Kohlbergs Stufenmodell anhand von Paul Maars am Samstag kam das Sams zurück


Seminararbeit, 2002

20 Seiten, Note: 2-


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Inhaltsverzeichnis

VORWORT

KAPITEL 1 WAS IST MORAL?
1.1 Moralische Dilemmata

KAPITEL 2 ZUR ENTWICKLUNG DES MORALISCHEN DENKENS
2.1 Piagets Theorie zur Entwicklung des Gerechtigkeitsbegriffs
2.2 Die Grundidee Kohlbergs
2.3 Kohlbergs Vorgehensweise

KAPITEL 3 DAS STUFENMODELL DER MORALENTWICKLUNG
3.1 Entwicklung vor der ersten Stufe
3.2 Die präkonventionelle Ebene
3.3 Die konventionelle Ebene
3.4 Die postkonventionelle Ebene
3.5 Eine schematische Übersicht aller Stufen und Ebenen
3.6 Kohlbergs Vorstellung von Erziehung

KAPITEL 4 PAUL MAARS KINDERBUCH „AM SAMSTAG KAM DAS SAMS ZURÜCK“
4.1 Der Autor Paul Maar
4.2 Eine kurze Einführung in die Geschichte des „Sams“
4.3 Die moralischen Aspekte der Protagonisten
4.3.1 Herr Taschenbier - Ein Erwachsener auf der konventionellen Ebene
4.3.2 Das Sams - Die Verständnislosigkeit der präkonventionellen Ebene

KAPITEL 5 RESÜMEE
5.1 Die pädagogische Einsatzmöglichkeit des Buches im Erziehungsprozess
4.5 Eine kritische Betrachtung von Kohlbergs Theorie

LITERATURVERZEICHNIS:

Vorwort

Lawrence Kohlberg geht davon aus, dass sich die moralische Entwicklung des Menschen ebenso wie die Entwicklung seiner kognitiven Fähigkeiten über Stufen verläuft. Die Entwicklung wird durch moralische Dilemmata stimuliert.

Die einzelnen Entwicklungsphasen zeichnen sich durch bestimmte Merkmale aus, die empirisch erfassbar sind.

In dieser vorliegenden Arbeit soll anhand des von Kohlberg entwickelten Stufenmodells zur Entwicklung des moralischen Urteils der Frage nachgegangen werden, inwiefern es pädagogisch möglich ist, die moralische Entwicklung des Kindes generell und besonders mit Hilfe von Medien zu fördern, bzw. wie praxistauglich das Kohlberg’sche Modell ist. Als Beispiel dient hier das Kinderbuch „Am Samstag kam das Sams zurück“ von P. Maar, weil es sich meiner Meinung nach aufgrund seiner moralisch unterschiedlich weit entwickelten Protagonisten in einen interessanten Zusammenhang zu Kohlbergs Theorie setzen lässt. Dabei ist es sinnvoll, zunächst Kohlbergs Definition des Begriffs der Moral zu erklären.

Weiterhin wird ein kurzer Einblick in Piagets Theorie zur Moralentwicklung erfolgen, die als Kohlbergs Ausgangsbasis für seine Arbeit gilt. Darauf aufbauend sollen Kohlbergs Idee und die Entwicklung seines Stufenmodells erläutert werden. Als nächstes stelle ich P. Maars Sams kurz vor und untersuche es in Bezug zu Kohlbergs Theorie auf seinen möglichen Nutzen im moralischen Erziehungsprozess.

Am Ende der Arbeit werde ich dann resümieren, ob Kohlbergs Thesen mit der Realität zu vereinbaren sind und ob sie für erzieherisches Handeln verwendbar sind.

Kapitel 1 Was ist Moral?

Moral (von lat. mos/ mores: die Sitte, der Charakter) gibt die Norm für das menschliche Verhalten in einer Gesellschaft vor. Diese wird zum einen in Rechtsgrundlagen und Institutionen, zum anderen im persönlich - individuellen Handeln wiedergespiegelt. Die Moral unterscheidet Epochen, Gruppen und Kulturkreise voneinander, charakterisiert sie und wird bestimmt durch das Aufwachsen und Nachahmen derselben in der jeweiligen Gruppierung. Ein Handeln gegen die bestehende Moral wird von der Gesellschaft sanktioniert. E. Kant definiert die Moral über das Gerechtigkeitsempfinden. Sein kategorischer Imperativ `sei in der Maxime deines Handelns stets so, dass man ein Gesetz daraus machen könnte` soll dem zwischen seinen Bedürfnissen, Emotionen, Trieben und dem Anspruch der Vernunft hin- und hergerissenem Menschen als Leitfaden für moralisch korrektes und vernünftiges Verhalten dienen. Dabei unterscheidet er zwischen persönlichem moralischem Handeln und Handeln nach der allgemeinen Legalität, denn ein Handeln, welches im legalisierten Rahmen geschieht, kann auch aus unmoralischem Antrieb, wie etwa aus Angst vor Strafe geschehen. Der kategorische Imperativ würde dann aber nicht befolgt, weil die persönliche Überzeugung von der Richtigkeit des Handelns fehlt.

1.1 Moralische Dilemmata

Ist eine moralische Entscheidung gefordert, so gerät der Mensch unter den Zwang, das Problem zu lösen. Man spricht von einem moralischen Dilemma. Er kann sich nur zugunsten einer Seite entscheiden, kann sich der Entscheidung nicht entziehen oder einen Kompromiss finden. Zudem muss die Lösung von ihm als gerecht und angemessen betrachtet werden. Moralische Konfliktsituationen zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie nicht von einer übergreifenden Instanz, sondern von jedem Individuum für sich gelöst werden müssen.

