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Vom Suchen und Schaffen gesellschaftlicher und ästhetischer Synthesis in der Natur

Subtitle: Eine exemplarische Untersuchung zur Bedeutung des Naturthemas bei Lamartine, Hugo, Baudelaire und Rimbaud

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 27 Pages
Author: Robert Krahl
Subject: Romance Languages - French Literature

Details

Event: Französische Lyrike des 19. Jahrhunderts
Institution/College: Martin Luther University (Institut für Romanistik)
Tags: Synthesis, Natur, Französische, Baudelaire, Hugo, Rimbaud, Lamartine, Lyrik, Hermetik
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 27
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 24  Entries
Language: German
Archive No.: V94324
ISBN (E-book): 978-3-640-10591-5

File size: 292 KB

Abstract

Natur ist schon immer ein Thema der Literatur gewesen - besonders der Lyrik. Welche Funktion nimmt sie jedoch ein? Und wie wandelt sich ihre Funktion? Die vorliegende Arbeit untersucht diese Fragen im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen im Frankreich des 19. Jahrunderts. Die These, welche an vier Texten von Lamartine (Le Vallon), Hugo (Soleils couchants), Baudelaire (Chant d'automne) und Rimbaud (Aube) nachgewisen wird, stellt diesen Funktionswandel in den Mittelpunkt: Natur verheißt den romantischen Autoren zunächst noch ästhetische und gesellschaftliche Synthese; die gesellschaftlichen Veränderungen tragen jedoch dazu bei, die Natur fast zum reinen semantischen Inventar eines neuen Sprechens werden zu lassen (vgl. Hugo Friedrich: Struktur der modernen Lyrik). Diese Entwicklung geschieht allmählich, weshalb die ausgewählten Texte auch einen größeren Zeitraum abdecken.


Excerpt (computer-generated)

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Philosophische Fakultät II

Institut für Romanistik

Hauptseminar: ,,Französische Lyrik des 19. Jahrhunderts"

Wintersemester 2007/ 08

Vom Suchen und Schaffen gesellschaftlicher

und ästhetischer Synthesis in der Natur

-

Eine exemplarische Untersuchung zur Bedeutung des

Naturthemas bei Lamartine, Hugo, Baudelaire und Rimbaud

Halle, den 4. Mai 2008

Robert Krahl

Angestrebter Abschluss: Lehramt an Gymnasien (Französisch/Latein) ­ 8./6. Fachsemester


Inhalt

0

Einleitung, Abgrenzung, Methode

3

1

Fragestellung, Thesenbildung

4

2

Alphonse de Lamartine ­

Le Vallon

6

3

Victor Hugo ­

Soleils Couchants

10

4

Baudelaire

14

4.1

Das Naturkonzept Baudelaires

14

4.2

Chant d′automne

17

5

Rimbaud ­

Aube

21

6

Fazit

24

7

Quellen

25

2


0

Einleitung, Abgrenzung, Methode

Eines der wohl am wenigsten überraschenden Sujets, auf die man bei der Untersuchung

von Lyrik trifft, ist das der Natur. Doch schon Vergils

Georgica

dienten nicht einfach der

schwärmerischen Darstellung bukolischer

loci amoeni

, sondern gebrauchten

Naturbeschreibung als Medium für eine Aussage, welche immer auch historisch-

soziologisch determiniert ist. Diese Funktion des Naturthemas als Mittler zwischen

gesellschaftlich relevanter Autorintention und beabsichtigter Wirkung offenbart sich in den

Literaturgeschichten nicht nur der europäisch geprägten Kulturen und soll Gegenstand der

vorliegenden Arbeit sein. Eine zeitliche und kulturelle Eingrenzung ist in Anbetracht des

sich weit auftuenden Umfangs dieses Themas unabdingbar. Es ist jedoch nicht Anliegen

der Arbeit, irgendeinen gut abgrenzbaren Ausschnitt der Beziehung Natur-Lyrik-

Gesellschaft darzustellen, sondern vielmehr, diese Beziehung in Bezug auf das Frankreich

des 19. Jahrhunderts phänomenologisch und exemplarisch zu untersuchen, da der Umbruch

des als traditionell empfundenen literarischen Gattungssystems hier besonders deutlich

wird und somit auf gesellschaftliche Umstände zurückverweist.

