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Scholary Paper (Seminar), 2004, 27 Pages
Author: Christian Heger
Subject: Film Science
Details
Tags: Augen, Angst, Blickinszenierung, Horrorfilm, Thriller
Year: 2004
Pages: 27
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 28 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-06241-1
File size: 217 KB
Die Arbeit befasst sich mit dem Moment der Blickinszenierung in den Genres Horrorfilm und Thriller. Teilaspekte sind die Arbeit mit der subjektiven Kamera, die voyeuristische Lust am Beobachten, die Dramatik des Suspense und das Moment der Fragmentierung. Ein exemplarisches Kapitel gilt den Bilderwelten des US-Regisseurs John Carpenter.
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Abstract
Insbesondere das Horror- und Thrillergenre hat dem menschlichen Hang zur Skopophilie, den schon Sigmund Freud 1905 in seinen „Drei Abhandlungen über die Sexualtheorie“ beschrieb, immer wieder thematisiert und reflektiert. Abhängig von visuellen Schocks und spannungserzeugenden Inszenierungstechniken, holt das Angstkino immer wieder zu Attacken auf den menschlichen Sehsinn aus. „So gilt der Angriff des Genres immer auch ein wenig unseren Augen“, notierte der deutsche Filmwissenschaftler Norbert Stresau während seiner Beschäftigung mit der Materie, „der verwundbarsten Stelle unseres Körpers“: Emblematische Titel wie AUGEN DER ANGST (PEEPING TOM, GB 1959, R: Michael Powell) oder HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN (THE HILLS HAVE EYES, USA 1977, R: Wes Craven) sprechen eine nur allzu deutliche Sprache. Im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht die Herausarbeitung der visuellen Mechanismen und dramaturgischen Methoden des Horror- und Thrillergenres, wobei der Analyse spezifischer Kameraeinstellungen in diesem Zusammenhang besondere Bedeutung zukommt. Anhand John Carpenters Film HALLOWEEN und anderer repräsentativer Filmbeispiele werden die unterschiedlichen Funktionen und Wirkungsweisen verdeutlicht, die den spezifischen Inszenierungstechniken im modernen Angstkino zugeordnet sind.
Excerpt (computer-generated)
Christian Heger
Augen der Angst
Blickinszenierung in Horrorfilm und Thriller
Inhaltsverzeichnis
I.
Einführung: Der Zuschauer und die Nacht des Grauens
S. 3
II.
Mit fremden Augen: Haie, Wölfe,
Psychopathen...
S.
6
III.
Der Voyeur und die Lust am Beobachten
S. 10
IV.
Das unsichtbare Auge: Die Bilderwelten des John Carpenter
S. 12
V.
Unbehagliche Wissensvorsprünge: Die Dramatik des Suspense
S. 16
VI.
Das Böse im Augenwinkel: Fragmentierung
S. 19
VII.
Schlussbemerkung
S. 21
Literaturverzeichnis
S. 23
Filmographie
S. 23
1
__________________________________________________________________________________________
DER ANDALUSISCHE HUND
(UN CHIEN ANDALOU, FR 1928, R: Luis Buñuel & Salvador Dalí)
Szenenfoto
DAS PENDEL DES TODES
(THE PIT AND THE PENDULUM, USA 1961, R: Roger Corman)
Szenenfoto
,,Gradso bohrten wir ihm das feurige Holz mit den Händen tief in sein Aug′, dass den heißen Pfahl das Blut
überströmte. Lid und Braue versengte rundum ihm völlig der Blutdampf. Flammen fing die Pupille, es zischten
die Wurzeln im Feuer. [...] Gradso sott ihm das Auge am Pfahl, der aus Holz war vom Ölbaum. Laut und
fürchterlich stöhnte er auf, es brüllten die Felsen rundherum; vor Entsetzen flohen wir eiligst. Indessen riß er den
Pfahl aus dem scheußlich besudelten, blutenden Auge, schleuderte weit ihn von sich mit den Händen, als wär′ er
von Sinnen"1.
(Homer: Odyssee)
,,Die ,Fremdartigkeit′ jedoch, die ich in diesen Augen fand, war von einer Art, die mit der Form, der Farbe, dem
Glanz der Einzelzüge nicht zusammenhängt, und muss letzten Endes ihrem
Ausdruck
zugeschrieben werden.
Ach, des Worts ohne Bedeutung, hinter dessen bloßer phonetischer Breitenausdehnung wir unsere Unkenntnis
von so viel Spirituellem verschanzen. Der Ausdruck der Augen von Ligeia! Wie oft, stundenlang, hab′ ich
darüber nachgegrübelt! Wie hab′ ich, eine ganze Mitsommernacht hindurch, mich gemüht, ihn zu ergründen!