Zunächst muss identifiziert werden, worin das Dilemma besteht, welche die im Widerspruch stehenden Optionen sind und welche Vorrang vor der anderen erhalten soll. Für diesen Prozess werden geistige Leistungen herangezogen, Informationen müssen verknüpft werden, damit Zusammenhänge erstellt, Zentrales und Peripheres unterschieden werden kann. Dabei wird auf bereits Erfahrenes und früher schon einmal Durchdachtes aus anderen Entscheidungssituationen zurückgegriffen. Moralische Urteile drücken Lehren aus, die der Mensch im Laufe seines Lebens gemacht hat. Beobachtet man Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihren moralischen Urteilen, so lässt sich daher ein Unterschied basierend auf Alter, Lebenserfahrung und vorher erlebten Konfliktsituationen feststellen. Da sich einzelne Elemente bestimmter Handlungssituationen immer wiederholen, kann der Mensch im Kindes- und Jugendalter durch Konfrontation mit verschiedensten Situationstypen Erfahrungen sammeln, übertragen, anpassen und gegebenenfalls korrigieren.

Er durchläuft einen Prozess von der fertig übernommenen in der Praxis erfahrenen Moralvorstellung der Erwachsenen bis hin zum Verständnis derselben und einer Entwicklung von individuellen Moralvorstellungen.

Dies bedeutet, dass der Mensch nur durch praktische Erfahrungen im sozialen Miteinander am Gegenstand lernen kann und nur durch Konfrontation mit Problemen eine notwendige übergreifende Denkstruktur entwickeln kann.

Kapitel 2 Zur Entwicklung des moralischen Denkens

Den Entwicklungsprozess von der schlichten Übernahme der erwachsenen Moralbegriffe beim Kind bis hin zur individuellen Vorstellung von Gerechtigkeit untersucht zunächst Jean Piaget und später L. Kohlberg (1927-1986) in ihren Arbeiten. Beide konzentrieren sich, in Anlehnung an die Definition der Moral von E. Kant, auf den Aspekt der Gerechtigkeit. Kohlberg hat sein resultierendes Stufenmodell nie als fertig und perfekt erachtet. Vielmehr hat er über 30 Jahre hinweg immer wieder Verbesserungen und Korrekturen durchgeführt. Weiterhin haben einige seiner Mitarbeiter Ergänzungen vorgenommen.

2.1 Piagets Theorie zur Entwicklung des Gerechtigkeitsbegriffs

Obwohl er eine direkte Orientierung an Piagets Theorie von 1932 abstreitet, so ist Kohlbergs Modell doch inspiriert durch den Vorgänger. Piagets Arbeit zur Entwicklung des moralischen Urteils ist weniger bekannt als seine Untersuchungen zur kognitiven Entwicklung, welche später folgten. Als Grundlage seiner Arbeit dient die Annahme, dass der Mensch ein aktiv lernendes ( und nicht blind Lehren übernehmendes) Wesen ist. Er entwickelt vielmehr anhand von Wechselwirkungen zwischen ihm und seiner Umwelt seine Vorstellung von der Welt und erweitert diese nach und nach und wird somit zum Gestalter seiner eigenen Entwicklung.

Jean Piaget geht davon aus, dass Menschen sich in bestimmten Entwicklungsphasen ähnlicher Strukturen bedienen, um bestimmte Denkoperationen auszuführen. Nach und nach erweitern sich diese Strukturen durch die oben beschriebene Wechselwirkung (Interaktionismus) mit der Umwelt und ereichen, unabhängig von Alter oder Lebensphase, die nächste Stufe.

Anhand von Untersuchungen an über hundert Schweitzer Kindern, welche er zu Regeln beim Murmelspiel befragt, stellt Piaget zunächst drei Stadien der Entwicklung des Moralbegriffes auf. Weiterführend untersucht er die Entwicklung eines moralischen Werturteils anhand von kleinen Geschichten, über welche die Kinder urteilen sollen. Dabei stellen sich zwei unterschiedliche Phasen des Moralverständnisses heraus:

1. Heteronomes Verständnis, das auf dem moralischen Zwang der Erwachsenen beruht

2. Autonomes Verständnis, welches auf einer Zusammenarbeit und Kooperation der Kinder untereinander beruht nach dem Prinzip „wie du mir, so ich dir“

Als Übergangsstufe zwischen den Phasen ist der Zustand zu betrachten, in welchem allgemeine Regeln die ausschließlich erwachsene Autorität abzulösen beginnen.

Diese Entwicklung des Gerechtigkeitsbegriffs kann auch in drei Perioden geteilt werden, wobei die drei Phasen wiederum der Heteronomie, der Autonomie und der erwähnten Zwischenstufe entsprechen:

1. ca. 0-8 Jahre: Gerecht ist, was die Erwachsenen erwarten (heteronom)
2. ca. 8-11 Jahre: Primat der Gleichheit über Autorität
3. ab 11/12 Jahre: Relativierung des schlichten Gleichheitsgedanken (autonom)

2.2 Die Grundidee Kohlbergs

Kohlberg teilt Piagets konstruktivistische Grundannahme über den Menschen und über das Vorhandensein von Mustern oder Strukturen, die sich bei Individuen bestimmter Entwicklungsstufen ähneln. Seiner Meinung nach ist die Entwicklung des moralischen Urteils ein kognitiver Prozess, wobei er die Regeln der Verarbeitung von Information und Erfahrung und nicht die Erfahrung selbst als kognitive Struktur definiert. Die der Entwicklung eines Moralurteils zugrundeliegenden Strukturen und die Faktoren, die eine interaktionistische Weiterentwicklung bewirken, will Kohlberg erkennen, sichtbar machen und auf die Möglichkeit einer gezielten Entwicklungsförderung hin untersuchen. Seine Arbeit stellt einen Versuch dar, die operatorischen Strukturen zu identifizieren, die zur Lösung moralischer Probleme in Kraft treten.

