Das Gleichnis von der verlorenen Drachme, Lk 15,8-10


Unterrichtsentwurf, 2001

18 Seiten, Note: 1,0


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Inhalt

I. Vorwort

II. Das Gleichnis von der verlorenen Drachme – Exegese von Lk 15,8-10
II.1. Gleichnis – eine Begriffsbestimmung
II.2. Sozialgeschichtlicher Hintergrund des Gleichnisbildes
II.3. Der Kontext
II.4. Das Gleichnis und sein Kommentar
II.5. Interpretation von Lukas 15,8-10

III. Unterrichtsplanung nach W. Klafkis Bildungstheoretischem Modell
III.1. Der allgemeine Sinn- und Sachzusammenhang
III.2. Die jetzige und die aus pädagogischer Sicht wüschenswerte Bedeutung des Themas für die Schülerinnen und Schüler
III.3. Die Bedeutung des Themas für die Zukunft der Schülerinnen und Schüler
III.4. Die Struktur des Inhalts
III.5. Methoden der Umsetzung in einer 5./6. Klasse
III.6. Lernziele

IV. Methodisch-didaktische Umsetzung

V. Verlaufplan

VI. Literatur

Anhang

I. Vorwort

Dieser Unterrichtsentwurf für die 5./6. Klasse zum Lernbereich 2: Gleichnisse Jesu im Lehrplan der 6. Klasse will eine Möglichkeit zeigen, das Gleichnis von der verlorenen Drachme im Religionsunterricht zu vermitteln. Da anhand dieses Gleichnisses eine Vielzahl von Aspekten rund um das Thema Gleichnisse erarbeitet werden kann, die nicht in einer Unterrichtsstunde behandelt werden können – beispielsweise der Aufbau/Struktur von Gleichnissen, die Kontexteingebundenheit, der Zusammenhang zwischen Jesu Handeln und Reden –, mußte für den konkreten Stundenentwurf eine Beschränkung auf das Thema Gleichnis als Rede von Gott vorgenommen werden.

II. Das Gleichnis von der verlorenen Drachme – Exegese von Lk 15,8-10

In Lukas 15,8-9 wird der Leser mit der Frage konfrontiert, ob das nach langer Suche wiedergefundenen Geldstück nicht ein Grund zur Freude sei. Die intensive, fast verbissene Suche der Frau wird dabei ebenso ausgemalt wie die überschwengliche Freude über die wiedergefundene Drachme. Durch das einleitende „Oder“ ["H] ist die folgende Geschichte mit dem voranstehenden Gleichnis vom verlorenen Schaf verbunden.

Im Vers 10 tritt ein Wandel der Situation ein. Die Geschichte bzw. das Bild von der suchenden und feiernden Frau wird verlassen. Stattdessen interpretiert Jesus das Bild [ou[twj( le,gw u`mi/n], indem er die Freude der Frau mit der himmlischen Freude über einen umgekehrten Sünder vergleicht. An dieser Anwendung zeigt sich, daßes sich bei der erzählten Geschichte um ein Gleichnis handelt. Es fällt auf, daßder Vers 10 von der Freude über den „Sünder, der umkehrt“ [e`ni. a`martwlw/| metanoou/nti] spricht. Dieser Gedanke sprengt das Bild der Verse 8-9, denn die verlorene Drachme, über die die Frau in Freude ausbricht, ist natürlich nicht von sich aus „umgekehrt“, sondern sie wurde gefunden.

Nach dieser groben Umreißung des Gleichnisses, sollen nun einige Einzelaspekte betrachtet werden, die notwendig für die Erhebung des Aussagegehaltes des Gleichnisses und für die religionspädagogische Umsetzung sind:

1. Die Gattungsbestimmung von Lk 15,8-10 als Gleichnis stellt die Frage: Was ist ein Gleichnis?
2. Die detaillierte Beschreibung der Suche und die unermeßliche Freude der Frau über die eine Drachme stellt die Frage: Was ist der sozialgeschichtliche Kontext dieser Geschichte?
3. Das einleitende „Oder“ stellt die Frage: Welche Bedeutung hat der Kontext für die Interpretation des Gleichnisses?
4. Die Rede von der Umkehr des Sünders in V 10 geht über das in den Versen 8-9 beschriebene Bild hinaus und stellt so die Frage: In welchem Verhältnis stehen die Gleichnisgeschichte und ihr Kommentar zueinander?

