Flexible Response


Hausarbeit, 2001

12 Seiten


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1. Einleitung

Flexible Response

Mit der Unterzeichnung der Pariser Verträge vollzog die Bundesrepublik Deutschland am 23. Oktober 1954 ihren ersten nuklearpolitischen Entscheidungsakt1. In jenen Jahren, die vom Ost-West-Konflikt und Kalten Krieg2 geprägt waren, verfolgte der junge deutsche Staat noch keine sicherheitspolitischen Ziele, die auf den Besitz von Atomwaffen abzielten. In zu hohem Maße waren die Richtlinien der NATO- Führungsmacht USA wegweisend. Durch die innerhalb weniger Jahre mehrfach durchgeführten Strategiewechsel begann nun auch die Bundesrepublik den Besitz von Atomwaffen als vorrangiges sicherheitspolitisches Ziel zu definieren.

Dieflexible response3löste im Jahre 1962 inoffiziell die bisher gültige Maximemassive retaliation4ab, wurde 1967, von der Bundesrepublik jedoch erst 1968, offiziell anerkannt und blieb trotzdem bis in die 1980er Jahre hinein innerhalb der NATO umstritten5.

Diese Arbeit soll zu der Beantwortung der Frage beitragen, welche Hintergründe die Auseinandersetzungen und Meinungsverschiedenheiten um die Strategie der flexible responsehatten. Im weiteren Verlaufe werden daher einerseits die Motive, sowohl der Vereinigten Staaten als auch der Bundesrepublik, dieses bestimmte Konzept zu verfolgen bzw. abzulehnen, herausgearbeitet. Dabei darf jedoch nicht der Blick für den Bündnispartner Frankreich fehlen, dessen Verhalten ebenfalls Auswirkungen auf das bilaterale deutsch-amerikanische Verhältnis hatten.

Obwohl die deutlicheren Ausprägungen der Auseinadersetzung um die flexible responsein den 1960er Jahren liegen, ist es sinnvoll in einem ersten einführenden Teil einen Rückblick auf die vorhergehende Dekade durchzuführen, da bereits dort die Ursprünge dieser Strategie virulent werden. Des weiteren erscheint es sinnvoll, in einer kurzen Darstellung die wichtigsten sicherheitspolitischen Ereignisse der 1950er Jahre zu schildern, weil jene Konzepte Entwicklungen einleiteten, die mit der Hauptthematik untrennbar verbunden sind.

Nachdem dieser, für die Beantwortung der Fragestellung notwendige Hintergrund abgehandelt sein wird, wird im ersten Teil des Hauptteils zunächst die neue Strategie flexible response erläutert. Darauf folgt eine künstlich vorgenommene Zweiteilung, die sich an den Legislaturperioden der Regierungen der jeweiligen Staaten orientiert. In den ersten Betrachtungszeitraum fällt auf westdeutscher Seite die Endphase der Regierung Adenauer (bis 1963), auf US-amerikanischer Seite liegt parallel dazu der Schwerpunkt auf der Administration John F. Kennedys, die im Jahre 1962 für den Strategiewechsel verantwortlich zeichnete. Die Ereignisse unter den Nachfolgeregierungen Lyndon B. Johnsons und Ludwig Erhards werden bis zur Gründung derNuklearen Planungsgruppe (NPG)im zweiten Unterpunkt Erwähnung finden.

Leider konnte der Autor nicht alle ihm zur Verfügung stehenden Informationen in dieser Arbeit unterbringen, da der vorgegebene Rahmen dafür bei Weitem nicht ausreicht. Eine wissenschaftlich fundierte und detaillierte Bearbeitung der Problematik wurde neben den Gesamtwerken zur deutschen bzw. US-amerikanischen Außenpolitik6 im deutschsprachigen Bereich in den neueren Veröffentlichungen von Christoph Hoppe7, Matthias Küntzel8 und Axel F. Gablik9 durchgeführt. Dieter Mahncke10 legte den Grundstein jeglicher Forschung auf dem Gebiet der deutsch-amerikanischen Sicherheitspolitik. Obwohl sich der Autor schwerpunktmäßig auf deutschsprachige Literatur bezieht, haben auch zahlreiche englischsprachige Veröffentlichungen wertvolle Informationen zu bieten11.

