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Subtitle: Innovative Entscheidungsfindung durch Politische Steuerung selbstorganisierter Netzwerke
Essay, 2008, 18 Pages
Authors: Dr. Stefan Schweizer, M.A. Pia-Johanna Schweizer
Subject: Sociology - Political Sociology, Majorities, Minorities
Details
Year: 2008
Pages: 18
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-10142-9
ISBN (Book): 978-3-640-11223-4
File size: 264 KB
Zur Co-Autorin Pia-Johanna Schweizer, M.A.: Studium der Soziologie und Anglistik in Stuttgart und Aberdeen, U.K. von 1996-2002. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung Technik- und Umweltsoziologie der Universität Stuttgart. Abschluss der Dissertation über das Thema „Diskursive Risikoregulierung: Diskurstheorien im Vergleich“ ist erfolgt, die Dissertation erscheint demnächst im Nomos Verlag Baden-Baden in der Schriftenreihe "Rechtspolitologie".
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Abstract
In vorliegendem Aufsatz wird die Reduktion und Verknüpfung von Selbstorganisations- und Netzwerkmodellen von Burt und Kappelhoff zu einer gehaltvollen Steuerungstheorie vorgenommen und mithilfe des Selbstorganisationsmodells „Strukturelle Kopplung“ sowie des „Modells der soziologischen Erklärung“ wissenschafts- und sozialtheoretisch fundiert. Diese theoretische Auseinandersetzung mündet in der Formulierung empirisch überprüfbarer Steuerungshypothesen und –theorien. Dabei wird durchgehend die Perspektive des politischen Systems eingenommen. Am politikfeldanalytischen Problem der Arbeitslosigkeit wird vor dem Hintergrund des beschriebenen Theoriengebäudes die Konzeptualisierung innovativer Problemlösungsstrategien vorgenommen. Ein Fazit lautet, dass eine optimale Steuerungsstrategie sich strukturelle Löcher in Netzwerken überbrückender Makler bedient, die in der Lage sind via Tausch und Verhandlung innovative Lösungen zu generieren.
Excerpt (computer-generated)
Innovation durch Governance - innovative Entscheidungsfindung durch Politische
Steuerung selbstorganisierter Netzwerke
von
Stefan Schweizer und Pia-Johanna Schweizer
Inhalt
In vorliegendem Aufsatz wird die Reduktion und Verknüpfung von Selbstorganisations- und
Netzwerkmodellen von Burt und Kappelhoff zu einer gehaltvollen Steuerungstheorie
vorgenommen und mithilfe des Selbstorganisationsmodells ,,Strukturelle Kopplung" sowie
des ,,Modells der soziologischen Erklärung" wissenschafts- und sozialtheoretisch fundiert.
Diese theoretische Auseinandersetzung mündet in der Formulierung empirisch überprüfbarer
Steuerungshypothesen und theorien. Dabei wird durchgehend die Perspektive des
politischen Systems eingenommen. Am politikfeldanalytischen Problem der Arbeitslosigkeit
wird vor dem Hintergrund des beschriebenen Theoriengebäudes die Konzeptualisierung
innovativer Problemlösungsstrategien vorgenommen. Ein Fazit lautet, dass eine optimale
Steuerungsstrategie sich strukturelle Löcher in Netzwerken überbrückender Makler bedient,
die in der Lage sind via Tausch und Verhandlung innovative Lösungen zu generieren.
Abstract
The following essay attempts the linkage of the theory of self-organisation ("Theorie der
Autopoiese") with the network theories by Burt and Kappelhoff in order to reduce these
different approaches into one theoretically powerful theory of governance. This is achieved
with the help of a model of self-organisation called "structural linkage" ("Theoriemodell
Strukturelle Kopplung") and the "model of sociological explanation" ("Modell der
soziologischen Erklärung". The aim of this endeavour is to propose empirically applicable
theories of governance. These are analysed from the political system′s perspective. The
innovative power for political decisionmaking of this essay′s theoretical framework is
illustrated by the issue of unemployment. One of the essay′s conclusions is that a successful
theory of governance uses entrepreneurs between structural holes in networks as a means for
generating innovative solutions via exchange and bargaining.
