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Scholary Paper (Seminar), 2008, 31 Pages
Author: Olivia Frey
Subject: Romance Languages - French Literature
Details
Institution/College: University of Vienna (Institut für Romanistik)
Tags: Victor, Hernani, Dramentradition, Romantik, Hugo, Klassik, Klassisches Drama, Romantisches Drama
Year: 2008
Pages: 31
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 11 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-10312-6
ISBN (Book): 978-3-640-11383-5
File size: 284 KB
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Abstract
„Le romantisme, tant de fois mal défini, n’est à tout prendre, et c’est là sa définition réelle si l’on ne l’envisage que sous son côté militant, que le libéralisme en littérature“ (Hugo 1830: Zeilen 23-25; In Guilleron 2004: 44-45), schreibt Victor Hugo in der Vorrede zu seinem berühmten historischen Versdrama Hernani aus dem Jahre 1830. Allein dieser Satz macht deutlich, dass das Vorwort als Kampfansage gegen die etablierten literarischen Normen und Regeln der Klassik verstanden werden kann. Wie auch schon im Préface de Cromwell (1827), fordert Hugo die Ablösung des klassischen Dramas durch eine neue Art der Dramaturgie: „Liberalismus meint für den Dramatiker Hugo die Freiheit der Stoffwahl im historisch-politischen Bereich, Entgrenzung des Wortschatzes und freiere Metrik“ (Engler 2003: 141). Die Uraufführung Hernanis am 25. Februar 1830 in der Comédie Française markiert somit die Entstehung des romantischen Dramas: Die Originalität der Dramaturige Hugos ist Ausdruck einer innovativen Ästhetik, die kennzeichnend für die Romantik ist und sich ganz allgemein als Abkehr von der klassischen Doktrin (l’abandon de la doctrine classique) definieren lässt. Ausgehend von diesem Ansatz beschäftigt sich die vorliegende Arbeit zunächst mit den Unterscheiden zwischen klassischem und romantischem Drama, um im Anschluss daran zu zeigen, wie Hernani als Prototyp des romantischen Dramas den Forderungen der romantischen Ästhetik gerecht wird und daher oft als Symbol der Überwindung des klassischen Dramas bezeichnet wird.
Excerpt (computer-generated)
Literaturwissenschaftliches Proseminar II Französisch (330-F)
Theaterliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts
WS 2007/08
Victor Hugos
Hernani
:
Dramentradition vs.
Romantische Revolte
Olivia Frey
Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung 1
2.
Die Tradition des klassischen Dramas: la doctrine classique 1
3.
Das romantische Drama: la révolte romantique 7
4.
Hernani als Prototyp des romantischen Dramas 11
4.1. Abkehr von der Regel der drei Einheiten 11
4.2. Ablehnung der
bienséance interne
und der
bienséance externe
20
4.3. Stil- und Gattungsmischung 22
4.4. Auflösung des strengen Alexandriner-Rhythmus 25
5.
Zusammenschau 27
Bibliographie 28
1. Einleitung
,,Le romantisme, tant de fois mal défini, n′est à tout prendre, et c′est là sa définition réelle si
l′on ne l′envisage que sous son côté militant, que le libéralisme en littérature" (Hugo 1830:
Zeilen 23-25; In Guilleron 2004: 44-45), schreibt Victor Hugo in der Vorrede zu seinem
berühmten historischen Versdrama
Hernani
aus dem Jahre 1830. Allein dieser Satz macht
deutlich, dass das Vorwort als Kampfansage gegen die etablierten literarischen Normen und
Regeln der Klassik verstanden werden kann. Wie auch schon im
Préface de Cromwell
(1827),
fordert Hugo die Ablösung des klassischen Dramas durch eine neue Art der Dramaturgie:
,,Liberalismus meint für den Dramatiker Hugo die Freiheit der Stoffwahl im historisch-
politischen Bereich, Entgrenzung des Wortschatzes und freiere Metrik" (Engler 2003: 141).
Die Uraufführung
Hernanis
am 25. Februar 1830 in der
Comédie Française
markiert
somit die Entstehung des romantischen Dramas: Die Originalität der Dramaturige Hugos ist
Ausdruck einer innovativen Ästhetik, die kennzeichnend für die Romantik ist und sich ganz
allgemein als Abkehr von der klassischen Doktrin (
l′abandon de la doctrine classique
)
definieren lässt. Ausgehend von diesem Ansatz beschäftigt sich die vorliegende Arbeit
zunächst mit den Unterscheiden zwischen klassischem und romantischem Drama, um im
Anschluss daran zu zeigen, wie Hernani als Prototyp des romantischen Dramas den
Forderungen der romantischen Ästhetik gerecht wird und daher oft als Symbol der
Überwindung des klassischen Dramas bezeichnet wird.
