunde der modernen phantastischen Literatur, die

fortan kollektiven Menschheitsängsten und utopischen Heilsbotschaften gleichermaßen

Ausdruck verlieh. Aus vielgelesenen Werken wie Mary Shelleys ,,Frankenstein" (1818),

Robert Louis Stevensons ,,Dr. Jekyll und Mr. Hyde" (1886) oder Bram Stokers ,,Dracula"

(1897) rekrutierten sich nach und nach die horroresquen Archetypen der modernen

phantastischen Literatur, während frühe Science-Fiction-Autoren wie Jules Vernes oder H. G.

Wells in ihren Geschichten die Entwicklungsgeschichte der Menschheit bis weit in die

Zukunft weitersponnen. Dabei übte das künstlerische Element der Phantastik speziell im

Bereich der sich neu entwickelnden Kinder- und Jugendliteratur einen zunehmend großen

Reiz aus und erfreute sich eines schier unerschöpflichen Stoffreichtums. Der Oxforder

Mathematikdozent Lewis Carroll ließ ein kleines viktorianisches Schulmädchen namens Alice

zahllose Abenteuer im Wunderland erleben (,,Alice im Wunderland", 1865), sein Landsmann

John M. Barrie erfand mit ,,Peter Pan" (1904) den Prototyp des nicht alternden Fantasy-

Helden und in Schweden ersann die Schriftstellerin Selma Lagerlöf ,,Die wunderbare Reise

des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen" (1906/07). Das ,,Oszillieren zwischen

Realität und Irrealität beim kindlichen Erkenntnisprozess" wurde von der Kinderliteratur

dabei nur allzu gern aufgenommen und bestimmte seitdem ,,einen großen Teil ihrer

fantastischen Darstellungen"7.

6 Ebd. S. 429.

7 Lypp, Maria: Einfachheit als Kategorie der Kinderliteratur. Frankfurt am Main 1984. S. 105.

4


Als dann in den 1890er Jahren mit der Erfindung des Films ein neues Medium seinen

Siegeszug antrat, wurde die Literatur schon rasch zu einer über sich selbst hinausweisenden

Quelle für mitreißende und bewegende Geschichten, zur Grundlage und Ideenlieferantin für

erfolgreiche Filmstoffe. Schon die ersten kurzen Filmexperimente von nur wenigen Minuten

Länge verheimlichen kaum ihre fremden Wurzeln. DIE REISE ZUM MOND (LE VOYAGE

DANS LA LUNE, FR 1902) des französischen Kinopioniers Georges Méliès lässt sich so

beispielsweise unschwer als filmische Version von Jules Vernes Abenteuerroman ,,Die Reise

von der Erde zum Mond" (1865) erkennen, sein Märchenfilm DAS KÖNIGREICH DER

FEEN (LA ROYAUME DES FÉES, FR 1903) variiert freizügig Motive aus Carlo Collodis

Märchengeschichte ,,Pinocchio" (1878) und L. Frank Baums Kinderbuchklassiker ,,Der

Zauberer von Oz" (1900)8. Während nüchterne Filmemacher wie etwa die Gebrüder Lumière

sich auf die Abbildung realer Wirklichkeit beschränkten und den schlichten Imitationseffekt

der Leinwandhandlung als naive Attraktion präsentierten, operierten Mélìes und seine

Nachfolger schon früh mit Motiven des Übernatürlichen und Phantastischen. ,,Der Film",

schreibt Kulturwissenschaftler Horst Heidtmann, ,,in seinen Anfängen an der Wende zum 20.

Jahrhundert kaum mehr als eine Jahrmarktsattraktion, fasziniert mit seinen ,lebenden

Fotografien′ von Anfang an die Kinder wie bis dahin kein anderes Medium. Die ersten Filme

­ Dokumentationen, kurze Grotesken, oder bei Mélìes bereits Wunderbar-Märchenhaftes ­

bieten gleichermaßen Erstaunliches wie Belustigendes. In den Schaubuden und Ladenkinos

rezipieren Kinder und Erwachsene die gleichen, aus heutiger Sicht meist naiv wirkenden

Filme"9. Doch der verlockende Zauber des Neuen geht auch mit Befürchtungen einher, trifft

auf Widerstände. In den zehner und zwanziger Jahren wird das Schaubudenkino zum Objekt

zahlreicher Anfeindungen. ,,,Antischundkämpfer′, Lehrer und Politiker mit tradiertem

bildungsbürgerlichen Werte- und Kulturkanon reagieren mit Angst und Unverständnis auf die

vom neuen Medium Film ausgehende Faszination"10. Während amerikanische

Unterhaltungsproduktionen, vor allem das Genre der Slapstick-Komödie, immer auch auf den

kindlichen Zuschauer mit abzielten, blieb das europäische und speziell deutsche Kino

zunächst weitgehend kinderfremd. Sowohl in der Weimarer Zeit als auch im

Nationalsozialismus waren entsprechende Produktionen meist auf ,,den Bildungsbereich

beschränkt, ergänzt um einzelne ,Jugendfilme′ für die Kinos"11. Insgesamt speiste sich der

Kinderfilm dabei nahezu ausschließlich aus dem Kreis des Märchengenres, das als

8 Vgl. Stresau, Norbert: Der Fantasy-Film. München 1984. S. 14.

9 Heidtmann, Horst: Kindermedien und Medienverbund. In: Wild, Reiner [Hg.]: Geschichte der deutschen Kinder- und

Jugendliteratur. Stuttgart 1990. S- 402-454. dort S. 407.

10 Ebd. S. 408.

11 Ebd. S. 409.

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