II.1. Gleichnis – eine Begriffsbestimmung

Lange Zeit wurden Gleichnisse vor allem allegorisch gedeutet. Das heißt, Gleichnisse wurden als einen Ansammlung von Bildern verstanden, „die jedes für sich eine tiefere Bedeutung haben“[1]. Nur der Betrachter, der die einzelnen Bilder dechiffrieren kann, versteht die Aussage ihrer Kombination. So wurde im Gleichnis von der verlorenen Drachme beispielsweise die Frau als Kirche und die Drachme als im Staub liegender Mensch, der von der Kirche wiedergefunden wird, gedeutet.[2]

Mit jülicher beginnt eine neue Epoche in der Gleichnisauslegung. Er stellte fest, daßdie Gleichnisse auf einen Vergleichspunkt hin angelegt sind. Dieser verbindet „Bildhälfte“ – in unserem Gleichnis wären das die Verse 8-9 – und „Sachhälfte“ – das entspräche Lukas 15,10 – miteinander. Gleichnisse werden dadurch gewissermaßen als Vergleiche ausgelegt. Zwischen Bild- und Sachhälfte können mehrere Parallelen existieren. Das Eigentliche, was mit dem Gleichnis ausgesagt werden soll, ist jedoch im tertium comparationis zu lokalisieren. Im Falle des Gleichnisses von der verlorenen Drachme erkennt jülicher als tertium comparationis: „die Freude über ein Verlorenes und Wiedergefundenes ist größer als über viele nie verlorene Exemplare der gleichen Gattung“[3].

In der neueren Forschung ist die Erkenntnis von Bedeutung, daßvon bzw. über Gott nur analog gesprochen werden kann. Eine besondere Form des analogen Sprechens ist die Metapher. Vor allem Jüngel[4] und Weder[5] haben sich im Hinblick auf die Bedeutung der Metapher für die religiöse Rede verdient gemacht. Indem sie darauf hinweisen, daßwir nur analog von Gott reden können, und daßGleichnisse metaphorische Rede sind, machen sie deutlich, daßGleichnisse als solche von Gott reden. Der Inhalt des Gleichnisses mußalso nicht über den Vergleichspunkt erhoben werden, sondern er wird gewissermaßen in der Gleichniserzählung selbst Wirklichkeit. Wird das Gleichnis solchermaßen als Sprachgeschehen verstanden, bedeutet das zweierlei:

1. In der Erzählung des Gleichnisses begegnet dem Hörenden das Reiches Gottes, da die Metapher unserer Wirklichkeit eine Wirklichkeit einstiften, die sie von sich aus nicht hat.
2. In der Erzählung des Gleichnisses erfährt der Hörende sein Getrenntsein von der Wirklichkeit Gottes, da Metaphern in unserer Alltagssprache vom Reich Gottes reden.

Für den Religionsunterricht hat diese Bestimmung von Gleichnissen als metaphorische Rede Konsequenzen. Denn wenn Metaphern – Weder spricht von „metaphorischen Wahrheiten“[6] –notwendig sind, um von Gott zu reden, können sie nicht in eine reine Begriffssprache übersetzt werden, ohne in ihrem Aussagegehalt geschmälert zu werden. Deshalb fordert er, „alle didaktischen Bemühungen auf die Erschließung des Bildes zu konzentrieren“[7].

II.2. Sozialgeschichtlicher Hintergrund des Gleichnisbildes

Das Gleichnis spiegelt wahrscheinlich die Lebensbedingungen armer Leute wieder[8]. Der fensterlose, dunkle Wohnraum mußzum Suchen erleuchtet werden. Der Boden ist aus Ziegel oder Lehm, so daßdie Münze beim Fegen klirren kann. Kähler weist auf die unglückliche Übersetzung von dracmh‘´, mit Groschen hin. Denn es ist wohl anzunehmen, daßes sich bei den 10 Drachmen, von denen eine verloren ging, um den Brautschatz der Frau handelte, der ihr im Falle des Sterbens ihres Ehemannes für einige Monate das Überleben sicherte. Wie wichtig diese eine Drachme für die Frau ist, kommt allerdings auch in der Verhältnisbestimmung von 1:10 und der überschwenglichen Freude der Frau zum Ausdruck.

II.3. Der Kontext

Durch das einleitende „Oder“ ("H) ist das Gleichnis von der verlorenen Drachme unmittelbar an das Gleichnis vom verlorenen Schaf angeschlossen. Beide Gleichnisse gleichen sich in Aufbau (Erzählung und Kommentar), Inhalt (Suche nach Verlorenem und Freude über Wiedergefundenes) sowie Syntax (Vgl. die Übereinstimmungen zwischen den Versen 7 und 10 oder die Redeeinleitung in den Versen 4 und 7). Die beiden Gleichnisse vom Verlorenen werden deshalb auch als Doppelgleichnis oder Zwillinge[9] bezeichnet.

Von daher ist es von Lukas in den gleichen Kontext gestellt wie das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Mit diesem Gleichnis antwortet Jesus auf ein Murren der Pharisäer und Schriftgelehrten, die unwillig darüber sind, daßJesus mit Sündern und Zöllnern Umgang hatte und mit ihnen aß.

Das Gleichnis von der verlorenen Drachme ist damit in einen konkreten Zusammenhang gestellt. Es hat die Funktion, Jesu Tischgemeinschaft mit den „Sündern“ zu verteidigen und zu begründen: Sie, die „Sünder“ sind die Verlorenen, die von Gott gesucht werden und über deren Heimkehr sich der Himmel freut.

II.4. Das Gleichnis und sein Kommentar

Zuerst soll hier noch einmal die Differenz zwischen dem Gleichnisbild und dem Kommentar in Lk 15,10 deutlich gemacht werden. Dazu sollen die inhaltlichen Aussagen des Gleichnisbildes und des Kommentars gegenübergestellt werden.

1. Inhaltliche Bestimmung des Gleichnisbildes:

Gott sucht das verlorene Einzelne und wenn er es gefunden hat, freut er sich mit den Seinen.

2. Inhaltliche Bestimmung des Kommentars:

Die Freude Gottes über einen Sünder, der umkehrt , ist so großwie die Freude der Frau, die eine verlorene Drachme wiedergefunden hat

Zu beobachten ist, daßder Gedanke des Suchens und der Umkehr jeweils nur in einem Teil des Gleichnisses vorkommen. Das Verbindungsglied zwischen dem Gleichnisbild und seinem Kommentsar ist die Freude über das Wiedergefundene

Dieser Sachverhalt erklärt sich wohl am einfachsten auf redaktionsgeschichtlicher Basis. Der Vers 10 ist ebenso wie der Vers 7 sekundär.[10] Das Gleichnis wurde erst später in den Zusammenhang gestellt, in dem wir es heute lesen. Auf Spekulationen, in welchem Zusammenhang das Gleichnis ursprünglich gestanden habe, möchte ich mich an dieser Stelle nicht einlassen. Denn wesentlich für die religionspädagogische Umsetzung dieses Gleichnisses ist erstens die Erkenntnis, daßdas Gleichnis und sein Kommentar eine unterschiedliche Aussage haben, und zweitens eine Interpretation des Gleichnisses in seinem jetzigen Zusammenhang. Letzteres soll nun die Exegese von Lukas 15, 8-10 beschließen.

II.5. Interpretation von Lukas 15,8-10

Auf den Vorwurf der „Pharisäer und Schriftgelehrten“, daßJesus Gemeinschaft mit „Sündern und Zöllnern“ pflege, antwortet zuerst das Gleichnis vom verlorenen Schaf und im Anschlußdaran dessen Zwilling, das Gleichnis von der verlorenen Drachme.

Vers 8: Wenn dort gefragt wird, ob nicht eine arme Frau, die eine Drachme ihres Brautschatzes verloren hat, das ganze Haus auf den Kopf stellt, um ihren Notgroschen wiederzufinden, soll damit zum Ausdruck kommen, daßGott alles erdenklich Mögliche unternimmt, um einen verlorenen Sünder wiederzufinden. Der bzw. die Verlorene ist Gott so wichtig, daßder Umgang mit „Sündern und Zöllnern“ – für die „Frommen“ ein Vorgang, der unrein macht – nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten ist.

Vers 9: Über das Wiederfinden des Verlorenen ist die Freude so groß, daßdie Frau zu ihren Nachbarinnen läuft und sie einlädt, sich mit ihr zu freuen. Auch hier wird deutlich, wie wichtig Gott der oder die Verlorene ist. Die Freude über das Wiederfinden ist so groß, daßsie mitgeteilt werden mußund daßandere sich mitfreuen können. Obwohl in dem Bild nur von der Einladung zur gemeinsamen Freude der Rede ist, erinnert es doch auch an die in Vers 2 angesprochene Tischgemeinschaft Jesu mit „Sündern und Zöllnern“. Wenn „Jesus Sünder und Zöllner“ einlädt, mit ihm zu speisen und sie diese Einladung annehmen, dann sind sie ja bereits wiedergefunden. In der Tischgemeinschaft kommt die gemeinsame Freude darüber zum Ausdruck, daßdie Verlorenen nicht mehr verloren sind. Insofern sagt Jesus das in diesem Gleichnis aus, was er tut.

Auf der anderen Seite ist die Einladung zum Mitfreuen aber auch an die Adressaten der Gleichnisreden die „Phariser und Schriftgelehrten“, gerichtet. Wenn ihr Gott sich so freut, wenn er eine(n) Verlorene(n) wiederfindet, dann sollen auch sie sich von Gott zum Mitfreuen einladen lassen.

Vers 10: Der Kommentar nimmt das Stichwort Freude aus dem vorhergehenden Vers wieder auf. Die Freude ist damit als die wesentliche Aussage des Gleichnisses qualifiziert. Allerdings spricht dieser Vers nun von der himmlischen Freude. Gott, ja der ganze Himmel, freut sich über die Umkehr eines Sünders. Wenn es richtig ist, daßdas Gleichnisbild im Vers 9 die Tischgemeinschaft Jesu mit „Sündern und Zöllnern“ rechtfertigen soll, dann kann man das von Vers 10 aus nun dahingehend konkretisieren, daßalle, die an Jesu Tischgemeinschaft teilhaben, auch schon Teilhaben an der himmlischen Freude über die Umkehr eines Sünders. Das heißt, Jesus lädt durch sein Tun und durch sein Reden zur Teilhabe an der himmlischen Freude über die Umkehr eines Verlorengegangenen ein.

Skopus: Für Gott ist der Verlorene so wichtig, daßer ihm vorbehaltlos nachgeht und daßer seine Freude über die Umkehr des Verlorenen mit uns teilen will. Wo dies geschieht, bricht das Reich Gottes an.

III. Unterrichtsplanung nach W. Klafkis Bildungstheoretischem Modell

III.1. Der allgemeine Sinn- und Sachzusammenhang

Das Gleichnis von der verlorenen Drachme verweist auf drei größere Sinn- und Sachzusammenhänge:

1. Seiner Gattung nach steht Lukas 15,8-10 exemplarisch für die Gleichnisse. An diesem Text wird der Aufbau und die Funktionsweise von Gleichnissen deutlich.
2. Seinem Inhalt nach verweist das Gleichnis auf den gütigen, liebenden Gott, der den Verlorenen nachgeht, seine Freude über ihre Umkehr mit uns teilen will und so das Reich Gottes schon jetzt anbrechen läßt.
3. Seinem Kontext nach verweist das Gleichnis auf den unverbrüchlichen Zusammenhang zwischen dem Handeln Jesu und seiner Botschaft vom nahenden bzw. anbrechenden Gottesreich.

III.2. Die jetzige und die aus pädagogischer Sicht wüschenswerte Bedeutung des Themas für die Schülerinnen und Schüler

An folgenden Punkten spielt das Thema, daßdurch das Gleichnis von der verlorenen Drachme aufgeworfen wird, schon jetzt eine Rolle im Leben der Schülerinnen und Schüler:

- Die Gleichnisgeschichte ist für die Schülerinnen und Schüler unmittelbar nachvollziehbar. Die meisten werden schon einmal einen für sie wichtigen Gegenstand verloren und intensiv gesucht haben. Wenn sie ihn dann wiedergefunden haben, ist ihnen auch die große Freude der Frau vertraut.
- Vertraut ist ihnen ebenfalls, daßman besonders schöne Ereignisse nicht für sich behalten kann, sondern daßdie Freude (mit)geteilt werden muß. Wenn man eine gute Zensur bekommen oder eine Medaille im Sport gewonnen hat, dann will man das seinen Freunden und Eltern erzählen.
- Die Schülerinnen und Schüler wissen, daßanläßlich besonders freudiger Ereignisse, Feste gefeiert werden und daßandererseits Feste ein Grund zur Freude sind, wobei das gemeinsame Essen (der Geburtstagskuchen) ein wichtiges Element ist.
- Aber auch die andere Erfahrung werden viele von ihnen mitbringen, daßsie selbst sich nämlich verloren fühlen, beispielsweise weil sie am Abend allein zu Hause waren oder sich verlaufen haben. Aber auch Ängste und Träume können das Gefühl des Verlorenseins hervorrufen. Dementsprechend haben einige der Schülerinnen und Schüler vielleicht auch schon die Erfahrung gemacht, daßsie gefunden wurden und daßso die Angst des Alleinseins oder Verlassenseins beendet wurde.
- Der oder die Verlorene ist durch den Kommentar und den Kontext des Gleichnisses als Sünder beschrieben und wird von den Herausforderern Jesu gemieden. Auch die Schülerinnen und Schüler beteiligen sich daran, andere auszuschließen, werden selbst ausgeschlossen oder beobachten, daßMenschen von ihrer Umwelt isoliert sind bzw. werden.
- Da die Schülerinnen und Schüler Sachverhalte in der Mehrzahl eindimensional-wörtlich verstehen, dürfte es ihnen Schwierigkeiten bereiten, die Gleichnisgeschichte und den Kommentar zu synchronisieren, die Gleichnisgeschichte als Metapher für den Gemeinschaft suchenden Gott zu erkennen. Allerdings gibt es auch in ihrer Sprachwelt Metaphern oder bildliche Vergleiche, die sie entschlüsseln können. (Zum Beispiel: stark sein wie ein Löwe, sich freuen wie ein König)
- Ein Themenbereich, der für die Schülerinnen und Schüler neu sein wird, ist der sozialgeschichtliche Hintergrund des Gleichnisses von der verlorenen Drachme. Anknüpfen kann man an allgemeine Vorstellungen von der Zeit und Umwelt Jesu, sowie an das Bewußstsein, das eine soziale Schichtung der Gesellschaft existiert und Menschen in anderen Ländern und Kulturen andere Lebensweisen haben.

Für die Behandlung im Unterricht ergeben sich auf diesem Hintergrund folgende mögliche Schwerpunkte:

- Die Schülerinnen und Schüler sollen die Gattung Gleichnis als metaphorische Rede von Gott kennenlernen.
- Die Schülerinnen und Schüler sollen erkennen, daßdas Gleichnis von der verlorenen Drachme ein bestimmtes soziales Bezugsfeldes voraussetzt und vor diesem Hintergrund interpretiert werden muss.
- Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen des Verlierens und Findens sollen die Schülerinnen und Schüler die Gleichnisgeschichte emotional nachvollziehen und als Metapher für Gottes Zuwendung zu den Verlorenen begreifen.
- Die Schülerinnen und Schüler sollen erkennen, daßsich im Handeln Jesu, insbesondere in seinem Zugehen auf die Außenseiter der Gesellschaft, Gottes Ringen um die Verlorenen ereignet und daßdadurch das Reich Gottes gegenwärtig wird. Auch dort, wo heute Menschen auf Ausgestoßene zugehen, kann sich das Reich Gottes ereignen.
- Für Zeiten des Verlorenseins und der Angst soll den Schülerinnen und Schüler nahegebracht werden, daßGott gerade in solchen Zeiten intensiv nach ihnen sucht und ihnen nahe sein will.

III.3. Die Bedeutung des Themas für die Zukunft der Schülerinnen und Schüler

Das Thema Gleichnisse hat für die Zukunft der Schülerinnen und Schüler an folgenden Punkten Bedeutung:

- Die Schülerinnen und Schüler sollen befähigt werden, Gleichnisse anhand ihrer Gattungsmerkmale zu erkennen und als metaphorische Rede von Gott sowie als Verkündigung des Reiches Gottes zu verstehen.
- Die Schülerinnen und Schüler sollen wissen, daßdas Reich Gottes überall dort gegenwärtig wird, wo Gott den Menschen begegnet. Weil Gott diese Begegnung sucht können sie in Zeiten der Angst und des Verlorenseins auf Trost hoffen.
- Die Schülerinnen und Schüler sollen erkennen, daßJesu Handeln und Reden eine Einheit bilden. Jesus verkündigt redend und handelnd die Botschaft vom Reich Gottes.
- Da Gott auch heute noch begegnen will, wo Menschen aufeinander zugehen, sind auch die Schülerinnen und Schüler befähigt und aufgefordert, in ihrem Reden und Handeln das Reich Gottes zu verkündigen, indem sie ihre Nächsten achten und lieben.

III.4. Die Struktur des Inhalts

Folgendermaßen kann das Thema strukturiert werden:

1) Situationen des Verlierens, Findens und Freuens sollen vergegenwärtigt werden.
2) Die Gleichnisgeschichte von der verlorenen Drachme soll vor ihrem sozialgeschichtlichen Hintergrund als Geschichte des Verlierens, Findens und Freuens interpretiert werden.
3) Das Gleichnis von der verlorenen Drachme soll auf dem Hintergrund von Geschichten des Verlorenseins als Trost spendende Rede von Gottes Nähe erkannt werden.
4) Anhand eines Vergleiches der Gleichnisse von der Verlorenen Drachme und vom verlorenen Schaf sollen Gleichnisse als Gattung der Rede von Gott und der Verkündigung des Reiches Gottes erkannt werden.
5) Aus dem Kontext der beiden Gleichnisse soll der Zusammenhang zwischen der Verkündigung Jesu und seinem Handeln erschlossen werden.
6) Die Verkündigung des Reiches Gottes zielt auf eine veränderte Welt. Deshalb geht von den Gleichnissen Jesu eine Handlungsaufforderung aus, in die die Schülerinnen und Schüler einbezogen werden sollen.

Da diese 6 Punkte nicht in einer Unterrichtsstunde vermittelt werden können, ist es sinnvoll, sie auf 2-3 Unterrichtsstunden zu verteilen. In einer einführenden Stunde könnten die Punkte 1-3, in einer 2. Stunde der Punkt 4 und in einer abschließenden Stunde die Punkte 5 und 6 thematisiert werden.

III.5. Methoden der Umsetzung in einer 5./6. Klasse

- Mit Hilfe von Bildern, Geschichten, Phantasiereisen können die Schülerinnen und Schüler angeregt werden, eigene Erlebnisse von Verlieren und Finden bzw. vom Verlorensein zu erzählen. Auf diesem Hintergrund können sie das Gleichnis von er verlorenen Drachme nachvollziehen und seine hoffnungsvolle Verkündigung des tröstenden Reiches Gottes erkennen.
- Das Wesen einer Metapher kann den Schülerinnen und Schülern mit Hilfe von Bildworten, die sie kennen und gebrauchen, näher gebracht werden. Über diesen Weg kann das Gleichnis von ihnen als Rede von Gott erkannt werden.

III.6. Lernziele

Aus diesen Überlegungen ergeben sich folgende Lernziele. Eine Untergliederung in Feinlernziele habe ich nur bei der ersten Stunde vorgenommen, da ich diese weiterhin methodisch-didaktisch ausarbeiten möchte.

Groblernziel Stunde 1: …das Gleichnis von der verlorenen Drachme als sie ansprechende Rede von Gott interpretieren.

Feinlernziel 1: …über Erlebnisse von Verlieren, Finden, Freude und Verlorensein berichten.
Feinlernziel 2: …die Gleichnisgeschichte (Lk 15,8-9) als alltägliche Geschichte von Verlieren und Finden interpretieren.
Feinlernziel 3: …die Gleichnisgeschichte (V 8-9) mit dem Kommentar (V 10) vergleichen.
Feinlernziel 4: …das Gleichnis in seiner Gesamtheit als Rede von Gott und seiner Nähe deuten.

Groblernziel Stunde 2: …anhand eines Vergleiches der Gleichnisse vom verlorenen Schaf und von der verlorenen Drachme Aufbau und Inhalt eines Gleichnisses darstellen.

Groblernziel Stunde 3: …den Zusammenhang zwischen Jesu Handeln und seiner Verkündigung darstellen und diskutieren, inwiefern auch sie am Reich Gottes mitarbeiten sollen.

IV. Methodisch-didaktische Umsetzung

a) Feinlernziel 1: …über Erlebnisse von Verlieren, Finden, Freude und Verlorensein berichten.

Fünf Begriffe sollen die Schülerinnen und Schüler dazu anregen, Geschichten von Verlieren, Finden und Freuen zu erzählen bzw. zu erfinden: Haben – Verlieren – Suchen – Finden – Freuen. Dies Worte sollen an der Tafel stehen. In einem ersten Gang werden die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, zu erzählen, was ihnen zu den einzelnen Begriffen einfällt. In einem zweiten Gang erhalten die Schülerinnen und Schüler die Arbeitsaufgabe, eine kurze Geschichte zu schreiben und dabei die 5 Wörter in der angegebenen Reihenfolge zu verwenden. Anschließend stellen einige Schülerinnen und Schüler ihre Geschichte vor.

Alternativ könnte auch mit einer Bildbetrachtung[11] begonnen werden. Allerdings sollen die 5 Wörter als Leitbegriffe für diese Stunde dienen und deshalb am schon Anfang stehen.

b) Feinlernziel 2: …die Gleichnisgeschichte (Lk 15,8-9) als alltägliche Geschichte von Verlieren, Finden und Freude darüber interpretieren.

Der Lehrer/Die Lehrerin erzählt die Gleichnisgeschichte Lk 15,8-9 nach und vermittelt innerhalb der Erzählung den sozialgeschichtliche Hintergrund. Anschließend bekommen die Schülerinnen und Schüler die Aufgabe, die Geschichte anhand der an der Tafel stehenden Begriffe zu nachzuerzählen und mit ihren Geschichten zu vergleichen. Dabei erkennen sie, daßJesus wie sie eine alltägliche Geschichte erzählt hat.

Alternativ könnte man die Gleichnisgeschichte auch lesen lassen und den sozialgeschichtlicher Hintergrund dann getrennt vermittelt. Allerdings würde dieser Exkurs in die Thematik „Zeit und Umwelt Jesu“ den Rahmen sprengen. Hier geht es in erster Linie um das Gleichnis, dessen Verständnishintergrund so knapp und präzis wie möglich vermittelt werden soll.

c) Feinlernziel 3: …die Gleichnisgeschichte (V 8-9) mit dem Kommentar (V 10) vergleichen.

Der Lehrer/Die Lehrerin läßt die Schülerinnen und Schüler darüber spekulieren, was Jesus mit dieser Geschichte sagen wollte, warum er diese Geschichte erzählt haben könnte, um die Schülerinnen und Schüler dafür zu sensibilisieren, daßbiblische Geschichten mit einer Aussageabsicht erzählt werden. Schließlich schreibt er/sie die Interpretation Jesu (V 10) in folgender Form an die Tafel: „Das will ich euch sagen: So wird auch Freude sein bei Gott über einen Sünder, der ein neues Leben anfängt.“ Im Unterrichtsgespräch wird dann erarbeitet, daßdie Geschichte von Gott erzählen will, der diejenigen, die verloren sind, sucht.

d) Feinlernziel 4: …das Gleichnis in seiner Gesamtheit als Rede von Gottes Nähe deuten.

Der Lehrer/Die Lehrerin läßt ein Arbeitsblatt (M 1) austeilen, daßvon den Schülerinnen und Schülern in Partnerarbeit ausgefüllt wird. Die Ergebnisse werden verglichen. Die Schülerinnen und Schüler erhalten den Auftrag, aus ihrer am Unterrichtsanfang aufgeschriebenen Geschichte auch eine Geschichte zu machen, die von Gott erzählt, indem sie eine Deutesatz hinzufügen. Die neu entstandenen „Gleichnisse“ werden vorgelesen.

V. Verlaufplan

a) Feinlernziel 1: …über Erlebnisse von Verlieren, Finden, Freude und Verlorensein berichten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

b) Feinlernziel 2: …die Gleichnisgeschichte (Lk 15,8-9) als alltägliche Geschichte von Verlieren, Finden und Freude darüber interpretieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

c) Feinlernziel 3: …die Gleichnisgeschichte (V 8-9) mit dem Kommentar (V 10) vergleichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

d)Feinlernziel 4: …das Gleichnis in seiner Gesamtheit als Rede von Gottes Nähe deuten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

VI.Literatur

Erlemann, Kurt: Gleichnisauslegung: ein Lehr- und Arbeitsbuch. – 1. Aufl. – Tübingen; Basel: Francke, 1999. (UTB für Wissenschaft; 2093)

Himmel auf Erden / Hrsg. und eingel. von Sigrid und Hosrt Klaus Berg. – München: Kösel; Stuttgart: Calver; 1989. (Biblische Texte verfremdet; 11)

Hanisch, Helmut; Hartenstein, Markus: Vertrauen entdecken: Bildanregungen für das Gespräch in Schule und Gemeinde. Mit 60 Zeichnungen von Christof Sandberger. – Stuttgart: Calwer, 1991.

Jülicher, Adolf: Die Gleichnisreden Jesu. Zweiter Teil: Auslegung der Gleichnis­reden der drei ersten Evangelien. – Freiburg; Leipzig; Tübingen: Mohr, 1899

Jüngel, Eberhard: Metaphorische Wahrheit. Erwägungen zur theologischen Relevanz der Metapher als Beitrag zu einer narrativen Theologie. In: Jüngel, Eberhard: Entsprechungen: Gott-Wahrheit-Mensch. – München: 1986 (S. 103-157).

Kähler, Christoph: Jesu Gleichnisse als Poesie und Therapie: Versuch eines integrativen Zugangs zum kommunikativen Aspekt von Gleichnissen Jesu. – Tübingen: Mohr, 1995. (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament; 78)

Weder, Hans: Das Gleichnis als metaphorische Rede. In: Dressler, Bernhard (Hg.): Symbole und Metaphern: Beiträge zu einer kritischen Bestandsaufnahme der Symboldidaktik. – Loccum, 1995. (Arbeitshilfen Gymnasium; 6)

Die verlorene Drachme (Lukas 15, Verse 8-10)

Vers 8: Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat, zündet nicht, wenn sie eine Drachme verliert, eine Lampe an und kehrt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie sie findet?

Vers 9: Und wenn sie sie gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: Freut euch mit mir! Denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte.

Vers 10: Das will ich euch sagen: So wird auch Freude sein bei Gott über einen Sünder, der ein neues Leben anfängt.

Aufgabe: Lies den Text und vervollständige die beiden Sätze!

Gott freut sich wie ...

..

Gott sucht wie .

..

Gott sucht alle Menschen, die .

..

[...]


[1] Hans Weder: Das Gleichnis als metaphorische Rede, S. 31.

[2] Vgl. Kurt Erlemann: Gleichnisauslegung, S. 221.

[3] Adolf Jülicher: Gleichnisreden, S. 324.

[4] Eberhard Jüngel: Metaphorische Wahrheit

[5] Hans Weder: Die Gleichnisse Jesu als Metaphern

[6] Hans Weder: Das Gleichnis als metaphorische Rede, S.38.

[7] Hans Weder: Das Gleichnis als metaphorische Rede, S.38.

[8] Vgl. zum Folgenden: Christoph Kähler: Jesu Gleichnisse, S. 111f.

[9] Christoph Kähler: Jesu Gleichnisse, S. 109.

[10] Christoph Kähler: Jesu Gleichnisse, S. 110.

[11] zB: Hanisch; Hartenstein: Vertrauen entdecken, S. 55.

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Das Gleichnis von der verlorenen Drachme, Lk 15,8-10
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Religionspädagogik)
Veranstaltung
Fachpraktisches Seminar Mittelschule
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
18
Katalognummer
V10136
ISBN (Buch)
9783656590040
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dieser Unterrichtsentwurf konzipiert eine Schulstunde für die 6. Klasse, Lernbereich Gleichnisse. Er besteht aus folgenden Teilen: 1. einer Exegese des Gleichnisses von der verlorenen Drachme (Lk 15). Dabei wird auch ein kurzer Abriß der neueren Gleichnisforschung gegeben. 2. der Unterrichtsplanung nach dem Bildungstheoretischen Modell von Wolfgang Klafki. 3. Überlegungen zur methodisch-didaktischen Umsetzung der eruierten Lernziele. 4. Einer Verlaufstabelle der Unterrichtsstunde. Die Stärke dieser Arbeit liegt in der konsequenten Durchführung des Themas von der gleichnistheoretischen Grundlegung bis zur konkreten Unterrichtsstunde.
Schlagworte
Unterrichtsentwurf, Religionspädagogik, Gleichnis, Groschen, Drachme, Lehrplan, Schule, Stunde, Klasse 6, Klasse 5
Arbeit zitieren
Robert Mahling (Autor), 2001, Das Gleichnis von der verlorenen Drachme, Lk 15,8-10, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10136

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