1.1.Die NATO-Verteidigungsstrategien in den 1950er Jahren

Initiiert durch den Korea-Krieg12 hatte der NATO-Rat im Jahre 1952 für Europa die

„Vorwärtsstrategie“ vereinbart. Die Absicht, jedem Angreifer so weit östlich wie möglich entgegen zu treten, erforderte auch für die Bundesrepublik eine Erhöhung der konventionellen Verteidigungskräfte13.

Mit seinem Amtsantritt vollzog jedoch der neue Präsident Dwight D. Eisenhower im Jahre 1954 den durch erhebliche Haushaltsdefizite notwendig gewordenen Abbau des Personalumfangs der amerikanischen Streitkräfte. Als Ersatz sollte in Zukunft diemassive retaliation, die Abschreckung eines Angreifers mittels Nuklearwaffen, die Sicherheit Westeuropas gewährleisten. Die NATO übernahm im März 1957 die als

„Schwert-Schild-Doktrin“ bekannte Variante dieses Konzepts14.

Aus westdeutscher Sicht wurde diese Doktrin von Beginn an als nicht mit den Sicherheitsinteressen vereinbar angesehen, da bei einer Auseinandersetzung die konventionelle Übermacht des Ostblocks ohnehin mindestens den Einsatz taktischer Nuklearwaffen unvermeidbar machen ließe15.

1.2.Hintergründe und Auswirkungen der deutsch-amerikanischen Sicherheitspolitik in den 1950er Jahren

Adenauer verfolgte in den ersten Jahren seiner Kanzlerschaft das Ziel, die Bundesrepublik durch eine 500.000 Mann starke konventionelle Armee, zu einem unverzichtbaren Partner der Allianz werden zu lassen. Dadurch sollte der Bundesrepublik erhöhte politische und militärische Mitsprache zukommen und gleichzeitig verhindert werden, dass das Territorium der Bundesrepublik zum Schlachtfeld des Ost-West- Konfliktes wurde16.

Die dafür nach harten innenpolitischen Kämpfen greifbar nahen Veränderungen, wie etwa die Anhebung der Wehrpflicht auf 18 Monate, waren mit dem Strategiewechsel zurmassive retaliationin enorme Legitimationsschwierigkeiten geraten und forderten daher personelle Umstrukturierungen. Darüber hinaus hatte der geplante Abzug US- amerikanischer Truppen aus der Bundesrepublik eine stark negative psychologische Auswirkung, weil deren Präsenz als Symbol der Beistandsverpflichtung gedeutet wurde. An diesem Punkt musste die Bundesrepublik zum ersten Mal feststellen, dass sie aufgrund ihrer exponierten geographischen Lage und ihrer zunächst schwachen politischen und militärischen Position in allzu hohem Maße von den Westalliierten abhängig war. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich dem Strategiewechsel anzuschließen. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen erreichten zunächst einen ersten Tiefpunkt17.

Mit der Ernennung Franz-Josef Strauß` zum Verteidigungsminister im Jahre 1956 strebte die Bundesregierung nun zielstrebig dem von den Vereinigten Staaten vorgegebenen Bündniskurs zu. Da für Strauß Macht gleich Militärmacht und Militärmacht gleich Atommacht sei, war es das erklärte Ziel, die Bundeswehr mit atomaren Trägersystemen auszustatten. Von nun an sollten sich für mehr als zehn Jahre die sicherheitspolitischen Bemühungen der Bundesrepublik mit der Frage der nuklearen Mitwirkung beschäftigen. Erneut gelang es der Bundesregierung, sich gegen starke innenpolitische Widerstände durchzusetzen und vom Bundestag die Zustimmung zur Ausrüstung der Bundeswehr mit atomaren Trägersystemen zu erhalten. Damit wurde die Grundlage geschaffen, sich in die Strategie dermassive retaliation einbinden zu können. Bei dieser Entscheidung spielte der Wille der Vereinigten Staaten, die hauptsächlich aus Finanzgründen zu diesem neuen Konzept neigten, hinein.18.

Als Fazit bleibt daher festzuhalten, dass die Bundesregierung lediglich dem von den USA vorgegebenen Kurs anpassen konnte und eine eigene Gestaltung der Sicherheitspolitik nicht in Frage kam. Stattdessen mussten harte innenpolitische Kämpfe auf sich genommen werden.

Dennoch fühlte sich die Bundesrepublik mit der Einbindung in die massive retaliation sehr wohl, stellte jene doch einerseits die Beteiligung an Atomwaffen in Aussicht und andererseits einen wirkungsvollen Schutz gegen eine Aggression der Sowjetunion dar19.

2. Hauptteil

2.1. Die neue Verteidigungsstrategie flexible response

Doch den Vereinigten Staaten offenbarte sich spätestens durch den im Oktober 1957 ausgelösten „Sputnik-Schock“20 die eklatante Schwäche dieser Strategie. Sie mussten erkennen, dass die Verteidigung Europas mit Nuklearwaffen auf Kosten der Gefahr eines Atomkrieges auf eigenem Territorium unglaubwürdig sowohl für die Verbündeten als auch den potentiellen Gegner wurde21.

Als Alternative zur massive retaliation wurde von dem amerikanischen General Maxwell D. Taylor 1959 das Konzept derflexible response entwickelt. Von US- Verteidigungsminister McNamara im Dezember 1961 öffentlich formuliert, wurde dieses Konzept unter Präsident John F. Kennedy im Februar 1962 auf der NATO-Ratstagung in Athen offiziell als neue Verteidigungsstrategie der NATO gefordert22.

Dieflexible responsereagierte auf die Erfordernisse, die aufgrund des atomaren Patt an eine wirkungsvolle Verteidigungsstrategie geknüpft waren. Sie sah vor, der Allianz ein möglichst breites Spektrum von Handlungsoptionen bereit zu stellen, um jeder möglichen Form eines Angriffes begegnen zu können, ohne aus Mangel an geeigneten Mitteln überreagieren zu müssen oder handlungsunfähig zu sein. Es galt nun nicht mehr, jede militärische Konfrontation unverzüglich atomar auszutragen. Die Wahl der Waffen sollte an bestimmte „Schwellen“ geknüpft sein, nach deren Überschreiten eine in mehrere Dimensionen abstufbare Kriegführung durchgeführt werden sollte. Der Vorteil, der sich aus Sicht der USA daraus ergab, wurde in dem Offenhalten der Möglichkeiten für politische Verhandlungen gesehen, um somit einer nicht mehr aufzuhaltenden Eskalation vorbeugen zu können. Der Ersteinsatz strategischer Nuklearwaffen seitens der Vereinigten Staaten war nicht vorgesehen, allenfalls der von taktischen. Ferner verlangte die flexible response für eine wirkungsvolle Durchsetzung eine straffe Zentralisierung der Befehlswege in der Hand eines einzigen Staates, nämlich der USA selbst23.

Hier tritt das Dilemma der neuen Strategie deutlich zu Tage: Die Vereinigten Staaten waren einerseits bestrebt, dem Automatismus eines Atomkrieges dadurch entgegen zu treten, dass sie a) die „Schwelle“ für den Einsatz von Atomwaffen erhöhten und b) das Aus-der-Hand-Geben von Kontrolle über Atomwaffen nicht zulassen wollten24. Andererseits mussten sie auch die Erwartungen der Bundesrepublik erfüllen, die seit dem Übergang zurmassive retaliationvoll auf dieses Konzept bauten und nur darin einen wirkungsvollen Schutz sahen. Gleichzeitig verbanden die Deutschen damit die Hoffnung nach größerer Mitbestimmung an der Verwendung der Atomwaffen, was sich in erster Linie auf die Festsetzung der „Schwelle“ des Nuklearwaffeneinsatzes, die sie generell niedriger ansahen als die Vereinigten Staaten, bezog25.

2.2.Die Endphase der Regierung Adenauer (-1963) und die Regierung Kennedy (1961-63)

Dass für die USA eine Abkehr von dermassive retaliation notwendig geworden war, zeigte sich die ersten Male praktisch im Verlaufe der 3. Berlin-Krise sowie der Kuba- Krise26. Die Vereinigten Staaten waren nun nicht mehr in der Lage den Einsatz von Atomwaffen zur Verteidigung Westeuropas anzudrohen, ohne sich dabei der Gefahr des sowjetischen Gegenschlages auszusetzen. Somit konnten sie auch nicht mehr bereit sein, wegen der Deutschland-Frage einen Nuklearkrieg in Europa einzuleiten, der leicht zu einer weltweiten Auseinandersetzung hätte eskalieren können. Stattdessen gab die Kennedy-Administration dem zuvor auf Mitteleuropa beschränkten Blickwinkel nun einen weltpolitischen Rahmen. Gleichzeitig wurde eine Entspannung mit der UdSSR angestrebt, für welche die neue Strategieflexible responsegrundlegend sein musste27.