Mit Hilfe seines entwickelten Untersuchungsverfahrens können Aussagen über die Organisation und Komplexität von Problemlösungsprozessen, sowie über ihre Bedingungen und Aufbau gemacht werden.

2.3 Kohlbergs Vorgehensweise

Mit Hilfe eines Fragenkatalogs, der diverse moralische Dilemmata enthält (Moral Judgement Interview) befragt Kohlberg zunächst 72 Jungen aus Chicago zwischen zehn und sechzehn Jahren. (In den nachfolgenden 30 Jahren erfolgen weitere Längsschnitt - Untersuchungen auch in anderen Ländern, um den strukturellen Kern noch sichtbarer machen zu können. Dabei werden diverse Stufen neu definiert oder erweiternd erläutert.) In diesem Tiefeninterview werden die Befragten mit unterschiedlichen Problemen, bzw. Wertkonflikten konfrontiert, über die sie entscheiden sollen. Nachfragen fordern eine immer tiefer gehende Darlegung und Begründung des Urteils, damit in der Auswertung der moralische Standpunkt des jeweils Befragten nachvollzogen werden kann. Auch wenn das gefällte Urteil technisch mit bewertet wird, so kommt es in erster Linie auf die Begründung des Befragten an, wenn seine Entwicklungsstufe erfasst werden soll. Die wichtigsten Elemente der Argumentation werden herauskristallisiert und zu inter- individuellen Vergleichen herangezogen, um so ein allgemeines Grundmuster erstellen zu können, in welches man dann weitere Versuchspersonen einordnen kann.

Es sind also die Muster, nicht die individuellen Inhalte, welche sich in der Entwicklung verändern und welche im Mittelpunkt der Untersuchung stehen.

Kapitel 3 Das Stufenmodell der Moralentwicklung

Mit Hilfe des oben beschriebenen Tests und den immer genauer definierten Stellungnahmen der Befragten entwickelt Kohlberg sein Stufenmodell. Die erfassten Denkstrukturen folgen bestimmten Mustern, von welchen auf fünf verschiedene Entwicklungsstufen geschlossen werden kann, in welche wiederum neu Befragte anhand ihrer Begründungen eingeteilt werden können. Die fünf Stufen sind drei Ebenen untergeordnet. Jede Ebene besteht aus einer Vorstufe und einer vollendeten Stufe. Hierbei sollen aber keine Klassifizierungen, die Menschen qualitativ degradieren oder erheben entstehen. Eine Stufe ist vielmehr als ein momentaner Zustand zu verstehen, der hilft, die Welt zu verstehen. Durch Interaktion mit der Umwelt kann der Mensch sich zur nächsten Stufe weiterentwickeln.

Wie Piagets Altersangaben sind auch die Kohlbergs als ungefähre Richtlinie zu betrachten und nicht als Regel; sie sind also ein offenes Kontinuum. Das Stufenmodell des moralischen Urteils setzt sich wie in den folgenden Kapiteln beschrieben zusammen:

3.1 Entwicklung vor der ersten Stufe

Es ist zuvor anzumerken, dass keine Stufe null existiert, obwohl die Merkmale von Stufe eins erst bei vier bis fünfjährigen anzutreffen sind. Dennoch kann es keine Entwicklungsphase geben, in der das Kind ohne irgendeinen Bezug zur Moral steht, denn es muss sich von Geburt an mit Ge - und Verboten auseinandersetzen. Außerdem entsteht in dieser Vorphase der aller Moralentwicklung zugrundeliegende Wunsch, zur menschlichen Gemeinschaft zu gehören. Es ist also durchaus eine gewisse Entwicklung zu verzeichnen, auch wenn keine messbaren Denkstrukturen nachweisbar sind.

Einjährige Kinder entdecken ihre nächste Umgebung, erforschen alles und nehmen Dinge in den Mund. Hier lernen sie von ihren Eltern die ersten Richtig oder Falsch- Lektionen, lernen Sanktionen kennen und machen so ihre erste Erfahrung mit Moralerziehung. Im Alter von zwei Jahren beginnen Kinder, persönliche Freiräume abzustecken. Sie testen ihre Grenzen, bestehen auf eigener Entscheidungsfreiheit und äußern Autonomiebestrebungen. Sie lernen, dass soziale Regeln existieren und können ansatzweise deren Sinn begreifen.

Nach der Phase der notwendigen Abgrenzung beginnen Dreijährige mit ihrer Integration in die Umwelt. Im Spiel mit Gleichaltrigen lernen sie, dass Regeln eingehalten werden müssen, damit man akzeptiert wird.

Mit vier Jahren lässt sich bereits eine eigene Moralvorstellung feststellen. Kinder wollen den Sinn von gut, schlecht, gut und böse verstehen und stellen als Erklärungshilfe eigene Theorien auf. Dabei stehen sie immer selbst im Mittelpunkt ihrer Begründungen, da eine Vorstellung anderer Perspektiven noch nicht vorhanden ist.

3.2 Die präkonventionelle Ebene

Diese Ebene zeichnet sich durch einen Egozentrismus in den moralischen Urteilen aus, der - über zwei Entwicklungsstufen hinweg - nach und nach überwunden wird.

Stufe eins: „Wer die Macht hat, hat das Sagen.“

Kinder dieser Entwicklungsstufe haben den Egozentrismus überwunden und erkannt, dass es noch andere Sichtweisen neben der ihrigen gibt. Im Konfliktfall haben sie die Erfahrung gemacht, dass die Erwachsenen das Sagen haben und meistens Recht behalten. Diese Tatsache wird nicht mehr nur akzeptiert, sondern anerkannt. Die Autorität der Großen ist die Quelle aller Normen, an die man sich besser hält, damit Strafe vermieden wird. Noch nicht begriffen wird hier die Tatsache, dass Moral eine Wechselbeziehung ist, bei der beide Seiten gerecht miteinander umgehen sollten, weil die Fähigkeit, Perspektiven miteinander zu verbinden noch nicht entwickelt ist.

Stufe zwei: „Wie du mir, so ich dir.“

Fairness und Wechselseitigkeit als Grundlage der Moral werden nun erkannt. Da das Kind viel Wert auf Anerkennung der eigenen Rechte legt, und begriffen hat, dass jeder Mensch dieses Bedürfnis verspürt, herrscht eine zweckdienliche Moral, bei der die Frage des persönlichen Vorteils im Mittelpunkt steht. Man verhält sich gegenüber anderen nicht schlecht, weil man selbst nicht so behandelt werden mag. Nach dem Motto „Wenn ich fair zu dir bin, musst du auch fair zu mir sein!“ werden die individuellen Bedürfnisse anderer zwar gesehen, aber es bleibt jedem selbst überlassen, sich um die Durchsetzung derselben zu kümmern. Wenn sich jeder um sich selbst kümmert, kommen alle irgendwie auf ihre Kosten.

Kinder, die sich auf Stufe zwei befinden, können noch nicht begreifen, dass auch Entscheidungen zugunsten von gemeinsamen Bedürfnissen getroffen werden können, weil sie nicht in übergreifenden Interessen denken.

3.3 Die konventionelle Ebene

Konventionelle Leitlinien, wie Gesetzte und Traditionen werden zum Maßstab der individuellen Entscheidung.

Stufe drei: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg` auch keinem andern zu.“

Der Wechsel von der durch Egozentrismus geprägten präkonventionellen Ebene zur Sozialität erkennenden, konventionellen Ebene erfolgt dann, wenn das Kind beginnt, Wert auf soziale Annerkennung zu legen.

Die Erwartungen anderer an die eigene Person wird zum moralischen Maßstab.

Gruppendenken steht im Mittelpunkt. Das Wohlergehen anderer wird berücksichtigt und steht in der Präferenz über eigenen Bedürfnissen, sofern diese sich nicht decken.

Dabei werden nur die Standpunkte der Bezugsgruppe erkannt. Kommt es zu einem Interessenkonflikt mehrerer Gruppen ist der auf Stufe drei denkende Mensch überfordert. Zudem ist er vom Urteil anderer so abhängig, dass er zu verletzlich ist.

Stufe vier: „Was wäre, wenn das jeder täte?“

Nach der Gruppenboniertheit von Stufe drei kommt bei Stufe vier die gesellschaftliche Perspektive neu hinzu. Es wird erkannt, dass eine Gesellschaft sich aus mehreren Gruppen mit verschiedenen Interessen zusammensetzt und dass es wichtig ist, ihre Existenz zu sichern. Dies geschieht durch die soziale Ordnung, deren Aufrechterhaltung die moralische Pflicht jedes Individuums ist.

Gesetz, Tradition, Sitte und Gewohnheit sind untrennbar von Moral und können nicht kritisiert werden.

Individuelle Interessen laufen Gefahr, zugunsten gesellschaftlicher Bedürfnisse übergangen zu werden.

3.4 Die postkonventionelle Ebene

Die letzte und höchste Ebene in Kohlbergs Modell vereinigt auf logische Weise die egozentrischen Beweggründe der präkonventionellen und die Gesetzgläubigkeit der konventionellen Ebene miteinander. Beide Aspekte werden in das moralische Urteil mit einbezogen. Es erreichen nicht alle Menschen die postkonventionelle Ebene, denn dazu gehört das Verständnis Andersdenkender und das Einfühlungsvermögen in fremde Sichtweisen, sowie Toleranz und eine Vorstellung des gesamten Systems. Die Frage, ob es wie bei den anderen Ebenen neben den Vorstufen auch hier eine vollendete Stufe sechs gibt ist ungeklärt. Ein Mensch dieser Entwicklungsstufe erfüllt in seinem moralischen Handeln die Anforderungen des Kant’schen kategorischen Imperativs ohne den eventuellen Begrenztheiten der fünften Stufe ausgesetzt zu sein. Beispielsweise sind die Prinzipien der fünften Stufe noch gebunden an die soziale Rolle, was auf der sechsten Stufe dann endgültig überwunden ist. In seinen Untersuchungen versucht Kohlberg immer wieder Menschen dieser Stufe ausfindig zu machen, allerdings sind die Kriterien der fünften und sechsten Stufe empirisch nicht so klar trennbar wie die der anderen Ebenen. Daher stellten sich im Nachhinein die der Stufe sechs zugeordneten Befragten als Menschen niederer Stufen heraus. Ob dies ein Fehler der Datenerhebung oder einer in der Definition der sechsten Stufe ist ungeklärt. Kohlberg hält dennoch an der Existenz einer sechsten Stufe fest.

Stufe fünf: “Gerechtigkeit bedeutet, dass Menschen ihre fundamentalen Rechte wahrnehmen können.“

Die postkonventionale Ebene bringt nach den aus gesellschaftlichen Interessen hergeleiteten Prinzipien der konventionalen Ebene die Interessen von Sozialität und Individuum zusammen. Gesetze, Tradition und Sitte werden Kritik zugänglich. Menschen, die auf Stufe fünf denken, haben erkannt, dass unterschiedliche Werte vor verschiedenen sozialen und kulturellen Hintergründen Gültigkeit haben können. Da nicht immer eine Wahrheit und nicht immer das einzig Richtige existieren, kann nur mit Rückgriff auf Prinzipien ein Urteil gefällt werden. Dabei sind Prinzipien keine Regeln, sondern individuelle und universelle Leitfäden für moralische Entscheidungen. Sie geben dem Einzelnen formale Kriterien für moralische Entscheidungen.

Stufe fünf folgt der Achtung vor dem Menschen und nimmt dabei im Zweifelsfall eine Übertretung der Konvention in Kauf.