Anhand von vier Gedichten soll der Funktionswandel des Naturthemas nachvollzogen

werden.

Le Vallon

von Alphonse de Lamartine und Victor Hugos

Soleils couchants

stehen

am Anfang. Es folgt Baudelaires

Chant d′automne

; am Ende der Untersuchung steht

Rimbaud mit dem

Illuminations

-Gedicht

Aube

. Der Umfang der Arbeit erlaubt es nicht,

jedes Gedicht intensiv zu analysieren. Es kommt vielmehr darauf an, das für die

Fragstellung Entscheidende nachzuweisen; dennoch wird an einigen Stellen auch ein

intensiverer Umgang mit dem Text zum Tragen kommen.

Zwar steht das Naturthema im Mittelpunkt der Betrachtung dieser Gedichte, doch ist es

untrennbar verwoben mit gesellschaftlichen Aspekten, deren Bedeutung durch eine rein

phänomenologische Sichtweise nicht angemessen wiedergegeben würde. Daher soll bei

Analyse und Interpretation auch immer der Rückgriff auf die historischen Umstände

erfolgen, was Konsequenzen für die Aussage des Textes nach sich zieht. Auf der anderen

Seite wird man leicht erkennen, dass eine Reihe Lamartine-Hugo-Baudelaire-Rimbaud

weder vollständig, noch beendet ist. Dieser Anspruch kann ­ zumal in diesem Rahmen ­

auch nicht erhoben werden. Doch zum anderen steht diese Reihe auch exemplarisch für die

Entwicklung moderner Lyrik. Unter diesem Aspekt soll ebenfalls die Frage gestellt

werden, inwiefern es bei moderner Dichtung auf das Naturthema zutrifft, dass ­ wie Hugo

3


Friedrich1 (2006: 18) sagt ­ ,,das Gedicht überhaupt nicht mehr von seinen

Aussageinhalten her zu verstehen ist." Die zunehmende sprachliche Hermetik lyrischer

Texte darf in diesem Sinne nicht missverstanden werden, und so soll für diese

Untersuchung die Prämisse gelten, dass ,,noch in der hermetisch verabsolutierten

sprachlichen Form Epochenprobleme ausgetragen werden" (Stenzel/ Thoma2 1987: 12).

Der gesellschaftliche Gehalt eines Textes muss in moderner Lyrik somit nicht

zwangsläufig auf der referentiellen Funktion der Sprache beruhen, wenn man ihren

Zeichencharakter als Wirklichkeitsbezug versteht. Auch die Autoreferentialität moderner

Gedichte arbeitet mit Verweisen, doch fungieren sie innerhalb eines Textes, also

hermetisch ­ das vermeintliche Fehlen eines direkten Hinaus-in-die-Welt-Deuten darf

nicht als apolitische Dichtung missverstanden werden. So verweisen Stenzel/ Thoma

(1987: 13) exemplarisch auf die Baudelaireforschung, welche ,,eine Form [...]

hermetischer

Gesellschaftskritik"

nachweisen

konnte.

Im

Blickfeld

dieser

Betrachtungsweise ist die hier vorgenommene Textauswahl ­ wie bereits erwähnt ­ nicht

umfassend; besonders Untersuchungen zu Mallarmé müssen bereits an dieser Stelle als

Desiderat festgehalten werden.

