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Carmina Burana

Presentation (Pre-University), 2000, 12 Pages
Author: Raphael Stirnimann
Subject: Latin

Details

Tags: Carmina, Burana
Category: Presentation (Pre-University)
Year: 2000
Pages: 12
Language: German
Archive No.: V95567
ISBN (E-book): 978-3-638-08245-7

File size: 135 KB


Fulltext (computer-generated)

Carmina Burana

Raphael Stirnimann

 Aus den über 200 Nummern der Sammlung, wählte Orff seine 24 Stücke nach ganz bestimmten Gesichtspunkten aus; Nicht weniger als 18 stammen aus der zweiten Abteilung, der sogenannten Liebeslieder, und Orff bevorzugt Texte aus der –geistig wie sozial– primitivsten Schrift.


Auch scheut er sich nicht, einzelne Strophen wegzulassen, sie umzustellen oder aus längeren Gedichten nur einige oder eine Strophe herauszugreifen.



 

FORTUNA, HERRSCHERIN DER WELT

Orff 1. (=Orff 25) (CHOR)

Übersetzung:

Oh Fortuna, gleich dem Monde bist du stets veränderlich,

Immer wächst du oder nimmst du ab: verwünschenswert ist das Leben,

Erst umschmeichelt, dann misshandelt es spielerisch den klaren Geist,

Armut und Macht lässt sie schmelzen wie Eis.

 

5 Du schreckliches und eitles Schicksal, Rad, du ständig kreisendes,

Üble Lage, nichtige eitle Wohlfahrt, keins von beiden hat bestand,

Nachtumschattet und verschleiert setzest du auch mir zu;

Nun trage ich durch das Spiel deiner Ruchlosigkeit einen nackten Rücken;

("Dank dem Würfel deiner Tücke geh ich nachten Leibs einher." {Joseph Eberle})

Das Los meines Heils und meiner Tugend ist mir nun entgegengesetzt,

("Wohlergehen, rechter Wandel sind mir feindlich zu der Zeit.")

 

10 Willenskraft und Willensschwäche sind beständig in der Fron.

(Drum) zu Stunde ohne zögern den Schlag der Saite;

("Rührt der Laier Saiten an.")

Dass Fortuna durch das Würfelspiel (auch) den Starken niederstreckt, beklagt alle mit mir!

Kommentar:

Das Lied ist zum Teil lateinisch schwer verständlich; Der Inhalt kommt über der gedrechselten Form zu kurz. Das Gedicht ist zweiteilig: Von der dritten Zeile der zweiten Strophe ab tritt die Person des Dichters mehr in den Vordergrund. Am Schluss fordert er die Gesellschaft auf, mit ihm zu beklagen.

Orff 2. (C.B. 16) (CHOR) Klage eines vom Glück, das ihm früher war.

Einleitung:

Das Gedicht nimmt das letzte Wort von Nummer 1 (plangite) wieder auf und ist auch wie jenes zweiteilig aufgebaut:

 

Strophen 1 und 2:        Klage über das eigene Schicksal

Strophe 3:                Enthält eine Warnung an andere

 

Übersetzung:

Fortunas Wunden beklage ich mit tropfenden Äuglein (nassen Auges),

Weil mir die treulos ihre Gaben wegnimmt.

Wahr ist, was man liest: Die Gelegenheit (occasio) hat zwar eine gelockte Stirn,

Aber meistens folgt sie kahl.

(Eberle: "Wahr ist’s was man lesen kann, von dem Schopf des Glücks,

Doch meistens zeigt Gelegenheit uns später eine Glatze.")

