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Gattung und Form - Eine Sekundärtextanalyse zu Rudolf von Ems „Der guote Gêrhart“

Essay, 2008, 26 Pages
Author: Dr. Stefan Schweizer
Subject: German Studies - Older German Literature, Mediaevistik

Details

Category: Essay
Year: 2008
Pages: 26
Bibliography: ~ 17  Entries
Language: German
Archive No.: V94272
ISBN (E-book): 978-3-638-06977-9
ISBN (Book): 978-3-638-95486-0
File size: 334 KB

Abstract

Vor dem Hintergrund des Booms kulturwissenschaftlicher Ansätze und Theorien in der Literaturwissenschaft erlangen traditionell-philologische Vorgehensweisen schnell den Ruf des Ordinären und Veralteten. Dies gilt auch für sogenannte formalistische Ansätze. Im Folgenden soll demonstriert werden, dass man (alleine) an Hand der Frage der Gattung literarische Produkte umfassend und tiefgründig analysieren kann. Der Aufsatz bewegt sich allerdings nicht auf der Ebene einer Primärtextanalyse. Vielmehr werden Sekundärliteraturtexte aus verschiedenen Zeitpunkten hinsichtlich der Gattungsfrage des „Guoten Gêrhart“ analysiert. Auf einer Beobachtungsstufe dritten Grades ergibt sich somit ein gehaltvoller wissenssoziologischer Ansatz, welcher zugleich Erkenntnis über den Primärtext und die Sekundärtexte erlaubt. Hierbei sollten die Differenzen zwischen den Eigenbeschreibungen historischer Systeme und den durch wissenschaftsimmanente Beobachter vorgenommene Fremdbeschreibungen späterer Zeiten zumindest immanent bewusst sein. Dieses Diktum Luhmanns gilt ebenso für mittelhochdeutsche Literatur. In diesem Aufsatz werden Forschungsstandpunkte und Positionen zu Rudolf v. Ems Werk „Der gute Gerhart“ referiert.


Excerpt (computer-generated)

Dr. Stefan Schweizer

Studienrat und Lehrbeauftragter am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung Stuttgart

Gattung und Form ­ Eine Sekundärtextanalyse zu Rudolf von Ems ,,Der

guote Gêrhart"


1. Einleitung und Themeneinführung 2

2. Gang der Untersuchung 3

3. Hauptteil 5

3.1 Gattungskategorisierungen des "Guten Gerharts" in Literaturgeschichten 5

3.1.1 De Boor: Exemplum bzw. Legendendichtung 5

3.1.2 Bäuml: Nachklassisch-chronistische Prosa 6

3.1.3 Bumke: Höfische Literatur 7

3.1.4 Walz: Späthöfische Epoche 7

3.2 Detailanalysen 8

3.2.1 Sengle: Patrizierdichtung 8

3.2.2 Ertzdorff: Höfischer Roman 14

3.2.3 Zöller: Eine Bispelgeschichte 18

4. Zusammenfassung und Ausblick 22

Literatur 24


2

1. Einleitung und Themeneinführung

Vor dem Hintergrund des Booms kulturwissenschaftlicher Ansätze und Theorien in der

Literaturwissenschaft erlangen traditionell-philologische Vorgehensweisen schnell den Ruf des Ordinären

und Veralteten. Dies gilt auch für sogenannte formalistische Ansätze. Im Folgenden soll demonstriert

werden, dass man (alleine) an Hand der Frage der Gattung literarische Produkte umfassend und tiefgründig

analysieren kann. Der Aufsatz bewegt sich allerdings nicht auf der Ebene einer Primärtextanalyse. Vielmehr

werden Sekundärliteraturtexte aus verschiedenen Zeitpunkten hinsichtlich der Gattungsfrage des ,,Guoten

Gêrhart" analysiert. Auf einer Beobachtungsstufe dritten Grades ergibt sich somit ein gehaltvoller

wissenssoziologischer Ansatz, welcher zugleich Erkenntnis über den Primärtext und die Sekundärtexte

erlaubt.1 Hierbei sollten die Differenzen zwischen den Eigenbeschreibungen historischer Systeme und den

durch wissenschaftsimmanente Beobachter vorgenommene Fremdbeschreibungen späterer Zeiten zumindest

immanent bewusst sein. Dieses Diktum Luhmanns gilt ebenso für mittelhochdeutsche Literatur. In diesem

Aufsatz werden Forschungsstandpunkte und Positionen zu Rudolf v. Ems Werk ,,Der gute Gerhart" referiert.

Diese entstammen unterschiedlichen Zeitpunkten. Somit verfährt der Aufsatz zugleich diachron und

wissenschaftshistorisch. Zuerst wird ein Aufsatz aus dem Jahre 1950 von dem Heidelberger Germanisten

Friedrich Sengle dargelegt und kritisch gewürdigt. Dieser Aufsatz wirkte zu seiner Zeit sehr

aufsehenerregend, und er produzierte viel wissenschaftlichen Widerspruch, da er in der Forschung bisher

stark vernachlässigte bzw. nichtbeachtete Aspekte an das Tageslicht brachte. Quasi als eine mögliche

Gegenposition zu Sengle wird die 1967 publizierte Position Xenja v. Ertzdorffs dargestellt. Bei Ertzdorffs

Werk handelt es sich um eine größere Abhandlung über die höfischen Romane des 13. Jahrhunderts. Als

letzter Abschnitt wird dann die neuere Forschung von Sonja Zöller aus dem Jahre 1993 miteinbezogen und

untersucht. Hierbei handelt es sich um eine Dissertation über Rudolf v. Ems′ Dichtung "Der guote Gêrhart".

Vor dieser detaillierteren Analyse von Forschungsstandpunkten erfolgt ein kurz gehaltener Überblick über

Darstellungen des ,,Guten Gerharts" in Literaturgeschichten. Gemeinsam ist diesen Texten, dass sie nicht ihr

Hauptaugenmerk auf die Gattungsfrage des "Guten Gerhart" legen, sondern eher inhaltlich-thematische

Aspekte, epochengeschichtliche Skizzierungen sowie sozialgeschichtliche Implikate fokussieren.

Gattungswissenschaftliche Detailfragen werden an diesen Orten weniger ausführlich diskutiert. Trotzdem ist

es interessant zu untersuchen, welche gattungstheoretischen Ansätze hier Präferenz erfahren. Ferner lohnt es,

einen Blick auf die jeweils gegebene Begründung zu werfen. Um die große Diversität und mögliche

Gegensätzlichkeit bzw. Nähe der Gattungsklassifizierungen des "Guten Gerhart" aus derartig beschaffenen

1 Vgl. zur luhmannschen Wissenssoziologie und dem Beobachterstandpunkt höherer Ordnung exemplarisch Niklas

Luhmann, Die Religion der Gesellschaft. Frankfurt am Main, S. 75 f. und zum Konzept des Beobachterstandpunktes

zweiter Ordnung bei Texten vgl. z.B. Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft. Zweiter Teilband. Frankfurt

am Main 1997, S. 876.


3

Sekundärliteraturwerken zu belegen, werden bereits an dieser Stelle zwei Beispiele dafür gegeben. Martini

sieht im "Guten Gerhart" "die ständische Gebundenheit des höfischen Romans."2 als durchbrochen an,

während Glaser/Lehmann/Lubos den "Guten Gerhart" unter der Gattung der Novelle subsumieren und

gesellschaftlich-soziale Veränderungen nicht direkt beim Namen nennen.3 Beide Ansätze müssen sich trotz

der scheinbaren Gegensätzlichkeit nicht unbedingt ausschließen, da man z.B. die Durchbrechung von

Standesschranken unter starren Gesellschaftsstrukturen als eine solch unerhörte Begebenheit betrachten

kann, so dass diese als ein vorzügliches Novellenkriterium fungieren kann.

2. Gang der Untersuchung

In älterer Sekundärliteratur findet sich zumeist eine relativ späte Datierung von Rudolf v. Ems′ Werk "Der

gute Gehrhart": so z.B. auf nach 1230.4 In der neueren Forschung hingegen wird die Dichtung auf einen

wesentlich früheren Zeitraum, nämlich zwischen 1208 und 1212, datiert.5

Nicht nur die richtige Datierung bereitet Schwierigkeiten, sondern man kann behaupten, dass das Werk in

mehr als nur einer Hinsicht problematisch ist. Es stellt bis zum heutigen Tage Literaturwissenschaftler vor

viele unaufgelöste Ungereimtheiten, Fragestellungen, Rätsel und Probleme. Eine dieser Frage- und

Problemstellungen, die bis zum heutigen Tage nicht zufriedenstellend aufgelöst worden ist, umfasst die in

der wissenschaftlichen Diskussion lebhaft und konträr geführte Frage, welcher Gattung die Dichtung

zuzuordnen ist. Zwei zentrale Fragen des Aufsatzes können so formuliert werden:

1. In welche Gattungskategorie wird Rudolf v. Ems′ Werk "Der gute Gerhart" in der Sekundärliteratur

eingeordnet?

2. Ist der Versuch einer solchen Gattungszuordnung überhaupt zulässig und sinnvoll?

Die erste Frage ist - dies sei an dieser Stelle vorweggenommen - kaum eindeutig auflösbar, da "Der gute

Gerhart" unterschiedlichste, einander beinahe antithetisch gegenüberstehende Gattungsmerkmale aufweist.

Die zweite Frage wird hier trotz der schieren Unmöglichkeit einer eindeutigen Beantwortung von Frage eins

zunächst einmal pauschal mit einem "Ja" beantwortet.

Der Aufsatz soll mitunter eine Begründung für die Bejahung dieser Frage sein und versuchen, eine

Argumentationslinie zu entfalten, die den der Gattungsfrage innewohnenden Gehalt ersichtlich werden lässt.

Der Forschungsstand ist bei der Gattungskategorisierung von Rudolfs Dichtung nicht zufriedenstellend. Das

ist nicht (nur) defizitärer Forschungsarbeit zuzuschreiben, sondern resultiert aus einem sehr komplex

konstruierten und einem äußerst vielschichtigen Werk.

2Martini, F., Deutsche Literaturgeschichte, S. 54

3Glaser/Lehmann/Lubos, Wege der deutschen Literatur, S. 36

4Frenzel, H. A. und E., Daten deutscher Dichtung, Band I, S. 49

5Zöller, S., Kaiser, Kaufmann und die Macht des Geldes, S. 220


4

Im Aufsatz wird nicht der Versuch unternommen, neue Forschungsansätze und / oder

Forschungsperspektiven zur Gattungsproblematik des "Guten Gerhart" zu erarbeiten bzw. zu eröffnen. Dies

würde den vorgegebenen Rahmen sprengen. Vielmehr werden verschiedene Forschungsansätze auf die

Gattungsproblematik von Rudolfs Dichtung "Der Gute Gerhart" in einem am ehesten als eklektisch zu

bezeichnenden Verfahren hin durchgesehen und die jeweiligen Forschungsergebnisse präsentiert. Wo es für

angebracht gehalten wird, wird auch eine kritische Würdigung an verschiedenen inhaltlichen (und eventuell

formalen) Punkten stattfinden. Der Aufsatz ist in fünf Teile gegliedert. Im Gegensatz zu den vier kurz

dargestellten Ansätzen aus Literaturgeschichten, werden drei Ansätze ausführlicher diskutiert und gewürdigt.

Jeder dieser drei Ansätze wird als ein Hauptteil betrachtet. Inhaltlich-thematische Aspekte werden bei diesen

drei verschiedenen Interpretationsansätzen im Vordergrund stehen und diese werden Schlussfolgerungen

über die Gattungsbeschaffenheit des "Guten Gerharts" erlauben. Dabei ist zu sagen, dass manchmal nicht

offensichtlich mit der Gattungsproblematik in Zusammenhang stehende Aspekte für diese doch

überraschenderweise aufschlussreich sein können. Im fünften Arbeitsschwerpunkt, dem Schlusskapitel,

werden die Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel kurz und pointiert referiert. Es wird der Versuch

unternommen, die verschiedenen Ansätze zur Gattungsthematik in ein grobes Klassifizierungsraster einteilen

zu können. Aus diesem Klassifizierungsraster heraus wird zu belegen versucht, dass die verschiedenen

Ansätze - entgegen den ersten Eindrücken - nicht unbedingt all zu weit voneinander entfernt liegen müssen.

Die größtenteils kontrovers geführte Debatte um die Gattungsproblematik lässt sich mit dem Argument

rechtfertigen, dass durch mögliche Gattungsverschiebungen auch inhaltliche Themenverschiebungen

stattfinden können. Diese Themenverschiebungen können z.B. so aussehen, dass im Gegensatz zur

vorherigen mittelalterlichen Dichtung "ritterlich-höfische Tugenden und Ideale offensichtlich nicht (mehr,

S.S.) die eigentlich ritterliche, d.h. adelige oder ministerialische Welt zur Voraussetzung haben."6 müssen.

Wenn das Diktum stimmt, dass die Form eines Werkes seinen Inhalt bestimmt, ist es von äußerster Relevanz,

Gattungskategorisierungen vornehmen zu können, um die inhaltlichen Aspekte richtig gewichten und

bewerten zu können. Dass dies insbesondere beim "Guten Gerhart" Not tut, wird im folgenden kurz zu

erklären sein.

6Wunderlich, W., Der "ritterliche Kaufmann", S. 161


5

3. Hauptteil

Für den ,,Guten Gerhart" ist das folgende Bibelzitat von besonderer Bedeutung: "Eher geht ein Kamel durch

ein Nadelöhr als dass ein Reicher in Gottes Reich kommt" (Matthäus 19,24). Im "Guten Gerhart" wird

ausdrücklich betont, dass ein reicher Kaufmann dem Reich Gottes durch sein gottgefälliges, aber durchaus

weltlich orientiertes Leben und Verhalten nahe ist und aussichtsreiche Chancen besitzt, als Reicher in das

Reich Gottes einziehen zu können. Diese an sich schon brisante Thematik wird gesteigert. Der Kaufmann

wird dem Kaiser durch Mithilfe von Engeln und damit göttlicher Hilfe als positives Beispiel für

Gottgefälligkeit und Demütigkeit vorgestellt. Kaiser Otto versündigt sich, weil er anmaßende

Stellungnahmen zu seinen eigenen Taten vor Gott äußert und Kaufmann Gerhart erfährt eine ethische

Handlungsmotivation alleine durch Gottes Gebot.7 Die Demütigkeit des Kaufmanns Gerhart liegt v.a. darin

begründet, dass er, ganz im Gegensatz zum Kaiser, sich nicht vor Gott seiner Taten rühmt und in einem als

kaufmännisch zu betrachtendem Verfahren seinen Himmelsplatz errechnen möchte. Die Thematik dieser

Gottesnähe und Gottgefälligkeit anhand eines Großkaufmanns und Fernreisekaufmanns zu exemplifizieren

war bis zum "Guten Gerhart" in der mittelalterlichen Literatur nicht vorgekommen und undenkbar,

weswegen eine inhaltliche Innovation Rudolf v. Ems′ Werk "Der gute Gerhart" immanent ist. Dies ist in der

Sekundärliteratur einhelliger Tenor. Dabei kommt es aber auf die unterschiedlichen Gewichtungen an, die

man diesen Innovationen konzediert. Ob Neuerungen im Bereich der Gattung stattgefunden haben, wird im

folgenden anhand von Sekundärliteraturtexten zu untersuchen sein.

3.1 Gattungskategorisierungen des "Guten Gerharts" in

Literaturgeschichten

3.1.1 De Boor: Exemplum bzw. Legendendichtung

Die "Geschichte der deutschen Literatur Band II" von de Boor und Newald stellt fest, dass in Rudolf v. Ems′

Dichtung "Der gute Gerhart" zum ersten Mal der Stand des Bürgers als Neuerung und Erweiterung zu den

bis dahin in der mittelalterlichen Literatur häufig auftauchenden Ständen der Geistlichen, Ritter und Bauern

hinzugefügt wird.8 Aus dieser Aussage ergibt sich, dass de Boor in der Dichtung vorkommende

Standestransparenzen zwischen bürgerlichen und ritterlichen bzw. adeligen Ständen erkennt. Seine

Gewichtung in der Gattungskategorisierung legt er aber auf die Rahmengeschichte mit ihrem Exemplum und

7Walliczek, W., Rudolf von Ems, "Der guote Gerhârt", S. 163-164

8Boor, H., de, Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bd. 2, S. 169


6

dessen Nähe zur Legende.9 Aus den transparenter gewordenen Standesschranken zieht de Boor folglich keine

gattungstechnischen Konsequenzen. Sowohl das Exemplum als auch die Legende sind zwei Gattungen,

welche lange Zeit vor Rudolfs Dichtung "Der gute Gerhart" existierten. Unter Exempel sind "allgemein

kurze Erzählformen mit prakt. Nutzanwendung"10 zu verstehen, welche sowohl in epischen Werken als auch

in Predigten vorkommen können. Legende meint die "Darstellung einer heiligmäß., vorbildhaften

Lebensgeschichte oder einzelner exempl. Geschehnisse daraus."11 Als eigentlich neues Moment am "Guten

Gerhart" sieht de Boor, dass real-historisches Hintergrundgeschehen in die Dichtung miteinbezogen wird

und ferner, dass "der Einstrom der staufisch-höfischen Idealität in den Bezirk der Legende."12 spürbar wird.

De Boor erkennt und benennt die wesentlichen innovativen literarischen Neuerungen im "Guten Gerhart". Er

betont, dass zum ersten Mal ein Kaufmann in einer durchweg positiven Art und Weise in einer Dichtung

dargestellt wird. Auch das eigentlich Revolutionäre daran, dass diese positive Darstellung sich im religiösen

Bereich abspielt, wird von de Boor benannt. An dieser Stelle wäre meines Erachtens allerdings eher auf den

in der Dichtung beinahe ständig existenten Dualismus des säkularisiert-kaufmännischen und des religiös-

transzendenten Charakters hinzuweisen. Tiefgreifende, die Gattungsthematik betreffende Konsequenzen

zieht de Boor aus seinen Erkenntnissen nicht. Alte, bis zu diesem Zeitpunkt tradierte Gattungsformen wie

das Exemplum und eng damit verbunden die Legendendichtung halten trotz der analysierten thematischen

Neuerungen als Gattungskategorisierung(en) her.

3.1.2 Bäuml: Nachklassisch-chronistische Prosa

Gedanklich knüpft Franz. H. Bäuml in der "Geschichte der deutschen Literatur" an de Boor an, ohne

allerdings dessen Gattungsanalyse und -kategorisierung nachzuvollziehen. Einig ist Bäuml mit de Boor in

dem Punkt, dass staufisch-höfische Idealität das Neue am "Guten Gerhart" ist; allerdings in einem pseudo-

geschichtlichem Rahmen mit einem Kölner Kaufmann als Protagonisten.13 Bäuml betont, dass der "Gute

Gerhart" sowohl räumlich als auch zeitlich bestimmt ist: "die Zeit Ottos I. und die Stadt Köln ergeben einen

Rahmen, der die vom Guten Gerhart, einem Kaufmann, erzählte Geschichte in Verbindung bringt mit

identifizierbarer, außerpoetischer Welt."14 Bäumls Ansatz geht also dahin, eine Entfiktionalisierung der

Dichtung festzustellen. Außerpoetische Realität wird in Fiktionales transformiert. Gattungstechnische

Transformierungen sieht er in diesem Vorgehen nicht. Die eigentliche Gattungsklassifizierung Bäumls muss

9Ebd., S. 170

10Metzler Literatur Lexikon, S. 141

11Boor, H., de, S. 261

12Ebd., S. 170

13Bäuml, F.H., Mittelalter, in: Bahr, E. (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 1 Vom Mittelalter bis zum

Barock, S. 197

14Ebd., S. 196



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