Aus der oben angeführten Beschreibung wird jedoch deutlich, dass es sich wieder einmal um eine Strategieänderung handelte, die den deutschen Ansichten und Anstrengungen zuwiderlief. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre veränderten die Vereinigten Staaten, die von ihr selbst kreierten Richtlinien, ohne sich dabei genügend in die Lage der Bundesrepublik versetzt zu haben. Jegliche bis dahin unternommene Anstrengung, sich der jeweilig vorherrschenden Strategie anzupassen, um somit früher oder später in den Besitz eigener Atomwaffen oder zumindest eines Rechts auf Mitbestimmung über die Verwendung der sich im Besitz der atlantischen Partner befindlichen Atomwaffen zu gelangen, schienen aus Sicht der Bundesrepublik vollkommen nutzlos gewesen zu sein. Der Kurswechsel unter der Regierung Kennedy hinterließ daher einen großen Vertrauensverlust in Bezug auf die Verlässlichkeit des Partners28.

Die Bundesrepublik maß nämlich der Verteidigung des Territoriums keinen großen Stellenwert bei, da Deutschland auch bei einem konventionell geführten Krieg ohnehin verwüstet worden wäre. Sie wollte durch lückenlose nukleare Abschreckung den Ausbruch einer Auseinandersetzung verhindern. Diese Strategie erschien umso erfolgreicher sein zu können, je stärker die NATO-Staaten nukleare Präsenz in Europa zeigten und ihren Willen, Europa mit Nuklearwaffen zu verteidigen, öffentlich bekundeten 29.

Die flexible response schien somit den vitalsten Überlebensinteressen der Bundesrepublik entgegen zu wirken. Die Bundesregierung zeigte sich erst einigermaßen beschwichtigt, nachdem seitens der USA mehrfach Appelle geäußert wurden, in denen diese ihre weiterhin vorhandene Bereitschaft für Europa einzustehen, bekundeten.

Dennoch schien das amerikanische Interesse nicht in letzter Konsequenz vorhanden zu sein, wogegen das deutsche Streben nach Atomwaffen weiterhin evident war30, so dass die 1957 begonnenen deutsch-französischen Beziehungen intensiviert wurden und letzten Endes 1963 in denElyssee-Vertragmündeten31.

Die Vereinigten Staaten befürchteten, die Bundesrepublik könne sich an dem seit 1960 von Frankreich begonnenen Aufbau derforce de frappebeteiligen und dadurch den Zusammenhalt der Allianz weiter schwächen. Obgleich dies von deutscher Seite niemals ernsthaft in Erwägung gezogen wurde, lag es doch im Bereich des Möglichen32. Die Verärgerung über die amerikanische Sicherheitspolitik war in der nun auch wirtschaftlich aufstrebenden Bundesrepublik nämlich nie größer gewesen als zu Beginn des Jahres 196333.

Daher waren die Vereinigten Staaten nun doch bereit, über eine Beteiligung der europäischen Partner an den Atomwaffen der NATO zu diskutieren. Der anfangs abgelehnte Vorschlag einer multinationalen Atomstreitmacht wurde nun doch wieder aufgegriffen. In ihrer Konzeption war die MLF darauf ausgerichtet, das Streben der europäischen Bündnispartnern durch Teilhabe an ihren eigenen Atomwaffen überflüssig erscheinen zu lassen34.

Das MLF-Angebot der USA zielte eindeutig darauf ab, den westdeutschen Staat wieder stärker in die NATO einzubinden, ohne ihm jedoch mehr Rechte in der Nuklearpolitik einzuräumen35. Obgleich die im Februar 1963 verkündete Beteiligung der Bundesrepublik an 40% der Gesamtkosten, 40% der Besatzung und mindestens zehn Kommandanten der 25 Atomschiffe dies in Aussicht stellte36, blieb die Kontrolle über die Nuklearwaffen in amerikanischer Hand37. Adenauer konnte aber die Zustimmung nicht verweigern, weil dies einerseits zu weiteren Verstimmungen mit dem immer noch für das „Überleben“ der Bundesrepublik wichtigen atlantischen Partner geführt hätte, und andererseits eine starke Opposition auch innerhalb der eigenen Partei die MLF forderte. Unter diesen waren namhafte und in den USA beliebte Politiker wie etwa der spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard, Außenminister Schröder und Verteidigungsminister von Hassel. Sie sahen in ihr etwas Positives, den Einstieg in eine gemeinsame Entwicklung, die den Status und die Sicherheit der Bundesrepublik zu erhöhen versprach38.