Inhaltsübersicht
1. Problemstellung und Forschungsfrage 2
2. Lösungsansatz 4
3. Intertheoretische Relationen bzw. Links 5
4. Das Theoriemodell Strukturelle Kopplung 6
Sozialtheoretische Ebene 8
5. Steuerungstheoretische Spezifizierung: Netzwerkansätze als strukturelle Handlungstheorie
und tauschsystemischer Ansatz 10
Burts strukturelle Handlungstheorie und die Fruchtbarkeit struktureller Löcher 11
6. Zwischenfazit 14
7. Das Beispiel Arbeitslosigkeit 14
1. Problemstellung und Forschungsfrage
Ausgangspunkt folgender Ausführungen der Teildisziplin Politische Theorie1 bildet die Frage,
wie es in der modernen Wissens- und Industriegesellschaft BRD zu Entscheidungen und
damit idealtypischer Weise verbundenen Innovationen kommt. Um nicht allein auf einer
metatheoretischen Ebene zu bleiben, werden die Ausführungen am Schluss durch den
Versuch einer empirischen Relativbildung anhand des Problems der Arbeitslosenbekämpfung
dargestellt. Es kann folgerichtig als Forschungsfrage formuliert werden:
Wie lässt sich aus der Sicht des politischen Systems bzw. politischer Funktionseliten
theoretisch anspruchsvoll und wissenschaftstheoretisch korrekt der Weg zur
Entscheidung in der Wissens- und Industriegesellschaft modellieren?
Diese übergeordnete Forschungsfrage bildet den Ariadnefaden durch die folgenden
Überlegungen. Im Folgenden wird das politische System genauer die Akteure des
politischen Systems mit politischen Funktionseliten gleichgesetzt.
Der Missbrauch des Elitenbegriffs im sogenannten Dritten Reich und die damit verbundene
Wertgeladenheit führten zu einem mit dem Demokratieverständnis verbindbarem
Funktionselitenverständnis. Demnach liegen "Wert und Bedeutung der E. (Eliten, S.S.) ... in
ihrer Führungsfunktion für die Gesellschaft."2 Konkretisiert bedeutet das, dass
"Funktionseliten ... primär weder aus einer ausgeprägten normativen Wertorientierung heraus
(agieren, S.S.), noch ... in der Regel über Machtpotentiale (verfügen, S.S.)."3 In unserem
Kontext wird die Funktionselite hin zur politischen Elite spezifiziert. Allerdings muss diese
nicht nur gemäß dem systemtheoretischen Paradigma im ständigen Austausch mit anderen
Funktionseliten wie z.B. wirtschaftlichen oder kulturellen stehen. Im systemtheoretischen
Diskurs4 ist es alleinige Aufgabe der politischen Funktionselite und des politischen Systems
für alle verbindliche Entscheidungen herbeizuführen. Es "schält sich so ein politisches System
heraus, das auf die gesellschaftliche Funktion der Selektion und Durchführung kollektiv
bindender Entscheidungen spezialisiert ist."5 Spezifizierung erfährt das systemtheoretisch-
1 Es handelt es sich innerhalb dieser Disziplin um Teilgebiete der Politischen Steuerung bzw. Politikfeldanalyse.
2 Christian Fenner, ,,Eliten" in: Axel Görlitz / Rainer Prätorius (Hrsg.), Handbuch der Politikwissenschaft:
Grundlagen Forschungsstand Perspektiven, Reinbek 1987, S. 68
3 Bernhard Boll, ,,Politische Eliten" in: Oscar W. Gabriel / Everhard Holtmann (Hrsg.), Handbuch politisches
System der Bundesrepublik Deutschland, München 1997, S. 600
4 Oscar W. Gabriel, ,,Systemtheorien" in: Oscar W. Gabriel (Hrsg.), Grundkurs politische Theorie, Köln, Wien
1978, S. 227
5 Richard Münch, Globale Dynamik, lokale Lebenswelten, Der schwierige Weg in die Weltgesellschaft,
Frankfurt am Main 1998, S. 31
eastonssche Steuerungsdogma der autoritativen Allokation von Werten für die Gesellschaft6
nun noch dahingehend, dass das politische System gesamtgesellschaftliche
Gestaltungskriterien generiert.
Zur Einlösung der Forschungsfrage vor diesem Hintergrund bieten sich verschiedene
Vorgehensweisen an. Die hier eingeschlagene Sichtweise politikfeldanalytischer Prägung
fokussiert die policy-, also die Politikinhaltsseite, da Entscheidungen in der Wissens- und
Industriegesellschaft bestimmte Politikinhalte, vorzugsweise in Form von Gesetzen und
Verordnungen, hervorbringen. Es ist also gefragt, "welches Resultat (policy) sich ergibt, wenn
in einem gegebenen politischen System (polity) eine bestimmte aber prinzipiell
veränderbare Problemlösungsstrategie (politics) eingeschlagen wurde oder antizipierend
eingeschlagen werden soll."7 Der Politikinhalt ist abhängige Variable und wird weitestgehend
von den unabhängigen Variablen des fest gegebenen politischen Systems und der variierbaren
Problemlösungsstrategie bestimmt. Politische Funktionseliten sind selbstverständlich
institutioneller (Bestand-) Teil des politischen Systems. Sie haben die jeweilige
Problemlösungsstrategie interaktiv mit anderen Funktionseliten zu modellieren. Wieso und
wozu braucht es aber (innovative) Problemlösungsstrategien im politischen Zusammenhang?
Politisch bewältigt werden soll dabei durch die jeweilig avisierte Steuerungsstrategie der
Steuerungs- und Regelungsbedarf signalisierende, problembelastete Realitätsausschnitt.8
Lokalisiert man den Weg zur Entscheidung zeitlich und räumlich innerhalb des Policy-
Making-Modells, so befindet man sich hier in der Phase der Politikformulierung.9 An diesem
Punkt wurde bereits ein gesellschaftlich artikuliertes Problem politisch perzipiert und
definiert. Die zur Entscheidung führenden Schritte bestehen in politischer Zielfindung,
Informationsgewinnungs- und Informationsverarbeitungsprozessen sowie Konfliktregulierung
und Konsensfindung inner- und außerhalb des politisch-administrativen Systems. Diese
Abläufe werden nun insbesondere dahingehend modernisiert respektive modifiziert, dass
Politikformulierung in und zwischen Netzwerken unterschiedlicher Teilsysteme und
Funktionselitenakteure stattfindet.
6 Dieter Fuchs, Die Unterstützung des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1989, S.
13
7 Klaus Schubert: Politikfeldanalyse, Opladen 1991, S. 27
8 Axel Görlitz, Hans-Peter Burth, Politische Steuerung, 2. überarbeitete Auflage, Opladen 1998, S. 50
9 Werner Jann, Kategorien der Policy-Forschung, Speyrer Arbeitshefte 39, Speyer 1981, S. 15 ff.
2. Lösungsansatz
Die obigen Ausführungen verweisen auf ein der Teildisziplin "Politischen Theorie und
Politische Steuerung" zugehöriges Begriffsinstrumentarium. Im Folgenden wird ein
theoretisches Begriffsverständnis politischer Steuerung vertreten, welches ein
politikwissenschaftliches Argumentationsmuster zur Lokalisierung, Beschreibung und
Erklärung von politisch gesetzten Programmformulierungen charakterisiert. Dadurch wird das
im politikwissenschaftlichen Diskurs gängige Verständnis politischer Steuerung, welches
Gestaltungsversuche des politischen Systems in andere soziale Systeme konnotiert,10 auf den
Prozess der Politikformulierung hin zugespitzt. Die eigentlich multiperspektivisch
verlaufende Phase des Politikformulierungsprozesses wird aus der Perspektive des politischen
Systems betrachtet. Dadurch wird die Akteurinteraktion aus der Warte des politischen
Systems heraus definiert.
Der Prozess der Politikformulierung ist ein Problem der politischen Steuerung. Politische
Steuerung meint somit die Fähigkeit der politischen Funktionselite, ihre Vorstellungen von
Problemlösungsansätzen bezüglich des problembelasteten Realitätsausschnitts im
Politikformulierungsprozess gegenüber den anderen am Prozess beteiligten Akteuren
durchzusetzen. Ein häufig artikuliertes Desiderat des steuerungstheoretischen Diskurses
verlangt die Aufarbeitung und Verbindung von vorhandenen Steuerungstheorien.11 Nach einer
kritischen Würdigung der in der Diskussion vorfindbaren Steuerungsmodellen und einem
daraus abgeleiteten speziellen Untersuchungsdesign lassen sich folgende Anforderungen an
eine erklärungskräftige Steuerungstheorie aufstellen:12
Konzeptualisierung der metatheoretischen Kommensurabilität von
Steuerungskonzepten
sozialtheoretische Begründung der Bedingungen für
Erklärungsanforderungen an Steuerungskonzepte
steuerungstheoretische Anleitung zur modularen Selektion von
Steuerungskonzepten.
Die Einlösung der Anforderungen bringt eine äußerst komplexe Theoriearchitektur hervor.
Auf die Linearität von steigender hochkomplexer und widersprüchlicher
10 Dietmar Braun, ,,Steuerungstheorien" in: Dieter Nohlen (Hrsg.), Wörterbuch der Politik, Band 1,München
1995, S. 611
11 Zuletzt Axel Görlitz, ,,Steuerung" in: Martin Greiffenhagen / Sylvia Greiffenhagen (Hrsg.), Handwörterbuch
zur politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland, 2., völlig überarbeitete und aktualisierte Auflage,
Opladen 2002, S. 467
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