1

Fragestellung, Thesenbildung

Ausgangspunkt der Beschäftigung mit dem Naturthema in moderner Dichtung war die

Frage nach der Funktionsbestimmung von Lyrik im literarischen Gattungssystem und in

der restaurativen Gesellschaft des nachrevolutionären Frankreich. Stenzel/ Thoma

(1987: 21f.) betrachten dieses Problem zunächst theoretisch mit Hegel, welcher zwar ,,das

Problem verlorener gesellschaftlicher Synthesis" anerkenne, aber dennoch ,,sowohl [den]

Bestimmungsgrund der Lyrik [...] wie die Probleme" in einem menschlichen Bedürfnis

nach einer die gesellschaftliche antizipierenden ,,ästhetischen Synthesis" sehe. Marx stelle

sich gegen dieses ,,Postulat einer Versöhnung von Einzelnem und Allgemeinem", was zur

Folge habe, dass ,,die Privatsphäre der Ausgangspunkt lyrischen Sprechens zu sein hat" ­

allumfassende synthetische Konzepte sind nicht mehr denk- beziehungsweise dichtbar.

Stenzel/ Thoma (1987: 22ff.) skizzieren vier Felder der Suche nach sich lyrisch

ausformenden gesellschaftlichen Synthesekonzepten: das sozial-politische, das privat-

familiäre, das der Natur und schließlich das sprachlich-hermetische. Wie bereits in der

1 Friedrich, Hugo ([1956] 2006):

Die Struktur der modernen Lyrik. Von der Mitte des neunzehnten bis zur
Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts

. Reinbek: Rowohlt.

2 Stenzel, Hartmut/ Thoma, Heinz (Hgg.) (1987):

Die französische Lyrik des 19. Jahrhunderts

. München:

Wilhelm Fink (= UTB 1436).

4


Einleitung angedeutet zielt diese Arbeit auf die Funktion des Naturthemas, nun kann man

sagen: auf die Synthesefunktion des Naturthemas. Stenzel3 (1980: 30) spricht

diesbezüglich von der ,,historicité du concept de nature" und führt dazu aus:

[...] les descriptions et les images qui constituent le concept de nature prennent leur signification

dans le cadre d′une réflexion sur les problèmes historiques et sociaux qui amènent les écrivains à

l′utilisation de ces concepts.

Doch auch das von Stenzel/ Thoma letztgenannte (sprachliche) Synthesekonzept wurde

bereits als Betrachtungsgegenstand vorgestellt. Diese durch Synthesekonzepte geleitete

Sichtweise auf Natur bringt uns zur (am Text nachzuweisenden) These, dass das

Naturthema mit zunehmender Hermetisierung der Dichtung vom Synthese verheißenden

Konzept zum bloßen Inventar autoreferentieller Dichtung wird. Es büßt also den eigenen

Konzeptstatus ein und ordnet sich als reichhaltiger Spender semantischer Ordnungen in das

­ auch chronologisch ­ folgende Konzept ästhetischer Synthesis durch Sprache ein.

Mag die Auswahl der hier vorgestellten Autoren und Gedichte ­ gerade unter dem

unumgänglichen Bedauern der quantitativ bedingten Beschränkung ­ fast willkürlich

erscheinen, so rechtfertigt sie sich nicht nur durch die angedeutete Einordnung der Autoren

in einer Entwicklung hin zur Moderne, sondern auch durch deren Gestus des Suchens oder

des Schöpfens. Der Titel dieser Arbeit deutet somit die zweite zentrale These an: ,,Vom

Suchen und Schaffen gesellschaftlicher und ästhetischer Synthesis in der Natur". Diese

These von der Funktion der Natur lässt sich in matrizenhafter Form verdeutlichen4:

gesellschaftliche Synthesis

ästhetische Synthesis

Suchen

Schaffen

Zur Verdeutlichung der Gestus ,,Suchen" und ,,Schaffen", mit welchen sich der Dichter der

Natur nähert, sei an Rimbauds Vorstellung des Dichters als

démiurge

erinnert. Dieser

Schöpfer-Gestus ist jedoch ­ in schwächerer und anders zu definierender Form ­ auch bei

Hugo auszumachen. Die Kategorien ,,gesellschaftliche" und ,,ästhetische Synthesis"

wurden ja bereits in einem antizipierenden Verhältnis dargestellt: ,,die als

Vorausdeutung

gesellschaftlicher Synthesis gedachte ästhetische" (Stenzel/ Thoma 1987: 18f., meine

Hervorhebung, RK). In unserer Schematisierung jedoch soll die in neuer Ästhetik

3 Stenzel, Hartmut (1980): ,,Évolution et fonction critique du concept de nature dans la littérature romantique

et dans le socialisme utopique", in:

Romantisme

30 (1980). 29-38.