Was war es dieses ,tiefer als der Brunnen des Demokritus′ das dort fern im Hintergrund der Pupillen meiner
Geliebten lag? Was
war
es doch? Ich war wie besessen von der Passion des Entdeckens. Diese Augen, diese
mächtigen, diese schimmernden, diese göttlichen Bälle! Sie wurden für mich zum Zwillingsgestirn der Leda, und
ich der inbrünstig-devoteste ihrer Beobachter"2.
(Edgar Allan Poe: Ligeia)
1 Homer: Odyssee. In: Ders.: Odyssee und Homerische Hymnen. München 1990. S. 5-439. dort S. 190.
2 Poe, Edgar Allan: Ligeia. In: Ders.: König Pest. Erzählungen. Zürich 1994. S. 259-281. dort S. 262f. (Hervorhebungen im
Original).
2
I. Einführung: Der Zuschauer und die Nacht des Grauens
Nach den Produktionsangaben Dunkelheit. Ein Insert verschafft zaghafte räumliche und
zeitliche Orientierung: ,,Haddonfield, Illinois", danach ,,Halloween Night 1963". Ein
Kindervers ertönt: ,,Heute Nacht ist Halloween, heute Nacht die Geister zieh′n, wo in tiefer,
dunkler Nacht überall der Spuk erwacht, und aus dichtem, finstrem Tann kommt heraus der
schwarze Mann." Plötzlich erscheint ein Haus im Bildkader, weiß und gewöhnlich, ein
typisches amerikanisches Kleinstadtdomizil, vermutlich das Heim einer typischen
amerikanischen Kleinstadtfamilie. Doch irgend etwas stimmt nicht. Ein dumpfes Unbehagen
geht von dem Bild aus, eine Aura der Beunruhigung umgibt es, die sich noch verdichtet, als
die Kamera sich plötzlich in Bewegung setzt und langsam auf das Haus zufährt. Statt der
gewohnt glatten und ebenen, auf größtmögliche Verschleierung der technischen Apparatur
ausgelegten Fahrt bewegt sich die Kamera in diesem Fall allerdings holprig und rau, leichte
Verwacklungen durchbrechen den für das klassische Hollywoodkino obligatorischen
Illusionscharakter, der sich auf die Unsichtbarkeit aller bei der Filmherstellung beteiligten
Instrumente und Gerätschaften gründet3. Langsam erahnt der Zuschauer das Ziel der
Kamerabewegung: Es ist die große Fensterscheibe in der Haustür, die immer näher rückt, bis
zwei Teenager, ein Junge (David Kyle) und ein Mädchen (Sandy Johnson), dahinter sichtbar
werden, die das wird nach und nach durch die wenigen Dialogfetzen klar das herbstliche
Halloween-Fest offensichtlich zu einem heimlichen erotischen Intermezzo nutzen wollen.
Mittlerweile ist die Kamera vor dem Seitenfenster des Hauses angelangt und registriert, dass
die beiden nach oben in das Zimmer des Mädchens verschwinden. Sie wähnen sich allein,
unbeobachtet lediglich ,,Michael", wie das Mädchen beiläufig erwähnt, treibe sich ,,hier
irgendwo herum". Nachdem das Licht im oberen Zimmer erloschen ist, strebt der Ablauf der
Geschichte unaufhaltsam auf den angsterfüllten Höhepunkt zu. Die Kamera ,,betritt" durch
die Hintertür das Haus, eine Hand greift nach einem Küchenmesser. Spätestens hier verdichtet
sich die bange Ahnung der Zuschauer zu einer beunruhigenden Erkenntnis: Der Kamerablick
ist identisch mit dem Blick eines Menschen und dieser Mensch, das wird durch eine
virtuose und atmosphärisch dichte Inszenierung schon nach kurzer Zeit klar, ist ein
potentieller Killer. Nach der Durchquerung des Wohnzimmers späht diese ominöse Gestalt
hinter der Tür auf den Flur hinaus und beobachtet, wie der Freund des Mädchens das Haus
verlässt. Eine Treppe wird erstiegen. Die Kamera fokussiert eine auf dem Boden liegende
3 Ein umfassender Überblick über die narratologischen Schemata des klassischen Hollywoodkinos findet sich bei Bordwell,
David / Staiger, Janet / Thompson, Kristin: The Classical Hollywood Cinema. Film Style and Mode of Production to 1960.
New York 1985.
