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Scholary Paper (Seminar), 2007, 17 Pages
Author: Olivia Frey
Subject: Romance Languages - French, Miscellaneous
Details
Institution/College: University of Vienna (Romanistik)
Tags: Pier, Paolo, Pasolini, Kino, Poesie, Kino der Poesie
Year: 2007
Pages: 17
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 3 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-06536-8
ISBN (Book): 978-3-638-95195-1
File size: 121 KB
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Abstract
Pier Paolo Pasolini präsentierte seine erste wichtige Arbeit zur Semiologie des Films, das Essay „Das Kino der Poesie“, auf dem Film-Festival in Pesaro (1965). Es stellte den Versuch dar, aus den verschiedenen konkreten Filmen, sozusagen den paroles, einen abstrakten, linguistischen Begriff, d.h. eine langue, des Kinos zu gewinnen. In seinem Vortrag definierte er das „Kino der Poesie“ als kinematographische Ausdrucksform, die in erster Linie durch die so genannte „indirekte freie subjektive Perspektive“ charakterisiert ist und die eine Rückkehr zu den visionären Ursprüngen des Kinos, d.h. zu seinem ureigensten onirischen Ausdruckspotential anstrebt.
Excerpt (computer-generated)
Pier Paolo Pasolini:
Medienwissenschaftliches Proseminar Französisch
,,Probleme der Literaturverfilmung"
WS 2006/07
Verfasserin:
Olivia Frey
1. Einleitung
Pier Paolo Pasolini präsentierte seine erste wichtige Arbeit zur Semiologie des Films,
das Essay ,,Das Kino der Poesie", auf dem Film-Festival in Pesaro (1965). Es stellte
den Versuch dar, aus den verschiedenen konkreten Filmen, sozusagen den
paroles
,
einen abstrakten, linguistischen Begriff, d.h. eine
langue
,
des Kinos zu gewinnen. In
seinem Vortrag definierte er das ,,Kino der Poesie" als kinematographische
Ausdrucksform, die in erster Linie durch die so genannte ,,indirekte freie subjektive
Perspektive" charakterisiert ist und die eine Rückkehr zu den visionären Ursprüngen
des Kinos, d.h. zu seinem ureigensten onirischen Ausdruckspotential anstrebt.
,,[D]ie ,indirekte freie subjektive Perspektive′ [bringt] im Film sehr differenziere
stilistische Möglichkeiten mit sich [...]; dass sie sogar die durch die traditionelle
Erzählkonvention unterdrückten Ausdrucksmöglichkeiten in einer Art Rückkehr zu den
Ursprüngen frei setzt; dass sie schließlich durch die technischen Mittel des Mediums
zur originären, onirischen, barbarischen, unregulären, aggressiven, visionären Qualität
des Films zurückfindet. Kurz, es ist die ,indirekte freie subjektive Perspektive′, die die
mögliche Tradition einer ,technischen Sprache der Poesie im Film′ begründet."
(Pasolini 1977: 66)
Mit diesem komplexen und oft widersprüchlichen Essay, das aber auch einander
ergänzende Ideen beinhaltet, eröffnete Pasolini eine weitreichende Debatte über die
Semiologie des Films. Er wurde von vielen Semiotikern (z.B. Christian Metz, Roland
Barthes und Umberto Eco) kritisiert: Sie erklärten seine semiologischen Argumente
als ,,unwissenschaftlich" und lehnten sie ab. Erst neuere Pasolini-Kritiker, wie z.B.
Giuliana Bruno und Maurizio Viano, sind der Ansicht, dass Pasolini mit seinen
Beiträgen zur Semiologie des Films seiner Zeit voraus war und diese eher dem
Postrukturalismus zuzuordnen sind. Pasolini versuchte stets, verschiedene Ideen zu
kombinieren und bereits bestehende Theorien zu untergraben, was aber allzu oft in
Widersprüchen resultierte im manchen Fällen jedoch ergeben seine Ideen eine in
sich stimmige Theorie.
Zunächst einmal muss man sich die Frage stellen, wie Pasolini ,,Poesie" eigentlich
definiert. Obwohl er eine derartige Definition nie explizit formuliert, ist es möglich,
eine aus seinen Anmerkungen zum ,,Kino der Poesie" zu rekonstruieren. In seinem
Essay versucht Pasolini, die Frage, ob das Kino eine poetische Qualität haben
könne, zu beantworten, indem er untersucht, ob das Kino bestimmte
Voraussetzungen erfüllen kann oder nicht. Aus diesen Voraussetzungen kann die
folgende, implizit gegebene Definition von ,,Poesie" abgeleitet werden: Man kann nur
1
dann von Poesie sprechen, wenn es sich um einen (1) konkreten, (2) irrationalen und
(3) rein formalen (4) Ausdruck einer individuellen Sichtweise handelt. Diese Definition
kommt in dem Essay zwar in dieser Art und Weise nicht direkt vor. Sie ist vielmehr in
den in ihm enthaltenen Argumenten impliziert, da Pasolini sich die Frage stellt, ob
das Kino diese Voraussetzungen erfüllt, um als ,,Kino der Poesie" bezeichnet werden
zu können.
Im ersten Teil des Essays untersucht Pasolini die ersten beiden Voraussetzungen,
nämlich "Konkretheit" und "Irrationalität". Er ist überzeugt, dass alle Filme diese
beiden Anforderungen erfüllen und dass daher alle Filme das Potential haben, als
,,poetisch" bezeichnet werden zu können. Im Anschluss daran widmet er sich den
anderen beiden Voraussetzungen, nämlich ,,Formalität" und ,,Ausdruck einer
individuellen Sichtweise", von denen er behauptet, dass sie von den meisten Filmen
nicht erfüllt werden und diese somit nicht als Beispiele für ,,Poesie" bezeichnet
werden können. Er kommt jedoch zu dem Schluss, dass die Technik der ,,indirekten
freien subjektiven Perspektive" allen vier Anforderungen entspricht. Ein Film, der sich
dieser Technik bedient ist daher ein konkreter, irrationaler und rein formaler Ausdruck
einer individuellen Sichtweise und kann folglich zum ,,Kino der Poesie" gezählt
werden.
2. Voraussetzungen und Charakteristika eines ,,Kinos der Poesie"
2.1. Konkretheit
Pasolini gibt zu verstehen, dass das Kino immer von konkreten Dingen handelt alle
kinematischen Bilder sind konkret. Dies verleiht dem Kino eine poetische Qualität, da
das Poetische auch immer etwas Konkretes involviert und auch umgekehrt, da das
Konkrete stets poetischen Charakters ist.
,,[B]ei seiner lexikalischen Recherche als grundlegende Vorarbeit kann der Filmautor
niemals abstrakte Termini verwenden. Das ist wahrscheinlich der Hauptunterschied
zwischen dem literarischen und dem filmischen Werk [...]. Das linguistische oder
grammatikalische System des Filmautors wird durch Bilder konstituiert, und Bilder sind
immer konkret, nie abstrakt Deshalb ist der Film vorerst eine künstlerische,
nichtphilosophische Sprache. Er kann Parabel sein, niemals direkter begrifflicher
Ausdruck. [...] Das bestätigt also [...] den vorrangigen Kunstcharakter des Films, seine
Ausdruckskraft und onirische Beschaffenheit." (Pasolini 1977: 56)
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So kann z.B. ein Schriftsteller das Wort ,,Baum" verwenden, um ein abstraktes
Konzept eines Baumes zu repräsentieren. Der Filmemacher jedoch muss einen
Baum durch das Bild eines spezifischen Baumes repräsentieren (vgl. Pasolini 1979:
226).
Pasolini definiert das Kino als ,,geschriebene Sprache der Wirklichkeit"
genauer gesagt bezeichnet er die Wirklichkeit als ein ,,Kino in natura", das eine
Sprache darstellt, die in gewisser Weise der Verbalsprache ähnlich ist. Durch die
Reproduktion der Wirklichkeit wird das Kino zum geschriebenen Moment der
Wirklichkeit, die sich stets in Handlungen zeigt. Folglich kann es weder willkürlich
noch symbolisch sein: es stellt die Wirklichkeit durch die konkreten Gegenstände der
Wirklichkeit dar. Da diese von der Kamera reproduziert werden, bezeichnet er sie
aus linguistischer Sicht als ,,Kineme" (reale Gegenstände der Einstellung). Das
Kino ist daher eine Sprache, die sich niemals von der Wirklichkeit entfernt (vgl.
Pasolini 1979: 218-220).
2.2. Irrationalität
Pasolini geht bei seiner Behauptung, dass das Kino eine enge Verbindung zum
Irrationalen hat, davon aus, dass es eine Sprache des Kinos gibt. Dann vergleicht er
diese Sprache mit der Sprache bzw. den Sprachen der Literatur.
,,[W]ährend die literarischen Ausdrucksweisen sich bei ihren poetischen Erfindungen
auf die Institution eines sprachlichen Instruments stützen, das Gemeinbesitz aller
Sprechenden ist, scheinen die filmischen Ausdrucksweisen sich auf nichts zu stützen;
sie haben als reale Basis keine Kommunikationssprache. [...] [D]ie Menschen
kommunizieren durch Worte, nicht durch Bilder; eine spezifische Bildersprache wäre
also eine reine und künstliche Abstraktion. Wenn diese Überlegung richtig wäre, [...]
könnte das Kino physisch nicht existieren, oder wenn es doch existierte, wäre es eine
Missgeburt: eine Folge von nichtsignifikanten Zeichen. Nun drückt sich der Film aber
verständlich aus. Das bedeutet, dass auch er sich auf ein gemeinsames Erbe von
Zeichen stützt." (Pasolini 1977: 49)
Das Kino scheint auf einem Paradoxon zu basieren: es kommuniziert, jedoch ohne
sich dabei einer Sprache zu bedienen. Pasolini löst diesen Widerspruch auf, indem
er erklärt, dass das Kino Bedeutung dadurch produziert, dass es auf bereits
vorhandene Kodes zurückgreift. Da das Kino nicht über ein eigenes Erbe
gemeinsamer Zeichen verfügt, muss es Zeichen aus einer anderen ,,Sprache"
ausborgen. Diese Sprache kann jene der Mimik und Gestik, der
gewohnheitsmäßigen und daher unbewussten Umweltbeobachtung, der Welt der
Träume oder der Welt der Erinnerung sein.
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