Wissenschaftlicher Realismus - K.R. Popper: Bemerkungen eines Realisten zu Logik, Physik und Geschichte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

11 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Bemerkungen eines Realisten zur Logik, Physik und Geschichte

Das Kapitel Bemerkungen eines Realisten zur Logik, Physik und Geschichte von Karl Popper beruht auf seinem Einleitungsvortrag für das First International Colloquium an der University of Denver vom 16. bis 20. Mai 1966. Die Erstveröffentlichung des Aufsatzes stammt aus dem Jahr 1970 und wurde unter dem Titel Physics, Logic and History von W. Yourgrau und A.D. Breck herausgegeben. Der ursprüngliche Titel des Kapitels lautete in Englisch: A Realist View of Logic, Physics and History.

Die einleitenden Sätze Poppers befassen sich mit den grundlegenden Veränderungen unserer physikalisch-chemischen Welt, welche durch die drei Arten von Lebewesen - Pflanzen, Tiere und Menschen – vollbracht wurden. Er weist darauf hin, dass die wohl umfangreichsten und grundlegendsten Umwandlungen der physikalisch-chemischen Welt von Pflanzen verursacht wurden. Im Gegensatz dazu steht der Mensch, der sozusagen in eine schon geschaffene Welt hineingesetzt wurde (was natürlich nicht heißt von Gott hineingesetzt). Der Mensch hat seine Welt nicht selbst kreiert, er greift auf die Arbeit anderer zurück. Seine Leistung fällt im Vergleich zu der von Tieren und Pflanzen im Lauf der Jahrtausende vollbrachten Leistung sogar verschwindend gering aus. Augenscheinlich kann man dem Menschen wohl mehr die Zerstörung als die Erschaffung der Welt zusprechen.

Doch Popper spricht dem Menschen die Erschaffung eines neuen „Kunstprodukts“ zu, welches den Errungenschaften der anderen Lebensformen in nichts nachzustehen vermag. Das

„Kunstprodukt“ sind für ihn „diese neuen Erzeugnisse, die wir selbst gemacht haben, (...) unsere Mythen, unsere Ideen und besonders unsere wissenschaftliche Theorien über die Welt , in der wir leben.“[1] Das „menschliche Wissen“ ist besonders zu diesen exosomatischen Kunstprodukten zu rechnen, wobei Popper das Wort „Wissen“ im objektiven oder unpersönlichen Sinne interpretiert sehen möchte. Er vergleicht das vom Menschen erzeugte Wissen mit dem von Bienen hergestellten Honig, und sieht darin immer wiederkehrende Parallelen. Poppers Überlegung nach ist wie die Biene auch der Mensch zeitgleich Erzeuger

und Konsument; in seinem Fall natürlich nicht von Honig sondern von Theorien. Zudem ist es zeitweise erforderlich, anderer Leute Theorien bzw. unsere eigenen zu verwenden, um neue Theorien erzeugen zu können. Das „Verwenden“ bedeutet für ihn, auch Kritik zu äußern und eine Veränderung, in manchen Fällen sogar eine Zerstörung, der bisherigen Theorie zuzulassen, um diese möglicherweise durch eine bessere zu ersetzen. Diese Evolution des

Wissen ist für sein Wachstum unerlässlich. Popper sieht ein neues Kapitel im Buch der Geschichte des Universums und des irdischen Lebens heranbrechen, das erst durch den Fortschritt unseres Wissens, also unsere menschliche Geschichte, hervorgerufen wird.