3
Clownsmaske, mit der der Junge eben noch seine Freundin neckte. Eine Hand greift danach
und platziert sie genau vor dem Kameraobjektiv, womit sich das Blickfeld nun auf einen
engen Sehschlitz beschränkt. Durch diesen hindurch wird der Zuschauer wenige Sekunden
später Zeuge eines grausamen Mordes. Das Mädchen wird vor dem Spiegel sitzend Opfer
mehrerer auf ihren nackten Körper niedersausenden Messerstiche. Zeitgleich legt sich das
Geräusch eines schwer atmenden Menschen über das Bild, die Kamera macht kehrt, fährt die
Treppe hinunter und dann zur Haustür hinaus. Durch den engen Sehschlitz sieht man ein Auto
heranfahren. Zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, steigen aus. Der Mann greift nach der
Maske und macht gemeinsam mit dem Zuschauer eine grauenvolle, zutiefst verstörende
Entdeckung: Ein sechsjähriger Junge in Clownskostüm (Will Sandin) erscheint urplötzlich im
Bildkader das blutige Küchenmesser noch immer in seiner rechten Hand. Als einziges
Attribut erfährt der Zuschauer seinen Namen: ,,Michael". Langsam, wie von ungläubigem
Entsetzen gezeichnet, entfernt sich die Kamera von seinem Gesicht, bewegt sich nach hinten
und dann in die Höhe, während die drei Personen völlig reglos vor dem weißen Haus
verharren. Der nun folgende Schnitt erklärt die gerade beobachteten Ereignisse dann zur
Episode: Ein Insert mit neuen Orts- und Zeitangaben erscheint.
Als der junge und damals noch weitgehend unbekannte Regisseur John Carpenter im Jahr
1978 die gerade geschilderte Anfangssequenz für seinen Low-Budget-Horrorfilm
HALLLOWEEN DIE NACHT DES GRAUENS (HALLOWEEN, USA) konzipierte,
konnte er wohl selbst kaum ahnen, wie grundlegend und nachhaltig er damit das Genrekino
beeinflussen würde4. Knapp viereinhalb Minuten dauert die Exposition seines ersten
Kassenhits und während dieser Zeit teilt der Zuschauer ausschließlich den subjektiven Blick
einer filmischen Figur: des kindlichen Mörders Michael Myers, der an Halloween 1963 seine
Schwester Judith ersticht. Ohne einen einzigen sichtbaren Schnitt kommen Carpenter und sein
Kameramann Dean Cundey während dieser Minuten aus und schufen so eine verstörende
Plansequenz, die im Horrorgenre ihresgleichen sucht5. ,,Der Mord von Michael Myers an
seiner Schwester Judy", stellen die beiden Filmjournalisten Sascha Westphal und Christian
Lukas fest, ,,hat das Horrorkino der letzten 30 Jahre wahrscheinlich mehr geprägt als jede
4 Eine detaillierte Beschreibung der Sequenz findet sich bei Korte, Helmut: Die Eskalation des Grauens: HALLOWEEN
DIE NACHT DES GRAUENS (1978). In: Faulstich, Werner / Korte, Helmut [Hg.]: Fischer Filmgeschichte. 5 Bde. Bd. 5:
Massenware und Kunst 1977-1995. Frankfurt am Main 1995. S. 38-55. dort S. 38f. Colin Odell und Michelle Le Blanc
zufolge lies sich Carpenter bei der Sequenz von der Exposition von Orson Welles′ IM ZEICHEN DES BÖSEN (TOUCH OF
EVIL, USA 1957) inspirieren, wobei sich allerdings auch Parallelen zu Hitchcocks COCKTAIL FÜR EINE LEICHE
(ROPE, USA 1948) ziehen ließen (vgl. Odell, Colin / Le Blanc, Michelle: John Carpenter. Harpenden 2001. S. 28). Den
Blick durch die Clownsmaske griff Regisseur Dwight H. Little im dritten Sequel HALLOWEEN IV MICHAEL MYERS
KEHRT ZURÜCK (HALLOWEEN 4: THE RETURN OF MICHAEL MYERS, USA 1988) wieder auf.
5 Auch im auf dem Film basierenden Roman bleibt die Identität des Mörders zunächst unklar. Der erste Satz des
entsprechenden Kapitels lautet: ,,Er stand im Schatten der hohen Hecke, und er beobachtete und lauschte" (Richards, Curtis:
Halloween. Der Original-Schocker von John Carpenter. München 1985. S. 28).
