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Der pädagogische Wert von Märchen

Essay, 2008, 15 Pages
Author: Dr. Stefan Schweizer
Subject: Pedagogy - General

Details

Tags: Wert, Märchen
Category: Essay
Year: 2008
Pages: 15
Bibliography: ~ 12  Entries
Language: German
Archive No.: V94653
ISBN (E-book): 978-3-640-10143-6
ISBN (Book): 978-3-640-11224-1
File size: 179 KB

Abstract

In vorliegendem Aufsatz soll aber ein anderer Sachverhalt beschrieben werden, nämlich wie Volksmärchen auf (kleine) Kinder wirken und was sie in diesen (kleinen) Kindern bewirken können. Dabei werden vor allem die in (allen) Märchen enthaltenen "erzieherischen" Komponenten betrachtet. Die damit verbundenen psychologischen Auswirkungen bezüglich der Kindesentwicklung werden angeschnitten. Miteinbezogen in diese Überlegungen werden ferner den Märchen zugeschriebene universelle und archaische Geltungsansprüche - auf die durch das erste Zitat hingewiesen werden sollte -, welche nicht zuletzt die gerade eben beschriebenen lernpsychologischen und -pädagogischen Einflüsse auf Kinder verstärken.


Excerpt (computer-generated)

Dr. Stefan Schweizer

: Studium der Politikwissenschaft und Germanistik von 1994 bis 2001 an den

Universitäten Tübingen und Stuttgart. Von 2001 bis 2002 Erstellung der Dissertation ,,Politische

Steuerung selbstorganisierter Netzwerke", erschienen 2003 im Nomos Verlag. Seit 2004 Arbeit an

,,Anthropologie der Romantik", erscheint Frühjahr 2008 im Schöningh Verlag. Autor zahlreicher

Publikationen in den Bereichen Wissenschaftstheorie, Wissenschaftsgeschichte, Literatur- und

Kulturwissenschaften. Tätigkeit als Studienrat und Lehrbeauftragter am Staatlichen Seminar für

Didaktik und Lehrerbildung Stuttgart (BS) im Fach Geschichte/Gemeinschaftskunde und

Koordinierungstätigkeiten im Bereich Praxissemester.

Der pädagogische Wert von Märchen

1. Einleitung 2

2. Gattungsunterscheidungen zwischen Volksmärchen, Mythos und Kunstmärchen 4

2.2 Volksmärchen und Kunstmärchen 6

3. Die Zahl Drei, ödipale Konflikte und deren Lösung in Volksmärchen 7

4. Der Ödipusmythos in Schneewittchen 8

5. Die Kunst des Märchenerzählens 10

6. Ausblick 12

1


1. Einleitung

Besonders in der Epoche der Romantik wurde der Sehnsuchtstraum nach archetypischen

Lebens- und Strukturformen auf Kunst- und Volksmärchen projiziert, denn es wurde

versucht, "durch die Magie des dichterischen Wortes ein versunkenes Reich zu beschwören,

in welchem das Leben noch heil ist, der Mensch noch im Einklang mit den Naturgewalten

steht."1 Lange Zeit vor und lange Zeit nach der Romantik gilt diese Funktionsumschreibung

von Märchen immer noch.

In vorliegendem Aufsatz soll aber ein anderer Sachverhalt beschrieben werden, nämlich wie

Volksmärchen auf (kleine) Kinder wirken und was sie in diesen (kleinen) Kindern bewirken

können. Dabei werden vor allem die in (allen) Märchen enthaltenen "erzieherischen"

Komponenten betrachtet. Die damit verbundenen psychologischen Auswirkungen bezüglich

der Kindesentwicklung werden angeschnitten. Miteinbezogen in diese Überlegungen werden

ferner den Märchen zugeschriebene universelle und archaische Geltungsansprüche - auf die

durch das erste Zitat hingewiesen werden sollte -, welche nicht zuletzt die gerade eben

beschriebenen lernpsychologischen und -pädagogischen Einflüsse auf Kinder verstärken.

Die Rezeption von Märchen, so eine wichtige These des Aufsatzes, kann Kindern helfen,

Probleme im Zusammenhang mit dem Heranwachsen besser zu bewältigen und zu

verarbeiten. Allerdings bedeutet solch eine einseitige, nur auf das Kind fixierte

Betrachtungsweise die Reduktion eines sich komplexer darstellenden Sachverhalts: Märchen

besitzen nicht nur die Möglichkeit alleine dem Kind in seiner Entwicklung zu helfen, sondern

auch Eltern können durch Märchen Teile ihrer eigenen Entwicklung - besonders im Bezug

auf die Kindeserziehung - besser zu verstehen suchen.

Man verdeutliche sich diesen Bezug, indem man an die vielen Märchen denke, in denen das

Thema Erziehung thematisiert wird, wahlweise "Hänsel und Gretel" und "Schneewittchen".

So wie der ursprünglich rein mündliche Vortrag von Volksmärchen ein interaktives

Kommunikationsmuster von Sender und Empfänger verlangt und damit die aktive

Partizipation zweier Seiten impliziert, verhält es sich auch mit der Lernfähigkeit und den

Sehnsuchtsprojektionen durch Märchen; denn Eltern können ebenso wie ihre Kinder

hinterfragen, was für wissens-, erstrebenswerte und positive Botschaften Märchen für sie

enthalten: "Nur wenn man den Eltern dazu verhilft, selbst reifer, wissender ... zu werden, ...

bestehen Chancen, daß dem Kind ein adäquates Milieu geschaffen wird ... (und, S.S.) daß

Erziehung immer mit Selbsterziehung des Erziehers verknüpft sein muß."2

1Migge, W., Clemens Brentano, S. 12

2Rattner, J., Alfred Adler, S. 95

2


Durch den elterlichen Vortrag von Märchen bestehen sowohl für das Kind als auch für die

Eltern Möglichkeiten zu lernen und dadurch in ihrer Individualentwicklung einen Schritt

nach vorne zu machen. Gemeinsames Lernen und aus dem gemeinsam Erlernten Positives für

das gemeinschaftliche Zusammenleben zu ziehen und die gemeinschaftliche Freude wäre eine

Idealvorstellung des Märchenvortrag und der Märchenrezeption.

Naturgemäß finden diese Lernprozesse für Eltern und Kinder auf unterschiedlichen

Entwicklungsstufen statt. Das mögliche Lernen aus Märchen lässt sich unter anderem durch

eine Art Verknüpfung von literarischer und psychologischer Sichtweise damit begründen,

dass "Dichtung eine dem Menschen wesentliche Weise der Bearbeitung seiner

Lebenswirklichkeit und der Auseinandersetzung mit ihr ist (und, S.S.) ... Daß Dichtung etwas

Wesentliches in unserem Leben zu bewirken vermag."3

Bei den Märchen spielen sich diese Lernprozesse bzw. Sehnsuchtsprojektionen - ob nun

bewusst oder unbewusst - seit Jahrtausenden in (beinahe) allen Kulturkreisen ab. Durch den

immer noch universal gültigen Geltungsanspruch von Märchen werden nach Vortrag bzw.

Rezeption derselben die Möglichkeiten einer geglückten Lebensbewältigung und der Be- und

Erwirkung positiver Momente im Individuationsprozess erhöht.

Im kontinentaleuropäischen Raum zu Anfang des 19. Jahrhunderts ist es hauptsächlich den

Brüdern Grimm zu verdanken, dass die zunächst "nur" mündlich weiter überlieferten

Märchen systematisch gesammelt und niedergeschrieben wurden. Erst mit Beginn der

Psychoanalyse wurden die viel- und tiefschichtigen Ebenen der Märchen gründlich

durchleuchtet und systematisch sichtbar gemacht.

Dem folgenden Aufsatz liegt vor allem das 1975 vom amerikanischen Psychologen Bruno

Bettelheim erschienene Buch "Kinder brauchen Märchen" zugrunde; eigene Überlegungen

und Thesen werden dem komplementär hinzugefügt, da eine explizit ausgeführte Theorie zu

dem Komplex Märchen in Bettelheims Buch selber nicht wirklich enthalten ist.

Im zweiten Kapitel wird eine Begriffsdifferenzierung zwischen Mythos, Märchen und

Kunstmärchen vorgenommen, um die einzigartige Relevanz von Märchen für Kinder - in

Abgrenzung zu den anderen genannten Gattungen - zu unterstreichen.

Das dritte Kapitel untersucht Märchen hinsichtlich (der Lösung) ödipaler Konflikte. Quasi als

Umkehrung von Kapitel drei wird im vierten Kapitel das Märchen "Schneewittchen" auf

ödipale Probleme der Eltern hin durchsucht.

Im letzten und vierten Kapitel wird noch darauf eingegangen, wie Märchen vorgetragen und

rezipiert werden sollten, da dies entscheidend für den Wert von Märchen für Kinder

überhaupt ist.

3


2. Gattungsunterscheidungen zwischen Volksmärchen, Mythos und

Kunstmärchen

Kinder suchen beim Heranwachsen Ordnung in ihrem sich kompliziert darstellenden Inneren

und Äußeren zu schaffen und ihrem Leben einen Sinn zu geben und diesen "Sinn finden sie

im Märchen."4 Entscheidende Funktion der Märchen ist dabei den Kindern, auf vorbewusster,

unbewusster oder bewusster Ebene Botschaften zu vermitteln, welche von unmittelbaren

menschlichen Nöten und Konflikten handeln. Auch sollten die Märchen Ernsthaftigkeit im

Umgang mit diesen existentiellen Ängsten an den Tag legen und gerade deshalb - oder aber

vielleicht auch dennoch - gilt: Die im Märchen auftauchenden erwähnten Problembereiche

werden immer einer für das Kind positiv erscheinenden Lösung zugeführt.5

Nach Bettelheim kann das Märchen nur deshalb eine so große psychologische Wirkung auf

das Kind ausüben, weil es ein Kunstwerk - und eng damit verbunden - Fiktion ist.6 Fiktion,

die erzählt, kann neue Lebensräume und Lebensentwicklungen eröffnen, die sowohl in der

psychologischen Verfasstheit als auch im extremeren Fall bei der physischen Tat der

Rezipienten reale Auswirkungen besitzen können.

Andere Erzähltextgattungen weisen märchenähnliche Strukturen auf, haben aber nach

Bettelheim nicht die gleichen psychologischen Wirkungsmöglichkeiten wie diese. Um diese

Hypothese nachvollziehen zu können, soll im folgenden ein kurzer Vergleich zwischen

Märchen und Mythos und Märchen und Kunstmärchen angestellt werden.

2.1 Volksmärchen und Mythos

Zeitlich geht der Mythos dem Märchen voraus und es ist denkbar, dass Mythos und Märchen

einst als "verbundene Gattungen eine Art friedlicher Koexistenz" geführt haben. Der Mythos

wird als Versuch früher Kulturstufen gesehen, "Fragen des Ursprungs der Welt ..., ihres

Endes ..., der Entstehung der Götter ..., der Menschen ... und bestimmter Naturphänomene ...

in Bildern, durch Personifikationen ... oder mehr oder weniger ausgeschmückte

Geschehnisfolgen zu erfassen. Der Mythos läßt sich auch als Versuch erklären, Moralisches,

Existentielles oder Mystisches in Symbolen zu gestalten."7 Der Mythos ist also dieser

3Kaiser, G., Wozu noch Literatur?, Über Dichtung und Leben, S. 10

4Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen, S. 11

5Ebd., S. 12 und 17

6Ebd., S. 19

7Metzler Literatur Lexikon, S. 316

4



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