Um die Problematik leichter erörtern zu können, führt Popper ein allgemeines Schema ein, welches er zur Beschreibung der Entwicklung der Wissenschaft verwendet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Popper versucht mit seinem vierteiligen Schema zu zeigen, dass das Ergebnis der Kritik oder Fehlerelimination bei einer vorläufigen Theorie in der Regel das Entstehen eines neuen Problems ist, oder vielmehr mehrerer neuer Probleme. Probleme, die gelöst und deren Lösungen gut überprüft sind tendieren dazu, neue Probleme zu erzeugen, die oft tiefer und sogar fruchtbarer sind als die alten. Für Popper sind die besten vorläufigen Theorien diejenigen, die zu den tiefliegendsten und unerwartetsten Problemen Anlass geben. Um die Lösung eines Problems herbeizuführen, sollte man mehrere Theorien aufstellen und kritisch untersuchen. Was wiederum meist neue Probleme aufwirft. Popper hat hierfür sein ursprüngliches Viererschema wie folgt erweitert:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Oftmals stellt sich heraus, dass das neue Problem P2b lediglich das alte Problem P1 in abgewandelter Form darstellt. Somit ist es unserer angewandten Theorie lediglich gelungen, das Problem etwas zu verschieben, aber nicht ein Problem zu lösen. Das Bewertungskriterium für die Brauchbarkeit der Theorie ist selbstverständlich immer: Wie „gut“ löst unsere Theorie ihr Problem P1? Eine „gute“ Theorie ist lediglich die, die auch zu Fortschritten führt. Popper umschreibt dies so: „ Die Theorie ist fortschrittlich, wenn unsere Diskussion zeigt, dass sie für

das zu lösende Problem wirklich einen Unterschied macht; das heißt, wenn die neu auftauchenden Probleme von den alten verschieden sind.“[2]

Das von Popper eingeführte Viererschema kann verwendet werden um das Auftreten neuer Probleme und damit auch neuer Lösungen zu beschreiben, was mit dem Auftreten neuer Theorien gleichzusetzen ist. Er unternimmt damit den Versuch den undeutlichen Begriff der Emergenz einen Sinn zu verleihen, bzw. auf rationale Weise von Emergenz zu sprechen.

Poppers Schema ist universell anwendbar und richtet sich nicht nur auf wissenschaftliche Probleme. Es zeigt, dass es bei der Fehlerelimination mehr geben kann als die von Darwin ausgegebene Prämisse „überleben oder zugrunde gehen“. Die Fehlerelimination kann neue Probleme zutage fördern, die mit den alten Problem und der vorläufigen Lösung in bestimmter Weise zusammenhängen.

1. Realismus und Pluralismus: Reduktion versus Emergenz

Die wissenschaftliche Tradition ist durch den wissenschaftlichen Realismus gekennzeichnet. Dessen Ideal ist es, wahre Lösungen der Probleme zu finden, also Lösungen, die auch den Tatsachen entsprechen. Dieses regulative Ideal, Theorien zu finden, die den Tatsachen entsprechen, macht die wissenschaftliche Tradition zu einer realistischen: Sie unterscheidet zwischen der Welt unserer Theorien und der Welt der Tatsache, auf die sich diese Theorien beziehen. Laut Popper sind die besten Bemühungen um Problemlösungen und Tatsachenfeststellungen der Menschheit ohne Zweifel die Naturwissenschaften und mit einigen Einschränkungen manche der Sozialwissenschaften. Sie liefern die beste Beschreibung der Welt der Tatsachen oder dessen was man „Wirklichkeit“ nennt.

Als Musterbeispiel einer echten wissenschaftlichen Reduktion kann die Reduktion der Chemie auf die Physik gelten, die, laut Popper, alle Anforderungen an eine gute wissenschaftliche Erklärung erfüllt. Um eine Reduktion als „gut“ oder „wissenschaftlich“ bezeichnen zu können, müssen zwei Teile erfüllt werden: Man lernt, die Theorien des zu reduzierenden Gebietes (hier die Chemie) zu verstehen und zu erklären, und man lernt eine Menge über die Kraft der reduzierenden Theorien (hier der Physik).