 

Kommentar:

"Occasio" ist die Transkription des griechischen "kairós" des flüchtigen Augenblicks zwischen zu früh und zu spät, den es zu erkennen und zu ergreifen gilt, der naheliegende Moment, in dem gelingen kann, was vorher und nachher nicht gelingt. Mänaden, ein griechischer Komödiendichter hat den "kairós" einen Gott genannt, doch ein Kult ist uns nur für Olympia bezeugt: Am Eingang zum Stadion, so gesteht uns "Baedeker" der Antike, Pausanias, habe ein Altar des Kairós gestanden (das Gespür für den richtigen Augenblick ist für Spitzensportler entscheidend. Eine berühmte, oft kopierte Statue des Lysipp aus dem 4. Jahrhundert vor Christus stellte den Gott dar, wie er auf beflügelten Füssen, mit den Zehenspitzen leicht den Boden berührend flüchtig vorübereilt. Lysipp hatte dem flüchtigen Gott volles Stirnhaar, doch einen kahlen Hinterkopf gegeben, wer ihn, den glückhaften Augenblick festhalten will, der muss ihn im Herannahen, von vorn beim Schopfe fassen, wer ihn zögernd vorübereilen lässt, hat das Nachsehen: Er greift an den kahlen Hinterkopf bzw. ins Leere. Von diesem "kairós" mit der Haarlocke in der Stirn und dem kahlen Hinterkopf stammt unsere Wendung: Die Gelegenheit beim Schopf packen. 5 Auf Fortunas Thron hatte ich hoch gesessen,

Gekrönt mit dem bunten Blumenkranz des Erfolgs;

Wie sehr ich auch damals blühte, glücklich (felix) und gesegnet (beatus),

Jetzt bin ich von höchster Höhe gestürzt, bar [ohne] des Ruhms.

Fortunas Rad dreht sich; ich sinke hinab, erniedrigt;

 

10 Ein anderer wird in die Höhe gehoben; Allzu hocherhoben

Sitzt der König dem Scheitelpunkt –hüte er sich vor dem Sturz!

Denn unten am Rad lesen wir : Königin Hecuba (Hecuba: Topos (Wendung) für den gestürzten einst glücklichen Menschen.)

 

Kommentar:
Den Wechsel des Menschenglücks hat das Mittelalter im Bild der "rota fortunae", des "Rades der Fortuna", des "Glücksrades" dargestellt. Dieses Motiv ist als Miniatur der Handschrift der Carmina Burana vorangestellt: Fortuna dreht das Rad, das die Menschen in die Höhe trägt und wieder in die tiefe Stürzen lässt. Diesen Gedanken "des Kreislaufs der Menschendinge" (Herodot: "Dass es einen Kreis der menschlichen Dinge gibt und dass dieser, sich drehend, nicht zulässt, dass immer dieselben (Menschen) im Glück sind. Sind vielleicht das berühmte Riesenrad im Prather in Wien und die übrigen kleinen und grossen Riesenräder unserer Chilbiplätze Vergegenwärtigung dieses Glückumschwungs?), dieses auf und ab des Menschenlebens, hat eines der kürzesten Gedichte der Carmina Burana in einem einzigen Vers so umschrieben:

 

Regnabo, regno, regnari sum sine regno. (18 a)

Ich werde regieren, ich regiere jetzt, ich habe regiert, ich bin ohne Herrschaft

I     Im Frühling

Einleitung:

Die Lieder 3 bis 10 preisen die Lieblichkeit des Frühlings mit den neu sich begrünenden Fluren, Auen und Wäldern, die aufblühende Liebe und die Mädchen und Frauen.

 

Orff 3.

Übersetzung:

Das fröhliche Gesicht des Frühlings wird der Welt nun geschenkt,

Des Winters Härte ist besiegt und wird nun in die Flucht geschlagen,

In buntem Kleid regiert Flora,

Die vom süss tönenden Gesang in den Wäldern gepriesen wird.

 

5 Geschmiegt in Floras Schoss lacht Phoebus

Aufs Neue und Zephyr wird nun von bunten Blumen

Nektarduft armend, dicht umgeben.

Um die Wette wollen wir eilen für den Siegespreis in der Liebe.

 

10 Die süsse Nachtigall schlägt mit ihrem Gesang die Zither,

Im bunten Blumenkleid lachen nun heiter die Weisen,

Es hüpft der Vogelschwarm durch den lieblichen Wald,

Der Reigen der jungen Frauen bringt nun tausendfache Freuden.
Orff 4.
Übersetzung:
Alles macht die Sonne lind, die reine, feine,

Das Gesicht des Aprils schliesst der Welt neues auf,

("Der April erschliesst sein Antlitz der neuen Welt")

Nach Liebe strebt jedes Männerherz

Und über alles liebliche regiert der Götterknabe.

("Und die Fröhlichen beherrscht der Götterknabe.")

 

5 Die unerhörte Erneuerung der Natur im festlichen Frühling

Und des Frühlings Machtgebot heisst uns, uns zu freuen;

Er bietet den gewohnten Wechsel, doch in deinem Frühling

Herrschen Treue und Redlichkeit, um deinen (Freund) festzuhalten.

 

9 Liebe mich treu, achte auf meine Treue

Mit ganzem Herzen und ganzer Seele.

Bin ich bei dir, der Entfernten (absens), bin ich auch fern.

Jeder der so liebt wird auf dem Rad gedreht.

  • ("Jeder der anders liebt wird auf dem Rad gedreht.")

Orff 5.

Übersetzung:

Siehe, der willkommene und ersehnte Frühling bringt die Freuden zurück,

Purpurfarben blüht die Wiese, die Sonne macht alles froh,

Nun, nun soll weichen die Traurigkeit!

Der Sommer kehrt zurück, jetzt weicht des Winters Tyrannei.

 

5 Nun schmelzen hin und vergehen Hagel, Schnee und alles andere,

Der Winter flieht und an des Sommer Brüsten saugt bereits der Lenz:

Jener ist ein armer Kerl,

Der nicht lebt und nicht ausgelassen ist unter des Sommers Regiment.

 

9 Es rühmen und freuen sich in honigsüsser Zeit,

Die es wagen, Cupidos (Amors) Lohn zu geniessen;

Auf Cypris‘ Geheiss

Wollen wir uns rühmen und uns freuen Paris gleich zu sein.
 

Kommentar:
Die Wiederkehr von Sonne und Wärme und allem, was sie an angenehmem hervorbringen, war für den mittelalterlichen Menschen geradezu ein Neugeborenwerden. Von den drei Liedern des Teils "Primo vere" ist dies das unmittelbar eingängigste: Die duftige teilweise im Staccato vorgetragene Melodie spricht unseren rhythmischen Sinn unmittelbar an. Orff gestaltet es durch das bei ihm häufige Mittel der Wiederholung noch weiter aus. Das ganze Lied durchläuft ein grosses Crescendo, das am Schluss in jubelndes Fortissimo mündet. Der Gedanke des Liedes ist Musik geworden.

UF DEM ANGER

Orff 6.

Einleitung:

Ein rein instrumentaler Tanz in dem Orff Elemente der Volksmusik verwendet, leitet den Teil "uf den Auger" ("of de Wise") ein.

Orff 7.

Übersetzung:

Es prangt der edle Wald                                                           Es blüht der Wald allenthalben,

in Blumen und in Blättern.                                                          Ech prange uf min liebe Schatz.

wo ist mein altvertrauter                                                            Grüen werd de Wald scho öberal,

Freund geblieben?                                                                 Wo blibt ächt mi Schatz eso lang?

Er rief von hinnen,                                                                     Fortgrette esch er, wiit wiit ewäg,

Ach, wer wird mich minnen?                                                      Oie, wär werd mech gärn ha?

 

Kommentar:
Das Lied, eine Art Liebesbalade, stellt ein Beispiel für Mischpoesie dar. Deutsch war die Muttersprache des Verfassers, Latein die Vatersprache. Wieder ein Beleg für die internationalität der damaligen. Das lateinische Gedicht ist formal besser: glatt, geschmeidig, durch Stabreim (floret – floribus et foliis) und dreisilbigen Endreim ausgezeichnet.

Der deutsche Teil ist formal primitiver: unreine Reime. Dafür natürlicher und schlichter. Elemente der Volksmusik sind auch in Nummer 7 wieder verwendet: Das Lied ist in einem immer wieder von Taktwechsel unterbrochen tänzerischen Walzertakt rhythmisiert. Auch das Mittel der Wiederholung tritt stark hervor; Damit wird die immer wiederkehrende Sehnsucht ausgedrückt.