4 Dies erweckt einen sehr strukturalistischen Eindruck. Diese schematische und ausschließlich wirkende

Grafik soll lediglich zur Verdeutlichung der These dienen und ist daher als sehr abstrahiert zu verstehen.

5


erscheinende Dichtung zunächst auch einmal als bloße Ästhetik betrachtet werden, egal ob

sie neu gesucht, beschrieben und symbolisch genutzt (Baudelaire) oder ob sie sprachlich-

hermetisch geschaffen wurde (Rimbaud) ­ die Deutung dieser Ästhetik als Ausdruck einer

politischen oder gesellschaftlichen Aussage erfolgt erst in einem zweiten, von Hugo

Friedrich gemiedenen Schritt.

2

Alphonse de Lamartine ­

Le Vallon

Für

L′Isolement

, das eröffnende Gedicht der

Médiations poétiques

(1820), hat Erich

Köhler5 überzeugend herausgearbeitet, dass es nicht die biografische Deutung des Verses

,,un seul être vous manque et tout est dépeuplé" sein kann, welche dem ganzen

Gedichtband einen solchen Erfolg beschieden hat, sondern vielmehr das Erfassen eines

Lebensgefühls des Publikums, welches sich gesellschaftlich exiliert fühlt. Dieser

romantisme aristocratique

6 findet sich auch in

Le Vallon

. Kablitz7 (1985: 173f.) stellt

heraus, dass es sich zunächst um die Beschreibung eines

locus amoenus

handele, welcher

hier symbolischen Charakter für die vergangen Freuden habe (,,Ils [sc. deux ruisseaux]

mêlent un moment leur onde et leur murmure, / Et non loin de leur source ils se perdent

sans nom." vv. 11f.). Der plötzliche Abbruch der zeitweiligen Vereinigung wird an dieser

Stelle auch phonologisch und metrisch deutlich; den ersten Vers dominieren die Vokale

/o, oe, y/, welche die Semantik des Verses ,,Comme un enfant bercé par un chant monoton"

(v. 19) gleichsam lautlich vorwegnehmen, und die Zäsur nach ,,moment" wird durch diese

beruhigende Bewegung der lautlichen Vokalverschränkung überwunden, was den

elegischen Charakter8 verstärkt. Im Gegensatz dazu wirkt die Zäsur des folgenden Verses

sehr trennend, um dann in einen durch /s/-Häufungen (

s

our

c

e / il

s s

e perdent

s

ans nom)

verdeutlichten schmerzlichen Verlust überzuführen. Die so quälende Verlusterfahrung des

lyrischen Ichs darf nicht allein auf die Biografie des Autors zurückgeführt werden ­

besonders, wenn man an die Rezeption denkt; denn es ist keinesfalls auszuschließen, dass

Lamartines persönliche Trauer ein Anlass des Gedichtes war, aber ­ genau wie in

L′Isolement

­ fungiert die Naturszenerie als Seelenspiegel des lyrischen Ichs. In diesem

5 Köhler, Erich (1981): ,,Alphonse de Lamartine: ,,L′Isolement". Versuch einer sozio-semiotischen

Interpretation", in:

Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte

5 (1981). 129-150.

6 Begriff nach Bénichou in Stenzel (1980: 31).

7 Kablitz, Andreas (1985):

Alphonse de Lamartines ,,Méditations Poétiques". Untersuchungen zur
Bedeutungskonstruktion im Widerstreit von Lesererwartung und Textstruktur

. Stuttgart: Franz-Steiner-

Verlag.

8 Friedrichs (2006: 32) Beschreibung vom Lamartines Naturdichtung, sie sei ,,ein reiner Ton, von dem er

selber sagen durfte, er sei weich wie Samt", trifft diesen Effekt der elegischen Weichheit recht gut.

6



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