Reduktion bedeutet viel mehr als nur – wie hier am Beispiel der Chemie und der Physik erläutert – die Steuerung chemischer Vorgänge mit rein physikalischen Mitteln. Sondern sie bedeutet theoretisches Verständnis. Die komplette theoretische Durchdringung des neuen

Gebietes durch das alte Gebiet. Popper hofft und wünscht sich als Rationalist, die Welt zu verstehen und sehnt somit eine Reduktion herbei, jedoch hält er es für durchaus wahrscheinlich, dass eine solche Reduktion unmöglich ist. Für ihn ist es denkbar, dass das Leben eine emergente Eigenschaft der physikalischen Körper ist. Poppers will darauf hinaus, dass diejenigen Gläubigen, die aus philosophischen oder anderen Gründen a priori auf dem dogmatischen Standpunkt stehen, die Reduktion müsse möglich sein, in gewissem Sinne ihren Triumph zunichte machen, falls die Reduktion letztendlich gelingen sollte. Das Ergebnis, wäre in diesem Fall schon lange fällig gewesen, und der einzige Erfolg bestünde darin, durch den Verlauf der Ereignisse im Recht zu sein. Nur diejenigen, die die Frage nicht für a priori entscheidbar halten, können von der Behauptung ausgehen, eine erfolgreiche Reduktion wäre eine ganz große Entdeckung.

Poppers Argument lautet kurz zusammengefasst: Materialistische oder physikalistische philosophische Spekulationen sind sehr interessant, sie können vielleicht sogar den Weg zu einer erfolgreichen wissenschaftlichen Reduktion weisen. Sie sollten sich aber offen als versuchsweise Theorien verstehen, also nicht als hypothetisch, sondern als Vorschläge. Dies alles führt Popper zu der Behauptung, der Realismus müsse mindestens vorläufig, pluralistisch sein und ein Realist müsse folgendes pluralistische Postulat unterschreiben:

„Man muss sich davor hüten, Tatsachenprobleme linguistisch zu lösen oder aus der Welt zu schaffen; das heißt durch die nur allzu simple Methode, sich zu weigern, über sie zu sprechen. Im Gegenteil wir müssen Pluralisten sein, zumindest als Ausgangspunkt: Wir sollten zunächst die Schwierigkeiten betonen, auch wenn sie unüberwindbar scheinen, wie vielleicht manchen das Leib-Seele-Problem. Können wir dann gewisse Gegenstände durch wissenschaftliche Reduktion aus der Welt schaffen, so lasst uns das unter allen Umständen tun auf den Erkenntnisfortschritt stolz sein. Ich würde also sagen: Lasst uns in jedem fall die Argumente

für die Emergenz im Detail ausarbeiten, und zwar auf jeden fall, bevor man eine Reduktion versucht.“[3] Eine „schlechte“ Reduktion ist für Popper die Methode der Reduktion mit rein linguistischen Mitteln; beispielsweise die Methode des Physikalismus, nach der man ad hoc die Existenz physiologischer Zustände postuliert, um Verhalten zu erklären, das bisher durch Postulierung psychischer Zustände erklärt wurde. Diese Art der Reduktion ist schlecht, da sie die konkrete Problemerkennung verhindert. Popper ist zwar ein Verfechter zum Gebrauch des Alltagsverstands, aber er ist auch dafür, dass sich dieser erweitert, indem er von der

Wissenschaft lernt. Denn nicht die Wissenschaft, sondern eine fragwürdige Philosophie führt

zum Idealismus, Phänomenalismus und Positivismus oder zum Materialismus und Behaviorismus oder irgendeiner anderen Form des Antipluralismus.

[...]


[1] Bemerkungen eines Realisten zur Logik, Physik und Geschichte, Seite 340.

[2] Bemerkungen eines Realisten zur Logik, Physik und Geschichte, Seite 342.

[3] Bemerkungen eines Realisten zur Logik, Physik und Geschichte, Seite 349.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Wissenschaftlicher Realismus - K.R. Popper: Bemerkungen eines Realisten zu Logik, Physik und Geschichte
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Phil. Institut München)
Veranstaltung
Hauptseminar: Realismus und Indeterminismus in der Quantenphysik
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
11
Katalognummer
V10285
ISBN (eBook)
9783638167512
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Realismus und Indeterminismus in der Quantenphysik
Arbeit zitieren
Maximilian Teschemacher (Autor:in), 2002, Wissenschaftlicher Realismus - K.R. Popper: Bemerkungen eines Realisten zu Logik, Physik und Geschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10285

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wissenschaftlicher Realismus - K.R. Popper: Bemerkungen eines Realisten zu Logik, Physik und Geschichte



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden