SL: Wir sprechen heute über das Thema Selfpublishing. Möchtest du dich kurz vorstellen?

KS: Hallo, mein Name ist Kirsten Sörries und ich bin seit 2019 Geschäftsführer bei GRIN.

SL: Wo siehst du die Vorteile des Selfpublishings?

KS: Selfpublishing ist für mich ein sehr demokratisches Thema. Wenn man zurückschaut, so Anfang der 2000er – da war ich gerade mit dem Studium fertig und im ersten Job – gab es die ersten Blogs.

Auf einmal war es für jemanden, der aus technischen oder finanziellen Gründen keine große Webseite betreiben wollte oder konnte, möglich, über die Google Software Blogger ein eigenes Magazin, einen Blog herauszubringen. Die Einstiegshürden wurden sehr niedrig gewählt bzw. sind es geworden, wodurch die Blogger-Szene explodierte. Auf einmal gab es zu den spannendsten Themen Blogs.

Im Prinzip macht Selfpublishing genau das gleiche. Die Einstiegshürden sind niedrig und man ist in der Lage, Textinhalte zu veröffentlichen, ohne allzu sehr an klassische Verlagsprozesse gebunden zu sein.

Im klassischen Verlag reiche ich mein fertiges Manuskript ein, muss dann für mein Thema begeistern und davon überzeugen, dass sich so ein Inhalt als Buch verkauft. Da sind die Einstiegshürden hoch. Beim Selfpublishing hingegen habe ich die Möglichkeit, auch Nischenthemen zu veröffentlichen.

Es gibt diesen schönen Spruch „In jedem Menschen stecken drei Bücher“ und wir freuen uns immer, wenn die Leute uns ihre Texte bringen, denn es gibt wirklich tolle Nischenthemen.

Es gibt natürlich auch im Selfpublishing die Bücher, die auf Anhieb extrem erfolgreich sind und das vorhin erwähnte Demokratisieren ist der Punkt: jeder hat die Chance, ein erfolgreiches Buch zu schreiben.

SL: Das finde ich sehr spannend. Mir war gar nicht so bewusst, dass Bloggen eine Art Selfpublishing ist. Man schreibt sein Wissen nieder und teilt es – genau wie im Selfpublishing. Außer, dass da oftmals noch ein Dienstleister ist, der einem hilft.

Beim Bloggen gibt es viele, die beispielsweise über ihr Hobby schreiben. Was würdest du sagen, für welchen Typ Autor bietet sich Selfpublishing an?

KS: Bei GRIN haben wir eigentlich zwei Typen von Autoren. Wir haben diejenigen, die bereits fertige Texte in der Schublade haben, beispielsweise eine Hausarbeit, Bachelor- oder Diplomarbeit. Für diese Autoren bietet sich Selfpublishing an, sie können einfach ihren Text bei uns oder einem anderen Selfpublisher hochladen, bekommen im Idealfall in regelmäßigen Abständen ihre Honorare und haben die Möglichkeit, ihr Buch selbst zu vermarkten.

Auf der anderen Seite bietet Selfpublishing sich für Fachbuch-Autoren an, die sagen: „Ich möchte ein Buch über dieses Thema schreiben, weil es mir unheimlich wichtig ist, finde aber keinen Verlag, der es publizieren möchte.“ Wir haben beispielsweise eine tolle Riege an Autoren, die ins Rentenalter übergehen und endlich Zeit haben, ihr Buch zu schreiben und das dann auch tun.

Mitte 2019 haben wir viele Autoren gesehen, die zum Thema Vanlife geschrieben haben. Das war ein so schnelles, dynamisches Thema. Jetzt, in Zeiten der Pandemie, ist das nicht nur in, es ergibt wahnsinnig viel Sinn. Diese Bücher verkaufen sich gerade toll.

Kurz gesagt: Wenn ich von meinem Inhalt überzeugt bin, ist Selfpublishing für mich eine gute Möglichkeit, mein Buch einem großen Publikum zugänglich zu machen.

