Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers


Hausarbeit, 1999

15 Seiten


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Gliederung

1. Einleitung

2. Die Humanistische Psychologie
2.1 Über den Begriff Humanismus
2.2 Ideengeschichtlicher Hintergrund der Humanistischen Psychologie
2.3 Grundsätze und Menschenbild der Humanistischen Psychologie

3. Entstehung und Entwicklung der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie
3.1 Biographische Einflüsse Carl R. Rogers
3.2 Entwicklungsprozess der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie
3.3 Rogers Menschenbild und Persönlichkeitstheorie
3.4 Die Therapietheorie
3.5 Der Beziehungsaspekt in der Theorie

4. Relvanz und Anwendbarkeit der Theorie Rogers in der Sozialpädagogik

5. Schlussbetrachtung

Literatur:

- Biermann-Ratjen u. a. „Gesprächspsychotherapie“ 7. Auflage 1995, Stuttgart: Kohlhammer
- Corsini, Raymond J. (Hrsg.) „Handbuch der Psychotherapie“ Band 1 4. Auflage 1994, Weinheim: Psychologie Verlags-Union
- Hutterer, Robert „Das Paradigma der humanistischen Psychologie“ 1998, Wien; New York: Springer
- Kriz „Grundkonzepte der Psychotherapie“ 4. Auflage 1994, Weinheim: Beltz
- Quittmann, Helmut „Humanistische Psychologie“ 2. Auflage 1991, Göttingen: Hogrefe
- Rogers „Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie“ ?. Auflage 1995, Frankfurt: Fischer
- Tscheulin, Dieter (Hrsg.) „Beziehung und Technik in der klientenzentrierten Therapie“ 1983, Weinheim; Basel: Beltz div. Aufzeichnungen

1. Einleitung

2. Die Humanistische Psychologie

In fast allen Werken über die Humanistische Psychologie wird sie als „dritte Kraft“ oder „dritte Revolution“ neben der Psychoanalyse und dem Behaviorismus bezeichnet (vgl. z.B. Hutterer, 1998; S.24 und Quittmann, 1991; S.14).

Im folgenden Kapitel soll diese psychologische Strömung in Kurzform näher charakterisiert werden.

Dazu werde ich als erstes die Bedeutungsvielfalt des Begriffes Humanismus vor allem in der Relevanz für psychologische und psychotherapeutische Konzepte versuchen darzustellen. Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels werde ich dann die Phänomenologie, die Existenzphilosophie und einige gestaltpsychologische Momente als Hintergrund der Humanistischen Psychologie kurz darstellen.

Zum Abschluss des Kapitels werde ich dann einige der Grundsätze und das Menschenbild der Humanistischen Psychologie noch mal in komprimierter Form darstellen.

2.1 Über den Begriff Humanismus

Der Begriff Humanismus wurde vor allem in historischem Kontext schon häufig für verschiedenartige Bewegungen und Vorstellungen verwendet. Hutterer schreibt, dass jede Epoche ihre eigenen Humanitätsvorstellungen hatte, die als einigendes Element aber immer etwas mit der „Entwicklung, Förderung und Kultivierung des eigentlich Menschlichen“ zu tun hatten (Hutterer, 1998; S. 85).

Eine reflektierte Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst steht dabei bei jeder als humanistisch zu bezeichnenden Philosophie oder Weltanschauung im Vordergrund und ist stets mit einem pädagogischen Anspruch, vor allem durch Bildung, verbunden. Auf den historischen Kontext des Begriffes werde ich hier allerdings nicht eingehen, sondern verweise statt dessen auf die ausführlichen Darstellungen Hutterers zu diesem Thema (ebd.; S.85ff).

In Anlehnung an Giorgi versucht Hutterer an anderer Stelle fünf Bedeutungen des Begriffes „human“ zu unterscheiden, die alle in unterschiedlich starken Ausprägungen für die verschiedenen Konzepte der Humanistischen Psychologie und deren Verständnis von Bedeutung sind (ebd.; S.12ff).

Als erstes kann man den Begriff „human“ als humanitär/menschlich verstehen. Als „humaner“ Mensch wäre man dann gefällig zu seinen Mitmenschen, sozial und hilfsbereit und auf das Wohl all seiner Mitmenschen bedacht. „Human“ in diesem Sinne ist auch immer implizit ein Hinweis auf allgemeingültige Menschenrechte.

Diese Interpretation des Begriffes „human“ greift nach Hutterer allerdings zu kurz, um das humane in der Humanistischen Psychologie zu erklären, da sie sich dadurch nicht von anderen psychologischen Strömungen, bzw. Sozialwissenschaften allgemein, unterscheiden würde.

Alle Wissenschaften und Berufe, die auch nur im entferntesten mit Heilen oder Helfen zu tun haben, benötigen diesen Anspruch an Humanität zwangsläufig.

Als zweites kann man den Begriff „human“ vor dem Hintergrund einer Philosophie des Humanismus verstehen. Diese Philosophie betont, dass der Mensch eine „eigenständige Seinskategorie“ darstellt, deren Entstehung nicht durch etwas religiöses, übernatürliches oder spirituelles erklärt werden kann, sondern durch Vernunft der Menschen und Fortschritt der Wissenschaften.

Diese Philosophie ist sicherlich auch bei psychologischen Fragestellungen in der Humanistischen Psychologie im Auge zu behalten, reicht aber wahrscheinlich nicht aus, um Erlebens- und Verhaltensweisen von Menschen zu erklären. Die Humanistische Psychologie muss also mehr sein, als eine Fortführung der Philosophie des Humanismus mit psychologischer Fragestellung.

Ähnlich verhält es sich bei der nächsten Bedeutung des Begriffes „human“. Hierbei bezieht sich „human“ auf die Auseinandersetzung mit besonderen geistigen Leistungen von Menschen bzw. Der Menschheit allgemein in Sprache, Literatur, Kunst und Geschichte.

Auch diese Sichtweise allein betrachtet würde das Problembewusstsein der Humanistischen Psychologie zu einseitig sehen, auch wenn sie für einige psychologischen Fragestellungen von Relevanz sein mag.

Hutterer sieht eine große Überschneidung z.B. in der Entwicklung des humanistischen Bildungsbegriffes, der auch in der Humanistischen Psychologie eine große Rolle spielt.

Die vierte Bedeutung ist eine sehr offene und weitreichende. Hierbei würde „human“ alles, was menschlich ist bedeuten und die Humanistische Psychologie wäre eine Denkrichtung, der „nichts menschliches fremd wäre“ (ebd; S.15).

