Verhandlungen anstelle von militärischer Auseinandersetzung: der Kreuzzug Friedrichs II. 1228/1229


Seminararbeit, 2002
13 Seiten, Note: 1,3
Anonym

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I. Einleitung:

„Frohlocken und jubeln mögen nun alle im Herrn, und rühmen mögen ihn die, die aufrichtigen Herzens sind, da es ihm gefiel, die Sanftmütigen seines Volkes glückhaft zu erhöhen.“

Mit diesen Worten beginnt ein Manifest Kaiser Friedrichs II. an den Papst, an mehrere Reichsfürsten, sowie an die Könige von England und Frankreich, in dem er das Abendland vom glücklichen Ausgang seines Kreuzzuges und von der Befreiung Jerusalems in Kenntnis setzt:

„Und als über die Rückgabe des Heiligen Landes von beiden Seiten unterhandelt wurde, fügte es schließlich Jesus Christus, Gottes Sohn, der unsere ergebene Geduld aus der Höhe anschaute, in seiner Barmherzigkeit und seinem Mitleid mit uns, dass uns der Sultan von Babylon die heilige Stadt Jerusalem wiedergab, die Stätte also, wo die Füße Christi standen, die Stätte auch, wo die wahren Anbeter in Geist und Wahrheit den Vater der Väter anbeteten.“[1]

Ziel dieser Arbeit ist es nun, den (selbst in den Augen der Zeitgenossen) so außergewöhnlichen Kreuzzug von 1228/1229 näher zu beleuchten und hierbei die unterschiedlichen Verhandlungspositionen Friedrichs II. und des ägyptischen Sultans al-Malik al-Kamil darzustellen.

Zu diesem Zweck ist es zunächst nötig, einen kurzen Blick auf die Vorgeschichte des Kreuzzuges zu werfen.

Danach folgt ein direkter Vergleich der politischen und religiösen Positionen der beiden Herrscher, der schließlich die Frage beantwortet, warum es am 18. Februar 1229 zum Abschluss eines Vertrages zwischen dem Kaiser und dem Sultan kam - eines Vertrages, der sowohl in Europa, als auch in der muslimischen Welt Befürworter wie auch fanatische Gegner fand.

II. Eine Geduldprobe für alle Beteiligten: der immer wieder verschobene Kreuzzug:

Als der 20-jährige Friedrich am 25.07.1215 in Aachen vom Mainzer Erzbischof zum römischen König gekrönt wurde, verkündete er einen für die Anwesenden überraschenden[2] Entschluss:

Der junge König erklärte sich bereit, einen Kreuzzug zu unternehmen, und er verpflichtete viele der anwesenden Fürsten ebenfalls zur Teilnahme.[3]

Dieses spontane Versprechen verblüffte zu diesem Zeitpunkt nicht nur die bei der Krönung anwesenden Fürsten, sondern auch denjenigen, der sich selbst als die einzige Instanz verstand, die einen Kreuzzug ausrufen konnte: Papst Innozenz III.[4]

Dieser beschloss nun anscheinend, das Versprechen Friedrichs vorerst zu ignorieren. Der junge Staufer war in den nächsten Jahren zu sehr damit beschäftigt, seine Macht als römischer König in Deutschland durchzusetzen. Zudem passte die Mitwirkung des Königs, wie H. E. Meyer meint, nicht zu den Vorstellungen, die Innozenz von einem päpstlichen Kreuzzug hatte.[5]

Fünf Jahre später jedoch hatte sich die päpstliche Haltung zu einem Heiligen Krieg unter Friedrichs Führung anscheinend grundlegend geändert. Nachdem der Fünfte Kreuzzug durch die Engstirnigkeit und Arroganz des päpstlichen Legaten Pelagius in schwere Bedrängnis geraten war,[6] erinnerte der Papst den Staufer bei seiner Kaiserkrönung am 22.11.1220 in Rom nochmals nachdrücklich an sein Gelübde. Friedrich nahm bei dieser Gelegenheit aus den Händen des Erzbischofs Hugolino von Ostia erneut das Kreuz und versprach, bis August 1221 ins Heilige Land aufzubrechen.[7]

Dieses Versprechen zu erfüllen fiel dem jungen Kaiser nicht leicht: in den nächsten Jahren war er damit beschäftigt, die Angelegenheiten seines sizilischen regnum zu ordnen. Die Kurie gewährte ihm deshalb immer wieder Aufschub.[8]

Schließlich wurden am 25.07.1225 im Vertrag von San Germano die Modalitäten für den bevorstehenden Kreuzzug festgelegt: Friedrich hatte bis August 1227 mit seinem Heer ins Heilige Land überzusetzen. Sollte er gegen die Bestimmungen des Vertrages verstoßen, drohte ihm die Exkommunikation.[9] Das große Risiko, das in dem Vertrag steckte, nämlich das Fehlen einer Rücktritts- oder Aufschubklausel im Falle einer ernstlichen Erkrankung des Kaisers, sollte Friedrich später noch bitter bereuen.

Im Jahre 1225 verschaffte er sich einen weiteren, dynastischen Grund für einen Kreuzzug: er heiratete die Erbin der Krone des Königreichs Jerusalem, Isabella von Brienne,[10] woraufhin er sich in den nächsten beiden Jahren der Neuordnung der Verhältnisse in Oberitalien widmete.[11]

Im August 1227 schien der lang ersehnte Zeitpunkt endlich gekommen zu sein: obwohl im Lager der inzwischen versammelten Kreuzfahrer eine Seuche ausgebrochen war, brach Friedrichs Heer ins Heilige Land auf.[12]

Der Kaiser selbst schiffte sich jedoch erst am 8. September in Brindisi ein,[13] ging aber bereits nach wenigen Tagen in Otranto wieder an Land, da ihn die Seuche ebenfalls befallen hatte.[14]

Daraufhin bannte ihn der Papst unter Herbeiziehung maßloser und ungerechtfertigter Vorwürfe.[15]

Obwohl in der Rolle eines Gebannten und nun folglich ohne Unterstützung des höchsten geistlichen Würdenträgers, brach Friedrich am 28. Juni 1228 von Brindisi aus ins Heilige Land auf,[16] und nachdem er auf Korfu, Kreta, Rhodos und an verschiedenen anderen Orten Zwischenstation eingelegt hatte[17], kam er am 21. Juli 1228 in Limassol auf Zypern an. Dort hatte er vor seinem endgültigen Aufbruch ins Heilige Land freilich noch ernste Auseinandersetzungen mit dem zypriotischen Adel um seine Rechte auf die Regentschaft

im Königreich Zypern zu bestehen,[18] bevor er schließlich am 7. September 1228, dreizehn Jahre nach seinem ersten Kreuzzugsversprechen in Akkon landete, wo er „mit allen Ehren und großer Freude empfangen wurde“.[19]

III. Friedrichs prekäre Situation im Heiligen Land:

III, 1: Zwistigkeiten innerhalb des christlichen Lagers:

Zwar wurde der Kaiser, als er nun endlich in Akkon landete, von den Einwohnern, dem Klerus, sowie den Ritterorden der Templer und Johanniter festlich empfangen,[20] da man wohl allgemein der Meinung war, dass der päpstliche Bann mit dem Erscheinen des Kaisers im Heiligen Land als gelöst betrachtet werden müsse,[21] jedoch sollte sich dieses Klima der Einmütigkeit und Unterstützung bald ins Gegenteil verkehren.

Einige Tage nach Friedrichs Eintreffen in Akkon landeten nämlich zwei Franziskanermönche, die „den bestimmten Befehl Gregors überbrachten, ihn als gebannt und eidbrüchig zu behandeln und ihm in keinem Stücke zu gehorchen.“[22]

Daraufhin spaltete sich das christliche Lager sofort in zwei Parteien: unter Führung des Patriarchen Gerold von Jerusalem versagten der Klerus des Königreiches Jerusalem, sowie die Templer und Johanniter nebst einem Kontingent englischer Kreuzfahrer Friedrich die Gefolgschaft.[23]

Friedrich konnte sich nur noch auf den Deutschen Orden unter der Führung von Hermann von Salza, auf die im Heiligen Land anwesenden Pisaner und Genuesen, sowie auf seine deutschen und italienischen Truppen verlassen.[24]

Friedrich gelang es dennoch, das Heer notdürftig zusammenzuhalten, indem er sich zu dem Kompromiss herbeiließ, die Befehle künftig nicht in seinem Namen geben zu lassen, sondern sie „im Namen Gottes und der Christenheit“ zu verkünden.[25]

Weiterhin teilte er den Oberbefehl über die Armee: Hermann von Salza erhielt das Kommando über die Deutschen und Italiener, Marschall Filangieri und Odo von Montbeliard die Befehlsgewalt über die zypriotischen Truppen sowie die Ritter des Königreichs Jerusalem.[26]

III, 2: Beunruhigende Nachrichten aus Rom: Gregor IX. geht gegen Friedrich vor:

Nach seiner Ankunft in Akkon erreichte den Kaiser eine weitere, beunruhigende Neuigkeit. Zwar hatte er, kurz nachdem er in Akkon an Land gegangen war, den Erzbischof Marinus von Bari und den Grafen Heinrich von Malta mit dem Auftrag an die Kurie geschickt, das Eintreffen des Kaisers im Heiligen Land zu melden, sowie um die Lösung des Bannes nachzusuchen,[27] doch musste Friedrich erkennen, dass er offenbar mit dieser Bitte der Zeit hinterherhinkte, da der Papst bereits am 31.07.1228 sämtliche Untertanen des Kaisers von ihrem Treueeid entbunden hatte.[28]

H. Kluger sieht dies als Beleg dafür, dass Gregor IX. „dem abwesenden Staufer wohl nicht nur in seinem sizilischen Königreich, sondern insgesamt nach der Herrschaft trachtete.“[29]

Zudem kündigte sich ein Einfall päpstlicher Truppen in Sizilien offenbar bereits seit März 1228 an.[30] Der Kaiser muss dies schon unmittelbar vor seiner Abfahrt gewusst haben, denn bereits in seiner letzten Veröffentlichung vor der Abfahrt[31] spricht er davon, dass der Papst „den Dienstleuten der Kirche [befahl], die Waffen zu ergreifen, um sich ernstlich zur Vernichtung unseres Reiches zu erheben...“[32]

Die fortgesetzte Feindschaft des Papstes, der dem Kaiser weiterhin Knüppel zwischen die Beine warf, verschlechterte die Situation Friedrichs erheblich; nicht nur hätte sie eigentlich seine Anwesenheit im Königreich Sizilien erfordert, sondern sie kostete ihn auch im Heiligen Land einiges an Unterstützung. Zudem wurde auch das Ansehen des Kaisers bei den Muslimen beschädigt.[33]

III, 3: Militärische Schwäche:

Ein weiterer Faktor, der die Position Friedrichs in Palästina erheblich schwächte, war die Tatsache, dass ihm für eine erfolgreiche militärische Aktion größeren Ausmaßes offenbar die Truppen fehlten.

Zwar waren bereits 1227 größere Abteilungen des Heeres ins Heilige Land aufgebrochen, anscheinend schiffte sich jedoch der größte Teil dieser Armee unmittelbar nach dem Eintreffen in Akkon wieder nach Europa ein, als sie hörten, dass mit dem Erscheinen des Kaisers in nächster Zeit nicht zu rechnen sei.[34]

Der Teil der Armee, der in Palästina zurückgeblieben war - und der von Winkelmann auf „10000 Pilger zu Fuß und mit Einschluß der Orden auf 800 Ritter“[35] geschätzt wurde - war sicherlich keine besonders beeindruckende Streitmacht, zudem ja die beiden wichtigsten Orden dem Kaiser zumindest distanziert, wenn nicht gar ablehnend gegenüberstanden.

Zwar hatte Friedrich bereits im Frühling 1228 fünfhundert Ritter unter dem Befehl des Marschalls Filangieri vorausgeschickt, doch sollten diese vermutlich nur bereits im Heiligen Land anwesende Einheiten ablösen.[36]

Die Truppen, die ursprünglich mit Friedrich selbst aufgebrochen waren, standen - wie bereits erwähnt - größtenteils im Königreich Zypern.[37]

Statt dessen hatte der Kaiser nun die bereits erwähnten zypriotischen Ritter bei sich, deren Loyalität fraglich war.

Insgesamt wird die Armee des Staufers von Kantorowicz auf „höchstens zehntausend Pilger und tausend Reiter“[38] geschätzt.

Mit diesen geringen Streitkräften konnte Friedrich nicht darauf hoffen, das seit 1187 verlorene Gebiet nicht nur zu erobern, sondern auch dauerhaft zu besetzen und zu verteidigen. Generell ist man sich offenbar in der Literatur darüber einig, dass Friedrichs Heer für diese Aufgabe zu klein war.[39]

III, 4: Zusammenfassung:

Eine zu kleine Armee, ein feindlich gesinnter Klerus, ungenügende Kooperation von Seiten der Templer und Johanniter, das alles machte eine erfolgreiche Durchführung von militärischen Operationen unmöglich. Aber mit leeren Händen konnte der Kaiser nicht aus dem Orient zurückkehren. Damit hätte er sein Gesicht in Europa verloren und Gregor IX. noch mehr Munition für seinen Kampf gegen ihn geliefert. Denn wenn Friedrich ohne greifbare Ergebnisse aus Palästina zurückgekommen wäre, hätte er dann nicht im Nachhinein dem Papst doch recht gegeben? Hätte Friedrich damit nicht bewiesen, dass mit einem Gebannten niemals der Segen des Herrn sein konnte? Musste er sich dann nicht vor dem Papst demütigen und als reuiger Sünder vor ihm stehen? Nein, der Kaiser war gezwungen, einen Erfolg zu erringen und Jerusalem zu befreien. Da er offenbar mit der militärischen Karte nicht trumpfen konnte, blieb ihm nur noch eine einzige Option: er musste mit dem Sultan Al-Kamil einen Verhandlungsfrieden schließen. Dabei stand er nicht nur unter ungeheurem Erfolgs- sondern auch unter starkem Zeitdruck. Mit jedem Tag, an dem er noch im Heiligen Land verweilte, geriet seine Herrschaft in Sizilien ein Stück mehr ins Wanken, da eine Invasion päpstlicher Truppen inzwischen unmittelbar bevorstand.