3.5 Eine schematische Übersicht aller Stufen und Ebenen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Piagets Stadien der heteronomen und autonomen Moralvorstellung entsprechen grob den Definitionen der prä- und der postkonventionellen Ebene, während die konventionelle Ebene als die erwähnte Zwischenstufe aufgefasst werden kann. Hier wird nochmals Kohlbergs Relation zum Modell des Vorgängers deutlich. Man könnte von einer Vertiefung Piagets Theorie sprechen.)

3.6 Kohlbergs Vorstellung von Erziehung

Kohlbergs Ansicht nach ist das Ziel einer Moral fördernder Pädagogik ein Mensch, der bereit ist, die Konsequenzen seiner Entscheidungen selber zu tragen. Der moralische Charakter eines Individuums bemisst sich an seiner Bereitschaft, die errungenen moralischen Einsichten auch unter persönlichen Nachteilen oder negativen Konsequenzen im Handeln durchzuhalten.

„Erziehung ist die Arbeit, die die Bedingungen bereitstellt.“

(Vgl. S.25 in G. Lind: „Moralische Urteilsfähigkeit“)

Der Erzieher kann Hilfe leisten, indem er dazu anregt, die individuellen Argumentationsstrukturen der jeweiligen moralischen Stufe auch für andere Stufen durchsichtig zu machen und intuitives Vorverständnis von moralisch `richtig` oder `falsch` theoretisch stützen lässt. Dadurch kann von anderen nachvollzogen werden, warum die Person gerade diese Urteil fällt, die Argumentationsstruktur - und nicht das Urteil an sich - kann kritisiert werden. Weiterhin ist es so den weniger weit Entwickelten möglich, andere fortgeschrittenere Sichtweisen zur Kenntnis zu nehmen und anhand der Argumentationen nachzuvollziehen. Unfruchtbare und unlösbare Diskussionen über richtig oder falsch im Hinblick auf ein moralisches Urteil werden auf diese Weise vermieden. Objektiv richtige oder falsche Werte kann es im Bereich der Moral nicht geben! Vielmehr findet ein interaktiver Prozess statt, von dem alle Beteiligten profitieren können.

Ein schlichtes Einpauken von höherstufigen Argumenten durch den Pädagogen würde den Verstehensprozess, der wichtig für die Weiterentwicklung ist, nicht in Gang setzten, denn wie bereits erwähnt kann moralische Entwicklung nur aus dem Konflikt im Individuum selbst und nicht von außen erfolgen. Von dort kann lediglich die Interaktion mit der Umwelt begünstigend gelenkt werden.

Eine Bewertung der moralischen Qualität anhand der `Meßlatte` moralischer Werte ist nicht in Kohlbergs Sinne, daher muss jede Entwicklungsstufe mit ihrem Verständnis und ihrer Argumentationsstruktur vom Pädagogen akzeptiert werden.

Kapitel 4 Paul Maars Kinderbuch „Am Samstag kam das Sams zurück“

4.1 Der Autor Paul Maar

P. Maar wurde 1937 in Schweinfurt geboren. Neben seiner Tätigkeit als Kinderbuchautor ist er als Kunsterzieher tätig. Neben einigen Rundfunkerzählungen und Theaterstücken hat Maar hauptsächlich Bücher für Kinder geschrieben und diese auch selbst illustriert. Einige sind in die Auswahllisten des Deutschen Jugendbuchpreises aufgenommen worden. Bekannt geworden ist der Autor jedoch in erster Linie für seine Sams - Geschichten „Eine Woche voller Samstage“ und „Am Samstag kam das Sams zurück“ erschienen 1979 und 1982, denen in den letzten Jahren noch die Bände „Neue Punkte für das Sams“ (1996) und „Ein Sams für Martin Taschenbier“ (1997) folgten. Weitere bekannte Werke von P. Maar sind „Anne will ein Zwilling werden“, „Der tätowierte Hund“ und „Andere Kinder wohnen auch bei ihren Eltern, sowie „Onkel Florians fliegender Flohmarkt“. Die Bücher sind für Kinder im Grundschulalter gedacht, mit Illustrationen versehen und recht einfach zu lesen. Trotz ihrer Humoristik und zahlreicher Sprachspielereien werden Probleme und Schwierigkeiten von Kindern ernst genommen und realistisch dargestellt und mögliche Auseinandersetzungen mit ihnen thematisiert.

4.2 Eine kurze Einführung in die Geschichte des „Sams“

Das Sams erscheint immer Samstags, wenn am Sonntag die Sonne scheint, am Montag Herr Mon zu Besuch kommt, am Dienstag Dienst, am Mittwoch Wochenmitte ist etc.. Es gehört demjenigen, der seinen Namen errät und bleibt bei ihm, bis seine Wunschpunkte alle aufgebraucht wurden. Es ist ein freches, liebenswertes, dickes, grünes Wesen mit Schweinerüssel und roten Haaren, das alles frißt, was ihm unter die Hände kommt - auch Tischbeine oder Lampenschirme, gern unverschämte Reime und Lieder dichtet und keinerlei Respekt vor niemandem zeigt. Im Gesicht hat es blaue Punkte, mit denen es Wünsche erfüllen kann. Das Sams nimmt alles wörtlich genau und wenn es Regeln nicht begreift, befolgt es diese auch nicht. Damit stiftet es - teilweise ohne es zu wollen- heilloses Durcheinander wo immer es auftaucht.

Nachdem es im ersten Band dem schüchternen und ängstlichen Herrn Taschenbier in die Hände fällt, bringt es dessen geordnetes Leben zunächst zu seinem Ärgernis durcheinander. Als Herr Taschenbier das Sams nach einer aufregenden Zeit nicht mehr missen will, verschwindet es so plötzlich wie es gekommen war, weil seine Wunschpunkte aufgebraucht sind.