Dieses nimmt die Humanistische Psychologie zwar für sich in Anspruch, allerdings erscheint der Begriff in dieser Bedeutung zu offen, da sich Psychologie immer mit Menschen beschäftigt. Über den Unterschied und die Abgrenzung zu anderen psychologischen Denkrichtungen ist diese Bedeutung des „humanen“ also nicht sehr aussagefähig. Die Humanistische Psychologie wäre somit lediglich zu unterscheiden von einer „Psychologie des Tieres“ o.ä..

Die fünfte und letzte von Hutterer angeführte Bedeutung betont das Einzigartige, das Besondere am Menschen, das ihn von anderen Organismen unterscheidet.

Hierfür nennt er z.B. Kreativität, Bewusstheit, Selbstreflexion, Selbstaktualisierung, Identität, Autonomie u.ä., um das spezifisch Menschliche zu charakterisieren.

Die Humanistische Psychologie beschäftigt sich also mit all diesen Dingen und versucht sie inhaltlich zu füllen, sowie ein wissenschaftsmethodisches und Praxis- und Handlungsbezogenes Problembewusstsein zu entwickeln.

Die inhaltliche Füllung kann nur durch Selbsterforschung gelingen, welche in der Tat ein wesentlicher Bestandteil der Humanistischen Psychologie ist. Dieses wird z.B. in C.R.Rogers Buch „Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie“ deutlich, in dem er sich in zwei Kapiteln intensiv mit der Rolle und den Erfahrungen des Beraters beschäftigt.

Auch in der Entstehungsgeschichte der Humanistischen Psychologie ist zu erkennen, dass diese Bedeutung des Begriffes „human“ eine wesentliche für diese Denkrichtung ist. Hierauf werde ich aber in einem späteren Kapitel (1.3.) noch näher eingehen.

2.2 Ideengeschichtlicher Hintergrund

In allen Werken über die Humanistische Psychologie werden der Existenzialismus (hier vor allem Sören Kierkegaard und Martin Buber) und die Phänomenologie (nach Edmund Husserl) als philosophischer Hintergrund für die Humanistische Psychologie bezeichnet. Daneben finden noch diverse andere Denkrichtungen Erwähnung.

Kriz z.B. betont noch besonders die Gestaltpsychologie, die besonders großen Einfluss auf die Entwicklung humanistischer Konzepte in der Psychologie gehabt habe (Kriz, 1994; S.176ff). Auch Hutterer erwähnt die Gestaltpsychologie neben vielen anderen Denkrichtungen, wie z.B. die Organismische Theorie nach Goldstein, die Persönlichkeitstheorie nach Allport oder auch fernöstliche Philosophien wie Taoismus oder Zen-Buddhismus (ausführlich in Hutterer, 1998; S.133ff).

Die wichtigsten Wurzeln scheinen aber, auch weil sie immer wieder Erwähnung finden, im Existenzialismus und in der Phänomenologie zu liegen. Diese möchte ich im Folgenden kurz darstellen, bevor ich noch zu einem Abriss einiger gestaltpsychologischer Momente komme.

Existenzialismus

Der Existenzialismus, der hauptsächlich durch den Dänen Sören Kierkegaard begründet wurde (Quittmann nennt ihn den „Großvater des Existenzialismus“), beschäftigt sich vor allem mit der Betrachtung und Erforschung des „menschlichen Seins“, wobei Existenz etwas typisch menschliches ist. Dingen wird keine Existenz zugeschrieben (Quittmann, 1991; S.40). Wenn das „Wesen des Menschen“, also das „Sein“, erforscht wird, wird dieses im Existenzialismus immer als Prozess mit verschiedenen Dimensionen, wovon die zeitliche die wichtigste ist, betrachtet. Es gibt kein objektives, allgemeingültiges Wesen des Menschen, welches in bis dato traditionellen Philosophien (z.B. bei Hegel) gesucht wurde. „Nicht das, was der Mensch ist, sondern das, wozu er sich jeweils durch die Tat macht, ist sein Wesen“ (Kriz, 1994; S.174).

Existenz ist dabei immer individuell. Menschliche Grunderfahrungen wie Angst, Leid oder auch Freude sind individuelle, existentielle Erlebnisse, die sich durch durch das Sein des Menschen, wie er jeweils ist, entwickeln. Der jeweilige Mensch (und nicht die Natur) ist Ausgangs- und Mittelpunkt des philosophierens. In diesem Sinne ist der Existenzialismus also auch humanistisch. Die Individualität kann allerdings nicht bedeuten, dass die menschliche Existenz isoliert betrachtet werden kann, sondern sie wird immer auch mit der sie umgebenden Welt verbunden betrachtet. Heidegger prägte hierfür den Begriff des „In-der-Welt-Seins“.

Eine besonders starke Betonung finden im Existenzialismus vor allem die negativen Seiten des Lebens, wie z.B. Angst, Schmerz oder Verzweiflung. Eine Haltung, die die meisten Vertreter der Humanistischen Psychologie nach Hutterer allerdings nicht teilen (Hutterer, 1998; S. 156). Insgesamt war der europäische Existenzialismus für die Begründer der Humanistischen Psychologie eine wichtige Inspirationsquelle, auch wenn in den humanistischen Therapieformen eher der Aspekt der Selbstentdeckung als der der Selbsterschaffung betont wird (ebd.).

Phänomenologie

Die Phänomenologie wird häufig als die Methode der Existenzphilosophie bezeichnet. Im europäischen Kontext wurde sie hauptsächlich von Edmund Husserl (1859 - 1938) begründet. Sie beschäftigt sich mit den Erscheinungen, und zwar zählen hierzu sowohl die Erscheinungen der äußeren Sinneswelt, als auch die der inneren Erlebnissphäre.

Es geht dabei grundsätzlich um das „Wesen“, das eigentliche „Sein“ der Dinge, unter Umgehung von theoretischer Voreingenommenheit oder Befangenheit (Hutterer, 1998; S.145). Quittmann sieht den Mittelpunkt der phänomenologischen Methode in der „Wesensschau“. Dieses ist „ein innerliches, geistiges Aussprechen des Gegenstandes, wie er in der geistigen Schau gegeben ist, nicht, wie er außerhalb des Bewußtseins existiert“. Die „Wesensschau“ beinhaltet, dass man bei der Betrachtung einer Sache sein eigenes Vorwissen, die Außenwlt und auch jegliche Art von wissenschaftlich methodischem Vorgehen außer Betracht läßt (Quittmann, 1991; S. 41).

Dieses ist erreichbar durch die sogenannte „eidetische Reduktion“. Sie besagt, dass alles Wissen eines Menschen durch seine eigene Sichtweise und durch seine eigenen Erfahrungen mit der Welt entsteht und zwar durch die „Wesensschau“, in der er sich auf das „tiefere Wesen“, also das, „worauf es ankommt“, einer Sache konzentriert (Hutterer, 1998; S. 145). Alles, wozu ein bewußtseinsmäßiger Zugang besteht, kann auch Gegenstand einer phänomenologischen Untersuchung sein, also auch Erfahrungen und Erlebnisse wie z.B. Liebe oder Angst (ebd.). Hier wird auch die Bedeutung der Phänomenologie für die Psychologie deutlich: die Welt stellt wird vom einzelnen so wahrgenommen, wie sie sich im Rahmen seiner eigenen Erfahrungen darstellt. Dadurch, dass er erfährt, was die Welt für ihn bedeutet, erfährt er gleichzeitig auch, wer und was er selber ist.

Die zentrale Aussage ist also, „dass Mensch und Welt, Subjekt und Objekt, Sein und Bewußtsein, Innen und Außen stets als untrennbare Einheit anzusehen sind“(Quittmann, 1991; S. 42).

Gestaltpsychologie

Die Gestaltpsychologie geht davon aus, dass Denk- und Wahrnehmungsprozeße, aber auch Bewegungsabläufe, einer ganzheitlichen Organisation nach übergreifenden Gestaltgesetzlichkeiten bedürfen. Sie unterscheidet sich damit von der „Elementen-Psychologie“, die davon ausgeht, dass psychische Phänomene aus einzelnen Elementen bestehen, die jeweils einzeln zu untersuchen sind.

Eine Gestalt in diesem Sinne ist eine in sich gegliederte Ganzheit, die bei Beeinträchtigungen in der Lage ist, sich umzuorganisieren und dadurch die Beeinträchtigung zu kompensieren (Goldstein nach Kriz, 1994; S. 177).

Goldstein sieht darin die menschliche Tendenz zur Selbstregulierung und Selbstaktualisierung, von der später noch die Rede sein wird.

Als Beispiel für eine Gestalt gilt z.B. eine Melodie, die mehr ist als die bloße Summation ihrer einzelnen Töne, die aber gleichzeitig in andere Tonlagen transponierbar und immer noch erkennbar ist. Diese wurde dann auf Sinneswahrnehmungen übertragen; Wahrnehmungen werden von „dem Ganzen“ dominiert und sind (ebenso wie die Melodie) mehr als die Summation ihrer Einzelteile (Hutterer, 1998; S. 158).

Wichtig zum Verständnis erscheint dabei noch die „Figur-Grund- Beziehung“ der Gestaltpsychologen. Bei jeder Wahrnehmung wird ein bestimmter Teil derselbigen als Hintergrund wahrgenommen, während ein anderer den Vordergrund bildet. Dieses ist genau so, wie beim betrachten eines Bildes. Welcher Teil nun aber als welcher angesehen wird, geschieht aufgrund unserer eigenen Wahrnehmung und kann sich auch aufgrund bewußter Entscheidungen verändern. Folglich beruht unsere Wahrnehmung auf einem flexiblen Prinzip und ist somit auch Ausdruck einer schöpferischen Aktivität (ebd. S. 159).

2.3 Grundsätze und Menschenbild der Humanistischen Psychologie

Jede psychologische Denkrichtung steht vor dem Hintergrund einer bestimmten Sichtweise des Menschen, die Einfluss auf ihre Theorie - und Hypothesenbildung hat.

Rogers hat darauf hingewiesen, dass es von großem Vorteil ist, wenn diese Sichtweise auch explizit formuliert wird, da der Forschende dadurch bewusster an seinen Forschungsgegenstand, sprich den Menschen, herangeht.

Dem Menschenbild sprach er dabei eine „erkenntnisleitende Funktion“ zu, weil es Wahrnehmungen und Erfahrungen filtert und somit auf eine grundlegende Weise das Problembewusstsein bestimmt (Hutterer, 1998; S. 128).

Als grundsätzlich für die Humanistische Psychologie können folgende fünf Prinzipien, die Bugental 1964 veröffentlicht hat und die ich hier nach Quittmann (1991; S. 16f) zitiere, gelten:

1. „Der Mensch in seiner Eigenschaft als menschliches Wesen ist mehr als die Summe seiner Bestandteile“. Im Absatz 2.2 über die Gestaltpsychologie wurde dieses bereits näher erläutert. Der Mensch ist also auch eine Gestalt in oben beschriebenem Sinne und damit mehr als die Summierung von Teilfunktionen.
2. „Das menschliche Existieren vollzieht sich in menschlichen Zusammenhängen“. D.h., der Mensch muss sich in Gesellschaft begeben und ist abhängig von zwischenmenschlichen Beziehungen. Ohne sie könnte er nicht existieren.
3. „Der Mensch lebt bewusst“. Er ist sich also seines „da-seins“ bewusst und kann dadurch seine Erfahrungen einordnen und verstehen.
4. „Der Mensch ist in der Lage zu wählen und zu entscheiden“. Dieses folgt direkt aus dem Vorangegangenem, da er durch seine Bewusstheit aktiv entscheiden und seine Situation verändern kann.
5. „ Der Mensch lebt zielgerichtet“. D.h., er hat gewisse Werte und Bedürfnisse, die er erreichen möchte und die die Grundlage für seine Identität bilden.

Die in Punkt fünf angesprochene Zielgerichtetheit kann allerdings durchaus gegensätzliche Ziele beinhalten. So strebt ja der Mensch, wie in Punkt 2 beschrieben, nach Gesellschaft und sozialer Interdependenz, trotzdem strebt er aber auch nach Autonomie und Unabhängigkeit. Dieses ist aber kein Gegensatz, sondern die Autonomie ist eher in einem sozialverantwortlichem Sinne zu sehen.

„Nur ein Individuum, das für sich selbst verantwortlich ist, kann Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen. Eine Person, die entdeckt hat, dass sie sich selbst verändern kann, wird auch zu notwendigen Veränderungen der Umwelt beitragen“ (Völker, zit. nach Quittmann, 1991; S. 179).

Ein wesentliches Ziel, auf das der Mensch gerichtet ist, ist das der Selbstverwirklichung. Hierzu hat Maslow 1973 eine fünfstufige Bedürfnis-Hierarchie entwickelt. Auf der untersten Stufe sind physiologische Bedürfnisse wie Hunger und Durst zu finden, dann folgen Sicherheitsbedürfnisse, Bedürfnisse nach Sozialkontekt und Bedürfnisse nach Bestätigung und Wertschätzung. Diese alle nennt er „Defizitbedürfnisse“. Erst wenn diese (und zwar auch in dieser Reihenfolge) alle befriedigt sind, kommen die Bedürfnisse nach Wachstum und Selbstverwirklichung zum tragen und damit auch die Frage nach seinem „eigentlichen“ Ziel und dem „Sinn“ seiner Existenz. Diese Fragen sind dabei von humanistischen Wertvorstellungen wie Freiheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde geprägt (dargestellt nach Kriz, 1994; S. 179f).

Einen Überblick über das ganz persönliche Menschenbild von Carl Rogers werde ich in Kapitel

3.? noch geben.

Der Mensch steht grundsätzlich im Mittelpunkt der Humanistischen Psychologie; das bedeutet, dass der forschende Mensch immer selbst Teil der Forschung ist. Dieses steht ganz klar im Gegensatz zum Behaviorismus, da aus dieser Sichtweise heraus kein Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität gestellt werden kann, weil der Mensch mit all seiner Individualität in „das zu erforschende“ mit hineinspielt. Seinen Fragestellungen wird die größte Bedeutung zugemessen. Die Methodik z.B. durch Testversuche und Statistiken wird zwar nicht prinzipiell abgelehnt, doch muss sie sich den Erfahrungen des (forschenden) Menschen und den Bedeutungszusammenhängen des „menschlichen Seins“ allgemein unterordnen.

Ergebnisse dieser Forschungen und auch Wissen allgemein besitzen allerdings nur relative Bedeutung. Die Humanistische Psychologie geht davon aus, dass durch die menschliche Vorstellungskraft und Kreativität unendlich viel Wissen erreicht werden kann, so dass jede neue Erkenntnis nur relative Bedeutung besitzen kann.

3 Entstehung und Entwicklung der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie In diesem Kapitel möchte ich den Weg aufzeigen, auf dem Rogers zu seinem Therapiekonzept kam. Eine große Rolle spielt dabei wohl seine Biographie. Im ersten Teil möchte ich diese biographischen Einflüsse darstellen und versuchen, sie in Zusammenhang mit seinem Therapiekonzept zu setzen.

Im zweiten Teil dieses Kapitels möchte ich den langwierigen Entstehungsprozess der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie, der sowohl aus praktischen als auch theoretischen Aspekten besteht, die in verschiedenen Phasen jeweils aufeinander aufbauen, schildern.

3.1 Biographische Einflüsse Carl R. Rogers

In diesem Kapitel beziehe ich mich hauptsächlich auf Rogers eigene Darstellungen in dem Kapitel „Das bin ich“ aus seinem Buch „Entwicklung der Persönlichkeit“ (Rogers, ?) und auf die Ausführungen Bommerts (1987; S.12ff).

Carl R. Rogers wurde 1902 in Oak Park, Illinois, USA als viertes von sechs Kindern geboren. Seine Eltern erzogen ihn streng pietistisch (evangelische Glaubensrichtung) und konservativ. Rogers beschreibt diese Situation als „eine strenge und kompromisslose und religiöse und ethische Athmosphäre“ (Rogers, ?; S. 21), in der das Leben von vielen Verboten, harter Arbeit und einer hohen Wertschätzung geprägt war.

Hierin sieht Finke erste prägende Einflüsse auf die spätere Persönlichkeit Rogers hinsichtlich dem Respekt gegenüber der Würde des Menschen und in bezug auf das „bedingungslose Akzeptieren“, welches später noch näher erläutert wird und welches Finke als Protest gegenüber seiner Erziehung deutet (Finke, 1994; S. 6).

Schon als Kind setzte sich Rogers mit wissenschaftlichen Fragen aus den Bereichen Biologie und Landwirtschaft (seine Eltern waren Farmer) auseinander. Er begann auch ein Studium der Agrarwissenschaften, wechselte allerdings nach kurzer Zeit zur Theologie. Während dieser Zeit veränderte sich die durch seine Erziehung geprägte Lebenseinstellung, vor allem auch durch den Besuch einer christlichen Studentenkonferenz in China, und er entwickelte sein Interesse für die Psychologie.

Zunächst studierte er am „Teachers College“ der Universität Columbia. Hier erlernte er die streng empirisch - wissenschaftliche Methode, die zu jener Zeit das Bild der Psychologie in den USA prägten, von dem er sich später aber abwandte.

Zur gleichen Zeit besuchte er aber auch das „Institute for Child Guidance“ (Institut für Erziehungsberatung), wodurch er mit dem Konzept der Psychoanalyse Freuds in Berührung kommt. Durch Kennenlernen dieser sehr unterschiedlichen Ansätze entsteht in ihm ein innerer Konflikt, den er selber als große Lernerfahrung beschreibt und der sich wohl auch stark auf seine spätere berufliche Entwicklung ausgewirkt hat.

Noch während seiner Studienzeit nimmt Rogers eine Stelle als klinischer Psychologe in Rochester an, wo er mit delinquenten und verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen arbeitet. Hier sammelt er für seine spätere Arbeit wichtige Erfahrungen.

In dieser Zeit lernte er auch das Denken des Freud-Schülers Otto Rank kennen, das ihn ebenfalls stark beeinflusste. Dieser Ansatz betont die Notwendigkeit, dass der Klient seinen persönlichen Willen ausdrückt, sein eigenes Leben in die Hand nimmt und sich ständig seine eigene Wirklichkeit schafft und dass ein dominanter und autoritärer Umgang mit diesen Klienten höchstens eine kurze und oberflächliche Wirkung haben kann (vgl. Quittmann, 1991; S. 141ff). 1939 erschien sein erstes Buch „The clinical treatment of the problemchild“. Ein Jahr später erhielt er eine Professur an der „Ohio state university“.

Durch die Arbeit mit seinen Studenten wurde ihm klar, dass er einen neuen Therapieansatz entwickelt hat, der sich grundlegend von den damals vorherrschenden Ansätzen unterscheidet. Die ersten Grundsätze der „nicht-direktiven“ Theorie beschreibt er in seinem Buch „Counseling and Psychotherapy“ (1942). In einem langwierigem Prozess entwickelt er dieses Konzept nun fort. Nach fünf Jahren in Ohio wechselt er nach Chicago, wo er das „Counseling Center“ aufbaut.

Die Entwicklung seines Konzeptes in dieser Zeit und die spätere Weiterentwicklung möchte ich im Folgenden darstellen.

3.2 Der Entwicklungsprozess der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie

In den meisten Darstellungen über den Entwicklungsprozess der Gesprächspsychotherapie findet sich eine Gliederung in drei oder vier Phasen, wobei diese nicht voneinander abgrenzbar sind und aufeinander aufbauen (vgl. Kriz, 1994; S. 198).

Ich möchte hier auf die ersten drei Phasen eingehen, die in direktem Zusammenhang mit der Tätigkeit Rogers stehen. Die vierte Phase ist eher eine Weiterentwicklung von Rogers` Ansatz (vgl. a.a.O.; S.200).

Die erste Phase wird von Kriz zwischen 1938 und 1950 datiert, als Rogers in Ohio und Chicago tätig war (a.a.O.; S. 198).

Für Bommert ist das Buch „Counseling and Psychotherapy“ (Rogers, 1942) bezeichnend für diese Phase (Bommert, 1987; S. 15). Der neuartige Ansatz wird hier als „nicht-direktiv“ („nondirective counseling“) bezeichnet und geht davon aus, dass jeder Mensch in Richtung Wachstum, Anpassung und Gesundheit tendiert.

Der Therapeut verzichtet bewusst auf Ratschläge und Verhaltensanweisungen. Der Klient wird nicht als Objekt betrachtet, sondern er soll durch den Therapeuten „zu einem Verständnis seiner selbst“ kommen (Rogers in Bommert, 1987; S. 15). Aufgrund dieses Verständnisses entwickelt der Klient dann Fähigkeiten, selber neue und geeignete Schritte einzuleiten. Die therapeutische Situation soll, nach Kriz (1994; S. 198), Sicherheit und Geborgenheit bieten, damit der Klient eigene Entdeckungen und Erfahrungen machen kann, nach denen er dann selbständig handelt.

Hierbei muss der Therapeut eine sehr große Akzeptanz des Klienten an den Tag legen, damit dieser auch ermutigt wird, sich frei auszudrücken.

Gefühlsaspekte werden dabei wesentlich stärker berücksichtigt als die intellektuellen Aspekte und der gesamte Prozeß soll die unmittelbare Gegenwart betrachten. Die Vergangenheit, bzw. Schwierigkeiten der Vergangenheit, spielen lediglich eine untergeordnete Rolle. Bemerkenswert ist auch schon in dieser Phase die Art seiner Forschung, die Rogers entwickelte. Erzeichnete alle Gespräche mit Tonband auf, um sie anschliessend empirisch auszuwerten. Eine Methode, die hohe Anerkennung fand und später von vielen anderen psychologischen Schulen übernommen wurde.

In der zweiten Phase, in der Rogers Persönlichkeitstheorie noch stärker im Vordergrund steht, wird noch mehr Betonung auf das „Selbst“ gelegt. Kennzeichnend für diese Phase ist das Buch „client centered therapy“ (Rogers 1951).

Schon durch die Namensgebung (klientenzentriert) wird deutlich, dass es nun nicht mehr reicht, lediglich „nicht-direktiv“ zu sein, sondern dass ab jetzt die Auseinandersetzung des Klienten mit seiner eigenen Gefühlswelt stärkere Bedeutung gewinnt. Der Klient soll durch den Therapeuten zu einer Selbstexploration im Sinne von Wahrnehmung und Reflexion seiner eigenen Gefühle gebracht werden (Kriz, 1994; S. 199).

Wie schon in der ersten Phase spielen die Grundeinstellungen und Haltungen des Therapeuten dabei eine große Rolle. Auf Gefühle des Klienten und deren Verbalisierung wird hier noch mehr Wert gelegt, als in der ersten Phase. Eine Problemlösung auf kognitiver Ebene wird abgelehnt (ebd.).

Statt dessen soll der Therapeut versuchen, „den inneren Bezugsrahmen des Klienten anzunehmen“ und ihm diesen in der therapeutischen Interaktion vermitteln. Ziel dieses Verfahrens ist nach Bommert, dass der Klient Erfahrungen, die er verzerrt wahrgenommen oder verleugnet hat, besser in sein eigenes Selbstkonzept zu integrieren (Bommert, 1987; S. 16). In dieser Phase (1957) formuliert Rogers auch drei Therapieprinzipien, die (spätestens) ab da seine Arbeit konsequent bestimmen. Diese sind positive Wertschätzung und emotionale Wärme (Akzeptanz), Echtheit (Selbstkongruenz) und einfühlendes Verstehen (vor allem auch mit der Verbalisierung von Emotionen).

Diese drei Prinzipien werden im nächsten Kapitel noch ausführlicher dargestellt werden.

Die dritte Phase bezeichnet Kriz als die „Phase der Erlebniszentrierung“ (a.a.O.) und datiert sie in den 60ern. Hier gewinnt die Interaktion zwischen Therapeut und Klient eine größere Bedeutung.

Der Schwerpunkt der therapeutischen Intervention liegt nun darauf, den Kontakt zwischen dem Therapeuten und dem Klienten, aber vor allem auch den Kontakt vom Klienten zu sich selbst, zu erhalten und zu vertiefen.

Verfahren wie das „Experiencing“ und das „Focusing“ werden in das Konzept der Gesprächspsychotherapie integriert, damit der Klient seine Wahrnehmungen deutlicher erleben kann und sie so auch besser in sein Selbstkonzept einbauen kann. Diese beiden Verfahren möchte ich hier allerdings nicht näher erläutern, sondern verweise statt dessen auf die Ausführungen von Kriz (1994; S. 210ff).

3.3 Rogers Menschenbild und seine Persönlichkeitstheorie

Rogers Biographie und seine therapeutische Arbeit prägten in entscheidendem Maße sein Menschenbild und er entwickelte daraus seine ganz eigene Persönlichkeitstheorie, die er in jede seiner theoretischen und praktischen Arbeiten einfließen ließ.

Am deutlichsten stellt Rogers sein Bild des Menschen in dem Buch „Theorie der Persönlichkeit und des Verhaltens“ dar (1951).

Hier stellt er neunzehn Thesen auf, die ich hier im Einzelnen nicht wiedergeben möchte, da sie teils auch schon im Teil über das Menschenbild der Humanistischen Psychologie Erwähnung fanden. Zentrale Punkte daraus werde ich aber weiter unten noch zusammenfassen. Die drei zentralen Begriffe in Rogers Persönlichkeitstheorie sind die „Aktualisierungstendenz“, das „Selbst“ und die „Inkongruenz“.

Rogers geht davon aus, „dass der Mensch...eine ihm innewohnende Tendenz besitzt, alle seine Fähigkeiten so zu entwickeln, dass sie den Organismus erhalten oder vervollkommnen“ (Rogers, 1994; S. 491). Diese Tendenz bezeichnet er als „Aktualisierungstendenz“. Zur Erläuterung bringt er das Beispiel eines kleinen Kindes, welches laufen lernt: „...trotz Beulen, Fehlschlägen und Frustrationen nähert es sich einer Bewegungsweise, die seine Möglichkeiten erweitert und bereichert. Ist ein angemessenes Klima für persönliches Wachsen gegeben, dann kann man sich auf die Tendenz verlassen, dass der Organismus weiter aktualisiert wird, auch Hindernisse und Schmerzen überwunden werden“ (ebd.). Rogers schließt aber nicht aus, dass die Tendenz zur Aktualisierung durch ungünstige Umweltbedingungen be- oder sogar verhindert werden kann. Das „Selbstkonzept“ beschreibt Rogers als „...eine organisierte Konfiguration von Wahrnehmungen des Selbst, die dem Bewusstsein zugänglich sind...“, auch wenn sie im Bewusstsein nicht immer präsent sein müssen (Rogers, 1995; S. 135).

Es besteht aus charakteristischen Wahrnehmungen der eigenen Person und den Wahrnehmungen des Selbst in Bezug zu anderen und zur Umgebung. Erfahrungen werden aufgrund von Wertvorstellungen, die ebenfalls zum Selbstkonzept gehören, als positiv oder negativ bewertet und können somit seine Gestalt verändern. Es ensteht schon in der frühkindlichen Entwicklungsphase, ist jedoch sehr wandelbar (Rogers, 1994; S. 492). Der dritte Aspekt ist die „Inkongruenz“. Rogers beschreibt diese als „...Diskrepanz, die sich zwischen dem Erleben des Organismus und dem Selbstkonzept...“ ergeben kann (a.a.O.; S. 493). Dabei kann die Aktualisierungstendenz eine doppelte, sich widerstrebende Rolle spielen, wenn das Selbstkonzept durch sie unterstützt wird, der Organismus aber zu einer anderen Seite strebt, um seinen Bedürfnissen, die sich vom Selbstkonzept stark unterscheiden können, gerecht zu werden. In diesem Konflikt sieht Rogers die Grundlage der Angst (ebd.).

Als Vertreter der Humanistischen Psychologie geht auch Rogers davon aus, dass jedes Individuum im Mittelpunkt der Welt seiner eigenen Erfahrungen lebt (These 1); es reagiert also so auf seine Umwelt, wie es sie subjektiv erfährt und wahrnimmt. Die Wahrnehmungen werden durch neue Erfahrungen immer wieder überprüft, so dass eine „verlässliche Realität“ aufgebaut werden kann. Der Körper reagiert dabei physisch und psychisch als organisiertes Ganzes, also ganz im Sinne der Gestaltpsychologie (These 3).

Da für Rogers das grundlegenste Bedürfnis des Menschen die Aktualisierungstendenz ist, die der Selbsterhaltung und Weiterentwicklung dient, hat er auch die Vorstellung, dass Verhalten stets der zielgerichtete Versuch des Organismusses ist, seine Bedürfnisse zu befriedigen (Thesen 4 und 5). Durch Emotionen wird dieser Versuch gefördert (These 6). Erfahrungen, die das Individuum macht, können je nachdem ob sie ins Selbstkonzept passen, symbolisiert, ignoriert oder verzerrt wahrgenommen bzw. Gänzlich verleugnet (These 11). Wenn sie normal mit dem Selbst in Einklang zu bringen sind, werden sie symbolisiert und ins Selbstkonzept übernommen; dies kann auch im negativen Sinne wirken, wenn ein negatives Selbstbild besteht und nur entsprechende Erfahrungen symbolisiert werden, die das negative Selbstbild verstärken. Wenn es keine wahrgenommene Beziehung zur Selbststruktur gibt, werden sie ignoriert und bleiben somit folgenlos; verzerrt symbolisierte Erfahrungen, die mit der Struktur des Selbst nicht übereinstimmen, können zu psychischer Fehlanpassung führen, wenn dadurch wichtige Körper- oder Sinneserfahrungen verhindert werden (These 14). Wenn sie verleugnet werden, führt dies zur schon erwähnten Inkongruenz.

Der Idealfall ist, wenn das Selbstkonzept so geartet ist, dass alle Körper- und Sinneserfahrungen des Organismusses auf einer symbolischen Ebene in eien übereinstimmende Beziehung mit dem Selbstkonzept gebracht werden können (These 15).

Erfahrungen, die nicht mit dem Selbstkonzept übereinstimmen, können aber auch zu einer Überprüfung und Revision desselbigen führen (These 17) (alle Thesen aus Rogers, 1995; S. 418ff).

Wenn sich nun ein Individuum, ausgelöst durch Inkongruenz, derartig verhält, dass das Verhalten als Widerspruch zum Selbstkonzept empfunden wird, ist eine Therapie oder zumindest intensive Beratung nötig.

Der theoretische Rahmen, den Rogers sich zu seinen Therapieentwürfen gesteckt hat, soll im folgenden Kapitel erläutert werden.

3.4 Die Therapietheorie

Als Grundbedingung der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie gelten die drei Prinzipien Kongruenz, einfühlendes Verstehen und bedingungsfreie Wertschätzung. Entscheidend dafür ist, dass der Therapeut diese Einstellungen nicht nur hat, sondern dass der Klient diese auch bei ihm wahrnimmt (Bommert, 1987; S. 25).

Eine geschlossene Darstellung des Versuches einer Theorie findet sich in seinem Buch „Die klintenzentrierte Gesprächspsychotherapie“ (Rogers, 1995), sowie zusammenfassend in dem Artikel „Klientenzentrierte Psychotherapie“ (Rogers, 1994). Er hebt hier den Prozess der Therapie und vor allem die Veränderung im Verhalten des Klienten hervor. Er geht zunächst von einem Individuum aus, das noch keiner Therapie bedarf. Er nimmt an, „dass dieses Individuum eine organisierte Struktur der Wahrnehmungen von seinem Selbst und dem Selbst in Beziehung zu Anderen und zur Umgebung hat“ (Rogers, 1995; S. 181). Die Selbststruktur wird als Organisation des Lebens betrachtet, die darauf ausgerichtet ist, Bedürfnisse erfolgreich zu befriedigen. Wenn es in diesem Prozess zu Widersprüchlichkeiten zwischen dem eigenen Verhalten und dem Selbstkonzept kommt, weil bedrohliche Erfahrungen verzerrt, verleugnet oder unangemessen symbolisiert werden, bedarf es einer Therapie. Durch die akzeptierende Haltung des Therapeuten und die sichere Umgebung wird der Klient freier in seinem Ausdruck und seine starre Organisation der Selbststruktur entspannt sich. Es tritt ein Prozess ein, den Rogers als „Desorganisation und Reorganisation“ bezeichnet (Rogers, 1995; S. 183). Der Klient zieht sich zuerst in sein altes Verhalten zurück, da er neue Erfahrungen wahrnimmt, die im Widerspruch zu seinem Selbstkonzept stehen und die er nicht richtig symbolisieren kann. Nach und nach nimmt er diese aber in der therapeutischen Situation vorsichtig in sein Selbstkonzept mit auf. Er beginnt diese neuen Erfahrungen zu differenzieren und festigt so die Neuorganisation seiner Selbststruktur.

Durch zwei Aspekte in der therapeutischen Beziehung wird dies ermöglicht.

Erstens dadurch, dass die neuen Wahrnehmungen des Klienten genauso geachtet werden, wie die alten, starren Strukturen. Dieses verhindert einen allzu großen Selbstwertverlust, sowie eine zu schnelle Veränderung zwischen dem alten und dem neuen Selbstbild.

Der zweite Aspekt ist die Einstellung des Therapeuten zu den neu entdeckten Aspekten der Erfahrung, die dem Klienten zuerst bedrohlich erscheinen. Dadurch, dass sie aber vom Therapeuten akzeptiert werden, kann der Klient sie auch nach und nach annehmen und in sein Selbst integrieren.

Durch die Veränderung des Selbst ändert sich auch das Verhalten, das als Teil des Selbst erfahren werden kann und somit für den Klienten leichter kontrollierbar ist.

3.5 Der Beziehungsaspekt in der Therapie

In diesem Kapitel möchte ich einige Aspekte zur Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Klienten beleuchten. Im Mittelpunkt werden dabei die drei schon erwähnten Therapieprinzipien stehen, die ich näher erläutern möchte.

Diese stellen allerdings nur die Grundhaltung des Therapeuten dar und sagen nichts über die Bedingungen, die ein Klient zu erfüllen hat, um überhaupt therapiert werden zu können. Für Biermann-Ratjen sind diese mindestens ebenso wichtig, um den Beziehungscharakter einer Gesprächspsychotherapie hervorzuheben. Der Therapeut stellt dem Klienten lediglich ein „Beziehungsangebot“; ob der Klient in der Lage ist, dieses anzunehmen und es dann letztlich auch tut, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

Erstens muss der Klient überhaupt fähig sein Kontakt zuzulassen. Er muss dafür in der Lage sein, die Veränderungen in seinen Erfahrungsfeldern, die vom Therapeuten hervorgerufen werden, wahrzunehmen und auch darauf zu reagieren.

Zweitens muss eine gewisse Form der Inkongruenz vorliegen, die der Klient auch selber bei sich spürt.

Drittens muss er in der Lage sein die Grundhaltungen des Therapeuten, die ich im folgenden erläutern möchte, wahrzunehmen (Biermann-Ratjen, 1995; S. 13).

Kommen wir nun zu den Grundhaltungen, die der Therapeut an den Tag legen muss, um den Therapieprozess überhaupt in Gang zu bringen und ihn dann auch aufrecht zu erhalten. Diese sind „einfühlendes Verstehen“ oder auch „Empathie“, „bedingungsfreies Akzeptieren“ und „Selbstkongruenz“ bzw. „Echtheit“.

Empathie wird von Rogers definiert als „Zustand des sich Einfühlens..., den inneren Bezugsrahmen eines anderen genau wahrzunehmen, unter Einschluss der dazugehörigen gefühlsmäßigen Komponenten und Bedeutungen, so als ob man selbst der Andere wäre, ohne aber jemals den als-ob Zustand zu verlassen“ (Rogers zit. nach Biermann-Ratjen, 1995; S. 15). Entscheidend dabei ist der als-ob Charakter. Wenn dieser nicht mehr gewahrt wird, tritt eine Identifikation mit dem Klienten ein, die nicht Sinn der Empathie sein kann, da die se es dem Therapeuten unmöglich machen würde, dem Klienten neue Erfahrungen zu ermöglichen.

Finke macht deutlich, dass die Begriffsverbindung „einfühlendes Verstehen“ zwei verschiedene Komponenten beinhaltet. Einerseits das Einfühlen, das eher einem emotional-inzuitiven Zugang zuzuordnen ist und andererseits das Verstehen, das eher einem kognitiven Zugang entspricht (Finke, 1994; S. 42).

Das Verstehen kann zwei Bedeutungen haben. Einmal das Verstehen des Phänomens bzw. der Aussage des Klienten an sich oder aber das Verstehen des Sinnes des Phänomens oder der Aussage, welches einem Interpretieren entsprechen würde. Dies Interpretation muss in sehr langsamen Schritten vollzogen werden, um den Klienten behutsam zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst zu bewegen (a.a.O.; S. 44).

Das Einfühlen ist für Finke die unbedingte Vorraussetzung für das Einfühlende Verstehen. Der Therapeut muss versuchen, die Welt so zu sehen, wie sie auch dem Klienten gewahr wird. Dies ist die Basis, um die verschiedenen Aspekte des inneren Bezuges des Klienten verstehen zu können (ebd.).

Finke hat fünf Stufen des Einfühlenden Verstehens skizziert, die nacheinander durchlaufen werden müssen, um den vollen Bedeutungszusammenhang der Aussagen des Klienten für den Therapeuten erfahrbar zu machen (a.a.O.; S. 48ff).

Der erste Schritt ist das „Einfühlende Wiederholen“, in dem der Sinn der Klientenäußerung mit den Worten des Therapeuten wiedergegeben wird. Dabei kommt es nicht darauf an, lediglich die Worte des Klienten umzustellen, sondern zu versuchen, die Bedeutung des Gesagten zu veranschaulichen.

Die zweite Stufe ist das „Konkretisierende Verstehen“, das den Zusammenhang zwischen der jeweiligen Situation und dem Gefühl bzw. dem Verhalten des Klienten zu verdeutlichen. Dem Klienten soll verdeutlicht werden, das bestimmte Gefühle auch häufig in einem bestimmten Kontext auftreten.

Die dritte Stufe, das „Selbstkonzeptbezogene Verstehen“, soll dem Klienten den Zusammenhang zwischen Gefühlen und den darauffolgenden Reaktionen bewusst werden lassen. Der Klient soll ermutugt werden, sich aus seinem eigenen Bezugssystem heraus zu verstehen. In der vierten Stufe, dem „Organismusbezogenem Verstehen“, sollen verdeckte Bedürfnisse des Klienten aufgedeckt werden und ihm ein Zugang dazu verschafft werden. Den Begriff Organismus sieht Rogers dabei nicht im biologischen Sinne, sondern als Ort der „Verkörperung der Lebenskraft und Aktualisierungstendenz“ (a.a.O.; S. 53).

Die letzte Stufe ist das Interpretieren, welches in den vorigen Stufen schon vorhanden ist, aber noch mal als eigenständige Stufe erwähnt wird, um zu verdeutlichen, dass Klientenäußerungen in einem noch umfassendereren Sinnzusammenhang verstanden und interpretiert werden können, als dies in den einzelnen vorangegangenen Stufen schon geschehen ist. Für den Therapeuten ist es dabei immer ein schwieriger Entscheidungsfindungsprozess, wo und wie er den Sinnzusammenhang interpretiert. Dabei ist äußerste Vorsicht geboten!

Das zweite zu nennende Therapieprinzip ist das „bedingungsfreie Akzeptieren“ oder auch die „unbedingte Wertschätzung“. Für Rogers bedeutet das „...ein warmherziges Anerkennen dieses Individuums als Person von bedingungslosem Selbstwert - wertvoll, was auch immer seine Lage, sein Verhalten oder seine Gefühle sind. Das bedeutet Respekt und Zuneigung, eine Bereitschaft, ihn seine Gefühle auf seine Art haben zu lassen.“ (Rogers zit. nach Finke, 1994; S. 33). Er vergleicht diese Haltung mit der Einstellung von Eltern zu ihren Kindern, weil sie diese „vollkommen und nicht unter bestimmten Bedingungen akzeptieren“ (ebd.). Der Therapeut muss dabei von seinen eigenen Vorlieben, Enttäuschungen und Kränkungen absehen und muss die Wertschätzung des Klienten auch deutlich darstellen. Finke sieht in diesem Prinzip zwei Funktionsebenen. Die eine ist, dass der Therapeut dadurch einen Rahmen schafft, in dem sich der Klient mit sich selber auseinandersetzen und sich entfalten kann. Auf der anderen Ebene hat es einen eher instrumentellen Charakter, der es ermöglicht durch bestimmte Interventionen des Therapeuten wie Bestätigen, Anerkennen oder Loben das Selbstwertgefühl des Klienten aufzubauen (a.a.O.; S. 35).

Biermann-Ratjen betont dabei noch besonders, dass das Prinzip des „bedingungsfreien Akzeptierens“ ohne das des „einfühlenden Verstehens“ nicht möglich ist, da man nichts akzeptieren kann, was man nicht verstanden hat (Biermann-Ratjen, 1995; S. 26).

Das dritte Therapieprinzip ist die „Kongruenz“ oder die „Echtheit des Therapeuten“. Für Rogers ist dies die „grundlegenste Haltung, die den positiven Verlauf der Therapie fördert“ (Rogers zit. nach Finke, 1994; S. 66).

Der Therapeut soll in der Beziehung zum Klienten er selbst sein und sich nicht hinter einer Maske oder einer Fassade verstecken. Was er in der Beziehung erlebt und fühlt, muss er wahrnehmen und dem Klienten mitteilen können (ebd.).

Diese scheint auf den ersten Blick im Widerspruch zum Prinzip des „einfühlenden Verstehens“ zu stehen, da der Therapeut dort ja erst mal seine eigenen Beurteilungen zurückstellen soll, um den Klienten zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst zu bewegen. Finke sieht aber die Interventionsformen des Behandlungsprinzips Echtheit, die er als „Konfrontieren“, „Beziehungsklären“ und „Selbsteinbringen“ beschreibt, quasi als Folgeschritt zum „einfühlenden Verstehen“, in dem der Therapeut nun nicht mehr nur zur Zwiesprache des Klienten mit sich selbst anregt, sondern nun zum austauschenden Dialog zwischen seinem eigenen Bezugssystem und dem des Klienten anregt (a.a.O.; S.67).

Biermann-Ratjen sieht zwei Komponenten der Kongruenz. Die erste ist, dass der Therapeut in sich selbst kongruent ist. Das bedeutet, er muss in der Lage sein zu seinem eigenen Erleben (innerhalb und außerhalb der therapeutischen Situation) zu stehen. Er muss sich dieses bewusstmachen und es anderen mitteilen können (Biermann-Ratjen, 1995; S. 27).

Als für Rogers entscheidender sieht sie allerdings die Kongruenz gegenüber dem Klienten. Im Therapieprozess können durch den Klienten beim Therapeuten Gefühle ausgelöst werden, die im Widerspruch zum Prinzip des „bedingungsfreien Akzeptierens“ stehen und somit auch das „einfühlende Verstehen“ erschweren. Diese Anzeichen von Inkongruenz muss sich der Therapeut bewusst machen und reflektieren können, um zunächst sich selbst und dann den Klienten besser zu verstehen. Dieser Vorgang kann dann eine etwaige Abweichung von der „unbedingten Wertschätzung“ aufheben (a.a.O.; S.30f).

Wie schon angedeutet, sind diese drei Therapieprinzipien nicht isoliert voneinander betrachtbar, sondern sie bedingen sich alle gegenseitig. Wenn eine Einstellung des Therapeuten nicht oder nur geringfügig vorhanden ist, können die anderen nicht erfolgreich genutzt werden. In der Beziehung steht, abhängig vom jeweiligen Stand und Situation der Therapie, immer eine der Prinzipien im Vordergrund.

Das auf diesen drei Prinzipien beruhende Beziehungsangebot des Therapeuten an den Klienten hat letztendlich das Ziel, dass der Klient in eine bessere Beziehung zu sich selbst treten kann, indem seine Inkongruenz durch die von Seiten des Therapeuten empathische und wertschätzende Beziehung aufgehoben wird.

4 Die Relevanz und Anwendbarkeit der Theorie von Rogers für die Sozialpädagogik

5 Schlussbetrachtung

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers
Hochschule
Universität Lüneburg
Autor
Jahr
1999
Seiten
15
Katalognummer
V101538
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Klientenzentrierte, Gespraechspsychotherapie, Carl, Rogers
Arbeit zitieren
Fabian Schürmann (Autor), 1999, Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101538

Kommentare

  • Gast am 11.1.2002

    meinung zur hausarbeit.

    Hallo Fabian Schuermann,

    da ich momentan eine Zusatzausbildung zur staatlich anerkannten heilpädagogin
    in nrw mache, und wir die theorie von c. rogers in einer kalusur bearbeiten müssen, kam ich durch die suchmaschine auf deine hausarbeit.
    ich finde sie als noch fast anfängerin
    sehr verständlich und übersichtlich geschrieben und werde mir inhalte daraus
    fürs lernen bereitlegen.

    also viel erfolg auch noch beim weiterstudium

    grüße
    Steffi fitzibitz@gmx.de

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Titel: Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers



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