IV. Die Gegenseite: Die Situation al-Kamils:

Die muslimische Welt, die eigentlich gegen die christlichen Invasoren hätte einig sein sollen, war seit dem Sieg von Damiette 1221 zunehmend uneins geworden.

Das Großreich, das Saladin in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts erobert hatte, war nun unter die Söhne seines Bruders Malik el-Adil aufgeteilt, die ihre Rivalitäten untereinander auch mit militärischen Mitteln austrugen.[40]

Der Sultan von Ägypten, al-Kamil, befand sich schon seit längerer Zeit im Krieg mit seinem Bruder al-Muazzam, der den größten Teil Syriens mit Damaskus als Hauptstadt beherrschte. Der dritte Bruder, al-Ashraf, der sein Reich im Norden Mesopotamiens hatte, lavierte geschickt zwischen diesen beiden Lagern.

Anscheinend befürchtete al-Kamil bereits Anfang 1227 einen gemeinsamen Angriff seiner beiden Brüder. Um dem entgegenzutreten, sah sich der Sultan nach einem Verbündeten um und glaubte , ihn in Friedrich II. gefunden zu haben. Zu Beginn des Jahres sandte al-Kamil seinen Emir Fahr-ad-din an Friedrichs sizilianischen Hof.[41] Anscheinend machte er ihm zu dieser Zeit im Wesentlichen die gleichen Zugeständnisse, die er schon zuvor den Kreuzfahrern vor Damiette zugebilligt hatte: die Rückgabe „großer Teile des Königreichs Jerusalem einschließlich der Hauptstadt selbst“,[42] wenn er sich beim Eintreffen des Kreuzheeres auf seine Seite stelle.[43]

Bei Friedrichs Eintreffen im Heiligen Land hatte sich die Situation jedoch grundlegend geändert: al-Muazzam, der Sultan von Damaskus, war bereits im November 1227 gestorben. Friedrich war davon bereits vor seiner Abreise nach Palästina unterrichtet.[44]

Damit hatte sich die Lage al-Kamils wesentlich entschärft, denn der Nachfolger seines Bruders war dessen Sohn an-Nasir,[45] den er anscheinend wenig fürchten musste.

Zudem hoffte er, seinen Bruder al-Ashraf, den an-Nasir um Schutz gegen ihn gebeten hatte, auf seine Seite ziehen zu können. Zum Zeitpunkt der Landung des Kaisers befand er sich bereits in Verhandlungen mit al-Ashraf.[46]

In dieser für al-Kamil relativ günstigen Lage passte das Eintreffen des Kaisers nicht zu seinen Plänen.

Dass der Kaiser gerade jetzt in Syrien auftauchte und auf die ihm gegebenen Versprechungen pochte, war deshalb besonders unangenehm für al-Kamil, weil er dem Staufer die versprochenen Gebiete nicht einfach abtreten konnte, da er sich nicht mehr in einer Notlage befand. Ein entsprechender Aufschrei in der islamischen Welt wäre die Folge gewesen.

Andererseits konnte er Friedrich nicht einfach vor den Kopf stoßen, da er sonst befürchten musste, dass dieser sich mit seinem Neffen gegen ihn verbünden werde.[47]

Die Geister, die al-Kamil selbst aus Europa herbeigerufen hatte, wurde er also so schnell nicht wieder los.

Es blieb ihm nur übrig, mit dem Kaiser in Verhandlungen zu treten. Da er aber über die prekäre Situation Friedrichs vollauf informiert war, „suchte er in einer geschickten Verzögerungstaktik, einer außerordentlich hinhaltenden Verhandlungsführung sein Heil.“[48]

Maximal hoffte er dadurch, den Kaiser so lange hinzuhalten, bis dieser sich durch die Probleme in Italien wieder zur Rückkehr nach Europa gezwungen sah. Zumindest aber hoffte er, so viel Zeit herauszuschlagen, dass er mit seinem Bruder handelseinig werden und das Reich seines Neffen annektieren konnte, so dass er danach in der Lage war, den Kaiser aus einer Position der Stärke heraus mit viel weniger als dem 1227 Versprochenen abzuspeisen.

V. In die Länge gezogene Verhandlungen und schlussendlicher Erfolg:

Kurz nach seiner Ankunft in Akkon schickte Friedrich eine Gesandschaft unter der Führung seines syrischen Statthalters Thomas von Acerra und Balians von Sidon an al-Kamil, der zu diesem Zeitpunkt gerade in Nablus lagerte und auf die Konfrontation mit seinem Neffen an-Nasir wartete. Die Delegation hatte die Aufgabe, vom Sultan die Einlösung seines 1227 gegebenen Versprechens einzufordern. Al-Kamil nahm die Boten zwar mit großer Herzlichkeit auf, verzichtete jedoch - getreu seiner Verzögerungstaktik - darauf, ihnen bei ihrer Abreise konkrete Zugeständnisse mit auf den Weg zu geben.[49]

Die Gesandschaft, die der Sultan daraufhin zu Friedrich in sein Lager nach Akkon schickte (und die der uns bereits bekannte Emir Fahr-ad-din anführte) brachte dem Kaiser zwar prächtige und kostbare Geschenke, darunter einen Elefanten und mehrere Rennkamele, jedoch „keinen unumwundenen Bescheid auf seine Forderungen.“[50]

Als Friedrich daraufhin ein weiteres Mal seine Abgesandten zum Sultan schickte, war der gerade kurz davor, sich nach Gaza an die ägyptische Grenze zurückzuziehen.

Dieser Schachzug war von zweierlei Vorteil für al-Kamil: erstens fürchtete er, falls die Verhandlungen scheitern sollten, dass das Kreuzheer ihm den Rückzug nach Ägypten abschneiden könne und er dann zwischen den Armeen Friedrichs und denen seines heranziehenden Neffen an-Nasir (mit dem sich Friedrich sicherlich in diesem Fall sofort verbünden würde) eingeschlossen sei. Der zweite Vorteil, den der Rückzug für den Sultan brachte, war der, dass die Strecke Akkon - Gaza bedeutend länger als die Strecke von Akkon nach Nablus war, was wiederum den Fortgang der Verhandlungen erheblich verzögert hätte.[51]

Friedrich durchschaute diese Absicht jedoch offensichtlich und verlegte nun seinerseits sein Heer nach Süden, in die Nähe von Jaffa, wo er die Befestigungen der Stadt verstärkte.[52]

Damit hatte er die Distanz zwischen sich und dem Sultan wieder auf das vorherige Maß verringert.

Inzwischen erschien Al-Kamil aber ein Vertrag mit Friedrich nicht mehr so dringend, da er sich kurz zuvor in Tell-el-Adschul bei Gaza mit seinem Bruder al-Ashraf über ein Bündnis und die Aufteilung des Reiches ihres Neffen an-Nasir geeinigt hatte.[53]

Nur durch die Vermittlung des Emirs Fahr-ad-din kam es nun doch noch zu einer Übereinkunft, die schließlich in jenem Vertrag gipfelte, den Friedrich am 18. Februar des Jahres 1229 in Gegenwart von Fahr-ad-din, Hermann von Salza und vieler anderer feierlich beschwor,[54] und der den Christen Jerusalem, sowie verschiedene andere Gebiete zurückgab.[55]

VI. Fazit:

Der schlussendliche Erfolg des Kaisers ist sicherlich auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Erstens schraubte er in Anbetracht seiner schwachen Verhandlungsposition das Maß seiner Forderungen beträchtlich zurück; von der Wiederherstellung der Zustände vor der Schlacht von Hattin 1187 war in dem Vertrag mit dem Sultan keine Rede mehr.

Zweitens wurde sicherlich durch die Art der Verhandlungsführung von Seiten des Kaisers das Interesse und die Sympathie bei seinen muslimischen Verhandlungspartnern geweckt, was zu einem Klima beiderseitiger Wertschätzung führte.[56]

Schließlich war ein Vertrag auch im Interesse al-Kamils. Zwar hatte er sich mit seinem Bruder al-Ashraf nunmehr über die Aufteilung des Gebietes seines Neffen geeinigt, jedoch musste dieser Plan erst in die Tat umgesetzt werden, da an-Nasir sich in Damaskus verschanzt hatte und erst besiegt werden musste. Hierbei war die Anwesenheit des Kaisers im Heiligen Land hinderlich.[57]

So kam es schließlich im Februar 1229 doch zu einem Vertragsschluss zwischen den beiden Parteien. Jerusalem war wieder in christlicher Hand. Weder der Kaiser noch der Sultan hatten in der Heimat ihr Gesicht verloren, wenn auch beide starker Kritik ausgesetzt waren.

Ganz entgegen der Gewohnheiten der Zeit war das Zusammentreffen zwischen Muslimen und Christen friedlich verlaufen. In diesem einen Moment hatte sich - wie nur sehr selten im 13. Jahrhundert - beim Zusammenprall dieser beider Religionen die Feder für mächtiger als das Schwert erwiesen.

VII. Literatur:

Quellen:

Brüsch, Tania, van Eickels, Klaus, Kaiser Friedrich II. - Leben und Persönlichkeit in Quellen des Mittelalters, Düsseldorf, Zürich 2000.

Gabrieli, Francesco, Arab historians of the crusades, Nachdruck, London 1984.

Heinisch, Klaus J. (Hrsg.), Kaiser Friedrich II. in Briefen und Berichten seiner Zeit, Darmstadt 1968.

Huillard-Breholles, J.-L.-A. (Hrsg), Historia diplomatica Friderici secundi, Bde. 1.2, 2.1, 3, Paris 1852.

Pertz, G.H. (Hrsg.), Reineri annales, in: MGH SS 16, Hannover 1859, unveränderter Nachdruck, Stuttgart 1994.

Weiland, Ludwig (Hrsg.), Constitutiones et acta publica imperatorum et regum, tomus II inde ab anno MCXCVIII usque MCCLXXII, in: MGH Const. 2, Hannover 1896.

Sekundärliteratur:

Abulafia, David, Herrscher zwischen den Kulturen. Friedrich II. von Hohenstaufen, Berlin 1991.

Ganshof, Francois L., Das Hochmittelalter; Reich und Papsttum zur Zeit Friedrichs II., in: Mann, G., Heuß, A., Nitschke, A. (Hrsg.), Propyläen Weltgeschichte, Bd. 5, Islam - Die Entstehung Europas, Nachdruck Frankfurt, Berlin, ohne Jahr.

Kluger, Helmuth, Hochmeister Hermann von Salza und Kaiser Friedrich II.: Ein Beitrag zur Frühgeschichte des Deutschen Ordens (Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens 37), Marburg 1987.

Kantorowicz, Ernst, Kaiser Friedrich der Zweite, Nachdruck Stuttgart 1991.

Mayer, Hans Eberhard, Geschichte der Kreuzzüge (UTB 86), neunte verb. und erw. Auflage, Stuttgart, Berlin, Köln 2000.

Röhricht, Reinhold, Geschichte des Königreichs Jerusalem (1100-1291), Nachdruck, Amsterdam 1966.

Schaller, Hans M., Kaiser Friedrich II.: Verwandler der Welt, 3. durchges.Auflage, Göttingen, Zürich 1991.

Stürner, Wolfgang, Friedrich II., Bd. 2: Der Kaiser 1220-1250 (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance), Darmstadt 2000.

van Cleve, Thomas C., The Crusade of Frederick II., in: Setton, K.M., Wolff, R.L., Hazard, H.W. u.a. (Hrsg.), A history of the crusades, Bd. 2: The later crusades 1189-1311, Philadelphia 1962, S. 429-462.

van Cleve, Thomas C., The Fifth Crusade, in: Setton, K.M., Wolff, R.L., Hazard, H.W. u.a. (Hrsg.), A history of the crusades, Bd. 2: The later crusades 1189-1311, Philadelphia 1962, S. 377-429.

Winkelmann, Eduard, Kaiser Friedrich II. Bd. 2: 1228-1233, unv. reprog. Nachdruck, Darmstadt 1967.

[...]


[1] Das Manifest Friedrichs: : MGH Const. 2, S. 164-167, deutsch bei: van Eickels/Brüsch, S. 188-194.

[2] MGH, SS 16, S.673: …ex insperato signum vivice crucis accepit…

[3] Ebd: ...et omnes optimates et principes regni tam per se quam per predicatores qui verbum crucis predicabant ammonuit, ut idem facerent; sicque plurimos ad consensum suum convertit.

[4] Vgl. Abulafia, S.129.

[5] Vgl. Meyer, S. 203.

[6] Zum Fünften Kreuzzug allgemein vgl. van Cleve, The Fifth Crusade, zur Rolle des Pelagius vgl. ebd., S. 409f., 415, sowie Ganshof, S. 461.

[7] Vgl. Kantorowicz, S. 101.

[8] Vgl. Meyer, S. 204.

[9] Der Vertrag von San Germano: Huillard-Breholles 2.1, S. 501-503, deutsch bei: van Eickels/Brüsch, S. 149-151.

[10] Die Hochzeit fand am 09.11. in Brindisi statt. Huillard-Breholles 1.2, S. 896f: ...imperator misit … ad transmarinas partes ut conducerent filiam Regis Johannis regni Ierosolymitani, quam duxerat in uxorem. (...) De mense novembris eiusdem indictionis eam apud eandem civitatem desponsavit. Deutsch bei: van Eickels/Brüsch, S. 148. Das eheliche Glück dauerte jedoch nicht lange; Isabella starb bereits 1228, kurz nachdem sie Friedrich einen Sohn geboren hatte. Vgl. Stürner, S. 142.

[11] Vgl. Abulafia, S. 162ff.

[12] Huillard-Breholles, 3, S. 43: …qui per octo dies aquis et aliis necessaries onerarunt, aura prospera salubriter navigantes.

[13] Laut van Cleve waren die Schiffe, die für den Transport des Kaisers vorgesehen waren, erst zu diesem Zeitpunkt fertiggestellt; allerdings nennt er keinerlei Beleg hierfür. Vgl. van Cleve, The Crusade of Frederick II, S. 446.

[14] Vgl. Kluger, S. 71.

[15] Unter anderem bezichtigte er ihn der Verzögerung der Ausfahrt der Schiffe, wodurch in den Lagern der Kreuzfahrer erst die tödliche Seuche entstanden sein soll: ... ipse omnium ... tamdiu in estivi fervoris incendio in regione mortis et aeris corruptela detinuit exercitum christianum, quod non solum magna pars plebis, verum etiam non modica multitudo nobilium et magnatum pestilentia ... expiravit. Enzyklika Gregors IX. vom 10.10.1227: Huillard-Breholles, 3.1, S. 27.

[16] Vgl. van Cleve, The Crusade of Frederick II, S. 451.

[17] Zu den verschiedenen Etappen der Reise: Huillard-Breholles, 1.2, S. 898-900, deutsch bei: van Eickels/Brüsch, S. 168-171.

[18] Zu den Ereignissen auf Zypern vgl. v.a. die Darstellungen von Winkelmann, S. 86-90, sowie Röhricht, S. 769-775. In den Quellen finden sich verschiedene Sichtweisen der Ereignisse auf Zypern, nämlich einerseits der kaiserlichen Partei, vertreten durch den unbekannten Verfasser der „Kleinen sizilischen Chronik“, vgl. van Eickels/Brüsch, S. 169f, sowie die Darstellung der Gegenpartei durch Phillip von Novara, einen Gefolgsmann Johanns von Ibelin, vgl. ebd., S. 170-172.

[19] Kluger, S. 78.

[20] Vgl. van Eickels/Brüsch, S. 173/174: ...Die Geistlichkeit und das Volk kamen ihm entgegen und empfingen ihn mit großen Ehrenbezeugungen ... Die Templer und Johanniter dagegen verehrten ihn bei seiner Ankunft mit gebeugten Knien und küssten ihm die Knie.

[21] Vgl. Kluger, S. 78.

[22] Winkelmann, S. 96.

[23] Vgl. van Cleve, The Crusade of Frederick II, S. 452.

[24] Vgl. Mayer, S. 207. Allerdings waren von den deutschen und italienischen Truppen, die Friedrich ursprünglich auf den Kreuzzug begleitet hatten, viele durch die Besetzung Zyperns gebunden, vgl. Winkelmann, S. 90, sowie Röhricht, S. 774. Statt dessen begleiteten den Kaiser nun zypriotische Ritter, allen voran der ehemalige Regent der Insel, Johann von Ibelin, dem Friedrich zuvor die Regentschaft aberkannt hatte. Ob sich der Staufer auf die Loyalität dieser Truppen verlassen konnte, scheint mir fraglich.

[25] Vgl. Winkelmann, S. 98.

[26] Vgl. Kluger, S. 80.

[27] Vgl. ebd., S. 79.

[28] MGH Epp. pont. Saec. XIII 1, Nr. 376, S. 294: „ ... omnes, qui Friderico imperatori sunt iuramento fidelitatis astricti, et specialiter homines regni a iuramento quo sibi tenetur absolvimus et denuntiavimus absolutos …”.

[29] Vgl. Kluger, S. 79.

[30] Vgl. Abulafia, S. 189.

[31] Heinisch bezeichnet den Zeitpunkt, zu dem Friedrich dieses Manifest verfasst hat, mit „wahrscheinlich schon an Bord einer Galeere, auf der Höhe von Otranto“, Heinisch, S. 164.

[32] Huillard-Breholles 3, S. 72: „homines Ecclesie ... jussit arma sumere et insurgere graviter ad dispergendum regnum nostrum ...“, deutsch bei: Heinisch, S. 166.

[33] Vgl. Kluger, S. 81f.