2. Die Tradition des klassischen Dramas: la doctrine classique
Um in den folgenden Kapiteln besser darstellen zu können, inwieweit das romantische Drama
und insbesondere
Hernani
als dessen Prototyp mit den Regeln des klassischen Dramas (
le
drame classique
)
brechen, ist es zunächst erforderlich, letzteres zu charakterisieren.
Das klassische Drama entwickelt sich im 17. Jahrhundert und erlebt während der
französischen Hochklassik (1660-1685) besonders durch die Werke der Dramatiker Corneille,
Molière und Racine seinen Höhepunkt (vgl. Grewe 1998: 97). Im Allgemeinen ist
festzustellen, dass das 17. Jahrhundert in Frankreich eine Phase sprachlicher und kultureller
Normierungs- und Kodifizierungsprozesse darstellt, an deren Entwicklung Kardinal Richelieu
und die
Académie française
maßgeblich beteiligt sind. Konkret bedeutet dies, dass Sprach-
und Literaturtheoretiker um eine Standardisierung der Hoch- und Literatursprache sowie um
die Entwicklung eines kanonisierten Regelwerkes für das Verfassen von Literatur bemüht
sind. Auf diesem Weg entwickeln sich das moderne Französisch und eine spezifische Ästhetik
1
der Dichtkunst mit bestimmten Regeln und Normen, d.h. eine Lehre der Poetik, die so
genannte
doctrine classique
, die auch noch im 19. Jahrhundert die Literatur beeinflusst (vgl.
Grewe 1998: 35; vgl. Grimm 2005: 167).
Auch das klassische Drama basiert auf der Dichtungstheorie der
doctrine classique
,
wobei in Anlehnung an Stackelberg (1996: 62) anzumerken ist, dass diese fast ausschließlich
für die klassische Tragödie (
la tragédie classique
) von Bedeutung ist (weshalb man auch von
der ,,Regeltragödie" spricht) und dass eigentlich nur Racine als einziger klassischer
französischer Autor sie wirklich befolgt. Die folgende Abbildung zeigt eine schematische
Darstellung der
doctrine classique
, die im Anschluss daran ausführlich erläutert wird.
Abb. 1: ,,Die
Doctrine classique
" (Grewe 1998: 44)
Die Wurzeln der klassischen Doktrin reichen bis in das 16. Jahrhundert zurück und ihre
Entstehung wird durch die Wiederentdeckung von Aristoteles′ Poetik (
Von der Dichtkunst
,
um 335 v. Chr.), durch deren Übersetzungen und Kommentare sowie vor allem durch die
ausführliche Synthese von Julius Caesar Scaliger (
Poetices libri septem
, 1561), beeinflusst:
Darin verficht der Autor [Scaliger] das Prinzip der normativen Dichtungslehre auf
aristotelischer Basis, plädiert für Stiltrennung und Ständeklausel, betont aber, dass dies
alles nicht nur Aristoteles, sondern auch der Vernunft entspreche, die er als letzte,
entscheidende Instanz in allen Fragen der Dichtkunst ansah. [...] [D]ie klassische
Dichtungslehre ist also ebenso rationalistisch wie aristotelisch zu nennen. (Stackelberg
1996: 62-63)
2
Die Dichtkunst wird in der Klassik gemäß ihrer lateinischen Bezeichnung ,,
ars
poetica" in
erster Linie als Technik bzw. Handwerk angesehen, deren bzw. dessen Regeln erlernt werden
können und deren bzw. dessen Ziel ,,die vernunftgeleitete Nachahmung der Antike und der
Natur" (Grimm 2005: 167) ist. Erreichen wollen die französischen Schriftsteller dies über die
Nachahmung
(
imitatio, l′imitation
) klassischer (v.a. der griechischen und römischen Antike)
und moderner (z.B. italienischer und spanischer) Vorbilder. Zwar ist die
imitatio
an den
zentralen Begriff der Poetik des Aristoteles, die
mimesis
, angelehnt, ,,[d]och während für
Aristoteles das Ziel der Dichtung in der Mimesis der Natur liegt, schließt das Postulat der
Nachahmung bei den französischen Theoretikern die als mustergültig erachteten Werke der
,anciens′ mit ein" (Grimm 2005: 168). Die
imitatio
versteht sich jedoch nicht nur als bloße
Nachahmung antiker Schriftsteller, der Alten (
l′imitation des Anciéns
), und ihrer Werke wie
sie vor allem von den Humanisten im 16. Jahrhundert praktiziert wurde , sondern vielmehr
als Wettstreit (
aemulatio
,
l′émulation
), ,,als ein Wetteifern mit dem Ziel, die antike Vorlage
zu überbieten" (Grimm 2005: 168).
Außerdem muss sich die Poetik an bestimmte inhaltliche Regeln halten: Der
Wirklichkeitsbezug und Inhalt der Literatur ist die Nachahmung der Realität bzw. Natur
(
Mimesis
;
l′imitation de la nature
), deren Definition sich folgendermaßen gestaltet:
Natur meint [...] in keinem Fall eine äußere, landschaftliche Natur, sondern immer nur
eine ,nature humaine′ [...] [,] also primär eine anthropologische Kategorie [...]. Die
menschliche Natur [...] wird also als eine domestizierte Natur und als ebenso zeitlos
und geschichtsenthoben betrachtet. (Grimm 2005: 169)
Um überzeugend zu wirken, muss die Darstellung der Wirklichkeit dem gesunden
Menschenverstand (
le
bon sens
) und der Vernunft (
la
raison
) und somit auch der
Wahrscheinlichkeit (
la vraisemblance
) und dem Anstand bzw. der Schicklichkeit (
la
bienséance
) gerecht werden (vgl. Grewe 1998: 42-43). In diesem Zusammenhang muss aber
festgehalten werden, dass es dabei nicht um eine reine, realitätsgetreue Nachahmung der
Wirklichkeit bzw. Natur geht, sondern um die Repräsentation einer stilisierten, idealisierten
und nicht zeitgebundenen Realität:
Der Naturbegriff wird von zwei eng miteinander verknüpften Begriffen bedingt, dem
der Wahrscheinlichkeit, ,vraisemblance′, und dem der Schicklichkeit, ,bienséance′.
,Vraisemblance′ und ,bienséance′ sind die gleichsam ontologischen Voraussetzungen
aller Wirklichkeitsdarstellung. Dabei steht die ,vraisemblance′ in Opposition zu ,vrai′
und ,vérité′, die als untergeordnete, weil der Realität zu sehr verhaftete Kategorien
diskreditiert werden. Die Darstellung der Wirklichkeit nach dem Grundsatz der
,vraisemblance′ meint das Überschreiten des Einzelfalls in Richtung auf das
dahinterstehende Urbild [...]. (Grimm 2005: 168)
3
Da die Literatur in der Klassik eine moralische und erzieherische Funktion in der Gesellschaft
zu erfüllen hat, ist ihr wichtigstes Ziel das Erfreuen und Belehren (
plaire et instruire
), die
Verbindung des Angenehmen mit dem Nützlichen (vgl. Grewe: 1998: 42). Das
plaire
wird
generell als Mittel zur Erreichung des
instruire
verstanden, was bedeutet, dass der inhaltliche
Aspekt dem ästhetischen (formalen) Aspekt übergeordnet ist. Denn die primäre Aufgabe der
Kunst besteht darin, der Gesellschaft zu nützen: ,,Je mehr die Darstellung gefällt, desto höher
ist ihr erzieherischer Wert" (Grimm 2005: 170). Demnach soll ein Theaterstück das Publikum
mittels der Darstellung beispielhafter und wahrscheinlicher Situationen belehren sowie seine
Leidenschaften läutern besonders aus dem
dénouement
bzw. der
catastrophe
(der Auflösung
bzw. der Katastrophe) der Handlung soll der Zuschauer seine Lehren ziehen.
Die verbindlichen Regeln dieser normativen Poetik manifestieren sich primär als Regeln für
das Theater, der populärsten Gattung der damaligen Zeit. Die folgende Abbildung fasst die
Charakteristika der klassischen Dramaturgie (
la dramaturgie classique
), die anschließend
beschrieben und erklärt werden, zusammen:
Abb. 2: ,,Die
dramaturgie classique
" (Grewe 1998: 80)
Die Forderung nach Wahrscheinlichkeit der dargestellten Handlung bedingt auf der Ebene des
Inhalts bzw. Realitätsbezugs, dass nur das dargestellt wird, was der damaligen
gesellschaftlichen Auffassung über den Anstand bzw. die Schicklichkeit entspricht, was also
,,moralisch vertretbar und den guten Sitten angemessen ist" (Grewe 1998: 80). Es lassen sich
zwei Formen der
bienséance
unterscheiden:
Die
bienséance interne
bezieht sich auf die ,,psychologische Stringenz der
Personengestaltung" (Stackelberg 1996: 69) sowie auf die ,,psychologische Glaubwürdigkeit
der Figuren und ihrer Handlungen" (Grewe 1998: 43), d.h. deren Kohärenz: Zu Beginn eines
Stückes hat eine Figur einen ihr eigenen, etablierten Charakter, der sich bis zum Ende der
Handlung auf konsistente Art und Weise entwickelt und keinen drastischen psychologischen
4
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