Die Zeilen "hinc aequitarit" bzw. "der ist geritten hinnen" lässt Orff von einem spöttelnden Männerchor im Decrescendo ausmahlen, während die Fragen ebenso wie die Klage, am Schluss jeder Strophe von Frauenstimmen gesungen werden.


Orff 8. (Soli und Chor) {Eigentlich aus Passionsspiel, die Verse gesprochen von Maria Magdalena}.

Übersetzung:

Chrämer geb mer Farb, wo mini Bäggli rot machid,

Dass ech die jonge Porschte, au wänns ned wend, zor liebi zwenge cha.

Refrain: Lueged mech a, jongi Manne! Üch möcht ech gfalle!

 

4 Ehr rächte Männer, nämid settigi Fraue, wo mer gärn cha ha!

Liebi macht üch schtarch ond gross ond lod üchi grosse Ehre glänze!

Refrain: Lueged mech a, jongi Manne! Üch möcht ech gfalle!

 

7 Bravo Wält, du gesch eso vell Fröid!

Ech wott der emmer folge, glaub mers, wel du mech eso gärn hesch.

Refrain: Lueged mech a, jongi Manne! Üch möcht ech gfalle!
 

Kommentar:

Hier ist wieder wie in Nummer 7 von Liebe (Minne) und sogar von minnen Liebe die Rede. In diesem Gedicht lässt sich gut der Unterschied zwischen dieser Liebesdichtung und dem deutschen hohen Minnesang erkennen. Er beruht auf der verschiedenen sozialen Stellung der Frau. Hier wirbt das Mädchen aktiv um den Mann, im Minnesang ist die Frau die umworbene, bleibt selbst aber passiv.

Orff lässt den grossen Chor mit einem Summchor abwechseln. Während die Frauen ihr Werbelied singen und die Freuden der Welt preisen, schmunzeln die Männer nur dazu. Orff ironisiert den Mädchenteil besonders in der 3. Strophe.


Orff 9a. (Orchester)
Einleitung:
Ein rein instrumentaler Tanz, wie Nummer 6.

Orff 9b. (=9d)
Einleitung:
Orff lässt noch einmal nach dem zarten Sehnsuchtslied der Mädchen ihre scheinbar abweisenden Worte folgen. Das verstärkt die beabsichtigte Ironisierung.

Orff Orff 9c. (kleiner Chor)
(kleiner Chor)
Übersetzung:

Chom doch chom mi liebe Schatz, scho lang plange ech om dech.

Scho lang plange ech om dech, chom doch chom mi liebe Schatz.

Müüli, süess ond roserot chom ond mach mech weder gsond.

Chom ond mach mech weder gsond, süesses ond roserots Müüli.

 
Kommentar:


Wie wenig das oben in 9b von den Mädchen gesagte ernst zu nehmen ist, zeigt das in 9c unmittelbar daran angefügte Sehnsuchtslied der Mädchen nach dem "Gesellen", Freund.

Orff Orff 10. (Chor)
Übersetzung:
Ghörti au die ganz Wält i mer

Vom Meer bes zom Rii,

Das gäb ech gärn uf,

Wänn deför d’Königin vo Ängland

5 I mine Arme wörd legge.

 
Kommentar:

Nicht nur die Frau ersehnte die Geliebten (9c), sondern auch der Mann ist bereit, alles für die "Chünegin von Engellant" hinzugeben: Verzicht auf Ehre und Macht zu Gunsten der Frau.

 Warum hat Orff die beiden Abschnitte "primo vere" und "uf dem anger" unter einer Nummer zusammengefasst?

 I Der zweite Abschnitt entwickelt sich aus dem ersten: Der Frühling ist zurückgekehrt und löst neue Freude aus,

die nun im Tanz auf der Dorfwiese ihren Niederschlag findet.

 II  Das Liebesmotiv ist beiden Abschnitten gemeinsam: In diesem Frühling der Natur klingen schon viele Motive   an, die dann im "Cour d’amour" im dritten Teil ihre Vollendung finden werden. Dieser Spannungsbogen wölbt sich über den Teil 2 hinweg und schliesst sich mit ein.

 




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