[34] Angeblich sollen mehr als 40000 Pilger das Heilige Land sofort wieder verlassen haben, vgl. Kluger, S. 72.

[35] Winkelmann, S. 95. Er scheint diese Zahlen aus der Chronik des Roger von Wendover übernommen zu haben, vgl. van Eickels/Brüsch, S. 174.

[36] Vgl. Winkelmann, S. 95.

[37] Vgl. oben, Anm. 24. Dafür, dass diese Truppen schon beim Aufbruch nicht sehr zahlreich gewesen sein können, spricht m. E. auch die Tatsache, dass Friedrichs Kräfte selbst zur Besetzung Zyperns nicht ausreichten und er hierzu Verstärkung aus Akkon anfordern musste, vgl. Röhricht, S.774.

[38] Kantorowicz, S. 167. Schaller nennt die gleichen Zahlen; ob er sie einfach von Kantorowicz übernommen hat, oder ob sie das Ergebnis seiner eigenen Berechnungen sind, ist nicht ersichtlich. Vgl. Schaller, S. 35.

[39] Der einzige, der in Friedrichs Streitmacht eine größere Gefahr für die Muslime sieht, ist W. Stürner, der insbesondere in Friedrichs Flotte eine Bedrohung Ägyptens erkennen will, vgl. Stürner, S. 144. Falls dies aber wirklich zutrifft, bleibt die Frage, warum der Kaiser von diesem Druckmittel nach unserem Kenntnisstand keinen Gebrauch gemacht hat.

[40] Zu den Feldzügen der Brüder gegeneinander bis 1227, siehe Röhricht, S. 765-767.

[41] Vgl. Stürner, S. 145.

[42] Ebd., vgl. auch Meyer, S. 207.

[43] Vgl. van Cleve, The crusade of Frederick II., S. 449.

[44] Friedrich erwähnt den Tod al-Muazzams, der bei den Franken „Conradinus“ genannt wurde in einem Brief, den er noch vor seiner Abreise an die italienische Stadt Cesena gerichtet hat: Huillard-Breholles 3, S. 58:

„ ... Conradino Soldani Damasci ... noviter obeunte.“.

[45] Über dessen Alter zu diesem Zeitpunkt sind sich die Quellen uneinig; er war entweder 12 oder aber bereits 21 Jahre alt. Vgl. Röhricht, S. 777, Anm. 5. Dass er noch nicht volljährig war, scheint mir plausibler, denn er regierte nicht selbst, sondern durch Wesire. Vgl. Winkelmann, S. 100.

[46] Vgl. Stürner, S. 150.

[47] Vgl. ebd., S. 150.

[48] Ebd.

[49] Vgl. van Cleve, The Crusade of Frederick II, S. 453.

[50] Winkelmann, S. 102.

[51] Vgl. ebd., S.102.

[52] Huillard-Breholles 3, S. 90f: “...mensis novembris dominus imperator cum omni exercitu christianorum venit Joppem ad reedificationem castri ilius ...“.

[53] Vgl. Mayer, S. 207.

[54] Vgl. Röhricht, S. 782ff.

[55] Der Vertrag ist nirgends vollständig überliefert; Anhaltspunkte über seinen Inhalt liefern uns jedoch der arabische Chronist Makrizi, vgl. Heinisch, S. 172, sowie ein Brief des Patriarchen Gerold von Jerusalem an den Papst, Huillard-Breholles 3, S. 102-110, deutsch bei: van Eickels/Brüsch, S. 194-202.

[56] Neben den eigentlichen Verhandlungen tauschte man untereinander noch Fragen naturwissenschaftlicher und philosophischer Natur aus, was das Ansehen Friedrichs bei den Muslimen stark begünstigte, vgl. den arabischen Chronisten Ibn Wasil, van Eickels/Brüsch, S. 182: „Der Kaiser war ein König der Franken, vornehm und gelehrt, ein Freund der Philosophie, Logik und Medizin...“

[57] Vgl. Stürner, S. 152f.

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Details

Titel
Verhandlungen anstelle von militärischer Auseinandersetzung: der Kreuzzug Friedrichs II. 1228/1229
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,3
Jahr
2002
Seiten
13
Katalognummer
V108058
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der wundersame Kreuzzug Friedrichs II.: Entscheidung nicht durch Krieg, sondern durch Diplomatie, ein seltener Vorgang beim Aufeinanderprallen von zwei Weltreligionen ,-)
Schlagworte
Verhandlungen, Auseinandersetzung, Kreuzzug, Friedrichs, Proseminar
Arbeit zitieren
Anonym, 2002, Verhandlungen anstelle von militärischer Auseinandersetzung: der Kreuzzug Friedrichs II. 1228/1229, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/108058

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