4
andere Sequenz in diesem Genre. In diesen ersten fünf Minuten, die fünfzehn Jahre vor der
eigentlichen Handlung von HALLOWEEN spielen und praktisch einen eigenen,
abgeschlossenen Film für sich darstellen, hat Carpenter zurückgehend auf Hitchcock und
zugleich weit über ihn hinausweisend das metaphysische Potential des Stalker-Films
ausgelotet"6. In der Nachfolge dieses immens erfolgreichen Films, der bei vergleichsweise
geringen Herstellungskosten von nur 320.000 US-Dollar ein Einspielergebnis von ca. 80
Millionen US-Dollar erzielte7, entstand eine ganze Flut an Nachahmungsfilmen, die letztlich
in ihrer Serialität ein eigenes Subgenre kreierten: das des modernen Stalker- und Slasherfilms,
dessen Macher nicht müde wurden, die einmal vorgefertigten Schablonen stets aufs Neue zu
variieren8. In dieser Art von Filmen geht es immer wieder um dasselbe: Ein brutaler und
meist nicht näher charakterisierter Mörder beobachtet zunächst eine Gruppe potentieller Opfer
meist Jugendliche , isoliert sie von der Außenwelt, verfolgt sie und bringt sie dann
nacheinander mit unerbittlicher Konsequenz um. Während allerdings in den späteren
Produktionen der achtziger Jahre das Hauptaugenmerk mehr und mehr auf eine möglichst
effektvolle Inszenierung blutrünstiger Gewaltszenen gelegt wurde, kommt John Carpenter in
HALLOWEEN noch fast gänzlich ohne den Einsatz von Blut aus, die entsprechenden
Schockeffekte sind ,,vergleichsweise verhalten und vor allem subtil in ein primär durch
Dramaturgie, Kamera- und Toneinsatz erzeugtes eindringliches Szenario der Bedrohung
eingebunden"9. In Carpenters Film geht es nicht primär um den Akt der physischen Gewalt,
sondern vielmehr um ein Offenlegen der grundlegenden Konditionen menschlicher visueller
Wahrnehmung. HALLOWEEN ist ein voyeuristischer Film, ein ,,Essay über die oft
uneingestandenen psychologischen Hintergründe des Sehens"10. Wenn der Zuschauer
während der Exposition durch die subjektive Kamera unausweichlich an Michaels Blick
gebunden ist, er mit dessen Augen sieht und somit selbst in die Rolle des Mörders schlüpft, so
reflektiert Carpenters Inszenierung dabei ein Grundprinzip jeglicher filmischer
Wahrnehmung: die zuweilen unheimliche menschliche Lust am Beobachten.
6 Westphal, Sascha / Lukas, Christian: Die Scream-Trilogie ... und die Geschichte des Teen-Horrorfilms. München 22000. S.
14f.
7 Vgl. Dika, Vera: Games of Terror. Halloween, Friday the 13th, and the Films of the Stalker Cycle. Cranbury / London /
Missisauga 1990. S. 30. Vgl. auch Muir, John Kenneth: The Films of John Carpenter. Jefferson / London 2000. S. 15. Bis
1990 galt der Film ,,als die im Verhältnis zum Budget erfolgreichste unabhängige Produktion aller Zeiten" (Schnelle,
Frank: Suspense, Schock, Terror. John Carpenter und seine Filme. Stuttgart 1991. S. 31).
8 In ihrer sehr aufschlussreichen Studie über den Stalkerfilm der unmittelbaren Post-HALLOWEEN-Ära zählt Vera Dika die
folgenden Filme zum Korpus: MONSTER IM NACHTEXPRESS (TERROR TRAIN, KAN 1979, R: Roger Spottiswoode),
PROM NIGHT DIE NACHT DES SCHLÄCHTERS (PROM NIGHT, USA 1979, R: Paul Lynch), AB IN DIE
EWIGKEIT (HAPPY BIRTHDAY TO ME, KAN 1980, R: J. Lee Thompson), FREITAG, DER 13. (FRIDAY 13TH, USA
1980, R: Sean S. Cunningham), BRENNENDE RACHE (THE BURNING, USA 1981, R: Tony Maylam), FREITAG, DER
13. JASON KEHRT ZURÜCK (FRIDAY 13TH PART II, USA 1981, R: Steve Miner), GRADUATION DAY
(GRADUATION DAY, USA 1981, R: Herb Freed) und PARANOIA (HELL NIGHT, USA 1981, R: Tom De Simone).
9 Korte, H.: Die Eskalation des Grauens. a. a. O. S. 40.
10 Westphal, S. / Lukas, C.: Die Scream-Trilogie ... und die Geschichte des Teen-Horrorfilms. a. a. O. S. 15.
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