2.3.Die Regierung Ludwig Erhard (1963-66) und Lyndon B. Johnson (1963- 1966/69)

Als Ludwig Erhard und Lyndon B. Johnson im Herbst 1963 ihre Ämter antraten, betonte der amerikanische Präsident in seiner von allen Seiten begrüßten „Let-Us-Continue- Rede“ die Kontinuität der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik gegenüber der Bundesrepublik. Bonn fühlte sich damals als Amerikas Partner Nummer eins, denn Erhard erreichte unter anderem die Zusicherungen, sechs Divisionen Kampftruppen in der Bundesrepublik zu stationieren, die Bildung der MLF voranzutreiben und für die deutsche Wiedervereinigung einzutreten39. Das persönliche Verhältnis der beiden Staatsmänner war positiver als jenes Adenauers und Kennedys und auch die Vereinigten Staaten sahen Vorteile in einer Zusammenarbeit mit der Bundesregierung in der MLF40.

Entgegen dieser scheinbar positiven Entwicklung muss trotz allem festgehalten werden, dass sich nichts an der grundsätzlich unterschiedlichen Einstellung beider Staaten geändert hatte. Die Bundesrepublik strebte immer noch nach einem Mitentscheidungsrecht über das Nuklearwaffenpotential der NATO und sah in der MLF ihre große Chance, dies zu erlangen und somit den Schutz durch Abschreckung aufrecht zu erhalten41. Die USA hingegen lehnten weiterhin jegliche Abgabe von Kontrolle ab und fuhren weiterhin auf der auf Entspannung ausgerichteten Schiene in der internationalen Politik. Zu dieser gehörte die Aushandlung des Atomwaffensperrvertrages42. Dass die Vereinigten Staaten nach dem Zünden einer chinesischen Atombombe im Jahre 1964 enger mit der UdSSR zusammenarbeiteten, um die Proliferation zu stoppen43, belegt, dass die Großmacht nun nicht mehr gewillt war, die regionalen Sorgen eines ihres Bündnispartners Bundesrepublik über die eigenen weltpolitischen Sorgen um einen Ausgleich mit der Sowjetunion zu stellen.

Im Gegenteil: Washington sah mit wachsendem Unbehagen auf die deutsche Ostpolitik und die Isolierung der DDR, da dies Befürchtungen schürte, es könnten sich Spannungen mit der UdSSR entwickeln. Der Abschluss des Nuklear-Teststopp-Abkommens im Jahre 1963 zeigt indessen schon vor dem endgültigen Scheitern der MLF, dass in Bezug auf das Streben der Bundesrepublik nach einer Mitwirkung an Nuklearwaffen keine Rücksichten mehr genommen wurden44.

Die deutschen Reaktionen auf die im Jahre 1964 beginnenden Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag, welcher es auch der Bundesrepublik versagen sollte, jemals in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen, waren ungeheuer scharf. Äußerungen namhafter Politiker wie Adenauer („zweites Jalta“) oder Strauß („Versailles von kosmischen Ausmaßen“) spiegelten, obgleich von sozialdemokratischer Seite nicht in so heftiger Art und Weise formuliert, die große Enttäuschung über das Verhalten des Partners wider45.

Ab dem Frühjahr 1964 verflachte darüber hinaus das amerikanische Interesse an der MLF, da es innenpolitisch nur noch wenige Befürworter gab und auch die internationale Kritik immer lauter wurde. Neben der Sowjetunion, welche die MLF als Trumpfkarte in den Verhandlungen über den Atomwaffensperrvertrag nutzte, sprach sich ein Großteil der NATO-Partner ebenfalls gegen sie aus. So versandete das Projekt im Laufe der Zeit und da weitere Versuche der Bundesrepublik, eine Einigung über eine modifizierte MLF zu erzielen, ergebnislos blieben, scheiterte ein weiterer (und letztendlich der letzte) Versuch der Bundesrepublik in den Besitz von Atomwaffen zu kommen46.

Da auch die Bundesregierung in einer innenpolitischen Krise steckte und auch die außenpolitischen Umstände ein schnelles Durchsetzen der MLF verhinderten, stellte Erhard das Thema MLF zunächst zurück, ohne es jedoch gänzlich aufzugeben. Dennoch sind weder nachhaltiges Drängen noch Anstoßen deutscher Seite zu verzeichnen gewesen, im Verlauf der Jahre 1964/65 etablierte sich sogar die Kritik an der desintegrierenden Wirkung der MLF. Das Alternativkonzept, die 1965 auf der Grundlage des sog. „McNamara-Ausschuß“ gegründeteNukleare Planungsgruppe (NPG), sollte zwar weiterhin die Verbreitung von Nuklearwaffen unter den Bündnispartnern verhindern, stattdessen aber eine, die nationalen Interessen berücksichtigende nukleare Einsatzplanung entwickeln47.

Die USA versuchten, indem die Bundesrepublik in der NPG einen ständigen Sitz erhielt, so deren Wünsche nach nuklearer Mitbestimmung zu befriedigen. Die Bundesregierung stimmte zu, da sie einsehen musste, dass das Projekt der MLF gescheitert war. Darüber hinaus herrschte in Washington und Bonn Einigkeit darüber, dass aufgrund des Verhaltens Frankreichs (1965/66: EWG-Boykott, 1966: Austritt aus der militärischen Organisation der NATO) eine Stärkung des Zusammenhalts der Allianz nötig war48.

2. Zusammenfassung

In den fünfziger Jahren war die Sicherheitspolitik der Bundesrepublik noch absolut von den US-amerikanischen Richtlinien abhängig. Trotz aller Schwierigkeiten, die zunächst der Aufbau der 500.000 Mann starken konventionell ausgerichteten Bundeswehr und daran anschließend der auf nukleare Abschreckung abzielende Strategiewechsel zur massive retaliationmit sich brachten, waren die verantwortlichen Politiker ständig darauf bedacht, die Vereinigten Staaten nicht zu enttäuschen. Dies entsprach unter einer korrekten Einschätzung der schwachen politischen Stellung, welche die USA zum Schutzgaranten werden ließ, die relativ unkritische Akzeptanz den eigenen Interessen zuwiderlaufenden Entscheidungen in der Sicherheitspolitik.

Durch die Strategieänderung zur flexible response Anfang der 1960er Jahre kühlten sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen stark ab. Denn durch die neue Strategie schien für die Bundesrepublik die unbedingt nötige nukleare Abschreckung gegenüber der UdSSR nicht mehr zu gewährleist und der Warschauer Pakt förmlich zu einem Angriff auf Westeuropa eingeladen zu werden. Weiterhin lief den vitalen Interessen der Bundesrepublik entschiedener Maßen zuwider, dass die USA nicht gewillt waren, ihr ein Mitspracherecht über den Einsatz von Nuklearwaffen einzuräumen. Da die Bemühungen seitens der Bundesrepublik, in den Jahren zuvor die NATO-Strategien trotz aller Schwierigkeiten mit zu tragen, nun im Gegenzug nicht mit dem Recht auf Mitsprache „belohnt“ wurden, kam es zu einem massiven Vertrauensverlust.

Die Folge war eine intensivere deutsch-französische Annäherung, welche die USA dazu veranlassten, die Gründung einer multilateralen Atomstreitmacht vorzuschlagen, in der die Bundesrepublik in hohem Maße integriert werden sollte. Dies sollte einer Schwächung des Allianzzusammenhaltes vorbeugen, indem die Forderungen der Deutschen zumindest scheinbar erfüllt wurden, und die unkontrollierte Verbreitung von Nuklearwaffen verhindern. Die Bundesrepublik unterstützte zunächst den Plan und es kam zu einer positiven Richtungsänderung in den bilateralen Beziehungen. Nichtsdestotrotz waren die USA von dem Verhalten ihrer europäischen Verbündeten, insbesondere der Bundesrepublik, irritiert, fehlte diesen scheinbar der Überblick über die neuen weltpolitischen Dimension, welche die Sicherheitspolitik der Allianz nach dem atomaren Patt angenommen hatten. Eine Verständigung mit der Sowjetunion musste über das Verlangen der NATO-Partner nach eigener nuklearer Bewaffnung bzw. Mitsprache gestellt werden, wollte man es vermeiden, die Kontrolle zu verlieren und somit einen Atomkrieg zu riskieren.

Mit dem beinahe zeitgleichen Ende der Adenauer- bzw. Kennedy-Ära schienen die angeschlagenen Beziehungen dennoch durch die MLF-Initiative wieder auf dem Wege der Besserung zu sein. Diese Entwicklung wurde zunächst auch durch die neuen Regierungen, Erhard und Johnson, bestätigt. Aufgrund wachsender innen- und außenpolitischer Kritik verflachte im Jahre 1964 jedoch das US-amerikanische Interesse. Da aber die Bundesregierung zu wenig insistierte, versandete das Projekt, ohne dass es jedoch von deutscher Seite offizielle aufgegeben wurde. Mit der Nuklearen Planungsgruppewurde dann ein Kompromiss gefunden, der für beide Seiten sowohl akzeptabel als auch notwendig war.

Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass die unterschiedlichen geostrategischen Positionen der Bundesrepublik und der Vereinigten Staaten sowie der Statusunterschied zwischen Kern- und Nicht-Kernwaffenmacht eine divergierende sicherheitspolitische Risikoeinschätzung zur Folge hatte. Dieses Problem, das sich am deutlichsten in der Frage der Nuklearstrategie der NATO zeigte, konnte vom Grundsatz her grundsätzlich nicht gelöst werden.

[...]


1 Die Pariser Verträge basierten auf den durch die Londoner Neun-Mächte-Konferenz im September/Oktober gefassten Beschlüssen der Londoner Akte. Mit dem Verzicht auf die Herstellung von A-, B- und C-Waffen in ihrem Gebiet, der trotz der Formulierungsschwächen als vollständiger Verzicht verstanden werden sollte, erfüllte die Bundesrepublik die Bedingungen zur Aufnahme in die NATO, welche am 05. Mai 1955 offiziell erfolgte.

2 Zum Kalten Krieg siehe: Halle, Louis J.: The Cold War as History, New York 1967. Die deutsche Ausgabe unter dem Titel: “Der Kalte Krieg. Ursachen, Verlauf, Abschluss“ erschien 1969 in Frankfurt am Main.

3 Zur NATO-Strategie derflexible responsesiehe u.a.: Legge, Micahel J.: The nuclear weapons and the NATO strategy of flexible response, Santa Monica 1983. Stromseth, Jane E.: The Origins of Flexible Response. NATO´s Debate over Strategy in the 1960s, New York 1988.

4 Zur NATO-Strategie dermassive retaliationsiehe Peeters, Paul: Massive Retaliation: The policy and its crisis, Chicago 1959.

5 Dazu siehe: Oldag, Andreas: Allianzpolitische Konflikte in der NATO. Die sicherheitspolitischen Interessen der USA und Westeuropas zu Beginn der 80er Jahre, Baden-Baden 1985.

6 Zur deutschen Außenpolitik siehe u.a.: Bierling, Stephan: Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Normen, Akteure, Entscheidungen, München/Wien 1999.; Besson, Waldemar: Die Außenpolitik der Bundesrepublik, Erfahrungen und Maßstäbe, München 1970. Zur US-amerikanischen Außenpolitik siehe u.a.: Czempiel, Ernst-Otto; Schweitzer, Carl-Christoph: Weltpolitik der USA nach 1945. Einführung und Dokumente, Leverkusen 1984.

7 Hoppe, Christoph: Zwischen Teilhabe und Mitsprache. Die Nuklearfrage in der Allianzpolitik Deutschlands 1959-1966, Baden-Baden 1993.

8 Küntzel, Matthias: Bonn und die Bombe. Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt, Frankfurt am Main 1992.

9 Gablik, Axel F.: Strategische Planungen in der Bundesrepublik Deutschland 1955-1967: Politische Kontrolle oder militärische Notwendigkeit ?, Baden-Baden 1996.

10 Mahncke, Dieter: Nukleare Mitwirkung. Die Bundesrepublik Deutschland in der atlantischen Allianz 1954- 1970, Berlin/New York 1972.

11 Zur englischsprachigen Literatur siehe: Peters, Susanne: The Germans and the INF Missiles. Getting their way in NATO´s strategy of flexible response, Baden-Baden 1990.; Golden, James R.: NATO burden-sharing. Risks and opportunities, New York 1983.; sowie die bereits unter Fußnote 3 genannten Autoren.

12 Zum Korea-Krieg siehe: Marshall, Samuel L.: Der Koreakrieg, aus dem Amerikanischen, Frauenfeld 1965.

13 Kujat, Harald: Europa bewahren. Anmerkungen zur NATO-Strategie, Herford 1985, S. 106.

14 Ebenda: S. 107.

15 Ebenda: S.108.

16 Mahncke: S. 109 f.

17 Bierling: S. 112 ff.

18 Besson: S. 178 ff.

19 Bierling: S. 116 f.

20 Der sog. Sputnik-Schock wurde am 04. Oktober 1957 dadurch ausgelöst, dass die UdSSR als erste Nation einen unbemannten Satelliten in die Erdumlaufbahn brachte. Dieses technologische Wissen ermöglichte es ihr früher als erwartet, den nuklearen Vorsprung der Amerikaner aufzuholen und nuklear bestückte Interkontinentalraketen zu konstruieren, die das Gebiet der USA erreichen würden.

