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Die Bedeutung der Komik für die Redepädagogik

Diplomarbeit, 2002, 91 Seiten
Autor: Christof Scherberger
Fach: Rhetorik / Phonetik / Sprechwissenschaft

Details

Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 2002
Seiten: 91
Note: 1
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V9323
ISBN (E-Book): 978-3-638-16055-1

Dateigröße: 353 KB


Textauszug (computergeneriert)

UNIVERSITÄT KOBLENZ-LANDAU
ABTEILUNG LANDAU

Diplom-Studiengang Erziehungswissenschaft

D I P L O M A R B E I T

"Die Bedeutung von Komik in der Redepädagogik"

Vorgelegt von: Christof Scherberger

Vorgelegt am: 1. Juli 2002


"Der Witz ist das einzige Ding,
das umso weniger gefunden wird,
je eifriger man es sucht."

FRIEDRICH HEBBEL

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Einführung: Die Bedeutung der Rhetorik für die pädagogische
Theorie und Praxis ... 4

2. Das Phänomen des Komischen ... 8
   
2.1. Differenzierung der Begriffe: ‘Die Komik’ (‘das Komische’/ ‘komisch’),
    ‘das Lachen’, ‘der Witz’, ‘der Humor’ und ‘die Ironie’ ... 9
        2.1.1. ‘Die Komik’, ‘das Komische’, ‘komisch’ ... 9
        2.1.2. ‘Das Lachen’ ... 11
        2.1.3. ‘Der Witz’ ... 15
        2.1.4. ‘Der Humor’ ... 18
        Exkurs: ‘Der Humor’ bei SIGMUND FREUD ... 20
        2.1.5. ‘Die Ironie’ ... 21

3. Haupterklärungslinien der Entstehung des Komischen und
Humoristischen ... 24
   
3.1. Aggressionstheorie ... 24
    3.2. Inkongruenztheorie... ... 26
    3.3. Entspannungstheorie ... 31
    3.4. Bürgerlich-intellektuelle Vorbehalte gegenüber dem Komischen ... 32

4. Kritik an den kognitiven Humortheorien: Weshalb lachen wir
wirklich? ... 35
   
4.1. Ist Humor reine Problemlösungsaktivität? ... 35
    4.2. Der Überraschungseffekt und seine Situationsabhängigkeit ... 37
    4.3. Individuelle Unterschiede bei der Rezeption von Komik ... 39

5. Humorforschung international: Disziplinen, Themen, Probleme ... 43

6. Der Stellenwert von Humor und Komik in der Geschichte der
Rhetorik ... 46
   
6.1. Rhetorik als Theorie, Didaktik und Methodik des guten Redens und
    Schreibens ... 46
    6.2. Die Affektenlehre ... 48
        6.2.1. Allgemeines ... 48
        6.2.2. Komik als affektrhetorisches Mittel ... 52
    6.3. Angemessenheit (aptum) ... 54
        6.3.1. Das aptum als allgemeines Stilprinzip ... 54
        6.3.2. Äußeres und inneres aptum ... 55
        6.3.3. Die Angemessenheit von Komik ... 56

7. Verschiedene Ansätze der praktischen Rhetorik ... 59
   
7.1. Technokratische Ansätze ... 59
    7.2. Eine Alternative: "Kritische Rhetorik"  ... 62
        7.2.1. Kritische Rhetorik und Humor ... 62
        7.2.2. "Humorhaltung" und Problemlösungskompetenz ... 63

8. Der Stellenwert von Humor und Komik in populären rhetorischen
Ratgebern ... 65
   
8.1. Der Textkorpus ... 65
    8.2. Autoren und ihre Gebrauchswertversprechen ... 66
    8.3. Zu Witz, Humor und Komik in den populären Rhetoriken ... 67
        8.3.1. "Humorlose" Ratgeber ... 68
        8.3.2. Ratgeber mit Humorempfehlung ... 69
        8.3.3. Ratgeber, die vor der Verwendung von Humor warnen ... 72
        8.3.4. Fazit ... 73

9. Rhetorische Wirkungsforschung ... 75
   
9.1. Sprechwirkung ... 75
    9.2. Redewirkung ... 79

10. Fazit ... 81

Literaturverzeichnis ... 83

Textkorpus "Populäre rhetorische Ratgeber" ... 89


1. Zur Einführung: Die Bedeutung der Rhetorik für die pädagogische Theorie und Praxis
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Bedeutung von Humor und Komik für die Redepädagogik zu untersuchen und zu beschreiben. Hierbei handelt es sich um eine sprechwissenschaftliche Aufgabenstellung. Die Wissenschaftsdisziplin "Sprechwissenschaft" umfasst die Theorie und Praxis der mündlichen Kommunikation, ihr Teilgebiet "Sprecherziehung" hat die Didaktik und Methodik der mündlichen Kommunikation als Aufgabenbereich.

Die "Sprechwissenschaft" besteht aus drei Bereichen:

¨ Rhetorische Kommunikation,
¨ Ästhetische Kommunikation und
¨ Therapeutische Kommunikation1.

Das Thema dieser Diplomarbeit ist aus dem Bereich der Rhetorischen Kommunikation gewählt. Die Rhetorik hat zwei Funktionen: Sie ist die Theorie der Beredsamkeit und die Praxis der Redekunst (vgl. OTTMERS 1996, 6)2.

Mit "Redepädagogik"3 wird hier die Didaktik und Methodik der Redekunst bezeichnet und als solche terminologisch abgegrenzt von der praktischen Redekunst. Die verschiedenen Bereiche der Rhetorik lassen sich theoretisch allerdings nur schwer voneinander abgrenzen, sie sind interdependenziell miteinander verbunden: "Die Theorie der Rhetorik ist einerseits aus der Praxis hervorgegangen, sie soll andererseits auf diese zurückwirken (und sie dabei verbessern)" (ebd. 7).

Die klassische Rhetorik hat neben den mündlichen Redeformen auch schriftliche Darbietungsformen zum Untersuchungsgegenstand, die Sprechwissenschaft hingegen widmet sich ausschließlich der mündlichen Kommunikation.

Ein erster Zusammenhang zwischen Rhetorik und Pädagogik wird durch die Bezeichnung "Redepädagogik" evident: Pädagogik ist die "Wissenschaft vom Menschen und seiner Bildung" (RÖHRS 1993, 21). Redepädagogik als Teilbereich der Pädagogik stellt "ein System präskriptiver Regeln" (OTTMERS 1996, 8) auf, nach welchen ein Mensch seine Redeleistung verbessern kann.

Bei genauerer Analyse ergibt sich ein zweiter Zusammenhang, der sich nicht sofort aufdrängt, der aber noch viel weiter geht als der zuerst genannte: Die Rhetorik war über Jahrhunderte ein Bestandteil des Kanons der allgemeinen Bildung. Die septem artes liberales (sieben freien Künste)4 umfassten seit der römischen Klassik das Trivium aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik (Logik) als sprachlich-philosophische Bildung und das Quadrivium aus Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie als mathematisch-musische Studien (vgl. BLANKERTZ 1982, 14). "Mit der Grammatik wurde das Regelsystem der Sprache geübt, mit Rhetorik die Ordnung der Gedanken und der Stil der Rede erworben; die Dialektik diente dazu, die Argumentation zu üben" (APEL/KOCH 1997, 9 f.). Ursprünglich war die Rhetorik allerdings mehr als nur eine Technik der Rednerschulung, sie war "eine ganze Weltanschauung mit eigener Erkenntnistheorie, Moral und Anthropologie" (DOCKHORN 1974, zit. nach APEL/KOCH 1997, 8). Erst im mittelalterlichen Unterrichtswesen ist sie zu einem reinen Nachahmungssystem verflacht (vgl. BLANKERTZ 1982, 15). Diese jahrhundertelange Verflachung verdeckte lange Zeit den Blick für die Tatsache, dass Rhetorik und Pädagogik gemeinsame Wurzeln haben, denn das antike Rednerideal war identisch mit dem allgemeinen Bildungsideal. Dies wird besonders an den Schriften CICEROS und QUINTILIANS deutlich: "In Ciceros De oratore oder in Quintilians Institutio oratoria finden wir umfassende Abhandlungen über die Bildung der römischen humanitas5, die der griechischen paideia entspricht, und zwar in Gestalt einer Rednerbildung" (APEL/KOCH 1997, 8 f.). Ein Rhetor ist dementsprechend nicht, wer nur gut Reden schreiben und halten kann; ein Rhetor ist "der gebildete Mensch schlechthin" (ebd.).

Der Zusammenhang zwischen Rhetorik und Pädagogik ist also fundamental:

  • Gemeinschaftsbildende Verständigung ist stets eine Sprachleistung, die im rhetorischen Sprachbegriff von Beginn an erfasst worden ist (vgl. ebd. 11).
  • Das pädagogische Verhältnis zwischen dem Pädagogen und dem Educanden ist vergleichbar mit dem rhetorischen Verhältnis zwischen dem sachkundigen Redner und dem sachunkundigen Hörer.
  • Überzeugung, das Ziel jeder Rede, kann erreicht werden durch die Wirkkräfte Logos, Ethos und Pathos6. Dieselben Kräfte wirken in der pädagogischen Situation, auch hier gelingt ein Lernerfolg nur durch Überzeugung. Gleiches gilt für das Wirkungsschema von delectare, docere und movere (vgl. Kap. 6), welches genuin rhetorisch ist, aber eine ebenso wichtige Bedeutung für die Pädagogik hat.
  • Der Lehrer ist immer auch Rhetor, wenn er versucht, seine Schüler von einer Sache zu überzeugen (vgl. APEL 1997, 53 ff.).

Die Liste stellt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sie verdeutlicht aber trotz der stark verkürzten Darstellung7 die hohe Bedeutung der Rhetorik für die Pädagogik. Diese theoretische und praktische Verzahnung wird jedoch von der Pädagogik nicht immer erkannt und fruchtbar gemacht. Dies wird u. a. von den Tübinger Rhetorikern UEDING/STEINBRINK (1994, 157) kritisiert: "Pädagogik und Didaktik arbeiten nur noch mit Schwundformen. Die rhetorischen Methoden der Erziehung und des Unterrichts leben nur noch verdeckt und vereinzelt in der empirisch ausgerichteten Erziehungswissenschaft fort, das rhetorische Bildungsideal wurde durch pragmatische Wissensschulung und politisch-ideologische Leitvorstellungen ersetzt und die Redepraxis sich selbst überlassen".

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die traditionelle Rhetorik und die Pädagogik das gleiche Ziel haben, nämlich ein System von Regeln bereitzustellen, mit dessen Anwendung es gelingen kann, andere von einer Sache zu überzeugen und deren Einstellung und/oder Verhalten somit dauerhaft positiv zu verändern8. Diese Überzeugungsversuche geschehen mittels Sprache und anderer Medien. Die Sprechwissenschaft als Theorie der mündlichen Kommunikation interessiert sich diesbezüglich für die Fragestellung, wie solche Überzeugungsversuche gelingen können. Außerdem ist sie daran interessiert, ihr Menschenbild ständig den Anforderungen einer sich schnell verändernden Gesellschaft anzupassen, ohne dabei egalitär und ethisch-moralisch indifferent Wirkungen zu entfalten. JASKOLSKI (1999, 27) bemerkt dazu: "Rhetorik ist – wie die Pädagogik – eine Handlungswissenschaft. Eine Rhetorik, deren präskriptive Kompetenz sich darin erschöpft, für unterschiedliche Rollen und Situationen Variationen rhetorischer Handlungsmuster bereitzustellen, ist beliebig instrumentalisierbar."

Vorliegende Arbeit möchte auf ein Theoriedefizit aufmerksam machen: Die Rolle der Affekterregung bei der kommunikativen Überzeugungsarbeit ist bisher nur unzureichend erforscht (vgl. Historisches Wörterbuch der Rhetorik9, Bd. 1, 247). Es ist allgemeiner Konsens, dass rationale Argumentation alleine nicht genügt, um andere von einer Sache zu überzeugen. Was aber könnte diese Überzeugungsarbeit positiv unterstützen? Welche Affekte sind beim Hörer (bzw. Schüler) hervorzurufen, damit das Redeziel (bzw. das Erziehungs-/Bildungsziel) erreicht wird? Humor und Komik könnten diesbezüglich eine wichtige Rolle spielen, dies ist jedoch bisher nicht empirisch belegt. Aus diesem Grund soll in dieser Arbeit ein möglichst breites Spektrum von Erkenntnissen zum Thema "Humor und Komik in der Redepädagogik" zusammengetragen werden; im Anschluss daran sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie das Theoriedefizit überwunden werden könnte.

Zunächst werden die für die Arbeit relevanten Begriffe aus dem Sinnbezirk des Komischen differenziert (Kap. 2) und die wichtigsten Erklärungslinien der Entstehung des Komischen vorgestellt (Kap. 3) und kritisiert (Kap. 4). In Kap. 5 wird der noch junge Wissenschaftsbereich der Humorforschung vorgestellt. Bereits die antike Rhetorik hat sich mit der Affekterregung im Allgemeinen und mit Humor im Besonderen befasst, eine zusammenfassende Darstellung bietet Kap. 6. Die verschiedenen Ansätze praktischer Rhetorik werden in Kap. 7 skizziert, hier wird auch der kritische Ansatz der Sprechwissenschaft vorgestellt. In der folgenden Literaturanalyse soll der Stellenwert von Humor in populären rhetorischen Ratgebern kritisch beleuchtet werden (Kap. 8). Die Problematik der empirischen Untersuchung rhetorischer Wirkung, welche m. E. für die Bestimmung der Wirkungskraft von Humor unerlässlich wäre, wird in Kap. 9 zusammenfassend dargestellt. Im Fazit (Kap. 10) werden Leitfragen formuliert, die für eine weiterführenden Untersuchung der Wirkung von Humor in der öffentlichen Rede hilfreich sein könnten.

[...]

1 Einen knappen Überblick über die drei Teilbereiche bietet GEISSNER (2000).

2 Eine ausführliche Definition der Rhetorik folgt in Kapitel 6.

3 Der Begriff wurde in Anlehnung an GEISSNER (2000) gewählt, der seinen Überblick über den Fachbereich der Sprechwissenschaft mit "Kommunikationspädagogik" überschreibt.

4 "Frei hießen diese Künste (oder wie es für uns verständlicher klingt: Disziplinen), weil sie dem antiken Verständnis zufolge für den freien, nicht versklavten Menschen zugänglich waren" (Blankertz 1982, 14).

5 Humanitas ist der lat. Ausdruck für die Theorie der menschlichen Bildung, das griech. Äquivalent ist paideia.

6 Die Begriffe w erden in Kap. 6 näher erläutert.

7 Weitere Argumente finden sich in dem von APEL/KOCH 1997 herausgegebenen Sammelband.

8 Es ist wohl unstrittig, dass eine theoretische Pädagogik, sobald sie sich um Maßgaben für Erziehung und Unterricht müht, nicht nur mit logischen Wahrheitsbeweisen hantieren kann. Dies ist Ausweis dafür, dass die Provenienz und die Art ihrer Argumente rhetorisch sind: Die rhetorische Argumentation ist auf eine Plausibilisierung angewiesen, die dezidiert auf eine Zustimmung der Angesprochenen setzt (vgl. HELMER 1997). Es ist hierbei zunächst unbedeutend, ob diese "Angesprochenen" die Hörer in einer Redesituation oder die Schüler in einer Erziehungssituation sind.

9 Diese Literaturangabe wird im folgenden Text verkürzt auf HWdR.


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