Im zweiten Buch versucht der von seinem Chef und besonders von seiner Vermieterin Frau Rotkohl ohne die Hilfe des Sams und dessen Wunschpunkten tyrannisierte Herr Taschenbier alles, um eine Woche nach der anderen in die nötige Reihenfolge zu bringen, damit das Sams zu ihm zurück kommt. Als es ihm tatsächlich gelingt, künstlichen Donner am Donnerstag zu erzeugen und am Freitag das Büro zu schwänzen, kehrt das Sams zurück.

Es verschafft seinem `Papa` eine Wunschmaschine, die allerdings die ausgesprochenen Wünsche oft wortwörtlich nimmt und so ein großes Durcheinander anrichtet (so verschwindet das von Herrn Taschenbier herbeigewünschte Geld aus dem Tresor einer Bank) und schließlich zusammenbricht, als zwei Wünsche gleichzeitig ausgesprochen werden.

Das Sams bringt Herrn Taschenbier bei, dass man sich auch ohne Wunschmaschine und blaue Punkte Wünsche erfüllen kann, es befreit ihn aus seiner Passivität und mit dem letzten Wunschpunkt wünscht er sich, dass das Sams -ohne Punkte und ohne die Fähigkeit Wünsche zu erfüllen- für immer bei ihm bleiben kann. Das Sams hingegen muss lernen, dass im Zusammenleben verschiedener Individuen einige Regeln nötig sind und dass man Rücksicht auf die Gefühle anderer nehmen muss (zum Beispiel nicht alles fressen darf, was man will).

In den in den neunziger Jahren erschienenen Bänden muss das Sams dem durchsetzungsschwachen Neffen Martin Taschenbier bei der Lösung seiner Probleme helfen. Hier steht das Thema Scheidung der Eltern im Mittelpunkt. Im folgenden sollen die Protagonisten des Buches anhand von auffindbaren Kriterien in die Entwicklungsstufen des Kohlberg’schen Modells eingeordnet werden.

4.3 Die moralischen Aspekte der Protagonisten

4.3.1 Herr Taschenbier - Ein Erwachsener auf der konventionellen Ebene

Herr Taschenbier ist zwar ein erwachsener Mann, dennoch lässt er sich von anderen fremd bestimmen: er besitzt als Untermieter von Frau Rotkohl nur ein Zimmer, das ständig von ihr inspiziert wird; er muss sich ihren Regeln im Haus beugen, Rechenschaft ablegen und besitzt keinerlei Privatsphäre. Auch sein Chef behandelt ihn nicht wie einen gleichberechtigten Erwachsenen, sondern wie ein unmündiges Kind. Er lebt in ständiger Angst, Unmut auf sich zu ziehen oder etwas in den Augen anderer falsch zu machen. Er geht ins Büro, weil er muss, ohne rechte Freude daran zu haben und er entschuldigt sich permanent.

Diese Denkstruktur entspricht den Kohlberg’schen Merkmalen der konventionellen Ebene: die Selbstwahrnehmung wird extrem durch soziale Annerkennung mitbestimmt, man orientiert sich an Bezugsgruppen und deren Maßstäben. Ebenso wie Herr Taschenbier bemüht ist, es den Vorstellungen und Erwartungen seiner Vermieterin und seines Vorgesetzten Recht zu machen. Dabei läuft er Gefahr, seine persönlichen Bedürfnisse zu missachten und die Interessen anderer Seiten außerhalb seines Gesichtfeldes nicht nachvollziehen zu können - zum Beispiel die des Sams. Damit entspricht Herr Taschenbier mit eben diesen Defiziten der Struktur eines Menschen auf der Vorstufe drei der konventionellen Ebene, denn auf der vollendeten Stufe vier hätte er bereits den Sinn des großen sozialen Systems mit seinen Bedürfnissen und die Wichtigkeit des Einzelnen in eben diesem erkannt. In diesem Falle könnte er dem Sams vielleicht verdeutlichen, warum man ins Büro gehen muss, auch wenn es keinen Spaß macht, oder warum man im Restaurant leise spricht.

„Doch nicht so laut, das macht man hier nicht!“ „Was macht man hier nicht?“

„Laut reden. (...)

„Du sollst jedenfalls leise reden! Die Leute essen hier!“

(Vgl. S.50 in „Am Samstag...“)

Durch die Anwesenheit des Sams wird Herr Taschenbier häufig in Konfliktsituationen gedrängt, in welchen er gezwungen ist, zwischen den Normen seiner Umwelt und den Bedürfnissen des geliebten Sams zu entscheiden. Der Struktur nach handelt es sich hier um moralische Dilemmata, denn er kann sich den Entscheidungen weder entziehen noch kann er einen Kompromiss finden. Seine eigenen Interessen unterstehen prinzipiell den Anforderungen seiner Umwelt, um Konflikten mit dieser und sozialen Sanktionen zu entgehen; durch seine Freundschaft zum Sams jedoch kommen für ihn neue Aspekte hinzu, die ihn zur Konfrontation mit den bisher geltenden Werten zwingen. Zum Beispiel möchte er seinen Besucher gerne vor der Vermieterin verstecken, sieht jedoch ein, dass das Sams nicht die ganze Zeit im Zimmer verbringen mag.

Durch diese Interaktionen mit seiner sozialen Umgebung entwickelt sich Herr Taschenbier weiter auf die Stufe vier. Er erkennt zwar durch Autoritäten aufgestellte Regeln an, sieht aber darüber hinaus die Bedürfnisse anderer Individuen (und seine eigenen). Die Verpflichtung des Einzelnen zur Erhaltung des normativen Systems wird ihm bewusst - er bringt es auch ansatzweise dem Sams bei - jedoch kann es außerhalb dieser Werte noch weitere (eventuell abweichende) Bedürfnisse geben, die im Einzelfall Gültigkeit verdienen. Mit dieser Erkenntnis bewegt sich Herr Taschenbier auf Stufe fünf des Kohlberg’schen Modells zu, auf welcher dann soziale und persönliche Interessen vor verschiedenen Hintergründen kritisierbar werden.

4.3.2 Das Sams - Die Verständnislosigkeit der präkonventionellen Ebene

Das Sams macht alles, was ihm Spaß macht (z.B.: im Zimmer Lagerfeuer, weil es Indianer spielt) und was „man“ sonst nicht darf. Dabei ist es nicht böse oder unfolgsam - es begreift unausgesprochene Regeln einfach nicht oder nimmt sie zu wörtlich. Das macht das Zusammenleben mit ihm fast unmöglich. Auch Höflichkeitsfloskeln sind ihm nicht geläufig. Kellner: “Der Tisch ist leider schon reserviert. Darf ich die Herrschaften bitten, sich an den Tisch dort drüben zu setzten?“

„Das darfst du“, erlaubte ihm das Sams großmütig. „Hoffentlich passen die da auch hin. Das Tischchen ist so klein, da hätten wir ja kaum Platz.“ Es schaute sich neugierig nach den Herrschaften um.

(Vgl. S.52 „Am Samstag kam...“)

Analog zu Kohlbergs Modell befindet sich das Sams in der egozentrisch geprägten Phase der präkonventionellen Ebene, zeigt jedoch Merkmale, die bar jedes Verständnisses von Moral sind - also auf der oben aufgeführten, eigentlich nicht existenten Stufe null. Das Sams als eine Phantasiefigur hat nun nicht immer in menschlicher Gesellschaft gelebt und es ist daher nicht durch Eltern dazu gezwungen worden, bestimmte Regeln zu beachten. Ein Leben ohne jeglichen Bezug zur Moral scheint dort, wo das Sams herkommt also durchaus möglich.

Sehr schnell aber entwickelt es sich auf die Stufe eins, weil es ständig mit Herrn Taschenbier in Konflikte gerät, der ihm einen ersten Einblick in die menschliche Gesellschaft und eine erste Vorstellung vom sozialen Miteinander vermittelt. Aus Zuneigung zu seinem `Papa` ist das Sams auch aufrichtig bemüht, sich den Regeln im Leben des Herrn Taschenbier zu beugen. Allerdings in erster Linie aus Vermeidung von Sanktionen und Ärger, nicht deshalb, weil es die Regeln begreift. Damit entspricht seine Haltung der eines Kindes auf Stufe eins des Kohlberg’schen Modells. Ebenso wie bei Herrn Taschenbier erreicht das Sams interaktionistisch durch die Konfrontation mit Konfliktsituationen eine höhere Stufe des moralischen Denkens. Es begreift zwar nicht alle aufgestellten Regeln, versteht aber stattdessen, dass ihre Einhaltung für ein harmonisches Zusammenleben notwendig sind.

Kapitel 5 Resümee

5.1 Die pädagogische Einsatzmöglichkeit des Buches im Erziehungsprozess

Anhand des Buches lässt sich Kohlbergs Stufentheorie auf konkrete (wenn auch fiktive) Personen übertragen. Auch wenn hier lediglich Interaktionen zwischen einer begrenzten Gruppe von Individuen abgebildet werden und die Entwicklungen sicherlich schneller als in der Realität fortschreiten zeichnen sich von Kohlberg definierte Kriterien der einzelnen Stufen ab.

Es stellt sich nun die Frage, welche Erkenntnisse die jungen Leser aus der Lektüre ziehen, bzw. ob ein solches Medium den moralischen Entwicklungsprozess fördern kann. Auf der Basis der unter 3.6 beschriebenen Erziehung ist ein Einsatz des Buches als Diskussionsgrundlage denkbar: Konfrontiert mit zwei Protagonisten unterschiedlicher Entwicklungsstufen und den daraus resultierenden Konflikten kann der Leser zunächst einmal das grundsätzliche Problem von moralischen Dilemmata erkennen. Hier anknüpfend können eigene Urteile über das Verhalten von Herrn Taschenbier und dem des Sams gefällt werden, welche dann argumentativ zu untermauern und vor anderen zu vertreten sind.

Es ist ebenfalls denkbar, die eher unzureichenden Begründungsstrukturen der Protagonisten selbst zu ergänzen. Wenn zum Beispiel Herr Taschenbiers Bedürfnis nach leisem Reden (s. Zitat oben!) mit „...,das macht man hier nicht.“ Begründet wird, kann der Leser versuchen, sich in diesen hinein zu versetzten und eine ausführlichere, besser nachvollziehbare Argumentation entwerfen.

4.5 Eine kritische Betrachtung von Kohlbergs Theorie

„Moral ist nicht lehrbar, aber sie ist lernbar“. Diese paradox klingende Ansicht Sokrates`

scheint auch Kohlberg zu teilen. Denn man kann Argumente und Prinzipien aufstellen und lehren, aber die Fähigkeit, im Alltag konstant nach ihnen zu leben muss jeder durch Praxis für sich erlangen.

Die oben aufgeführte Einflechtung des Themas in den Erziehungsprozess anhand von Diskussionen enthält neben der Entwicklung von Moral auch einen weiteren wichtigen Beitrag: Die Darlegung verschiedener Ansichten und ein Versuch der Annäherung verschiedener Parteien, sowie ein gemeinsames Aufstellen Alle zufriedenstellender Regeln ist die Grundidee der Demokratie. Auch das Vertreten von Prinzipien gegen eventuell Stärkere ist ein Merkmal des mündigen demokratischen Menschen, dessen Definition sich mit der des moralisch ausgereiften Kohlbergs deckt. Auch muss Demokratie ebenso wie die Moral erarbeitet werden und kann in ihrer Entwicklung durch pädagogische Einflussnahme lediglich begünstigt, nicht aber gelehrt werden. So bilden denn in Kohlbergs Vorstellung eines idealen Bildungssystems sowohl der demokratische als auch der moralische Entwicklungsaspekt die Schwerpunkte in der Gestaltung der Erziehung.

Dementsprechend fordert er eine stärkere Demokratisierung der Schule zugunsten der Entwicklung einer besseren Gesellschaft aus mündigen selbstverantwortlichen Mitgliedern.

Kohlbergs vom Menschen geforderten Prinzipien wie Moral, Vernunft und Demokratie scheinen allerdings sehr hoch angesetzte Ziele zu sein, weil sie die Kraft der Emotionen außer acht lassen. Emotionale Reaktionen machen den Menschen aus. Besonders vor dem politischen Hintergrund seiner Zeit wirkt Kohlbergs Forderung nach rationaler Vernunft unangemessen: Der Vietnamkrieg widersprach jeder Vernunft oder demokratischen Einstellung auf Seiten der Verantwortlichen und auf der der Beteiligten (wie alle Kriege). Obwohl Kohlberg zu diesen aktuellen politischen Geschehnissen als Bürger Stellung bezieht (für Kriegsdienstverweigerer im Vietnamkrieg, gegen die Todesstrafe oder im Watergate - Skandal), so kann er die moralischen Entscheidungen von anderen für oder gegen den Krieg analog zu seiner Theorie zwar in ihrer Begründung kritisieren, muss sie aber gleichzeitig akzeptieren, denn jeder Konflikt ist einmalig und muss vom Individuum selber gelöst werden. Anhand von drastischen Beispielen wie etwa dem Vietnamkrieg oder Watergate ist die Forderung nach Vernunft und Akzeptanz widersprüchlich zur menschlichen Natur - so berechtigt sie auch im Hinblick auf ein demokratisches Miteinander sein mag und so konsequent sie auch dem Bild des moralisch ausgereiften Menschen entspricht. Bleibt die Frage, wie konsequent vernünftig der Mensch an sich im emotionalen Bereich sein kann.

In Bezug auf das momentane (deutsche) Schulsystem ist Kohlbergs Forderung nach Demokratisierung zugunsten der moralischen Entwicklung meiner Meinung nach auf jeden Fall zu befürworten, denn die Vermittlung von konkretem Wissen ist zwar unerlässlich und wichtig, die allgemeine „Entwicklung als Ziel der Erziehung“ (Kohlberg) zu fördern sollte in der Institution Schule besonders in der heutigen Zeit der allerorten beklagten Perspektivlosigkeit von Heranwachsenden im Vordergrund stehen. Denn wenn nicht vom Jugendalter an Mitbestimmung und Toleranz gegenüber anderen Bedürfnissen und Meinungen trainiert wird, dann wird die daraus hervorgehende Gesellschaft mündige Bürger und Denkanstösse liefernde Andersdenkende vermissen. Seit den 60er Jahren hat sich das Schulsystem zwar theoretisch im Hinblick auf Mitbestimmung Aller stark verbessert, praktisch wird das Ideal allerdings noch nicht überall verwirklicht. So habe ich und viele meiner Generation die Behandlung des Themas der jüngeren deutschen Vergangenheit im Unterricht als eine Form der Indoktrination empfunden, da durch die vorgegebenen Norm „die Deutschen waren schlecht und schuldig“ von vorne herein die Möglichkeit einer Diskussion mit eventuell abweichenden Meinungen (und somit auch die Möglichkeit eines besseren Verständnisses oder die Bildung eines eigenen Standpunktes) genommen wird.

Kohlbergs Theorie hat, ungeachtet seiner Kritikpunkte, dazu beigetragen, die Moral, die zuvor eher ein philosophisches Abstraktum war, als ein Erziehungsziel zu betrachten. Die resultierenden Anforderungen an die Pädagogik sind sicherlich umsetzbar. Die Möglichkeit birgt für jeden die Sicherung seiner Selbstbestimmung, entgegengebrachte Toleranz und das Erreichen von Mündigkeit in einer menschenfreundlicheren Gesellschaft. Wenn auch das Erreichen des Ideal Kohlbergs letztendlich an der emotionalen Natur des Menschen scheitert, so ist doch schon eine Tendenz oder Orientierung in diese Richtung wünschenswert.

Literaturverzeichnis:

Franz, Karen: Handlungstheoretischeüberlegungen zum „ Sechs-Stufen-Modell “ von Lawrence Kohlberg. Bd. 498 Europäische Hochschulschriften.

Frankfurt am Main 1996

Heidbrink, Horst: Stufen der Moral. Zur Gültigkeit der kognitiven Entwicklungstheorie Lawrence Kohlbergs. Bd.1 Entwicklungspsychologische und pädagogisch-psychologische Forschung.

München1991

Kuhmerker, Lisa: Die moralische Entwicklung von Kindern im Grundschulalter. Die Theorie Lawrence Kohlbergs. In: Grundschule 5/1997, S. 28-29

Lind, Georg: Moral und Bildung. Zur Kritik von Kohlbergs Theorie der moralisch - kognitiven Entwicklung.

Heidelberg 1993

Lind, Georg, Raschert, Jürgen: Moralische UrteilsfÄhigkeit. Eine Auseinandersetzung mit Lawrence Kohlberg.

Basel 1987

Maar, Paul: Am Samstag kam das Sams zurück.

Hamburg 1980

Oser, Fritz, Althoff, Wolfgang: Moralische Selbstbestimmung. Modelle der Entwicklung und Erziehung im Wertebereich.

Stuttgart 1994

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Kohlbergs Stufenmodell anhand von Paul Maars am Samstag kam das Sams zurück
Note
2-
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V105629
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kohlbergs, Stufenmodell, Paul, Maars, Samstag, Sams
Arbeit zitieren
Silke Diehring (Autor), 2002, Kohlbergs Stufenmodell anhand von Paul Maars am Samstag kam das Sams zurück, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/105629

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