21 Kujat: S.107. Zu den möglichen Auswirkungen sowohl eines lokal begrenzten wie auch eines globalen Atomkrieges siehe: Micksche, Ferdinand Otto: Das Ende der Gegenwart. Europa ohne Blöcke, vollst. aktualisierte und erw. Aufl., Frankfurt am Main 1992, S. 178 ff.

22 Gablik: S. 260 ff.

23 Mahn>1993, S. 103 ff.; S. 121 f.

24 Besson, Waldemar: Die Außenpolitik der Bundesrepublik. Erfahrungen und Maßstäbe, München 1970, S. 252.

25 Gablik: S. 171 ff.

26 Zur 3. Berlin-Krise sowie zur Kuba-Krise siehe: Heideking, Jürgen: Geschichte der USA, zweite, überarb. und erw. Auflage, Tübingen 1999, S. 389 ff.

27 Hoppe: S. 44 ff.

28 Bierling: S. 117 ff.

29 Gablik: S. 218 ff.

30 Mahncke: S. 107 ff.

31 Hoppe: S. 100 ff. Zum Wortlaut desElysee-Vertragessiehe: Die auswärtige Politik der Bundesrepublik Deutschland. Dokumente von 1949 bis 1963, herausgegeben vom Auswärtigen Amt unter Mitwirkung eines wissenschaftlichen Beirates, Köln 1999, S. 275-278.

32 Mahnke: S. 49 f.

33 Bierling 121.

34 Hoppe:: S. 102. Vgl. dazu auch: Mahn>35 Gablik S. 322.

36 Bierling: S. 121.

37 Gablik: S. 324. Vgl. dazu auch: Mahn>38 zur Befürwortung der MLF seitens der Bundesrepublik siehe: Fröhlich, Michael; Pommerin, Reiner (Hrsg.): Quellen zu den deutsch-amerikanischen Beziehungen 1917-1963, Darmstadt 1996, S. 241 f.; sowie: Hoppe: S.127 ff.; vgl. dazu auch den Streit von „Gaullisten“ und „Atlantikern“ in: Küntzel: S. 77 ff.

39 Arenth, Joachim: Die Bewährungsprobe der Special Relationship Washington und Bonn (1961-1969), in: Larres, Klaus; Oppeland, Torsten (Hrsg.): Deutschland und die USA im 20. Jahrhundert. Geschichte der politischen Beziehungen, Darmstadt 1997, S. 161.

40 Morgan, Roger: Washington und Bonn. Deutsch-amerikanische Beziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg, München 1975, S. 144.

41 Mahncke: S. 158 f.

42 Czempiel: Weltpolitik der USA nach 1945, S. 247 ff. Der Atomwaffensperrvertrag wurde von den USA, der Sowjetunion, Großbritannien ausgehandelt, 1968 verabschiedet und trat 1970 in Kraft. Die Bundesrepublik trat ihm im Jahre 1969 bei.

43 Knapp, Manfred: Die Einstellung der USA gegenüber der Sowjetunion in der Periode des Kalten Krieges 1947-1969, in: Niedhart, Gottfried (Hrsg.): Der Westen und die Sowjetunion. Einstellungen und Politik gegenüber der UdSSR in Europa und in den USA seit 1917, Paderborn 1983, S. 221 ff.

44 Bie Haltung der Bundesrepublik bezüglich des Nuklear-Teststopp-Abkommens und ihres Alleinvertretungsanspruches des deutschen Volkes siehe: Fröhlich; Pommerin: S. 249 f.

45 Bierling: S. 125.

46 Küntzel: S. 74 ff.; Hoppe: S. 229 ff.

47 Hoppe: S. 249-258.

48 Morgan: S. 146 f.

11 von 12 Seiten

Details

Titel
Flexible Response
Autor
Jahr
2001
Seiten
12
Katalognummer
V100675
Dateigröße
357 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Einführung der flexible reponse brachte einige Unstimmigkeiten zwischen den NATO-Partnern, insbesondere zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten, mit sich.
Schlagworte
Flexible, Response
Arbeit zitieren
Tobias Meyer (Autor), 2001, Flexible Response, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/100675

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