Gleichzeitig bin ich aber als Autor mehr gefordert, was die Vermarktung und die Prozesse dahinter angeht. Wenn ich also jemand bin, der genaue Vorstellungen davon hat, wie das Buch aussehen soll und sich da nicht hineinreden lassen möchte, bietet sich das an.

SL: Ich finde es auch toll – ich war ja selbst Studentin – dass die Bachelorarbeit, in die man so viel Arbeit gesteckt hat, nicht einfach nur herumliegt. Meist liest die Arbeit ja keiner außer den Dozenten. Wenn man sie aber publiziert, kann man anderen damit helfen und auch noch Geld verdienen.

KS: Da ist die Aktualität von Themen natürlich auch ein großer Vorteil. Wenn ich ein sehr aktuelles Thema habe, bietet sich Selfpublishing ebenfalls an. Wieder ein Beispiel aus 2019: das Thema Brexit. Da haben wir viele Texte eingereicht bekommen. Auch zum Thema Fridays for Future und Greta Thunberg hatten wir auf einmal 20-30 Bücher. Ich kann im Selfpublishing ein komplettes Buch herausbringen in der Zeit, die klassische Verlage benötigen, den Vertrag mit Autoren aufzusetzen. Dadurch haben Themen eine große Aktualität und ich kann als Autor da sein, wenn es auch die Nachfrage ist. Das ist ein Riesenvorteil.

SL: Würdest du dann sagen, dass die aktuellsten Bücher sich am besten verkaufen? Oder gibt es noch andere Sparten? Wir haben ja sehr viele Bücher, darunter zahlreiche Nischenthemen. Was funktioniert denn bei GRIN am besten?

KS: Es gibt nicht das eine Erfolgsrezept. Definitiv wichtig ist, dass die Qualität gut ist. Deshalb ist z. B. die Note einer Haus- oder Abschlussarbeit ein wichtiges Kriterium, was sehr nachvollziehbar ist.

Auch Nischenthemen verkaufen sich immer wieder gut. Das sind unkonventionelle Themen wie beispielsweise „Wie kann ich ein Surfbrett bauen?“. Und klassische Themen, wie eine Literaturbesprechung von Goethes „Faust“, sind ebenfalls beliebt, weil es immer Bedarf gibt.

Anfang 2020 mit Beginn der Pandemie haben wir auf einmal sehr viele Bücher zum Thema Webinare und Digitalisierung verkauft. Die Bücher, die aktuell sind, haben Riesenvorteile.

Damit möchte ich aber nicht sagen: „Schreibt ein Buch zur Digitalisierung“.

Wichtig ist, dass man von seinem eigenen Buch überzeugt ist und die Chance nutzt, es veröffentlicht und es dann später auch gut vermarktet, indem man es beispielsweise in seinem Instagram-Account vorstellt – das sind die Dinge, die ein Buch erfolgreich machen. Wenn es die Leute interessiert, nimmt es Fahrt auf. Verkauft sich das Buch gut bei Amazon, steigt es dort im Ranking höher und der Effekt des Verkaufes beschleunigt sich.

Wir als Verleger können es nicht absehen. Wir haben ehrlich gesagt schon einmal versucht herauszufinden, ob es möglich ist, durch einen Algorithmus den Erfolg eines Buches vorherzusagen, aber es ist zu individuell.

Also: Es gibt nicht das eine Rezept, im Selfpublishing kann im Prinzip jedes Rezept zum Erfolg führen.

Ehrlicherweise muss man sagen, dass es Bücher gibt, die sich fast nie verkaufen. Das ist aber natürlich auch im klassischen Buchhandel so.

SL: Auch da kann man es einfach nicht immer voraussehen. Man kann zwar gewisse Dinge planen, aber am Ende liegt es bei den Verbrauchern, ob sie das Buch annehmen oder nicht.

Zum Thema Aktualität: wenn jemand gerade eine Bachelor-, Master- oder Doktorarbeit zum Thema Digitalisierung, Pandemie oder Homeschooling bei sich in der Schublade hat, rate ich, diese jetzt hochzuladen. Damit trifft man momentan den Trend und steigert die Verkaufschancen, weil das gerade gebraucht wird.

Was würdest du sagen, was GRIN als Selfpublisher besonders macht?

KS: Wir sind nicht nur ein Selfpublisher, sondern deutlich mehr. Unser Vertriebsnetzwerk mit dem deutschen und internationalen Buchhandel, Amazon, aber auch mit sämtlichen E-Book-Plattformen wie google, kindle etc. ist das eines klassischen Verlages.

Gegenüber dem Standard-Selfpublisher haben wir wiederum eine starke Qualitätskontrolle. Wir haben eine große Redaktion hier in München, die die Texte auf Qualitätsstandards kontrolliert, wie z. B. die Note, dass der Text wissenschaftlich sauber gearbeitet ist, was das Thema Zitieren von Quellen, Literaturverzeichnis etc. angeht. Die Dinge eben, bei denen wir alle im Studium immer gehofft haben, „hoffentlich haben wir da alles richtig gemacht“. Das kontrollieren wir und geben dem Autor wichtiges Feedback in diesem Prozess. Wenn z. B. eine Graphik oder das Buch nicht gut geeignet ist für den Druck, teilen wir das mit. Das heißt, bei uns läuft nichts automatisch durch und das ist uns wichtig. Häufig ist es ein Stereotyp, dass Selfpublishing gleich schlechte Qualität ist und das stimmt nicht.

Ein weiterer Punkt, der uns ausmacht, ist: wir haben die Selfpublishing-Möglichkeiten, wir bringen das Ganze in den klassischen Vertriebsweg, aber unser eigener Onlineshop – das sind mittlerweile sogar vier – ist extrem groß und stark geworden, gerade was die Sichtbarkeit angeht. Zu fast jedem Schlagwort wird man wahrscheinlich einen Treffer zu einem Buch oder E-Book bei GRIN finden. Das heißt, wir bieten neben dem klassischen Buchhandel unsere eigene Plattform als Shop an.

Und es ist wichtig, wie wir mit Kunden und Autoren umgehen. Wir haben einen Kundensupport. Wir haben keine Chatbots, wir haben kein Telefonrouting à la „Drücken Sie die 2, um zu XY zu kommen“. Das ist mir persönlich wichtig. Bei uns spricht man als Autor meistens mit den gleichen Ansprechpartnern und jede Frage wird bearbeitet. Dabei gibt es selten die Aussage „Da finden wir keine Lösung“, im Gegenteil, das Team macht da einen großartigen Job und ist immer bemüht für Autoren oder Kunden Lösungen zu finden, mit welchen sie gut leben können. Das macht uns ebenfalls aus.

Wir haben ein tolles Team, das dieses Thema lebt. Viele unserer Redakteure schreiben selbst Bücher und sind da sehr aktiv, da haben wir eine große Affinität zu und ich glaube das merkt man. Uns macht es einfach Spaß!

SL: Das stimmt. Ich glaube, dass vielen nicht bewusst ist, dass auch hinter Selfpublishing Qualitätskontrollen stehen. Man nimmt oft an, dass man komplett alleine gelassen wird, dass man hochlädt und dann verschwindet der Text irgendwo im Internet. Das ist bei uns nicht so, es gibt Kontrollen, Feedback und unser Vertriebsnetzwerk. Man muss ja dazu sagen, dass dieser komplette Service kostenlos ist.

KS: Genau. In Wirklichkeit startest du in dem Moment, in dem du deinen Text hochlädst, einen Dialog. Und du kannst jederzeit anrufen oder schreiben und sagen „Ich habe eine Frage zum Vertrag“ und die Frage wird beantwortet. Keiner sagt: „Jetzt schließe endlich den Vertrag ab“, da wird sich Zeit genommen.

SL: Das hört sich natürlich alles gut an – es wird sich Zeit genommen, man wird an die Hand genommen, es gibt Qualitätskontrollen. Gibt es deiner Meinung dennoch Nachteile des Selfpublishings gegenüber einem klassischen Verlag?

KS: Ja, die gibt es natürlich, damit muss man ganz offen umgehen.

Es gibt Verlage, die, wenn sie von einem Buch überzeugt sind, ein Einmalhonorar zahlen und Autoren später an den Verkaufszahlen beteiligen. Wenn ich ein vielversprechendes Buch habe, ist das eine valide Option für viele Autoren. Man denke zum Beispiel an Reiseautoren – da sind die Reisekosten schon mal gedeckt und alle Verkaufserlöse danach sind quasi ein Bonus.

Im Selfpublishing werden Honorare in der Regel nicht im Voraus bezahlt, da muss sich ein Buch erst verkaufen. Wir sind aber bei GRIN sehr transparent in der Beteiligung und wie sich so ein Honorar zusammensetzt und zahlen gute Honorare im Vergleich.

Ein anderer Punkt ist, dass man im Selfpublishing als Autor selbst gefordert ist. Da organisiert keiner eine Lesung in der Buchhandlung für mich, da wird keine Webseite gebaut, das sind alles Dinge, die ich selbst angehen muss. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeiten, es genauso zu machen, wie ich es für gut und richtig befinde. Wenn ich mein Buch z. B. auf einem Poetry Slam vorstellen möchte, dann kann ich das machen und keiner redet mir rein.

Im Selfpublishing ist es in gewisser Weise ungewiss, ob sich ein Buch gut oder schlecht verkauft. Ein klassischer Verlag kann das gut berechnen und wird dir früh sagen, ob sich dein Buch verkauft oder nicht.

Ich persönlich finde aber, dass man diese Nachteile gut in Kauf nehmen kann, denn dafür ist mein Buch in der Welt, ich habe eine ISBN-Nummer, ich werde gefunden, ich kann mein eigenes Buch bei Amazon sehen, was natürlich für die eigene Anerkennung alles eine tolle Belohnung ist.

SL: Es ist auch schwierig einen Selfpublishing Verlag mit einem klassischen Verlag zu vergleichen. Es gibt ja wie gesagt, verschiedene Typen, die sich jeweils für einen bestimmten Verlagstyp entscheiden.

Hast du für diejenigen, die den Weg des Selfpublishings gehen möchten, Tipps?

KS: Wichtig ist auf jeden Fall das Thema Buchtitel und Klappentext – hier sollte man prägnant formulieren, sodass wie bei einer Zeitungsüberschrift auf einen Blick erkennbar ist: Das steckt in diesem Buch. Das hilft enorm.

Zusätzlich unterstützt unsere Redaktion bei einer Titel- und Klappentextoptimierung – das ist etwas, das wir standardmäßig machen, um z. B. relevante Suchmaschinenbegriffe einzubringen.

Das nächste ist: Ich bin meine eigene Marketingagentur. Als Autor muss ich diesen Job komplett übernehmen und da muss ich mir überlegen: Wo sind Leute, die mein Buch lesen wollen, unterwegs? Wie kann ich sie ansprechen?

Sind das z. B. Leute, die in Social Media aktiv sind? Dann kann ich mein Buch über meine eigene Timeline gezielt anteasern, vermarkten, etc.

Allgemein: Spread the word. Ein eigenes Buch ist etwas, worauf man stolz sein kann und so sollte ich allen Freunden davon erzählen und die erzählen es womöglich weiter. Wichtig ist: Verbreiten, verbreiten, verbreiten.

Schön ist es, wenn man z. B. auf Amazon eine tolle Bewertung zu seinem Buch entdeckt – das zeigt, dass man auf dem richtigen Weg ist.

SL: Man sollte sich also nicht nur um den Inhalt, sondern auch um das ganze Drumherum Gedanken machen.

Vielen Dank, Kirsten, dass du uns einen Einblick in die Selfpublishing-Welt und Tipps dazu gegeben hast! 

KS: Danke auch! 

Hier gibt es noch einen spannenden Artikel zum Thema Selfpublishing:

Selfpublishing – was bedeutet das und wie gelingt es?

Unsere Buchempfehlungen zum Thema:

Demokratisierung des Literaturbetriebs anhand des Selfpublishings. Der Trend zum eigenen Buch

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Wandel auf dem Buchmarkt. Selfpublishing im Kontext verlegerischer Bemühungen

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